„Ich suche nach meinen Wurzeln“ – Martina Büchel, Nachgeborene von Heimatvertriebenen
Martina Büchel ist Tochter von Vertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in der damaligen Tschechoslowakei verlassen mussten. Im November nahm sie am Treffen „Versöhnung 2016“ in Prag teil. Markéta Kachlíková hat mit ihr über ihre Suche nach den Wurzeln und nach der Familienseele im Kuhländchen, einer Gegend in Nordmähren, gesprochen.
„Das ist richtig. Ich bin eine Nachgeborene. Meine Vorfahren kommen aus Nordmähren, aus dem Kuhländchen. Diese Region mit der Bezirksstadt Neutitschein (Nový Jičín, Anm. d. Red.) liegt etwa 30 Kilometer von Ostrau.“
Seit wann interessieren Sie sich für die Heimatregion Ihrer Familie? War das in der Familie immer ein Thema oder wurde darüber geschwiegen?
„Ich wusste immer, dass meine beiden Eltern Heimatvertriebene sind – meine Mutter aus dem Böhmerwald, mein Vater aus dem Kuhländchen. Wir sind im Urlaub zu meiner Oma gefahren, und ich bin mit diesem Bewusstsein groß geworden. Aber es hat mich nie weiter interessiert. Als ich etwa acht Jahre alt war, hat meine Oma von meinem Vater und von ihrer Tochter erzählt und darüber, wie das damals im Kuhländchen war. Wie sie als Kinder dort gelebt haben, und auch von ihrem Mann hat sie viel erzählt. Mein Großvater ist seit dem Krieg vermisst. Ich habe als älteste Enkelin das Strahlen und das Leuchten in den Augen meiner Oma gesehen. Es waren Momente, die ich nicht vergessen werde.“
„Ich habe als älteste Enkelin das Strahlen und das Leuchten in den Augen meiner Oma gesehen.“
Diese Momente hätten sich ihr tief ins Gedächtnis gebrannt, erzählt Martina Büchel. Ihr Vater war zur Zeit der Vertreibung 13 Jahre alt, seine Schwester elf und sein kleiner Bruder ein kleines Baby:
„Durch die Vertreibung hat meine Oma vieles an meinen Vater weitergegeben. Er wurde ihr Ansprechpartner. Er konnte nicht mehr Kind sein, er musste als Ersatz für den Ehemann dienen. Daraus haben sich für meinen Vater sehr viele emotionale und psychische Veränderungen ergeben, die er nicht so begreifen will. Er sieht die Zusammenhänge nicht, er redet nicht darüber, aber ich weiß, woher das alles kommt. Heutzutage ist die transgenerationale Weitergabe ein Thema. In Deutschland hat 2004 eine Journalistin ein Buch über Kriegskinder herausgegeben. Das war der Anfang, dass man sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat.“
Martina Büchel, Jahrgang 1959, nennt sich selbst ein Mitglied der Generation der Nachgeborenen:
„Ich habe mich immer heimatlos gefühlt.“
„Ich bin heimatlos. Zwar bin ich in Frankfurt am Main geboren und großgeworden, habe mich aber nie als Frankfurterin, sondern immer wurzellos gefühlt. Das geht nicht nur mir so, es sind viele in meiner Generation der Nachgeborenen, die das so empfinden.“
Über das „Forum Kriegsenkel“ ist sie dazu gekommen, sich mit ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen.„Die Ahnenforschung ist zwar seit ein paar Jahren wieder ein Thema, und durch das Internet ist sie heutzutage auch kein so schwieriges Unterfangen mehr, da es sogar eine extra Software dafür gibt, aber es war nicht dieser Weg, den ich gegangen bin. Jede Familie hat eine eigene Seele. Ich bin auf diese Familienseele gestoßen, weil ich eine schwere psychische Erkrankung habe. Ich habe das in ein Buch gepackt und im Kapitel ‚Meine Wurzeln finden‘ beschrieben. Da bin ich erstmals damit konfrontiert worden.“
Begonnen hat die Wurzelsuche im niederbayerischen Vornbach am Inn:
„Ich bin auch auf den Spuren meiner familiären, kulturellen und christlichen Wurzeln. Sie liegen im Kuhländchen.“
„Ich bin an den Ort gegangen, an dem meine Oma mit ihren drei Kindern nach der Vertreibung ankam. Und ich habe gespürt, dass dieser Ort mir viel gibt von meiner Oma. Da ist das Grab von meinem Urgroßvater. Ich habe mir in der Nähe des Friedhofes eine Ferienwohnung genommen und habe dort angefangen zu schreiben. dabei habe ich auch gemerkt, dass meine Wurzeln im Kuhländchen liegen. Es ist eine katholische Gegend. Ich bin auch auf den Spuren meiner familiären, kulturellen und christlichen Wurzeln. Und das freut mich.“
Die Suche nach den Wurzeln ging weiter, sie führte letztlich auch direkt ins Kuhländchen. Als ich Frau Büchel in Prag begegnet bin, sagte sie:„Ich bin auf den Spuren meiner Vorfahren unterwegs. Ich habe sehr viele Pläne geschmiedet. Mich wird erst einmal mein entfernter Verwandter Josef Klézl in Mährisch Weißkirchen (Hranice na Moravě, Anm. d. Red.) abholen. Dann habe ich sechs oder sieben Handy-Nummern. Ich will mir auch Neutitschein, Odrau (Odry, Anm. d. Red.) und noch vieles mehr anschauen. Ich bin noch nie so gereist. Ich habe die Telefonnummern im Gepäck, und ich werde sehen, was ich erleben werde. Darauf freue ich mich und vor allen Dingen auf die herzlichen Begegnungen.“
Nach ihrer Rückkehr habe ich mich noch einmal an Frau Büchel gewandt, um nach ihren Eindrücken und Erlebnissen zu fragen. Sie hat diese in einem Brief zusammengefasst. Der erwähnte Josef Klézl, der in Hranice na Moravě / Mährisch Weißkirchen auf sie gewartet hat, hat beim Besuch die Hauptrolle gespielt. Er ist eigentlich ein Verwandter von Frau Büchel. Und er hat ihr einen Stammbaum geschenkt, der bis ins Jahr 1667 zurückreicht. Sie sei ein Puzzle-Teilchen dieses Stammbaumes, so Büchel. Zuvor hatte sie bereits angemerkt:
„Bei der ganzen Wurzelsuche ist ein Ahne aufgetaucht: 1780 geboren, ein Josef Klézl. Ich bin geborene Klesel. Das ist der Ur-, Ur-, Ur-, Urgroßvater von Josef Klézl, der heute in Veselí lebt, und von meinen Vorfahren, die in Dobischwald gelebt haben.“Josef Klézl und Martina Büchel haben gemeinsam Dobešov / Dobischwald besucht. Sie haben die Kirche besichtigt und waren in dem Haus, das Frau Büchels Großvater 1932 gebaut hat. Seit 1946 lebt dort Jaroslav Juroška. Der heute 89-Jährige war 55 Jahre Messner von Dobischwald. Martina Büchel hat auch die weiteren Orte besucht, die sie besuchen wollte, hat sich mit vielen bis dahin unbekannten Menschen getroffen. Und abschließend stellte sie fest:
„Ich bin zuversichtlich, dass die Albträume nun ein Ende haben werden.“
„Die Zeit war viel zu kurz: Ich bin neugierig auf Land und Leute geworden. Es warten noch viele Orte auf mich, die ich mir das nächste Mal ansehen möchte. Die Heimatvertriebenen haben sich von Anfang an – nunmehr seit 70 Jahren – für Frieden und Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen engagiert. Durch Dialog und Verständigung sind viele Freundschaften gewachsen. Auch Josef und seine Familie freuen sich auf ein Wiedersehen. Mein Fazit: Ich habe in verschiedenen Lebensphasen oft ein tiefes Gefühl von Heimatlosigkeit und Verlorensein verspürt – oftmals gingen Albträume damit einher. Ich bin zuversichtlich, dass diese nun ein Ende haben werden.“







