Kultfilm „Pelíšky“: Der tschechische Aschenbrödel-Killer?

„Pelíšky“ (Cosy Dens)

Der Weihnachtsfilm „Pelíšky“ ist in Tschechien Kult und bringt an Heiligabend ein Millionenpublikum vor die Fernsehgeräte. Was steckt hinter dem Erfolg?

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel | Foto: © Barrandov Studio a.s./DEFA

Eine Prinzessin, die einst eine Magd war, reitet in einem Brautkleid auf einem weißen Schimmel durch schneeverwehte Winterlandschaften. Erhabene Gesellschaften wiegen sich zu beschwingten Klängen in atemberaubenden Kostümen in einem Ballsaal. Der Prinz und seine Begleiter schlagen sich vor dem Unterricht des guten Benehmens beim Präzeptor davon. All das und noch viel mehr ist das Weihnachtsmärchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Der Film, der 1973 in Koproduktion der Tschechoslowakei und der DDR entstanden ist, ist heute Kult in beiden Ländern. In Tschechien gibt es aber noch einen anderen Film, der mindestens genauso bekannt ist wie die Geschichte von Aschenbrödel und der bösen Stiefmutter: „Pelíšky“.

„Pelíšky“  (Cosy Dens) | Foto: Sony Music

Dieser Film kam 1999 hierzulande in die Kinos. Er erzählt die Geschichte zweier Familien, die in den 1960er Jahren in einem Mehrfamilienhaus im Prager Stadtteil Košíře leben. Im Obergeschoss wohnt Familie Kraus. Der Familienvater ist Kriegsinvalide, er tyrannisiert seine kranke Frau und seine pubertierende Tochter und hält mit seiner Kritik am kommunistischen Regime nicht hinter dem Berg. Im Stockwerk darunter ist Major Šebek das selbsternannte Familienoberhaupt. Er ist Offizier der Tschechoslowakischen Volksarmee und überzeugter Kommunist und glaubt daran, dass der Sozialismus dem Westen stets einen Schritt voraus ist. Der Film wird zum Großteil aus der Perspektive von Šebeks Sohn erzählt. Während der erste Teil an Weihnachten 1967 spielt, ist die zweite Hälfte in den Sommer des Schicksalsjahres 1968 platziert, als die Panzer des Warschauer Paktes in Prag einrollten.

„Ich habe diesen Film unheimlich gern, denn er ist sehr ehrlich. Der ganze Stab hat eine Menge Arbeit geleistet. Und der Film ist einfach schön – obwohl er ein trauriges Ende hat und ganz sicher keine Komödie ist. Wir kennen alle Dialoge schon in- und auswendig, aber das macht nichts, man kann ihn sich ruhig zehnmal anschauen oder dreißigmal, so wie ich.“

Das sagt Eva Baráková. Sie ist ein großer Fan des Films „Pelíšky“ und verbindet mit ihm eine besondere Geschichte. Denn nicht nur, dass ihr Mann der Cutter des Streifens war…

Eva Baráková | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Ich bin auch ganz offiziell die millionste Zuschauerin von ‚Pelíšky‘. Dazu kam es durch einen unfassbaren Zufall. Auf dem Wenzelsplatz fand eine Vorführung statt, bei der aus den Eintrittskarten der millionste Besucher gelost werden sollte. Da mein Mann zum Stab gehörte, brauchte ich kein Ticket. Aber ich war mit einem Freund da, der fünf Minuten vor dem Ende des Films gehen musste. Er drückte mir seine Karte in die Hand, entschuldigte sich, und ich stand nichtsahnend mit diesem Ticket da. Und wenige Minuten später wurde bei der Auslosung just diese Kartennummer gezogen.“

Original-Drehbuch, Weihnachtsbaum und ein Autogramm von Karel Gott – Das Café Pelíšek

Café Pelíšek | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Ihre Leidenschaft für den Film „Pelíšky“ hat Baráková mittlerweile zum Beruf gemacht. Denn seit nunmehr 13 Jahren betreibt sie im Stadtteil Radotín, ganz im Süden Prags, das Café Pelíšek.

„Ich hatte ursprünglich gar nichts mit Gastronomie zu tun. Ich war sehr lange mit unseren drei Kindern zuhause, dann habe ich mehrere Jobs ausprobiert, aber es war nie das Richtige dabei. Aber dann sagte mein Mann: ‚Du magst doch Kaffee! In Radotín ist ein Laden frei, lass uns das doch einmal versuchen!‘“

Obwohl das Café etliche Kilometer von der Prager Innenstadt trennen, hat es sich mittlerweile einen festen Platz auf der Gastrolandkarte der Hauptstadt erkämpft. Zu den Besuchern zählen nicht nur Stammgäste aus dem Viertel, sondern auch Wanderer, Spaziergänger und Radfahrer, die von Radotín aus ihre Ausflüge beginnen oder sie hier beenden. Und selbst Karel Gott hat schon vorbeigeschaut.

„Karel Gott ist in dem Film mit seinem Lied ‚Trezor‘ vertreten, zu dem die Kinder tanzen. Wir hatten das große Glück, dass er zusammen mit dem Regisseur, Jan Hřebejk, hier Halt gemacht hat, als die beiden einmal auf dem Rückweg von einem Dreh in Černošice waren. Es war eine wunderbare Begegnung. Karel Gott hat sich auch mit seiner Unterschrift bei uns an der Wand verewigt.“

Café Pelíšek | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

An den Wänden in dem Café kann man aber nicht nur die Unterschrift der „Goldenen Stimme aus Prag“ bestaunen. In dem Lokal finden sich auch einige Requisiten, die in dem Film vorkommen, so etwa ein Briefbeschwerer. In der Weihnachtszeit schmückt zudem ein Christbaum den Innenraum, unter dem jene Geschenke stehen, welche sich die Familienmitglieder im Film überreichen.

„Der vielleicht größte Schatz, den wir hier haben, ist aber ein Original-Drehbuch mit Anmerkungen des Autors, des Regisseurs und des Cutters. Es hat großen Erfolg bei unseren Gästen, die gern darin blättern. Denn dabei stoßen sie auch auf all die Sprüche aus dem Film, die sie gut kennen.“

Café Pelíšek | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Wo haben die Genossen aus der DDR den Fehler gemacht?“

Café Pelíšek | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Für die perfekte Zeitreise in die 1960er Jahre läuft in dem Café Musik aus dem Jahrzehnt, zudem gibt es tschechoslowakische Möbel im sogenannten Brüsseler Stil. Und als Regale dienen ausgediente Röhrenfernseher. Kenner von „Pelíšky“ freut zudem ein besonderes Detail.

In einer der lustigen Szenen präsentiert Major Šebek nämlich moderne Plastelöffel, die von Wissenschaftlern in der DDR entwickelt worden seien. Doch das Besteck löst sich vor den Augen der Feiergesellschaft in den Kaffeetassen auf und nimmt eigenartige Formen an. Nachbar Kraus, der mit an der Tafel sitzt, fragt daraufhin: „Wo haben die Genossen aus der DDR den Fehler gemacht?“ Dieses Zitat ist heute längst Teil der humoristischen Alltagssprache in Tschechien. Und der weiße Teelöffel aus Ostdeutschland ziert auch das Filmplakat. In Eva Barákovás Café Pelíšek gibt es deshalb zwei Arten von Löffeln…

Café Pelíše | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Zum einen haben wir hier die originalen Plastelöffel aus der DDR. Die Konditorei ‚U Veselých‘ in Tábor stellt für uns aber auch Marzipanlöffel her. Sie sind komplett verbogen, die Genossen aus der DDR haben da wirklich einen ordentlichen Fehler gemacht. Jeder Löffel sieht anders aus.“

Zwei Millionen Fernsehzuschauer an Heiligabend

Der Kultstatus, den „Pelíšky“ heute in Tschechien hat, lässt sich gut daran ablesen, dass der Film längst seinen festen Sendeplatz beim Hauptsender des Tschechischen Fernsehens hat. An Heiligabend wird er stets nach der Premiere des aktuellen Weihnachtsmärchens ausgestrahlt – um 22 Uhr. Vergangenes Jahr schalteten 1,4 Millionen Zuschauer ein, 2023 waren es sogar fast zwei Millionen, was weit mehr als 50 Prozent Einschaltquote bedeutete. Zählt auch Eva Baráková zu den Zuschauern?

Pelíšky | Foto: LN/MAGA / Profimedia

„Tatsächlich nicht. Wir gucken in letzter Zeit gar kein Fernsehen mehr. Aber neulich haben wir wieder einmal ‚Pelíšky‘ zuhause auf dem Beamer geschaut. Und das war wunderschön. Es ist einfach der beste Film aller Zeiten.“

Zu Besuch beim Regisseur auf dem Hausboot

Jan Hřebejk ist der Regisseur von „Pelíšky“. Er wohnt in einer Villa mit Stadtblick und auf einem Hausboot. Und gerade dort haben wir uns zum Interview verabredet. Draußen platschen die Moldauwellen an den Bug, wir nehmen am Massivholzküchentisch Platz, zwischen Bücherregal und Grillpartyfoto mit Václav Havel. Jan Hřebejk berichtet, wie es zu seinem Film kam:

Jan Hřebejk | Foto: Michael Erhart,  Tschechischer Rundfunk

„Das Drehbuch zu ‚Pelíšky‘ stammt von Petr Jarchovský, mit dem ich zusammen aufs Gymnasium gegangen bin. In dem Film gibt es die Figur der Jindřiška, und die Vorlage für sie war die Tante von Jarchovský. Diese Tante machte uns mit dem Autor Petr Šabach bekannt, der damals noch ein junger Kunsthistoriker war. Er hatte gerade seinen Band ‚Jak potopit Austrálii‘ (Deutsch etwa: Wie lässt sich Australien versenken, Anm. d. Red.) veröffentlicht. Darin befand sich die Erzählung ‚Šakalí léta‘ (Deutsch etwa: Schakaljahre, Anm. d. Red.), nach der wir unseren ersten Film gedreht haben. Wir haben uns angefreundet und seinen Erzählband ‚Hovno hoří‘ gelesen – ein unfassbar witziges Buch, das uns aus der Seele sprach. Also haben wir uns gesagt, dass wir es auch verfilmen sollten.“

Petr Šabach | Foto: Adam Kebrt,  Tschechischer Rundfunk

Der Titel des Erzählbandes von Petr Šabach, „Hovno hoří“, aus dem ein Großteil der Dialoge in Hřebejks Film übernommen ist, lässt sich auf Deutsch als „Scheiße brennt“ übersetzen. So sollte eigentlich auch die geplante Tragikomödie heißen, berichtet Hřebejk…

„Hovno hoří“  (Scheiße brennt) | Foto: Verlag Paseka

„Da es dort aber dieses Weihnachtsthema gab, wollte das Tschechische Fernsehen den Film als nette Komödie an den Feiertagen zeigen. Deshalb lehnten sie diesen Titel ab, damit die Leute nicht sagen: ‚Hast du auch schon die Scheiße gesehen?‘ Der Produzent Ondřej Trojan, den wir von der Filmhochschule FAMU kannten, kam dann mit der Idee ‚Pelíšky‘.“

Der Regisseur und seine Kollegen waren davon allerdings gar nicht begeistert. Denn ein „pelíšek“ bezeichnet im Tschechischen ein Körbchen für Hunde oder Katzen, aber auch eine Schlafstätte für Menschen, also das Bett oder ein Sofa, und noch allgemeiner einen warmen Ort, an dem man sich wohlfühlt und zuhause ist. Dem Team war das zu flach.

„Auf die Klappe schrieben wir immer ‚Arbeitstitel‘. Einer der Schauspieler, Jiří Kodet, der Herrn Kraus spielt, welcher später nach England emigriert, meinte aber, dass ihm der Titel gefalle. Er fragte uns, warum wir den Titel als Provisorium ansehen. Und wir meinten, dass der Name doch blöd sei und wir uns etwas Besseres überlegen müssten. Aber er sagte, dass dies einfach perfekt sei.“

Jiří Kodet,  Kristýna Nováková und Emília Vašáryová | Foto: Profimedia

Und so blieb es bei dem Titel, der, wie Hřebejk sagt, nur schwer ins Englische übersetzt werden konnte. Und auch der deutsche Titel „Kuschelnester“ mag dem Original wohl nahekommen, vermag es aber kaum, den emotionalen Wert eines „pelíšek“ herüberzubringen.

Starbesetzung, Nostalgie-Effekt und eine Menge Glück

An die Arbeit am Set erinnert sich Hřebejk heute gern zurück. Dass der Film mehrere Preise einheimste, die Zitate aus Dialogen heute auf T-Shirts und Geschenkpapier gedruckt werden und der Streifen auch nach 26 Jahren immer noch ein Millionenpublikum vor die Fernsehgeräte zieht, war beim Dreh aber noch nicht absehbar. Natürlich habe man gehofft, einen Hit zu landen, aber rechnen konnte man damit nicht, sagt Hřebejk. Wann wurde ihm bewusst, dass „Pelíšky“ nicht nur irgendein Film sein könnte?

„Ich habe zwei große Schwestern. Sie sind absolut keine unkritischen Bewunderinnen meiner Filme. Damals fanden immer noch zwei Premieren statt. Wir hatten das Kino Lucerna angemietet. Um 18 Uhr gab es dort eine Vorstellung für unsere Angehörigen und danach am Abend eine Projektion für die Sponsoren und weitere Besucher. Ich hatte meine Schwestern für 18 Uhr eingeladen. Und in der Pause zwischen den Vorstellungen habe ich sie überall gesucht, ich konnte sie aber nirgends finden – weder im Foyer noch vor dem Kino. Nach der Abendvorstellung habe ich dann festgestellt, dass sie einfach auf ihren Plätzen sitzengeblieben sind. Der Film ist nicht kurz, er geht 120 Minuten. Aber sie haben ihn sich zweimal hintereinander angeschaut. Das war für mich ein Signal, dass er erfolgreich sein könnte.“

Libuše Šafránková und Jan Tříska im Film „Die Volksschule“ | Foto:  Lucerna - Alfa

Den Erfolg seines Filmes sieht Hřebejk unter anderem in der prominenten Besetzung begründet. Außerdem habe man wohl ähnlich wie die Macher von „Aschenbrödel“ eine Menge Glück gehabt. Und Hřebejk sagt außerdem:

„Das Genre dieses Films kann man hierzulande einfach, es wurde hier quasi erfunden. An erster Stelle ist sicher Jiří Menzel zu nennen, den ich sehr mochte und bewundert habe. Er hat das Genre der netten Tragikomödie, die sich mit der Geschichte befasst, mit seinen Verfilmungen Bohumil Hrabals etabliert und auf die Spitze getrieben. Es gab dann später weitere Filmemacher, die dies ebenso sehr gut konnten, etwa Jan Svěrák mit seinem großartigen Werk ‚Obecná škola‘ (deutsch: Die Volksschule, Anm. d. Red.)“

„Good Bye,  Lenin!“ | Foto:  Sony Pictures Classics

„Pelíšky“ komme laut dem Regisseur wohl auch gut an, weil der Film den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes von 1968 thematisiert – ein traumatisches Ereignis, an das sich viele noch erinnern können. Zugleich verströmt der Streifen laut Hřebejk aber eine gewisse Nostalgie. Und womöglich wird er deshalb an den Feiertagen, trotz des schweren Themas, besonders gern geschaut.

„Nostalgie gehört zu Weihnachten dazu. Man erinnert sich an die Großeltern oder an die Zeit, als die Kinder noch klein waren. Zu diesem Ostalgie-Genre zählen etwa auch die deutschen Filme ‚Sonnenallee‘ oder ‚Good Bye, Lenin!‘. Man ist dabei nicht wegen des Kommunismus nostalgisch, das sind nur Leute, die ich für komplett auf den Kopf gefallen halte. Es geht vielmehr um eine Nostalgie der Jugend halber oder wegen eines bestimmten Gefühls.“

Fortsetzung folgt?

Heute ist Jan Hřebejk einer der bekannteste Regisseure Tschechiens. Für drei seiner Filme erhielt er den Böhmischen Löwen, „Musíme si pomáhat“ (Wir müssen zusammenhalten) wurde für den Oscar nominiert, „Pupendo“ wurde ebenfalls ein durchschlagender Erfolg. Zuletzt brachte Hřebejk vergangenes Jahr den Streifen „Výjimečný stav“ (Ausnahmezustand) in die Kinos – ein Klamaukfilm, in dem ein Rundfunkreporter vortäuscht, aus dem Nahen Osten zu berichten. Und als in dem fiktiven Land eine Revolution ausbricht, muss der Journalist mit den Küchengeräten in seiner Prager Wohnung die Geräusche von Maschinengewehren imitieren.

An seinen Erfolgsfilm „Pelíšky“ mit einer Fortsetzung anzuknüpfen, schließt Hřebejk heute aus. Und wie ist das mit Heiligabend? Schaltet der Regisseur seinen eigenen Film im Fernsehen ein? Hřebejk lässt den Blick durch den flachen Innenraum seines Hausbootes gleiten und sagt:

„Sehen Sie hier irgendwo einen Fernseher? Ich wohne im Hafen in einer Hütte, wir haben hier keinen Fernseher. Aber als wir noch zusammen mit meinen Eltern in einem Haus gewohnt haben und meine Kinder noch klein waren, haben die Omas den Film zusammen mit ihren Enkeln geschaut. Und ich habe da gar nichts dagegen. Wenn ich zufällig ein Stück davon sehe oder in den sozialen Netzwerken auf ein Meme dazu stoße, freut mich das. Mir hat der Film wirklich Spaß gemacht, ich denke gern an ihn zurück – aber ich sehe ihn mir nicht gezielt an.“

Stattdessen würde sich der Filmemacher heute lieber Projekte erneut anschauen, die ihm nicht so sehr gelungen seien.

„Eltern widmen sich ja auch weniger ihren gesunden Kindern, sondern eher denen, die es im Leben schwer haben. Und dem Film ‚Pelíšky‘ geht es heute wirklich sehr gut – er kommt mittlerweile ohne uns aus.“

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