Maria Theresia: Krönung zur Versöhnung

Maria Theresia

Vor 270 Jahren, genau am 12. Mai 1743, wurde die Habsburger Herrscherin Maria Theresia zur böhmischen Königin gekrönt. Ihre Thronbesteigung verlief aber nicht reibungslos. Mehrere europäische Fürsten erhoben nämlich nach dem Tod von Maria Theresias Vater eigene Ansprüche auf die Habsburgischen Erblande, darunter auch die Länder der böhmischen Krone, sowie auf das römisch-deutsche Kaisertum. Der Konflikt wuchs sich zu einem Krieg aus. Fast drei Jahre dauerte es, ehe sich die Habsburgerin die böhmische Wenzelskrone auf das Haupt setzen konnte.

Elias Baeck: Krönung Maria Theresias in Prag (Foto: Archiv Albertina)
Es war ein buntes Getümmel in Prag, am 29. April 1743. Seit den frühen Morgenstunden war die Stadt voll von festlich gekleideten Menschen, die durch die Straßen strömten. Sie warteten auf die Ankunft der jungen Herrscherin Maria Theresia. In einer prunkvollen Kutsche mit Sechsergespann traf sie in der böhmischen Hauptstadt ein, um sich im Veitsdom auf der Prager Burg zur Königin krönen zu lassen. Die Habsburgerin wurde mit Glockengeläut und Salven begrüßt und danach von einem feierlichen Umzug zur Prager Burg begleitet. Auf dem Hradschin nahm sie die Schlüssel der Burg entgegen und nahm an einem Te Deum im Veitsdom teil. Die weiteren Feierlichkeiten spielten sich zwei Wochen später ab: Am Sonntag, 12. Mai, fand die feierliche Krönung statt. Der Historiker Eduard Maur hat zu dem Thema geforscht und ein Buch mit dem Titel „Maria Theresia. Krönung zur Versöhnung“ herausgebracht.

„Die Krönung sah ähnlich aus, wie alle vorangegangenen Krönungszeremonien böhmischer Könige - mit der Ausnahme, dass diesmal eine Frau gekrönt wurde. Maria Theresia bemühte sich, die alte Krönungsordnung möglichst konsequent zu befolgen. Denn eben durch die Krönung bestätigte sie ihren Anspruch auf den böhmischen Thron, auf die Herrschaft in den böhmischen Ländern.“

Porträt der Kaiserin Maria Theresia von Martin van Meytens
Der Historiker Eduard Maur interpretiert die Krönung einerseits als eine Geste der Versöhnung mit dem böhmischen Adel und andererseits als eine Bestätigung des Machtanspruchs von Maria Theresia auf Böhmen. Die Habsburger Monarchie hatte in den drei Jahren zuvor eine der schlimmsten Krisen in ihrer Geschichte überstanden. Dabei wurde auch die Loyalität der böhmischen Stände einer Probe unterzogen. Der böhmische Adel erwies sich dabei nicht gerade als treu:

„Diese Bestätigung des Anspruchs war erforderlich, weil die Thronbesteigung Maria Theresias sehr schwierig gewesen war. Im Jahr 1740 starben die Habsburger in der männlichen Linie durch den Tod ihres Vaters Karls VI. aus. Obwohl Karl VI. noch zu Lebzeiten die pragmatische Sanktion herausgegeben hatte, um das Erbfolgerecht seiner Tochter zu sichern, und obwohl diese pragmatische Sanktion von der überwiegenden Mehrheit der europäischen Staaten bestätigt wurde, bildete sich nach dem Tod von Karl VI. eine Koalition heraus, mit Frankreich an der Spitze, die dieses Recht Maria Theresias bestritt. Frankreich wollte dadurch verhindern, dass der Ehemann Maria Theresias, Franz von Lothringen, zum deutschen Kaiser wird.“

Georg Desmarées: Karl Albrecht von Bayern
Frankreich wollte seinen eigenen Kandidaten durchsetzen und dadurch seinen Einfluss im Deutschen Reich stärken.

„Dieser Kandidat war Karl Albrecht von Bayern. Er erhob gleichzeitig seinen Anspruch auf den böhmischen Thron, dabei verwies er auf alte Dokumente aus dem 16. Jahrhundert, die in dem Sinne seines Anspruchs gewissermaßen interpretiert werden konnten. Es bildete sich eine große Koalition gegen die Habsburger, ihre wichtigsten Mitglieder waren Frankreich, Bayern, Sachsen und Preußen. Noch bevor diese Koalition in den Krieg gegen Maria Theresia zog, hatte der preußische König Friedrich II. bereits Maria Theresia angegriffen und Schlesien besetzt. Danach drangen die verbündeten Truppen nach Böhmen ein, Ende des Jahres 1741 wurde Prag erobert, und Karl Albrecht ließ sich zum böhmischen König erklären. Große Teile des böhmischen Adels sprachen ihm die Treue aus. Danach reiste Karl Albrecht nach Frankfurt, wo er dank des Einsatzes Frankreichs zum deutschen Kaiser gewählt wurde.“

Krieg um das österreichische Erbfolgerecht
Es war der Beginn des Österreichischen Erbfolgekriegs und damit auch des Ersten Schlesischen Krieges. Die Haltung des böhmischen Adels gegenüber dem neuen König aus Bayern war indes gespalten.

„Fast die Hälfte der böhmischen Adligen sprachen ihm die Treue aus, und das waren gerade jene Adeligen, die einen starken Einfluss im Lande hatten. Die Haltung der einzelnen Adeligen hing davon ab, ob sie bestimmte Funktionen am Wiener Hof ausübten, beziehungsweise ob sie Besitz in den österreichischen Ländern hatten, oder ob sich ihr Eigentum in den böhmischen Ländern konzentrierte. Manche erhofften sich vom Dienst für den neuen König die Möglichkeit einer guten Karriere.“

Belagerung von Prag der kaiserlichen Armee im Jahre 1742
Die Lage war daher sehr kompliziert. Die weitere Entwicklung des Krieges um das österreichische Erbfolgerecht, der auch ein Kampf um die böhmischen Länder war und sich überwiegend auch dort abspielte, war von großer Bedeutung. Die Aussichten der Habsburgerin waren anfangs ziemlich schlecht:

„Die militärische Lage entwickelte sich zunächst ungünstig für Maria Theresia. Preußen besetzte Schlesien, und erst 1742 kam es zu einer Wende. Maria Theresia beziehungsweise ihren Kriegsherren gelang es, Bayern und die bayerische Hauptstadt München zu besetzen. Danach entschloss sie sich zu einem Zug nach Böhmen und nach Prag. Die französischen Truppen, die als ein Verbündeter Bayerns auf großen Gebieten Böhmens stationiert waren, mussten sich nach Prag zurückziehen. Dort wurden sie mehrere Monate lang belagert beziehungsweise blockiert. Ende des Jahres 1742 gelang es den Franzosen, aus dem belagerten Prag nach Eger und in die Oberpfalz abzurücken und so ihr Heer zu retten.“

Martin van Meytens: Franz von Lothringen
Für den bayerischen Kurfürsten und böhmischen Interimskönig Karl Albrecht bedeutete dies aber den Verlust Böhmens. Ebenso war damit der Anspruch Sachsens abgewendet, den es auf Mähren erhoben hatte. Nur Schlesien musste Maria Theresia an Preußen abtreten. Mit dieser Niederlage der antihabsburgischen Koalition ging auch die Herrschaft Karl Albrechts in Böhmen zu Ende.

„1744 gab es noch einen Versuch, die Entwicklung wieder rückgängig zu machen: Das preußische Heer brach in Böhmen ein, sein Versuch misslang allerdings, und die Preußen mussten Böhmen wieder räumen. Im Jahr 1745 starb dann Karl Albrecht, und Maria Theresias Ehemann Franz von Lothringen wurde zum deutschen Kaiser gewählt. Das war ein großer Erfolg der Habsburgerin. Der ganze Krieg endete erst 1748. Der Frieden von Aachen, der dann geschlossen wurde, war im Grunde ein Erfolg Maria Theresias: Sie verlor zwar einige Besitzungen, das heißt Schlesien und einen Teil Mailands, dennoch blieb die Monarchie als Ganzes erhalten.“

1620: Ferdinand II. hatte die Anführer des Aufstands der böhmischen Stände hinrichten lassen
Der Erfolg Maria Theresias hatte auch Auswirkungen für die böhmischen Länder und ihre weitere Entwicklung. Bis auf den Verlust Schlesiens blieb das böhmische Gebiet ungeteilt, was für die Emanzipation des tschechischen Volkes im 19. Jahrhundert von großer Bedeutung war. Wie war aber die Beziehung Maria Theresias zu Böhmen, dessen Adelige sie Anfang der 1740er Jahre verraten und sich Karl Albrecht angeschlossen hatten?

„Maria Theresias Verhältnis zum böhmischen Adel war reserviert. Dies offenbarte sich auch bei der Krönung. Manche Adeligen mussten sich in jener Zeit auf ihren Gütern in der Provinz aufhalten und durften nicht nach Prag kommen, gegen manche wurde sogar ermittelt und es wurden Gerichtsverfahren eingeleitet. Dennoch unterschieden sich die Ergebnisse dieser Ermittlungen wesentlich von den Strafen etwa nach dem Jahr 1620: Damals hatte Ferdinand II. die Anführer des Aufstands der böhmischen Stände hinrichten lassen und viele Güter konfisziert. Die Schritte Maria Theresias waren wesentlich gemäßigter. Bis auf wenige kleine Ausnahmen wurde niemand bestraft.“

Eduard Maur (Foto: Archiv der Tschechischen Akademie der Wissenschaften)
Mit der Zeit beruhigte sich dann die Lage. Doch die Spannungen wurden nie ganz beigelegt, sagt der Historiker Eduard Maur.

„Die Beziehungen zwischen ihr und dem böhmischen Adel blieben auch später angespannt. Maria Theresia nahm eine Reihe von Reformen in Angriff, die unter anderem die Macht des böhmischen Adels beschränkten. Die Reformen hatten zwei Stoßrichtungen: Einerseits wurden die Rechte des Adels im Verhältnis zu seinen Untertanen beschnitten, durch manche, allerdings nicht zu radikale Schritte Maria Theresias zum Schutz der Untertanen. Und andererseits wurde die Landesselbstverwaltung eingeschränkt, wodurch die Überreste der böhmischen Staatlichkeit, die es zu jener Zeit noch gab, weiter zusammenschrumpften.“

Maria Theresia begann auch mit der Modernisierung der Habsburger Monarchie als Ganzes. Unter anderem stärkte sie die Stellung der Untertanen und reformierte Justiz, Schulwesen und weitere Sphären.

„Diese Reformen griffen praktisch in alle Bereiche der Gesellschaft ein, waren aber relativ gemäßigt. Maria Theresia wollte keinen offenen Konflikt mit der Ständeopposition hervorrufen. Sie ging ziemlich vorsichtig vor. Weit radikaler waren später die Reformen ihres Sohns Josephs II.“