Yehuda Shenef: Seit Hochmittelalter sind Beziehungen zwischen Prager und Augsburger Juden belegt

Foto: Martina Schneibergová

Enge Familienbande zwischen Prager und Augsburger Juden hat es seit dem Hochmittelalter gegeben. Mit den weniger bekannten Aspekten des deutschsprachigen Judentums in Böhmen und in Schwaben befasst sich bei seinen Forschungen Yehuda Shenef. Er ist Geschäftsführer des Jüdisch-Historischen Vereins Augsburg. Shenef ist auf Einladung des Kulturverbands der Bürger deutscher Nationalität in Tschechien, der Repräsentanz des Freistaats Bayern und des Sudetendeutschen Büros zu Besuch nach Prag gekommen. Im Haus der Minderheiten hielt er einen Vortrag über die deutsch-jüdischen Familiengeschichten in Böhmen und in Schwaben. Radio Prag hat bei dieser Gelegenheit mit Yehuda Shenef gesprochen.

Yehuda Shenef  (Foto: Martina Schneibergová)
Familiengeschichte ist. Seit wann sind die Beziehungen zwischen den jüdischen Familien in Prag und Augsburg belegt?

„Die ältesten Hinweise gehen auf das 13. Jahrhundert zurück und befinden sich auf hebräischen Grabsteinen. Dann gibt es Belege, die aus den Büchern stammen, die Rabbiner oder deren Nachkommen und Schüler geschrieben haben. Sie beschreiben oft den Stammbaum und erwähnen die Vorfahren des Rabbiners. Es war immer sehr wichtig, die Familiengeschichte zu überliefern. So sammelt sich Material, das man zusammenstellen und womit man weiterforschen kann.“

Eine wichtige jüdische Persönlichkeit, die sowohl in Prag als auch in Augsburg tätig war, ist Chaim Schwarz. Warum ist er so bedeutend?

„Chaim Schwarz wurde um 1500 in Prag geboren. Er war insofern eine herausragende Figur, weil er einer der ersten war, der Bücher gedruckt hat– mit der damals sehr revolutionären Drucktechnik. Er hat in Prag angefangen, jüdische Bücher in hebräischer Sprache mit hebräischen Buchstaben, zum Teil auch in Deutsch zu drucken. Er ist dann wegen der Bedeutung Augsburgs als Druckerstadt dorthin gegangen und hat dort auch Bücher gedruckt. Das wichtigste Buch ist die Prager Pessach Haggada. Das ist der älteste Druck einer Pessach Haggada. Sie ist von ihm herausgebracht und mit Holzschnitten illustriert worden, die er eigenhändig anfertigte. In Augsburg hat er eine Variante davon gemacht, und das sind die beiden ältesten Pessach Haggadoth weltweit.“

Prag  (Foto: Štěpánka Budková)
Haben Sie selbst eine besondere Beziehung zu Prag? Stammt Ihre Familie auch aus Prag?

„Ja, davon hörte ich schon von meiner Großmutter, als sie noch lebte. Denn das hat sie mir als Kind erzählt. Sie war mit Prag sehr verbunden, ihre Familie hat hier Jahrhunderte gelebt.“

Sind Sie jetzt hier auch ein wenig auf der Spurensuche nach Ihren Vorfahren? Wissen Sie mehr über deren Beruf oder Wohnort?

Foto: Martina Schneibergová
„Ja, das wissen wir. Der eine war Kantor, der andere war Trödler, beziehungsweise Trödler und Kantor – das ging damals. Eine Verwandte war Tochter eines Möbelhändlers. Dann gab es unter meinen Vorfahren einen Kaufmann, einen Kerzen- und Seifenfabrikanten, einen Schankhausbesitzer im jüdischen Viertel oder auch einen Arzt. Sehr viele von ihnen waren in Gemeindediensten, denn in Prag gab es viele jüdische Gemeinden mit mehreren Synagogen, sodass es nicht zentral war. Wenn es jemandem in der einen Synagoge nicht gefallen hat, konnte er in eine andere gehen.“

Foto: Jeff Belmonte,  CC BY 2.0
Aus welchem Grund sind die jüdischen Familien zwischen Böhmen und Schwaben gependelt? Ging es um Handelsaktivitäten oder einfach um die ‚Heiratspolitik‘?

„Das ist ein ganz spannender Aspekt. Denn normalerweise tendiert die offizielle Geschichtsschreibung ein bisschen dazu, jüdische Aktivitäten auf Handel zu beschränken, was eigentlich fast stupide ist. Der wichtige Aspekt war immer die Heiratspolitik, dass man als Familienvater versuchte, Verbindungen mit anderen Leuten in anderen Städten zu knüpfen und dann den Sohn mit deren Tochter zu vermählen. In meinem Vortrag habe ich das Beispiel eines Talmudstudenten genannt, der nebenbei in Prag Medizin studierte und dann die Tochter des Arztes geheiratet hat. Er nahm das Wissen mit nach Hause, die nächste Generation kehrte wieder nach Böhmen zurück. Es geht also um Heiratspolitik. Die Geschäfte ergeben sich dann logischerweise erst aus den Verbindungen zwischen den Familien.“