Neuer Ethikkodex der tschechischen Ärztekammer stellt sich „Doktor Google“ entgegen
Gelingen Wiederbelebungsmaßnahmen nur, wenn man dabei singt? Im Internet kursieren die eigenartigsten Tipps zu Gesundheitsfragen. Mitunter können sie lebensgefährlich sein. Um gegen Desinformationen vorzugehen, hat die tschechische Ärztekammer nun einen Ethikkodex für Medizin-Influencer aufgesetzt, der seit Montag gilt.
Der Rettungsarzt Marek Dvořák gibt in den sozialen Netzwerken regelmäßig Ratschläge zu Erster Hilfe oder anderen Gesundheitsthemen. So kommentiert er beispielsweise eine Zuschrift, nach der eine Krankenschwester behauptete, bei Wiederbelebungsmaßnahmen müsse gesungen werden, um den Patienten ins Leben zurückzuholen. Dvořák nimmt es mit Humor. Er warnt, dass einige Lieder eine viel höhere Frequenz hätten, als es eine Herzdruckmassage erfordere. Und es sähe auch nicht gut aus, bei Wiederbelebungen auf der Straße noch zu trällern.
Derart gewitzt und vor allem kompetent gibt nicht jeder Medizin-Influencer im Netz Auskunft. Häufig haben selbsternannte Experten, die sich gegen Impfungen, für alternative Krebsbehandlungen oder allgemein zu einem gesunden Lebensstil äußern, keine fachliche Qualifikation. Weil dies mitunter lebensgefährlich sein kann, hat die tschechische Ärztekammer nun einen Ethikkodex herausgegeben für all jene, die öffentlich Gesundheitsratschläge geben. Verbandschef Milan Kubek erläuterte in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:
„Der Kodex ist lediglich eine Möglichkeit. Mit ihm können all jene, die die Regeln der tschechischen Ärztekammer respektieren, die Informationen in ihren Beiträgen ergänzen. Er ist eine Art Qualitätssiegel, das den Nutzern ermöglicht, sich leichter zu orientieren. Darum lautet gleich die erste Regel, dass der Betreffende sich wahrheitsgemäß vorstellen muss.“
Das heißt, dass ein Influencer belegen muss, welche medizinische Ausbildung er hat. Nur dann stimmt die Ärztekammer einer Zusammenarbeit zu. Man habe den Kodex aufgesetzt, weil Desinformanten durch die Strafverfolgung nicht ausreichend beizukommen sein, begründet der Vorsitzende. Disziplinarstrafen dürfe die Kammer nur gegen die eigenen Mitglieder verhängen. Und bei Anzeigen hat die Polizei oft kaum Möglichkeiten zum Eingreifen, wenn sich die Internetadresse eines falschen Internetarztes etwa im Ausland befinde, fasst Kubek die bisherigen Erfahrungen zusammen:
„Der Weg der Repression ist also eher nutzlos. Deswegen bieten wir eine positive Variante an. Wer unsere Regeln respektieren will, kann sich an uns wenden und eine Art Qualitätsmarke bekommen. Die Menschen, die sich für medizinische Fragen interessieren, können sich dadurch im Internet besser zurechtfinden.“
Eine weitere der Regeln lautet etwa, dass die Beiträge inhaltlich aktuell sein müssen und keine verborgene Reklame enthalten dürfen.
Denisa Hejlová von der Prager Karlsuniversität hat einst einen allgemeinen Kodex für Influencer mitverfasst. An der jetzigen Initiative der Ärztekammer bemängelt sie, dass die Vorgaben nur eine Empfehlung seien und ein Verstoß nicht geahndet werden könne:
„Ich befürchte, dass dies einfach nur eine Deklaration bleibt.“
Darum sollten Akteure, die falsche Ratschläge verbreiten, zumindest aufgefordert werden, diese richtigzustellen, meint Hejlová. Und auch das tschechische Gesundheitsministerium versteht den Ethikkodex der Ärztekammer als einen Bestandteil einer größeren Strategie. Ressortsprecher Ondřej Jakob:
„Wir sind uns bewusst, dass ein Kodex nicht das einzige Instrument zur Eliminierung von Desinformationen sein kann. Bei deren Bekämpfung ist eine breitere systemische Reaktion wichtig. Diese besteht aus einer Kombination aus vertrauenswürdiger Kommunikation, der Unterstützung für Fachleute und der medialen Fähigkeiten der Bevölkerung sowie dem Bestehen auf überprüfte Daten und Informationen.“
Denn mit ungeprüften Informationen sei das Internet voll, betont auch Ärztekammerchef Kubek. Darum warnt er vor Diagnosen durch „Doktor Google“ oder „Magister Wikipedia“. Mit vorschnellen Eigenanalysen hätten in Tschechien häufig etwa Kinderärzte zu tun, die sich mit den Behandlungsideen der Eltern auseinandersetzen müssten, beklagt Milan Kubek.







