Jan Sedláček – Die Ärzte überzeugen, dass sie auch etwas riskieren müssen (Teil 1)

Kampagne „Vielen Dank, wir gehen“ (Foto: Ladislav Jerie, Benešovský deník)

In den letzten Wochen haben vor allem die Proteste der Krankenhausärzte die tschechische Gesellschaft bewegt. Als nächstes steht die Volkszählung an – das größte statistische Ereignis der letzten zehn Jahre. Der junge tschechische PR-Experte Jan Sedláček war und ist an den Kampagnen für beide Aktionen beteiligt. Seinen Master im Fach Medienmanagement hat er in Deutschland gemacht. Christian Rühmkorf hat Jan Sedláček vor das Mikrophon gebeten.

Kampagne „Vielen Dank,  wir gehen“  (Foto: Ladislav Jerie,  Benešovský deník)
Jan Sedláček, Sie sind Tscheche, Sie sind blutjung, 24 Jahre alt. Sie haben unter anderem in Deutschland studiert, sind aber wieder nach Tschechien zurückgekehrt. Sie sind im Medienbereich tätig und haben sich mit einer Kampagne befasst, die in den letzten Monaten Schlagzeilen gemacht hat. Sie heißt „Děkujeme, odcházíme“ – „Vielen Dank, wir gehen“ und ist die umstrittene Kampagne, mit der fast 4000 Krankenhausärzte versucht haben, mehr Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen zu bekommen. Die Ärzte haben gedroht ins Ausland abzuwandern. Wie sind Sie dazu gekommen, an dieser Kampagne mitzuarbeiten?

Foto: ČT24
„Das hat irgendwann im August begonnen, als ich vom Studium in Deutschland zurückgekommen bin. Ich habe eine neue Arbeit im Medienbereich gesucht, in dem ich mich schon vorher bewegt hatte.“

Sie haben von 2008 bis 2010 ein Masterstudium an der Bauhausuniversität in Weimar absolviert und zwar Medienmanagement.

„Ich habe verschiedene PR-Agenturen angesprochen und eine der Agenturen hat jemanden für die Kampagne „Děkujeme, odcházíme“ gesucht.“

Was war Ihre Aufgabe bei dieser Kampagne?

„Mudrncák“  (Foto: ČT24)
„Auf der einen Seite war es die Kommunikation mit den Medien. Auf der anderen Seite habe ich mich aber auch im Terrain bewegt. Das heißt, ich habe mit dem so genannten „mudrncák“ viele tschechische Städte besucht. Das ist ein tschechisches Wort für den Krankenwagen, mit dem wir in ganz Tschechien unterwegs waren. Wir haben insgesamt 65 Krankenhäuser besucht und mit den Ärzten über die Idee dieser Kampagne gesprochen.“

Foto: ČTK
Diese Kampagne hatte am Ende Erfolg – die Einigung zwischen den Ärztegewerkschaften und der Regierung kam erst vor ein paar Tagen zustande. Umstritten ist die Kampagne aber deshalb, weil sie mit Slogans geworben hat wie zum Beispiel: „Unser Exodus – Ihr Exitus“.

„Mit Fragezeichen!“

Mit Fragezeichen, natürlich. Trotzdem haben die Ärzte dafür ziemlich Prügel bekommen. Wie bewerten Sie heute diese Kampagne?

Aktion „Danke,  wir gehen“
„Die Kampagne war sicher erfolgreich. Als wir begonnen haben, war sehr unsicher, wie es laufen wird. Wir mussten die Ärzte davon überzeugen, dass sie nur gemeinsam etwas erreichen können, wenn sie ihre Situation verbessern wollen – und dass sie dafür auch etwas riskieren müssen. Das geht nicht einfach so. Die Ärzte waren depressiv, sie wollten nicht mehr arbeiten – und dann haben sie sich plötzlich aufgerichtet. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie wirklich etwas ändern können, wenn sie wollen. Das war für uns wichtig.“

Eine Frage, die vielleicht unsere Hörer auch interessiert: Warum sprechen Sie so gut deutsch? Sie sind jung, Sie haben nicht besonders lange im Ausland gelebt. Sie stammen aus Liberec / Reichenberg und haben dort das F. X. Šalda-Gymnasium besucht, an dem es eine deutsche Abteilung gibt. Aber Sie haben nicht an der deutschen Abteilung studiert. Woher kommt ihr guter Bezug zu Deutsch?

Illustrativesfoto: Radio Prague International
„Ich habe Deutsch und Englisch gelernt, aber es war für mich immer natürlicher Deutsch zu sprechen als Englisch.“

Aber die meisten Tschechen sagen: ‚Deutsch lerne ich nur, weil ich es muss und weil es mit einen beruflichen Vorteil bringt.’ Die Tschechen sagen auch immer: ‚Deutsch klingt hart.’

„Für mich ist es genau umgekehrt. Ich finde Englisch sehr schwer, wegen der Aussprache. Mit Deutsch war das anders. Es ging schneller und es ist für mich einfach natürlicher.“

Sie haben nach dem Abitur ein interessantes Praktikum gefunden – und zwar in Hamburg, weit weg von Tschechien, hin zum Meer. Sie waren im Haus Rissen, das ist ein Institut für Politik und Wirtschaft, der Direktor ist Petr Robejšek, ein Tscheche. Was haben Sie dort gemacht?

„Das war Büroarbeit. Ich habe Kollegen bei Recherchen geholfen. In dem Institut fanden Seminare statt, vor allem zur Geopolitik und Sicherheitspolitik. Es war nicht so eine anstrengende Arbeit, aber es war das erste Mal, dass ich in Deutschland gearbeitet habe und nur deutsche Kollegen hatte. Für einen 18-Jährigen war das eine sehr gute Erfahrung.“

Deutsche Kollegen und einen tschechischen Chef – perfekte Kombination. Sie sind dann nach Prag zurückgekehrt und habe sich entschlossen, mit Ihrer Leidenschaft für das Journalistische weiterzumachen. Sie haben an der Karlsuniversität ein Studium für Journalismus, Medien und Kommunikation begonnen.

Karlsuniversität in Prag
„Das waren zwei Bachelorstudiengänge an der Fakultät für Sozialwissenschaften. Das war einerseits Journalismus - ich habe mich auf Hörfunk spezialisiert. Und außerdem Marketing, Kommunikation und PR. Das war damals ein ziemlich neuer Studiengang. Im September 2005 habe ich das dreijährige Bachelorstudium begonnen, und in diesen drei Jahren habe ich auch begonnen, in einem Verlagshaus als Online-Mitarbeiter zu arbeiten und ich habe auch in einer PR-Agentur erste Erfahrungen im Bereich Public Relations gesammelt.“

Hauptgebäude der Bauhaus-Universität Weimar  (Foto: Archiv der Bauhaus-Universität)
Sie waren eigentlich schon im Berufsleben und hätten in Tschechien weitermachen können. Sie haben sich aber entschlossen, noch einmal nach Deutschland zu gehen. Was hatten Sie vor?

„Ich habe einen Masterstudiengang gesucht wie Medienmanagement oder Medienmarketing. So etwas habe ich in Tschechien nicht gefunden, also habe ich überlegt, ob es nicht im Ausland einen solchen Studiengang gibt. Meine erste Wahl war Deutschland oder Österreich, weil ich damals schon ziemlich gut Deutsch gesprochen habe und ich wollte irgendwann dort studieren. Ich habe drei verschiedene Städte gefunden, wo man dieses Fach studieren konnte und habe dann Weimar und die Bauhaus-Universität ausgewählt.“

Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar  (Foto: Archiv der Bauhaus-Universität)
Und Sie haben dafür ein DAAD-Stipendium bekommen…

„Der Bewerbungsprozess hat mehr als ein Jahr gedauert, aber es war extrem wichtig für mich. So konnte ich in Ruhe studieren und musste nicht arbeiten.“

2008 bis 2010 haben Sie also an der Bauhaus-Universität Weimar Medienmanagement studiert. War das eine gute Zeit für Sie? Wie ist man Ihnen dort begegnet? Sind Deutsche den Tschechen gegenüber offen?

Stadtkern mit Herderkirche und Stadtschloss in Weimar  (Foto: R. Möhler,  Creative Commons 3.0)
„Die Mehrheit der Kommilitonen kam aus Westdeutschland, obwohl es in Weimar war. Es war wirklich ein guter Studiengang. Damals gab es nur wenige Medienmanagementstudiengänge in Deutschland. Meine Kommilitonen waren wirklich alle sehr nett. Fast alle waren schon einmal in Prag. Ich hatte keine Probleme, mich zurechtzufinden.“

Sie können ein Studium in Deutschland empfehlen?

„Kann ich sicher. Die Bauhaus-Universität ist eine kleine, gemütliche Universität im Grünen. Die Stadt ist toll. Als ich aus Prag nach Weimar kam, war das für mich wie ein Luftkurort. Alles grün, langsam, schön. Die Universität - das Niveau war toll.“

Hinweis:

In zwei Wochen hören Sie den zweiten Teil des Gesprächs mit Jan Sedláček. Da erfahren Sie dann, warum die Tschechen mit einer PR-Kampagne von der Volkszählung überzeugt werden müssen und was der geschichtsbegeisterte Jan Sedláček über das deutsch-tschechische Verhältnis denkt.