„Mehr Kooperation nötig“ - Hydrologe Janský zum Hochwasser in Tschechien und Sachsen

Foto: ČTK

Nur elf Jahre nach dem Jahrhunderthochwasser im Jahr 2002 heißt es wieder Land unter. 700 Gemeinden und Städte sind vom Hochwasser ereilt worden, elf Menschen kamen direkt oder indirekt durch die erneute Flutkatastrophe ums Leben. Prag hat der Moldau einigermaßen standgehalten, andere Orte sind komplett überflutet worden. Eine wichtige Rolle hat die so genannte Moldau-Kaskade gespielt, ein System von Stauseen, das sich von Südböhmen bis kurz vor Prag hinzieht. Jetzt nach der großen Flut kritisieren viele die „Herren der Moldau-Kaskade“ - hat man zu spät reagiert? Wurde zu spät Wasser Richtung Prag abgelassen, so dass nicht genug Staureserve entstanden ist? Wurde danach zu viel Wasser abgelassen, so dass viele Gemeinden vom Hochwasser ereilt wurden, die man hätte schützen können? Dazu ein Gespräch mit dem Hydrologen Bohumír Janský von der Prager Karlsuniversität.

Bohumír Janský (Foto: Archiv Radio Prag)
Herr Professor Janský, die Pegelstände der Moldau und der Elbe sinken langsam, auch wenn Ústí und Děčín noch teilweise überflutet sind. Jetzt folgt die Zeit des Bilanzierens. Wurden Fehler gemacht? Und - wenn ja - wer hat sie begangen?

„Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich kenne die Leute von beiden Seiten: vom tschechischen Hydrometeorologischen Institut und von den staatlichen Wasserwirtschaftsbetrieben Povodí Vltavy und Povodí Labe. Da sind überall sehr gute Fachleute beschäftigt, und ich kann nichts Schlechtes über sie sagen. Man kann nur die Frage stellen: Was sollten wir noch verbessern? Ich denke, dass Prag eigentlich gut vorbereitet war, aber der Prager Oberbürgermeister hätte das Aufstellen der Hochwasserschutzwände noch früher anordnen können.“

Schutzwand in Prag (Foto: ČTK)
Eben das wurde zum Teil kritisiert, dass die Schutzwände in Prag etwas zu spät aufgestellt worden sind. Was ist an diesem Vorwurf dran?

„Wenn die Schutzwände früher aufgestellt worden wären, hätte die Moldau-Kaskade auch die Abflüsse etwas früher öffnen können. Mit dem Ablassen des Wassers ist zwar schon fünf Tage früher begonnen worden, was gut war, aber Prag war zu dieser Zeit noch nicht vorbereitet. Und so konnte nicht noch mehr Wasser abgelassen werden.“

Gemeinde Zálezlice (Foto: ČTK)
Nehmen wir mal zwei Beispiele, wo das Hochwasser wieder sehr zugeschlagen hat: zum einen der Zoo, der nicht in den Hochwasserschutz eingebunden wurde. Die Frage ist, warum nicht? Zum anderen die Gemeinde Zálezlice bei Mělník, die auch schon wieder untergegangen ist. Wieso wurde nicht rechtzeitig ein Damm gebaut?

„Ich als Hochschulprofessor verstehe das nicht, es ist ein großer Fehler - meiner Meinung nach der größte Fehler überhaupt. Wir sollten die kleinen Dörfer im Auenbereich schützen. Es gab genug Zeit dafür, denn elf Jahre reichen, um Dämme und Schutzwände zu bauen. Die Beamten und Ministerien haben da die Fehler gemacht, denn die Dörfer haben kein Geld bekommen, um den Hochwasserschutz aufzubauen.“

Volker Heidt (Foto: Archiv der Johannes Gutenberg Universität Mainz)
Es wurde also nicht genug gelernt aus dem Jahr 2002?

„Die Menschen lernen einfach nicht aus den historischen Erfahrungen. Wir müssen aber daraus lernen. Ich hoffe, dass das Hochwasser diesmal dabei hilft. In Deutschland habe ich eine Regel gelernt, von meinem Freund Professor Volker Heidt aus Mainz. Er hat gesagt, dass wir nicht gegen das Hochwasser kämpfen können, sondern lernen müssen, mit dem Hochwasser zu leben. Das ist sehr wichtig. Hochwasser ist genauso normal wie Trockenzeit und gehört zum Flussregime. Die Elbaue und die Moldauaue gehören nicht dem Menschen, sondern dem Fluss.“

In Tschechien gibt es an der Moldau ein System von Talsperren: die so genannten Moldau-Kaskaden. Dazu gehören unter anderem die Stauseen Lipno, Orlík sowie Slapy kurz vor Prag. Wie groß ist der Einfluss der Moldau-Talsperren darauf, ob es Hochwasser gibt oder nicht?

Stausee Orlík (Foto: ČTK)
„Diese Moldau-Kaskade hat nicht nur die Funktion des Hochwasserschutzes. Sie dient auch zur Energieversorgung, zum Tourismus, zur Erholung und zur Bewässerung in der Landwirtschaft und Industrie. Der Hochwasserschutz ist aber die wichtigste Funktion. Es gibt allerdings manchmal Probleme mit den Prioritäten.“

Das heißt konkret, dass der Wasserspiegel niedriger sein müsste, damit die Reserve größer wäre?

„Jetzt nach der Flut werden viele Leute sagen, man sollte den Wasserspiegel senken.“

Moldau-Kaskade - Stausee Lipno (Foto: ČTK)
Wie ist Ihre Bewertung der Kaskaden für das Jahr 2013?

„Plus, minus gut.“

Wurden 2002 Fehler bei den Kaskaden gemacht?

„Nein, denn da war es noch schwieriger. Das Gesamtvolumen des kompletten Hochwassers von 2002 lag ungefähr bei zehn Kubikkilometer Wasser. Die Kaskade hat aber nur ein Volumen von drei Kubikkilometern. Das Hochwasser hatte also dreimal mehr Volumen als die Kaskade. In so einem Fall kann keine Kaskade helfen, und es kann nicht viel unternommen werden. Das ist die Natur.“

Hochwasser in Sachsen (Foto: ČTK)
Wenn die Moldau-Talsperren in diesen Situationen Wasser ablassen, dann hat das unmittelbare Auswirkungen auf die Pegelstände jenseits der Grenze in Deutschland. In Sachsen hat man sich auch in diesen Tagen ängstlich gefragt, was die Tschechen mit ihren Talsperren machen. Gibt es eine enge Koordination zwischen Tschechien und Deutschland bei der Frage, ob Wasser abgelassen wird oder nicht?

„Seit der Wende haben wir eine außerordentlich gute Zusammenarbeit mit Deutschland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und mit verschiedenen Instituten und Universitäten an der Elbe. In Magdeburg gibt es Seminare für Gewässerschutz, die vorbildlich sind für diese Zusammenarbeit. Auf diesen Plattformen müssen auch die Wasserwirtschaftler zum Thema Hochwasserschutz an der Elbe zusammenarbeiten. Es muss mehr Kooperation geben. Meiner Meinung nach muss man auch die Moldaukaskade und andere Talsperren zusammen mit Deutschland koordinieren.“

Stimmt es, wenn die Sachsen sagen, dass alles von den Tschechen abhängt?

„Insgesamt stimmt das nicht, weil einige Informationen müssten, zumindest an der Elbe, zu bekommen sein. In Magdeburg sitzt die Internationale Kommission zum Schutz der Elbe. Die Hauptinformationen von tschechischer Seite müssen dorthin gelangen. Der Direktor der Kommission ist ein Tscheche, Pavel Punčochář. Wir haben zwar schon viele Sachen verbessert, aber wir müssen noch enger zusammenarbeiten.“