Leichtathletik-WM: Tschechiens Trumpfass ist Hürdenläuferin Hejnová

Zuzana Hejnová (Foto: ČTK)

An diesem Wochenende beginnen die Weltmeisterschaften der Leichtathleten, zum ersten Mal werden sie in Moskau ausgetragen werden. Bei den 14. Titelkämpfen der weltbesten Läufer, Springer und Werfer mit am Start ist eine Vertretung aus Tschechien, in der sich einige Athleten auch Medaillenchancen ausrechnen. Die größten Hoffnungen ruhen dabei auf Hürdenläuferin Zuzana Hejnová, sie ist in ihrer Disziplin in dieser Saison noch ungeschlagen.

An der Weltmeisterschaft in Moskau werden 28 Leichtathleten aus Tschechien teilnehmen, und zwar je 14 Frauen und Männer. Das ist die zahlenmäßig stärkste Mannschaft aus dem Land, die je bei einer WM vertreten war – lediglich vor 14 Jahren, bei den Titelkämpfen in Sevilla, waren ebenfalls 28 tschechische Wettkämpfer am Start. Nationaltrainer ist hierzulande der dreifache Zehnkampf-Weltmeister Tomáš Dvořák. Er ist überzeugt, dass seine Schützlinge auch diesmal nicht mit leeren Händen zurückkehren werden:

Tomáš Dvořák (Foto: ČTK)
„Wir haben die Ambition, die eine oder andere Medaille zu gewinnen. Wie viele es am Ende sein werden, kann ich nicht sagen, denn so ist der Sport.“

Zudem gibt es noch eine Komponente, aufgrund der Dvořák eher vage über die eigenen Chancen spricht: Mit Roman Šebrle und Barbora Špotáková werden bei der WM zwei langjährige Medaillensammler fehlen. Zehnkämpfer Šebrle hat seine Karriere vor anderthalb Monaten aus gesundheitlichen Gründen beendet, Speerwerferin Špotáková hat in diesem Jahr eine Babypause eingelegt. Dennoch hat Tschechien auch in Moskau ein ganz heißes Eisen im Feuer: die 400-Meter-Hürdenläuferin Zuzana Hejnová. Die Leichtathletin aus Liberec / Reichenberg hat in dieser Saison alle acht Wettkämpfe gewonnen, bei denen sie gestartet ist. Mit ihrem Sieg beim jüngsten Meeting der Diamond League in London sicherte sie sich sogar vorzeitig den Gesamtsieg in ihrer Disziplin und erzielte dabei mit 53,07 Sekunden auch noch die aktuelle Jahresweltbestzeit auf der 400-Meter-Hürdendistanz. Die sympathische Läuferin wird jetzt auf ihrer Strecke von der internationalen Fachwelt in die absolute WM-Favoritenrolle gesteckt:

Zuzana Hejnová (Foto: ČTK)
„Mich macht das überhaupt nicht nervös. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren bin ich jetzt ein völlig anderer Mensch. Ich bin sowohl physisch als auch psychisch stärker denn je. Ich genieße diese Position und trage die Favoritenrolle gern.“

Wie gelöst und selbstbewusst die 26-Jährige derzeit drauf ist, belegte sie auch mit ihrer Reaktion auf die Anmerkung eines Journalisten, dass sie jetzt anstelle von Barbora Špotáková als Zugpferd der tschechischen Leichtathletik wahrgenommen werde:

Barbora Špotáková (Foto: Ludovic Péron, CC BY 3.0)
„Das ist durchaus angenehm. Ich hoffe, es ist auch angenehm für den tschechischen Zuschauer, dass sich etwas verändert hat.“

Etwas ernsthafter fügt sie hinzu:

„Ansonsten aber freue ich mich immer, wenn Barbora dabei ist. Sie ist ein echter Fixpunkt in unserem Team und wird mir und den anderen darum in Moskau fehlen. Ich glaube jedoch, dass sie sobald als möglich wieder zu uns stoßen und die nächsten internationalen Titelkämpfe mit uns gemeinsam bestreiten wird.“

Das Fehlen von Špotáková aber kompensiert eben Zuzana Hejnová. Sie ist in der Form ihres Lebens. Selbst kann sie allerdings nicht ganz erklären, weshalb sie in diesem Jahr noch keinen Durchhänger hatte, stattdessen aber von Mal zu Mal schneller läuft:

Zuzana Hejnová (Foto: YouTube)
„Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Wahrscheinlich hatte ich einen guten Herbst, in dem ich viel trainiert habe, und von diesem Training profitiert man das ganze Frühjahr über. Wesentlich ist sicher auch, dass ich in diesem Jahr frei von Verletzungen und Krankheiten geblieben bin, mir tut nichts weh, ich bin völlig fit. Aber dass ich eine stabile Form habe und die Formkurve weiter nach oben zeigt, ist schon ungewöhnlich, das muss ich zugeben.“

Ein Grund für Hejnovás Leistungsexplosion ist sicher auch ihr neuer Trainer Dalibor Kupka. Nach der vergangenen Saison verließ sie die Trainingsgruppe von Martina Blažková und wechselte zu Kupka, der ansonsten nur Männer trainiert. Auch er sei überrascht von ihrer steilen Entwicklung, versichert Hejnová:

Dalibor Kupka (Foto: YouTube)
„Der Trainer ist von meinen Leistungen positiv geschockt. Er sagt: Du läufst schon seit Mitte Januar sehr schnell, ich weiß nicht, wie das möglich ist.“

Ihr Trainer scheint aber inzwischen ein wenig dahintergekommen zu sein, weshalb sein Schützling bisher eine solch tolle Saison hingelegt hat:

„Wir haben Zuzana einer Art Anamnese unterzogen und hierbei ihre zurückliegenden Wettkampfjahre genauer unter die Lupe genommen. Wir haben beispielsweise untersucht, warum sie im Frühjahr gut in Form war, im Herbst aber nicht. Daraus habe ich abgeleitet, dass sie während der Saison nicht mehr soviel trainieren sollte. Ich will nicht, dass ihr Körper im Saisonverlauf auslaugt und Zuzana damit frühzeitig erschöpft ist. Wir setzen zwischen den Wettkämpfen auf ein spezielles Training mit nur leichter konditioneller Beanspruchung. Ich glaube, dies ist uns gut gelungen, und in dieser Weise will ich Zuzana auch auf die WM vorbereiten.“

Zuzana Hejnová (Foto: Jana Chládková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Bei der Weltmeisterschaft in Moskau hat die Weltjahresbeste auf der 400-Meter-Hürdenstrecke dann auch ein klares Ziel vor den Augen:

„Meine Ambitionen können ganz gewiss nicht geringer sein, als eine Medaille zu gewinnen. Natürlich werde ich versuchen, das wertvollste Edelmetall zu holen, doch man muss auch beachten, was die Konkurrenz so drauf hat. Wir haben nämlich nur sehr wenige Erkenntnisse über die anderen Läuferinnen.“

Im Gegensatz zum Start bei einem Meeting der Diamond League muss Zuzana Hejnová für ihren Medaillentraum in Moskau weit mehr investieren als bei ihren letzten Siegen – um am Ende auf dem Treppchen stehen zu können, muss sie gleich drei Rennen bestreiten, den Vorlauf, das Halbfinale und das Finale. Doch auch dafür hat sich die zielstrebige Athletin schon einen taktischen Plan zurechtgelegt:

„Wichtig wird sein, dass ich ohne Mühe weiterkomme und somit meine Kräfte maximal schone. Erst im Finale will ich dann alles aus mir herausholen.“

Um das Finale zu gewinnen, strebt sie eine Zeit von unter 53 Sekunden an. Damit würde sie den tschechischen Landesrekord in dieser Saison schon zum dritten Male verbessern. Zuzana Hejnová ist optimistisch, dass ihr das gelingen könnte:

Vítězslav Veselý (Foto: ČTK)
„Wenn es in Moskau warm ist und im Rennen kein Wind weht, dann sollte es kein Problem sein, eine solche Zeit zu laufen. Meine Formkurve zeigt weiter nach oben, und meine beste Saisonleistung sollte ich gerade bei der WM abrufen können.“

Neben Hejnová gehört sicher auch Speerwerfer Vítězslav Veselý zu den großen Hoffnungsträgern im tschechischen Team. Der Führende in der Wertung der diesjährigen Diamond League plagt sich aber derzeit noch mit den Nachwirkungen einer Leisten- und einer Knieverletzung herum. Deshalb kann er momentan im Training nur leichtere Belastungen auf sich nehmen. Veselýs WM-Vorbereitung mache jedoch von Tag zu Tag Fortschritte, sagt Cheftrainer Dvořák und ergänzt:

„Möglicherweise ist es ja positiv, dass er nicht wieder in einer Frühform ist wie zum Beispiel im vergangenen Jahr. Und womöglich zeigt er seine beste Leistung erst im Finale.“

Neben Hejnová und Veselý hegen im tschechischen Team noch zwei andere Athleten gewisse Medaillenchancen: Es sind Kugelstoßer Ladislav Prášil und Hammerwerfer Lukáš Melich. Sie gehen in ihren Disziplinen als Dritter beziehungsweise Vierter der Jahresweltbestenliste in Moskau an den Start.

Autor: Lothar Martin
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