„Man kann noch viel mehr schaffen“ – Nicht alle geben sich mit Englisch zufrieden

Es ist ein bisschen wie bei Asterix. Alle Köpfe sind von englischen Vokabeln besetzt. Während das Englische in tschechischen Schulen auf dem Vormarsch ist, hat niemand mehr Interesse an Deutsch. Niemand? Fast niemand. Der Anteil der Jugendlichen, die Deutsch lernen, ist in den vergangenen sechs Jahren um fast 15 Prozent zurückgegangen. Daher stellt sich die Frage: Wer lernt überhaupt noch Deutsch und warum?

„Hallo, ich bin Margareta Leufenová. Ich komme aus Tisá, etwa 15 Kilometer von Ústí, von Aussig.“

„Ich heiße Štefan Záležák, ich wohne in Dolní Poustevna und ich bin ein Teilnehmer der Deutscholympiade.“

„Ich heiße Rebecca Kopřivová, ich bin aus Brünn.“

„Ich heiße Lucie Winklerová, ich komme aus Velké Hoštice und ich bin 17 Jahre alt.“

Sich vorstellen – das ist eine leichte Übung für die Schüler, die am Finale der Deutscholympiade teilnehmen. Schließlich haben sie schon die Wettbewerbe in ihren Schulen, Bezirken und Kreisen gewonnen. In die Endrunde, die im Prager Goethe-Institut stattfand, sind insgesamt fast 70 Schüler gekommen.

Die Deutscholympiade ist ein Wettbewerb, den das Ministerium für Schulwesen, Jugend und Sport jährlich ausschreibt. Die Teilnehmer müssen einen Hörverstehenstest und eine mündliche Prüfung absolvieren. Wortschatz und Aussprache, Reaktionsfähigkeit und grammatische Kompetenz – das sind die Bewertungskategorien in der mündlichen Prüfung. Die Jury besteht aus deutschen Muttersprachlern und tschechischen Deutschlehrern. Es gibt unterschiedliche Wettbewerbskategorien. So wird zum Beispiel unterschieden zwischen Jugendlichen, die Deutsch ganz normal als Fremdsprache lernen und solchen, die aus einer bilingualen Familie stammen. In der zweiten Kategorie ist Rebecca Kopřivová angetreten:

Rebecca Kopřivová
„Ich bin in Brünn aufgewachsen. Mein Vater ist von seinen Vorfahren her eigentlich auch ein bisschen Deutscher, aber er hat sein ganzes Leben lang in Tschechien gelebt. Meine Mutter ist Deutsche, sie stammt aus Eisleben. Aber ich muss zugeben, dass dadurch, dass ich in Tschechien aufgewachsen bin, mir das Tschechische ein wenig näher ist. Aber dennoch fühle ich mich auch als Deutsche.“

Ins landesweite Finale der Olympiade hat sie es schon dreimal geschafft. Der Wettbewerb mache einfach Spaß, sagt die 18-Jährige, die das deutsch-tschechische Friedrich-Schiller Gymnasium in Pirna besucht.

„Auf jeden Fall ist es auch gut, dass man vor einer Jury die Nerven bewahren muss. Es ist auch eine gute Übung für die mündlichen Prüfungen im Abitur oder an der Uni, vor einem Publikum zu sprechen und etwas klar und deutlich vorstellen zu können.“

Auch Margareta Leufenová ist zweisprachig aufgewachsen. Mit ihrer Mutter spricht sie Tschechisch, mit ihrem Vater Deutsch und sie selbst – fühlt sie sich als Deutsche oder Tschechin?

„Ich glaube eher als Tschechin, weil ich hier aufgewachsen bin, hier die Schule besucht habe, und mich sehr für die tschechische Kultur interessiere. Meine Mutter ist Schauspielerin, deshalb weiß ich sehr viel über die tschechische Kultur. Deutschland ist auch interessant, aber ich bin eher so tschechisch, finde ich.“

Štefan Záležák
Die 17-jährige Gymnasiastin möchte gerne Übersetzerin werden. Auf das Finale der Deutscholympiade hat sie sich vorbereitet:

„Ich habe ein bisschen nachgeschaut, was in den deutschen Nachrichten vor sich geht, was da für Reformen waren und habe ein bisschen Deutsch gelesen, damit sich die Sprache ein bisschen entwickelt.“

Štefan dagegen hatte keine Zeit, sich vorzubereiten, weil er direkt von einer Klassenfahrt zum Finale der Olympiade nach Prag gereist ist:

„Ich habe mich nicht so sehr vorbereitet, weil ich gestern noch in England war. Dann hatten wir einen Defekt am Bus und saßen 13 Stunden in Belgien fest. Ich bin erst um viertel nach sechs in der Stadt angekommen, in der ich zur Schule gehe.“

Als Vorjahressieger in der Kategorie der Schüler ohne bilingualen Hintergrund hätte er seinen Titel zwar gerne verteidigt, ist aber auch mit dem dritten Platz zufrieden. Štefan erklärt, was ihn zum Deutschlernen motiviert:

„Ich möchte einmal Manager werden, deswegen sind Sprachen für mich sehr wichtig. Ich lerne Englisch, Deutsch, Latein und Französisch.“

Seine Mitstreiterin Lucie lernt Deutsch und Englisch – und hat dabei einen klaren Favoriten:

„Ich lerne seit vier Jahren Deutsch am Gymnasium. Ich mag es mehr als Englisch. Mir gefällt, dass das Deutsche ziemlich strukturierte Regeln hat. Ich bin mir ziemlich sicher, weil ich nur diese Regeln beachten muss, das ist mit Englisch anders. Es macht mir keine großen Probleme, Deutsch zu lernen.“

Wie Štefan und Lucie sehen allerdings immer weniger tschechische Jugendliche die deutsche Sprache – zumindest wenn es darum geht, welche Fremdsprachen sie in der Schule lernen möchten. 30 Prozent der tschechischen Schüler lernten im vergangenen Schuljahr Deutsch. Vor sechs Jahren waren es noch 44 Prozent gewesen – laut einer Statistik des Instituts für Informationen im Bildungswesen. Erst kürzlich hatte zudem der Nationale Wirtschaftsrat der tschechischen Regierung (NERV) verkündet, Englisch sei als einzige Fremdsprache absolut ausreichend. Die Teilnehmer der Deutscholympiade haben eine differenzierte Meinung dazu. Rebecca sagt:

„Verstehen kann ich es durchaus – der Trend geht zur Weltsprache Englisch – nachvollziehen kann ich es nicht, weil man dabei vergisst, wie wichtig Deutsch für uns hier ist, auch von der historischen und kulturellen Entwicklung. Meine Mutter ist Deutschlehrerin, und es passiert oft, dass Schüler zu ihr sagen, sie werden Deutsch nie brauchen. Dann kommen sie und sagen, `ich möchte Geschichte studieren, aber ich kann kein Deutsch`. Auch für Archivwesen muss man hier auch Deutsch können, weil Deutsch sehr eng mit unserer Geschichte und unserer Kultur verbunden ist.“

Und zu der Aussage des Wirtschaftsrat, die tschechischen Schüler sollten sich lieber auf Englisch konzentrieren, meint Štefan:

„Man kann nicht nur beides, sondern auch viel mehr noch schaffen. Für mich ist Englisch sehr wichtig, und Deutsch ist für mich auch sehr wichtig, weil ich gleich an der Grenze wohne. Ich muss die Sprachen beherrschen. Ich möchte auch Beziehungen zu Deutschen haben, um später vielleicht dort zu arbeiten oder zumindest zwischen Tschechien und Deutschland und auch den anderen Teilen der Welt zu kommunizieren.“