Grillenfarm und Radio Prag – Georgine Rotter erzählt ihre Familiengeschichte

Georgina Rotter (Foto: Strahinja Bućan)

Ihr Vater hat früher bei Radio Prag gearbeitet. Sie selbst ist in der Schweiz aufgewachsen, wohin ihre Eltern 1968 emigrierten. Georgina Rotter ist Publizistin. Im Interview erzählt sie über ihren Vater Jiří Rotter, über seine Liebe zu den Tieren, über die erste Grillen-Großzucht der Welt, aber auch über ihr geplantes eigenes Hörspiel, das in der Tschechoslowakei der 1970er Jahre spielt.

Georgina Rotter  (Foto: Strahinja Bućan)
Frau Rotter, es ist kein Zufall, dass Sie bei Radio Prag zu Besuch sind. Sie leben in der Schweiz, aber Ihr Vater, Jiří Rotter, stammte aus der Tschechoslowakei und früher auch in der deutschsprachigen Redaktion gearbeitet. Wann war das genau?

„Das war, bevor er 1968 weggegangen ist. Ich weiß den genauen Zeitpunkt nicht, aber ich denke, er war viele Jahre hier.“

Hat er später über seine Arbeit bei Radio Prag erzählt? Hat er sich gewissen Bereichen hier gewidmet?

„Ich denke, er hat relativ viel gemacht. Aber ich bin leider keine Zeitzeugin und weiß nicht gut genug darüber. Aber ich weiß, dass er Sendungen über Tiere an die Öffentlichkeit gebracht hat. Und ich habe das Gefühlt, dass er auch relativ Satirisches und Ironisches dabei hatte.“

„Bei Radio Prag brachte er Sendungen über Tiere an die Öffentlichkeit.“

Sie haben Tiere erwähnt, sie waren eigentlich das größte Thema im Leben Ihres Vaters. Wann hat seine Liebe zu den Tieren begonnen?

„Das fing an, als er klein war. Er hat Schlangen gefangen, die er in der Schublade vor seinen Eltern verstecken musste, weil die das nicht gerne gesehen haben.“

Zoo-Garten in Dvůr Králové nad Labem  (Foto: Magdalena Kašubová)
Später hat Ihr Vater auch in verschiedenen Tiergärten gearbeitet. In den 1950er Jahren war er sogar Direktor des Zoo-Gartens in Dvůr Králové nad Labem / Königinhof an der Elbe, und zwar im Alter von 23 Jahren…

„Das stimmt. Soviel ich weiß, hat er geholfen, den Zoo dort aufzubauen, weil dieser nicht in bester Verfassung war. Mein Vater hat geschaut, dass es den Tieren ein bisschen besser geht.“

Im Jahr 1968 ging Jiří Rotter in die Schweiz. Aus welchen Gründen hat er sich für das Leben im Exil entschieden?

„Er wäre geblieben, falls es eine bewaffnete Revolution gegeben hätte. Aber weil es nicht danach aussah, entschied er sich zu gehen, weil es für ihn hier einfach zu gefährlich war. Er hat so gesprochen, als hätte es damals die Kommunisten nicht gegeben – und das war auf lange Sicht gefährlich.“

Warum haben sich Ihre Eltern für die Schweiz entschieden?

Haile Selassie  (Foto: Archiv von Library of Congress,  Public Domain)
„Das war nur provisorisch. Eigentlich wollten sie nach Äthiopien. Sie hatten da Beziehungen zu Kaiser Haile Selassie, der einmal einen Hund von meinem Vater geschenkt bekommen hat. Da hatten sie sich kennengelernt. Die Idee war, dass mein Vater und meine Mutter auf Hochzeitsreise nach Äthiopien reisen würden. Sie hatten eigentlich schon alles vorbereitet, sie hatten schon die Munition, die eigentlich wie ein Geldwert anzusehen ist. Und dann sind die Russen in die Tschechoslowakei gekommen. Meine Eltern gingen vorübergehend zuerst in die Schweiz, sind dann aber dort hängengeblieben. Und die Russen sind später leider auch nach Äthiopien gekommen.“

Sie wurden nach der Flucht Ihrer Eltern in der Schweiz geboren. Stand Ihre Familie in Kontakt mit ihrer alten Heimat, mit der Tschechoslowakei?

„In Äthiopien hatte mein Vater Beziehungen zu Kaiser Haile Selassie, der einmal einen Hund von ihm geschenkt bekommen hat.“

„Die Gespräche wurden abgehört, und es war schwierig, mit jemandem überhaupt in Kontakt zu sein und ernsthaft Informationen auszutauschen. Wir durften nicht einreisen, das heißt, ich durfte meine Heimat nie kennenlernen – bis nach der Revolution. Ab und zu, ganz selten, sah ich meinen Großvater und meine Großmutter. Die tschechische Kultur hat mir aber enorm gefehlt.“

Wurde bei Ihnen zu Hause Tschechisch gesprochen?

„Ja. Da waren meine Eltern sehr diszipliniert.“

Wie waren die Anfänge Ihrer Eltern im Ausland?

Grille  (Foto: Jim,  the Photographer via Foter.com / CC BY)
„Es war, denke ich, nicht einfach. Sie haben fast nichts mitgenommen. Mir wurde immer erzählt, sie seien mit zwei Koffern, zwei Hunden und 200 Franken in verschiedenen Währungen angekommen. Davon mussten sie sich ein Leben aufbauen.“

In der Schweiz ist die Idee der „Grigfarm“ geboren. Was kann man sich unter diesem Begriff vorstellen?

„Die ‚Grigfarm‘ ist die erste Grillen-Großzucht der Welt. Es gab schon kleinere Grillenzuchten, zum Beispiel in den USA, aber so professionell und mit der Idee auch des Versandes, war es eigentlich eine innovative Idee. Sie hat dann zufällig und mit viel Glück auch funktioniert.“

Das war die Arbeit Ihres Vaters in der Schweiz. Später hat Ihre Mutter die Firma geleitet. Setzen sie selbst die Familientradition fort?

„In der Schweiz gründete mein Vater die erste Grillen-Großzucht der Welt.“

„Ich habe sie eine Zeit lang fortgesetzt. Ich bin extra aus den USA zurückgekommen, um einzuspringen, um meiner Mutter zur Seite zu stehen. Es gab aber in dieser Zeit schon enorm viele sehr professionelle und sehr industrialisierte Konkurrenz. Wir haben uns dann sehr schweren Herzens entschieden, nach 42 Jahren die Zucht zu schließen.“

Sie treten also nicht in die Fußstapfen Ihres Vaters, was die Tiere betrifft. Welchem Bereich widmen Sie sich?

Foto: Khalil Baalbaki,  Archiv des Tschechischen Rundfunks
„Ich glaube, in seine Fußstapfen trete ich vielleicht mit meiner Liebe zur Literatur. Ich bin jetzt wieder ein bisschen zum Schreiben gekommen. Zusammen mit einer Bekannten schreib ich an einem Hörspiel fürs Radio. Sie ist eine etablierte Autorin und braucht ein bisschen Motivation zum Schreiben. Sie hat mich angefragt, und ich habe selbstverständlich zugesagt.“

Worüber geht dieses Hörspiel?

„Es handelt von zwei Westlern, die in Ihre Flitterwochen nach Tschechien reisen. Es spielt in den 1970er Jahren.“

Sie sind jetzt in Tschechien unterwegs. Sammeln Sie hier Inspiration für dieses Hörspiel?

„Ja, genau. Ich bin nach Tábor gereist, wo die Handlung stattfinden soll. Ich hatte wahnsinniges Glück, weil ich auch einige Menschen aus der Stadt kennengelernt habe, die mir historische Hintergründe enthüllt und mir geholfen haben.“

Eigentlich kehren Sie jetzt zum Radio zurück, das einst auch Ihr Vater gemacht hat…

„Ja, es sieht ganz danach aus.“