Kunst und alte Gemäuer: Werke von Picasso, Cragg und tschechischen Künstlern auf Schloss Bechyně

Schlossgalerie Bechyně

Das Renaissanceschloss Bechyně thront über dem Tal der Lužnice in Südböhmen. Bereits seit einigen Jahren wird dort immer in der Hauptsaison moderne und zeitgenössische Kunst ausgestellt. Diesen Sommer steht dies unter dem Motto „Humanity“, also Menschlichkeit.

Klangvolle Namen sind es auch in dieser Saison wieder. Auf Schloss Bechyně sind etwa Werke von Ikonen wie Pablo Picasso, Joan Miró oder Carl Andre zu sehen, aber auch die Arbeiten heutiger tschechischer Künstler werden gezeigt. Dafür wurde vor Jahren schon eines der Wirtschaftsgebäude zur Galerie umgebaut, außerdem beherbergt der Park mehrere Installationen. Nicole Šťáva ist Miteigentümerin des früheren Adelssitzes und sagte gegenüber Radio Prag International:

Nicole Šťáva | Foto: Miloš Vatrt,   Schloss Bechyně

„Wir haben schon 1998 damit begonnen, Kunst zu präsentieren. Es waren aber immer tschechische und regionale Ausstellungen. Vor fünf Jahren habe ich mich entschieden, dass ich die Welt hierher bringen will. Und darum sind Kooperationen mit internationalen Galerien entstanden.“

Das Schloss steht auf einem Felsensporn über dem Zusammenfluss von Lužnice und Smutná – gut 40 Kilometer nördlich von České Budějovice / Budweis. Es liegt also etwas abseits der gängigen Touristenrouten. Die Kunstausstellungen aber sollen den Reiz erhöhen, hier vorbeizuschauen...

Blick ins Tal der Lužnice | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

„Die Idee dahinter ist, das ganze Areal zu beleben, unsere Kunstsammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und Dialoge zu initiieren, dadurch dass wir eben zeitgenössische Kunst in einem historischen Umfeld ausstellen und jedes Jahr ein wichtiges Thema ansprechen“, sagt Nicole Šťava, deren Familie nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei im Jahr 1968 in die Schweiz emigrierte.

Die Miteigentümerin ist zudem eine der beiden Kuratorinnen der insgesamt drei Ausstellungen, die noch bis September in Bechyně zu sehen sind. An ihrer Seite war zudem die Kunsthistorikerin Claudia Rajlich in die Gestaltung eingebunden...

„Wir hatten letztes Jahr das Thema Freiheit, und jetzt geht es um Humanity. Es sind Themen, die uns heutzutage beschäftigen. Zu Humanity gehört fast alles, eben die ganze Menschheit. Das sind heute all die Kriege, die geopolitischen Wechsel, aber auch soziopolitische Themen oder die Genderfrage – alles, was in den vergangenen Jahren auch in den Medien erschienen und spannend ist“, so Rajlich.

Kunst von Edith Dekyndt | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

Humanity – also Menschlichkeit. Dieses Thema spiegelt sich durchgehend in den Werken auf den drei Etagen der Schlossgalerie wider. Und weiter die Kunsthistorikerin:

„Es gibt hier drei Ausstellungen. Eine ist von der Galerie Konrad Fischer. Da geht es eher um konzeptuell-minimalistische Formen, wie sie von heutigen Künstlern bevorzugt werden. Gemeint sind dabei mehrere Generationen. Edith Dekyndt etwa ist fast im Rentenalter, gehört mit 60 Jahren aber zur jüngeren Generation. Carl Andre ist letztes Jahr verstorben und war über 80. Die Sammlung der Familie Šťava wiederum umfasst Kunst des 20. Jahrhunderts. Als Privatsammlung bietet sie einen auch sehr persönlichen Überblick, mit einer Auswahl an bekannten und weniger bekannten Namen. Und in der dritten Ausstellung sind zeitgenössische, jüngere tschechische Künstler zu sehen, die das Thema wieder auf ihre Art und aus ihrer Perspektive aufnehmen.“

Menschlichkeit als Thema

Gerade die Privatsammlung der Familie Šťava kann mit einigen sehr klangvollen Namen aufwarten. So sind diesmal in der Galerie etwa auch Zeichnungen, Lithografien oder Holzschnitte von Pablo Picasso, Joan Miró und Max Pechstein ausgestellt. Oder eine Zeichnung des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner. Sie hätten wie alle anderen Maler auch mit künstlerischer Freiheit die Frage von Menschlichkeit aufgegriffen, erläutert Claudia Rajlich:

Joan Miró,  Plate VI,  Album 19 | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

„Man erkennt in den verschiedenen Stilen und Richtungen, wie dies gemacht wurde. Ob es nun Ernst Ludwig Kirchner Anfang des 20. Jahrhunderts war, in dessen Zeichnung man die Nervosität sieht. Oder Karel Appel mit der Gruppe CoBrA in den 1950er Jahren in den Niederlanden, als sich die Mitglieder aus Kopenhagen, Brüssel und Amsterdam zusammentaten. Obwohl sie kindliche Farben und Formen in ihre Kunst aufnahmen, kommen sie sehr aggressiv herüber, weil sie doch auch mit dem Krieg zu tun hatten. Wir stellen auch Hans Hartung vor. Mit seinen abstrakten Strichen hat er seine eigenen Emotionen und Erfahrungen verbildlicht.“

Weib vom Manne begehrt,  Max Pechstein | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

Außerdem nennt die Expertin die religiöse oder spirituelle Kunst sowie absolute Stilrichtungen wie De Stijl oder den Konstruktivismus...

„...wo man eigentlich etwas ganz Eigenständiges macht. Man sagt, es seien nur die Formen, die Farben oder die Strukturen, die in die Kunst gehören. Und sie sollen eigentlich die Menschen beruhigen. Man wollte all die Aggressivität, die Emotionen und Geschehnisse weglassen, damit man wieder zu einem Grundzustand zurückkehren kann.“

Installation aus Industriematerial

Installation von Richard Long im Skulpturenpark | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

Die Ausstellung der renommierten Galerie Konrad Fischer aus Düsseldorf fügt dem die skulpturale Kunst hinzu. Vertreten sind Carl Andre mit seiner Minimal Art und seine Nachfolger wie der britische Land-Art-Künstler Richard Long oder der frühere Rektor der Kunstakademie Düsseldorf Tony Cragg. Von Letzterem ist auch im Schlosspark eine Installation zu sehen.

Gebürtig in Liverpool, lebt Cragg seit 1977 in Wuppertal. Zunächst habe er industrielle Materialien gesammelt, sagt Christina Wimmer von der Konrad-Fischer-Galerie:

„Er erkannte, dass die Industrie sehr einfach ist und es immer dieselben geometrischen Formen mit denselben vier oder fünf Farben gibt. Irgendwann hat Cragg für sich festgestellt, dass er nicht mehr nur sammeln, sondern auch selbst Skulpturen machen möchte. Er hat dann die Formen genommen, sie auseinanderdeformiert, und er hat sich für das interessiert, was eben nicht da war. Das wollte er suchen und finden.“

Christina Wimmer | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

So entstanden laut Christina Wimmer unterschiedliche Werkgruppen. Spezifisch sei dabei, dass die Skulpturen von Tony Cragg figürlich anmuten, ohne aber echte Figuren darzustellen. Vielmehr ließen sich bestimmte Körperteile oder Organe erkennen, so die Galeristin. Dies treffe auch auf die Doppelskulptur Castor & Pollux zu, die im Schlosspark installiert sei, erläutert Wimmer. Castor und Pollux waren in der griechischen Mythologie zwei Halbbrüder, die letztlich wiedervereint wurden, weil Pollux auf seine Unsterblichkeit verzichtete...

Installation Castor und Pollux von Tony Cragg | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

„Für diese eine Arbeit, die aber aus zweien besteht, hat Cragg Fiberglas verwendet. Er hatte zuvor die Bühne im Staatstheater Meiningen gestaltet und hat dabei aus den beiden Halbbrüdern, die sozusagen im Himmel wiedervereint werden, diese Skulptur geschaffen, die jetzt hier draußen steht“, so Wimmer.

Im Park sind aber ebenso eine Installation von Carl Andre und eine Linienform von Richard Long zu sehen – sowie Skulpturen anerkannter tschechischer Bildhauer, etwa von David Černý oder Krištof Kintera.

Rundgang mit zeitgenössischer Kunst

Traditionell kommen gerade Besucher aus Tschechien aber vor allem wegen des Schlosses selbst nach Bechyně. Nicole Šťáva:

Installation Politik und Macht von Jan Kadlec | Foto: Miloš Vatrt,   Schloss Bechyně

„Es ist ein Renaissanceschloss, das im 16. Jahrhundert von Peter Wok von Rosenberg fertiggebaut wurde. Er war damals ein bekannter Aristokrat und ein Berater von Kaiser Rudolf II. Seit der Zeit steht das Schloss architektonisch so, wie es sich uns auch heute zeigt. Der Park wurde jedoch in den vergangenen vier Jahrhunderten einige Male umgestaltet. Die letzte Familie, die hier wohnte, hat aus ihm einen englischen Park gemacht. Deswegen haben wir auch so viel Rasenfläche für Skulpturen oder Installationen, wie die von Carl Andre. Der Umbau erfolgte durch die Familie Paar, die Bechyně zuletzt bewohnt hat, und zwar bis zur Verstaatlichung im Jahr 1948.“

Nicole Šťáva | Foto: Miloš Vatrt,   Schloss Bechyně

Wie die Schlossmiteigentümerin weiter berichtet, wandelt man bei der Hauptbesichtigungstour auf den Spuren von Peter Wok und der Paar-Familie. Und man kommt aber auch an der einen oder anderen Kunstinstallation vorbei, die es nämlich nicht nur im Park gibt, sondern auch im Innern des Hauptgebäudes. Auf diese Weise werde auch der Horizont jener Besucher erweitert, die eigentlich nur die historischen Gemäuer und Säle besuchen wollen...

„Da sie den Installationen auch auf der Tour im Schloss begegnen müssen, bringen wir auch jenen Menschen zeitgenössische Kunst näher, die sonst nie in eine Galerie gehen würden. Und dann haben sie vielleicht Lust, noch mehr zu sehen und kommen auch hierher in die Galerie. Es gibt also mehrere Ebenen, warum wir das machen und warum es uns Spaß macht“, so Nicole Šťáva.

Zugleich betont sie:

„Auf jeden Fall wollen wir nicht irgendwelche Staatsinstitutionen imitieren. Wir machen das aus eigener Initiative und zwar so, wie es uns gefällt.“

Schloss Bechyně | Foto: Libor Sváček,   Schloss Bechyně

Hinzu kommen noch die Veranstaltungen des Kultursommers auf dem Schloss. Dieser wurde wie die Ausstellungen bereits Ende Mai gestartet. Bis Ende dieser Saison sind dabei unter anderem noch Konzerte etwa von Star-Geiger Pavel Šporcl oder Sängerin Marie Rottrová sowie Theateraufführungen geplant.

Autor: Till Janzer
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