Der sanfte Barbar: Boudník-Ausstellung im Stadtmuseum
Er war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der tschechischen abstrakten Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Maler und Graphiker Vladimír Boudník erfand neue graphische Techniken und beeinflusste zahlreiche junge Künstler Ende der 1950er bis in die 60er Jahre. Eine große Ausstellung seiner Werke ist seit Mittwoch im Prager Stadtmuseum zu sehen.
„Damals habe ich nicht einmal geahnt, dass ich einmal eine Galerie gründen werde. Ich habe seinerzeit beim Besuch des Antiquariats in der Straße Dlážděná an der Wand eine Graphik von Vladimír Boudník gesehen. Das war glaube ich so 1976. Ich war davon so hingerissen, dass ich als Gymnasiast von meiner Großtante Geld geliehen habe, um die Graphik zu kaufen. Das Geld habe ich dann anderthalb Jahre zurückgezahlt. Das war meine erste Graphik von Boudník. Wenn ich danach die Gelegenheit hatte, habe ich immer weitere Graphiken gekauft.“
Graphiken, Manifeste, Briefe
Jan Placák hat zurzeit rund 600 Graphiken von Vladimír Boudník in seiner Sammlung. Während der Zeit habe er begonnen auch Dokumente wie Briefe, Manifeste und Fotografien von Boudník zu sammeln. Nach der Entstehung der Galerie sammelte Placák systematisch Boudníks Arbeiten. Die Ausstellung sei in vielerlei Hinsicht einzigartig.„Im Stadtmuseum sind Dokumente zu sehen, die nie zuvor gezeigt wurden. Bei den vergangenen Ausstellungen wurden zudem nur einzelne Werke in einer oder zwei Fassungen gezeigt. Im Stadtmuseum sind beispielsweise sechs verschiedene Varianten der Graphik mit dem Arbeitstitel ,Die Sixitinische Kapelle‘ ausgestellt. Bei zahlreichen anderen Graphiken werden deren zwei, drei oder vier Versionen präsentiert. An den Varianten kann man sich mit Boudníks kreativem Prozess bekannt machen. Denn ein weniger aufmerksamer Besucher erkennt nicht, dass es sich um Drucke von derselben Matrize handelt. Sie unterscheiden sich durch die Farbe oder aber dadurch, dass Boudník manchmal im anderen Druck auch andere Formen unterstrich. Dies dokumentiert die Ausstellung sehr gut.“
Die Ausstellung bietet den Einblick in verschiedene Etappen von Boudníks Schaffen. Sie wurde chronologisch gestaltet. Sie zeige Exponate aus der vermutlich größten Sammlung von Boudníks Werken auf der Welt überhaupt, erzählt der Kurator der Ausstellung, Jiří Lukas.
„Zu sehen sind hier rund 300 Kunstwerke. Neben Graphiken werden zahlreiche Dokumente gezeigt. Es ist überhaupt die erste Ausstellung, die das ganze Werk umfasst – von den Anfängen in den Jahren 1948-1949 bis zu Boudníks Tod im Jahre 1968. Da sie chronologisch gestaltet wurde, kann sich der Besucher mit der Entwicklung von Boudníks künstlerischer Arbeit vertraut machen.“Explosionalismus
Die Bedeutung von Vladimír Boudník besteht Lukas zufolge vor allem darin, dass er eine ganze Künstlergeneration beeinflusst hat, die das sogenannte „Prager Informel“ schuf. Das war eine Kunstrichtung, die sich insbesondere in den 1960er Jahren entwickelte. Boudník gründete seine eigene Kunstrichtung, und er entwickelte mehrere graphische Techniken – wie die strukturelle oder die aktive Graphik. Der Kurator:
„Es ist notwendig, sich daran zu erinnern, dass Boudník einige Kriegsjahre als Zwangsarbeiter in Dortmund verbrachte. Dort hat er die Kriegsschrecken unmittelbar erleben können. Diese Erfahrung spiegelte sich in seinen künstlerisch-politischen Manifesten, die er nach 1945 herausgab. Er gründete eine neue Kunstrichtung, die er ,Explosionalismus‘ nannte. Die Kunstrichtung basierte auf der Durchsetzung des freien Willens des Menschen im Rahmen der Gesellschaft. Das heißt: Jeder Mensch ist frei und kann sich an den Veränderungen in der Welt beteiligen.“Die endgültige Fassung des Manifestes des Explosionalismus erschien 1949. Das Wesentliche sollte die künstlerische Arbeit anhand von Gedankenassoziationen sein. Zu der Zeit initiierte Boudník mehr als 200 Veranstaltungen auf der Straße sowie zahlreiche Vorträge. Direkt auf der Straße brachte er den Passanten die Schönheit abstrakter Formen näher. In den 1950er Jahren hatten derartige Straßenveranstaltungen eher schockiert als jemanden künstlerisch angeregt.
Boudník arbeitete in den 1950er Jahren in der Fabrik ČKD in Prag. Dies regte ihn dazu an, Materialien, mit denen er gearbeitet hat, bei der Entstehung der Graphiken zu nutzen. Er nutzte vor allem Metall. Zudem entwickelte er neue graphischen Techniken, die man aktive Graphik oder strukturelle Graphik genannt hat. Jiří Lukas:
Die Ausstellung aus dem Werk von Vladimír Boudník ist im Stadtmuseum täglich außer Montag von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Die Ausstellung endet am 29. Oktober 2017.
„Dabei wurde das Material benutzt, das in der Fabrik bearbeitet wurde. Es wurden Abdrucke von diesem Material angefertigt, oder aber das Material wurde durch weitere Artefakte ergänzt und erst dann entstand der Abdruck. Das sind völlig neue graphische Verfahren.“
Die Exposition unterscheidet sich von allen anderen vorherigen Ausstellungen von Boudníks Werken durch die zahlreichen Dokumente, die gezeigt werden. Diese verweisen laut Lukas nicht nur auf seine künstlerische Arbeit, sondern auch das Privatleben des Künstlers. Boudník war ein guter Freund des Schriftstellers Bohumil Hrabal. Regisseur Petr Koliha verfilmte 1989 Hrabals Erzählung „Der sanfte Barbar“. Vladimír Boudník wurde in diesem Film vom populären Schauspieler Bolek Polívka gespielt. Seit 1995 wird namhaften Graphikern der Vladimír-Boudník-Preis für deren Lebenswerk verliehen.












