Kyrill und Method – Pioniere für die Entstehung der slawischen Kulturen

Foto: Barbora Kmentová

Im Zeitraum zwischen Dezember 862 und Juni 863 sollen sie am Fürstensitz in Mähren eingetroffen sein – die so genannten Slawenapostel Kyrill und Method. Symbolisch hat die katholische Kirche später aber den 5. Juli 863 zum Tag ihrer Ankunft erklärt. Und dieser Tag wurde nach der Wende tschechischer Feiertag. In diesem Jahr jährt sich also zum 1150. Mal die Ankunft von Kyrill und Method auf dem Gebiet des so genannten Großmähren. Dieses erste größere slawische Staatsgebilde existierte nur von 833 bis zu Anfang des 10. Jahrhunderts, also einige Jahrzehnte lang. Und relativ kurz war auch der Aufenthalt der beiden griechisch-byzantinischen Gelehrten und Brüder hierzulande, trotzdem haben sie tiefe Spuren nicht nur in der tschechischen Geschichte hinterlassen.

Kyrill und Method (Foto: Barbora Kmentová)
Auf die Frage „Wer waren Kyrill und Method?“ würden die meisten Tschechen mit Sicherheit antworten: „die Glaubensverkünder“. Diesen Beinamen haben mehrere Generationen von Tschechen im Schulunterricht gehört - und er ist ihnen hängen geblieben. Aber selbst Wissenschaftler nutzen im lockeren Rahmen gerne diese Charakterisierung. Dabei stimmt sie nicht wirklich. Denn Kyrill und Method fanden bei ihrer Ankunft in Großmähren bereits ein zum Teil missioniertes Land vor, schon vorher waren zahlreiche Glaubensverkünder aus aller Herren Länder immer wieder in die Gegend gekommen. Miloslav Pojsl ist Kirchen- und Kunsthistoriker an der Palacký-Universität im mährischen Olomouc / Olmütz:

Wappen der Passauer Diözese
„Die ersten christlichen Missionare kamen allem Anschein nach schon in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts auf mährisches Gebiet. In Norditalien und Kroatien habe ich Denkmäler und Fundstätten begutachtet, die mich davon überzeugt haben, dass die ersten Verkünder des Christentums gerade von dort zu uns kamen. Sie stammten zum Beispiel von der Insel Torcello bei Venedig, aus Aquileia, Triest, Grado oder aus dem kroatischen Poreč und leisteten die missionarische Kleinarbeit auf dem Gebiet des künftigen Großmährischen Reiches.“

Besser nachzuweisen ist indes die Missionierung Mährens aus westlicher Richtung, vor allem aus Passau und Salzburg. Seit 829 gehörte Mähren sogar der Passauer Diözese an. Ob es auch zeitweilig ein Teil des Ostfrankenreichs war oder nur dicht an seiner Flanke lag, darüber zerbrechen sich Historiker bis heute die Köpfe. Die Bedeutung der ostfränkischen Missionen wurde früher in der tschechischen Historiografie nicht selten wegen der Sprachbarriere in Frage gestellt. Dazu Miloslav Pojsl:

Kyrill und Method (Foto: Archiv Radio Prag)
„Das ist meiner Meinung nach die Konsequenz der Romantik und auch des Nationalismus im 19. Jahrhundert, als die Deutschen häufig als die ´Bösen´ galten. Die ostfränkischen Missionare bereiteten der byzantinischen Mission von Kyrill und Method tatsächlich große Probleme. Man darf aber nicht vergessen, dass bereits seit dem Jahr 798 bayerische Missionare hierzulande tätig waren. Als dann 65 Jahre später die zwei Vertreter des östlichen, griechisch-byzantinischen Christentums auftauchten, um die Arbeit zu übernehmen, die bislang mindestens drei oder sogar vier Generationen von Missionaren geleistet hatten, wurden diese von den bayerischen Glaubensverkündern als ´Eindringlinge´ empfunden. Damals wie heute kann aber keine Mission Erfolg haben, wenn sie in einer Sprache erfolgt, die den Menschen nicht verständlich ist. Daraus lässt sich schließen, dass sich sowohl die bayerische Mission als auch die älteren Missionen die regionalen Sprachen und Dialekte angeeignet haben müssen. Mittlerweile lassen sich dafür auch in verschiedenen Quellen Belege finden.“

Rostislav I.
Man kann also davon ausgehen, dass das Christentum schon vor der Ankunft von Kyrill und Method Wurzeln in Mähren geschlagen hatte. Allerdings war ein Teil des Landes aber immer noch vom Heidentum durchsetzt. Warum sind also die griechischen Apostel ins Land gekommen, wenn es nicht primär um die christliche Mission ging? Die Gründe liegen auf der Hand. Fürst Rostislav I. (846 – 870) wollte sich dem politischen Druck Ostfrankens entgegenstellen, unter anderem auch in der Frage der kirchlichen Macht. Die Souveränität seines Landes wollte er durch die Errichtung eines selbständigen und vor allem von der Passauer Diözese unabhängigen Religionszentrums verstärken. Rostislav wandte sich zunächst an den Päpstlichen Stuhl mit der Bitte, dass dieser einen Bischof und Lehrer nach Mähren entsenden möge. Der Papst in Rom reagierte nicht. Erst dann ersuchte Rostislav beim byzantinischen Kaiser Michael III. in Konstantinopel um Hilfe. Und dieser entsprach seinem Wunsch.

Petr Piťha (Foto: Archiv der Erzdiözese Olomouc)
In den Fuldaer Annalen von 871 lässt sich lesen, dass Kyrill und Method in „urbs rasticii“, also an Rostislavs Hauptsitz empfangen wurden. Die Ankömmlinge machten sich noch im Jahr 863 ans Werk. Der Linguist Petr Piťha:

„Das Erste, womit sie nach ihrer Ankunft begannen, war die Gründung einer Schule, die zu den führenden und am besten besetzten Lehrstätten ihrer Zeit gehört haben dürfte. In der so genannten Großmährischen Akademie wurden künftige slawische Priester und Verwaltungskräfte ausgebildet. Das Hauptziel von Kyrill und Method, die selbst zu den intellektuellen Spitzen der damaligen Welt gehörten, war es, in Mähren eine gebildete Schicht zu schaffen.“

Glagolitische Schrift (Foto: Archiv Radio Prag)
Die Schule, die zum Zentrum der slawischen Literatur wurde, soll zum Beispiel im Jahr 885 bereits etwa 200 Absolventen gehabt haben. Fundament für den Unterricht wurde das bislang fehlende slawische Alphabet, die so genannte glagolitische Schrift. Kyrill entwickelte sie eigens für die großmährische Mission. Petr Piťha:

„Grundlage bildete das griechische Alphabet. Für Laute, die das Griechische nicht hatte, nahm Kyrill Buchstaben aus anderen ihm bekannten Alphabeten – aus dem Hebräischen und Aramäischen. Nur einen einzigen Buchstaben schuf er neu: das ´A´. Dabei gab es im Griechischen ja das Alpha. Das Blatt, auf dem Kyrill das komplette Alphabet aufzeichnete, versah er zunächst mit dem Kreuz ´im Namen des Vaters, des heiligen Sohnes und des Heiligen Geistes´. Und gerade dieses Kreuzzeichen wurde zum glagolitischen ´A´. Ob das bewusst so gedacht war oder ob Kyrill mit dem Kreuz nur zu verstehen geben wollte, dass alles, was mit diesen Schriftzeichen verfasst wird, der christlichen Kultur angehört, das lässt sich allerdings nicht sagen.“

Miloslav Pojsl (Foto: Marek Blahuš, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Außer der Schrift brauchten die Slawen damals auch eine gehobene Literatursprache. Der Wortschatz ihrer gesprochenen Sprache reichte nicht aus, um komplizierte philosophisch-theologische Gedanken verständlich darzulegen. Auch auf diesem Gebiet leisteten Kyrill und Method Pionierarbeit. Miloslav Pojsl:

„Sie schufen eine künstliche Liturgie- und Schriftsprache, in der bis dahin fehlende Begriffe enthalten waren. Die Brüder stammten aus dem mazedonischen Thessaloniki, in der Region lebten auch Slawen. Man geht davon aus, dass Kyrill und Method einen slawischen Dialekt als Grundlage für die neue Sprache nahmen und diesen während ihrer großmährischen Mission noch um Elemente der westslawischen Dialekte ergänzten. Dass diese Sprache, die später Altkirchenslawisch genannt wurde, letztlich für Süd-, Ost und Westslawen zugleich verständlich war, wird vor allem Kyrill zugeschrieben. Er war ein hervorragender Linguist. Diese Sprache war eine geniale Erfindung, wie es sie in der Geschichte vielleicht nur einmal in Tausend Jahren gibt.“

Biblische Texte in der glagolitischen Schrift (Foto: Archiv der Karlsuniversität)
Darüber hinaus erfand Kyrill auch eine Art Schnellschrift, durch die Übersetzungen in hohem Tempo angefertigt werden konnten. Laut Professor Piťha übersetzten die beiden Gelehrten die biblischen Texte direkt vom Blatt in Form von Diktaten – das ging so schnell, dass zwei Schreiber gebraucht wurden. Der eine schrieb die Sätze mit geraden Zahlen nieder, der andere jene mit ungeraden Zahlen. Nachfolgend wurden die Sätze von anderen Schreibern in der richtigen Reihenfolge aneinandergefügt und in die neu entwickelte slawische Schrift überführt. Petr Piťha spricht in diesem Zusammenhang davon, dass Kyrill und Method die kulturelle Entwicklung der Slawen beschleunigt haben.

„In dem Moment, in dem ein Land die Möglichkeit erhält, das Geschehen schriftlich aufzuzeichnen, passiert etwas höchst Bedeutendes für das nationale Gedächtnis. In Form von Büchern kann viel schneller der Schatz des Wissens erschlossen werden. Bei Bedarf kann man einfach in Büchern nachschlagen. Von nun an hatten die slawischen Völker die Voraussetzungen, sich den entwickelten Kulturgesellschaften sehr schnell anzunähern.“

Hl. Kyrill (Foto: Archiv Radio Prag)
Sprachwissenschaftler gehen aufgrund verschiedener Indizien davon aus, dass Kyrill wohl an der Entwicklung der altkirchenslawischen Sprache arbeitete, noch bevor Rostislavs Bitte nach Konstantinopel gelangte. Für diese Hypothese spricht unter anderem der Umstand, dass die ersten Übersetzungen aus der Bibel – es war ein Teil des Alten Testaments - nachweislich sehr schnell nach der Ankunft der beiden Apostel in Großmähren vorlagen. Und nicht zuletzt deuten darauf auch die Worte hin, die Kaiser Michael III. in seiner Antwort an Rostislav schrieb: „Die in neuer Schrift verfassten Bücher“, die die Apostel aus Thessaloniki mitbrächten, seien „ein Geschenk Gottes - größer und wertvoller als alles Silber, Gold und Edelsteine“. Dazu ist bestimmt auch ein Meisterwerk Methods zu zählen, das im Lauf der Zeit in Vergessenheit geraten ist. Method verfasste das erste slawische Gesetzbuch, mit diesem wurde der Grundstein gelegt für die rechtliche Tradition aller slawischsprachigen Länder.

Hl. Method (Foto: Archiv Radio Prag)
Dem Staatsgebilde namens Großmähren war kein langes Schicksal beschieden. Aber durch Kyrill und Method wird ihm heute von den Historikern eine besondere Bedeutung zugemessen. Noch einmal Petr Piťha:

„Großmähren stellt in der Geschichte eine Episode dar, allerdings von so großer Bedeutung, dass sie Einfluss auf die ganze nachfolgende Geschichte hatte. An Kyrill und Method ist interessant, dass die Ehrfurcht vor ihnen mit der zunehmenden Kenntnis ihrer Leistungen über die Jahrhunderte gewachsen ist.“