Leiter des ÚSTR: „Es war längst an der Zeit, das Übel beim Namen zu nennen“

Historiker Ladislav Kudrna

Das Prager Institut für das Studium totalitärer Regime (ÚSTR) hat vorige Woche eine Bilanz seiner Arbeit des vergangenen Jahres gezogen. Zudem stellte die Institution seine nächsten Pläne vor.

Wissenschaftliche Forschung und Aufklärung über die Zeit des Nationalsozialismus und des kommunistischen Regimes sind das Ziel des Prager Instituts für das Studium totalitärer Regime (ÚSTR). Gegründet wurde es 2007. Der Leiter des Instituts, Ladislav Kudrna, bezeichnete das Jahr 2024 als das erfolgreichste Jahr in der Geschichte der Institution und erklärte, dieses Jahr werde genauso erfolgreich sein.

„Kurz gefasst: Wir haben im vergangenen Jahr 24 Bücher herausgegeben, zudem sechs internationale Konferenzen, acht Fachseminare und 125 Vorträge für die Öffentlichkeit sowie 67 Vorträge für Schulen organisiert. Wir haben auch 24 Ausstellungen gezeigt. Das Institut veranstaltete zudem eine Sommerschule für Lehrer und eine Sommerschule für Studenten. Nicht zuletzt vertritt unser Haus die Tschechische Republik im European Network Rememberance and Solidarity (Europäisches Netzwerk Erinnerung und Solidarität). Meine Kollegen von der Bildungsabteilung nutzen verschiedene moderne Unterrichtsmittel, einschließlich der virtuellen Realität. Auf diese Weise konnten Schüler, Studenten und Lehrer beispielsweise ausprobieren, wie es war, einen Tag im sowjetischen Gulag zu verbringen.“

Das Institut spielt laut Kudrna eine grundlegende Rolle bei der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit und beteiligt sich auch an der Ausarbeitung von Gesetzentwürfen. Er sei froh, dass es 36 Jahre nach der Wende gelungen sei, die kommunistische Ideologie im Strafrecht der NS-Ideologie gleichzustellen.

„Die Mitarbeiter des Instituts sind bereit, mit den Behörden zusammenzuarbeiten, die sich an entsprechenden Strafverfahren beteiligen. Die Kollegen erstellen für sie die erforderlichen Gutachten. Es war meiner Ansicht nach schon längst an der Zeit, das Übel beim Namen zu nennen. Uns geht es auf keinen Fall um Rache, sondern um Gerechtigkeit. Denn hinter jedem Opfer gibt es einen Mörder. Die Tatsache, dass die heutigen Kommunisten unser Institut auflösen wollten, halte ich für einen Symbol dafür, dass wir unsere Arbeit gut machen.“

Kudrna erinnerte damit an die Erklärungen des von den Kommunisten gegründeten Wahlbündnisses Stačilo! vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus. Das Bündnis scheiterte jedoch an der Fünf-Prozent-Hürde und zog nicht ins Parlament ein.

Im Forschungsbereich hat das Institut laut Kudrna nächstes Jahr unter anderem vor, einen Band über die Geschichte des kommunistischen Geheimdienstes StB herauszugeben. Zudem werden die Forscher, wie Kudrna erklärte, weiterhin an der Zusammenstellung der langen Liste von prominenten Vertretern des kommunistischen Regimes arbeiten, deren Rente ab 2027 gesenkt werden soll. In dieser zweiten Welle von Rentensenkungen handele es sich um etwa 40.000 Personen, sagte der Leiter des Instituts.

Ladislav Kudrna | Foto: Júlia Holaňová,  ÚSTR

Ein weiteres großes Thema sei der Friedhof in Prag-Ďáblice, betonte der stellvertretende Leiter des Instituts, Kamil Nedvědický. Er halte diese Problematik für sehr wichtig, merkte er an.

Kamil Nedvědický | Foto: Júlia Holaňová,  ÚSTR

„Es freut mich, dass nach 36 Jahren ein Fortschritt erreicht wurde. Es handelt sich um Schachtgräber oder genauer gesagt Müllschächte auf diesem Friedhof. Ich halte es für notwendig, das ungeheure Unrecht wieder gutzumachen. Denn die Opfer des kommunistischen Regimes sind wie Abfall in die Schächte geschmissen worden. Es war bisher nicht genau bekannt, wer wo auf diese Weise begraben wurde. Nach zwei Jahren Arbeit einer Regierungskommission, in der unser Institut die tragende Rolle übernahm, ist es gelungen, die Namen von mehr als 100 Persönlichkeiten zu finden, die in den Schächten liegen. In diesem Monat sollen die Opfer aus dem ersten der Schächte exhumiert werden.“

Laut Nedvědický sind unter diesen Persönlichkeiten auch Helden, die gegen das NS-Regime kämpften und nach dem Krieg von den Kommunisten ermordet wurden. Weiter merkte der Experte an:

„Wir möchten die Suche nach Persönlichkeiten, die in Ďáblice liegen sollen, fortsetzen. Wenn nun die erste Exhumierung gelingt, ist es der erste Schritt dazu, diejenigen, die auf diese unzivilisierte Weise in einen Schacht geworfen wurden, entsprechend zu bestatten. Es sind wirklich bedeutende Persönlichkeiten, die verdienen, ihren Platz im historischen Bewusstsein der Öffentlichkeit wieder zu bekommen.“

Ladislav Kudrna und Kamil Nedvědický | Foto: Kateřina Ayzpurvit,  Radio Prague International

Bei der Aufarbeitung der kommunistischen Zeit arbeitet das Institut Kamil Nedvědický zufolge auch mit mehreren Institutionen aus dem Ausland zusammen, darunter solchen aus Deutschland.

„Wir arbeiten mit der Bundesstiftung für die Aufarbeitung der SED-Diktatur zusammen. Die Kollegen aus Deutschland kommen zu unseren Konferenzen, um Vorträge zu halten. Zudem besteht eine Kooperation mit der Humboldt-Universität sowie mit einzelnen Experten beispielsweise aus Dresden. Die Kooperation ist verhältnismäßig umfangreich und breitgefächert.“