„Ein Bier bitte!“ – das war einmal. Jetzt heißt es Selbstbetankung!
Wenn es ums Bier geht, dann steht eine Nation Europas in der Regel an der Spitze aller Statistiken und Umfragen. Und das nicht nur, was die Qualität des Gerstengebräus betrifft. Tschechen führen das Bierglas statistisch häufiger an die Lippen als jede andere Nation auf der Welt. Und wenn es ums Biertrinken geht, dann sind auch ihrem Einfallsreichtum kaum Grenzen gesetzt. Der letzte Schrei – eine Art Biertankstelle. Christian Rühmkorf hat eine davon in Prag besucht.
Kein Tscheche, der das Lied von den unfähigen Feuerwehrleuten nicht kennt, kaum eine Kapelle, die es noch nicht gespielt hat. Eine runtergebrannte Brauerei – ein Alptraum im Land, wo Bier und Honig fließen.
Eine Kneipe im Prager Zentrum. Miroslav Žemlička erkärt seinen Gästen fachmännisch die Kunst des Bierzapfens. Und das kommt häufiger vor, denn hier heißt es: Sei dein eigener Barkeeper! Was aber nicht bedeutet, dass Horden von Gästen die Theke stürmen, während die Bedienung sich die Fingernägel lackiert. Bier-Bar-Besitzer Žemlička erzählt, wie sein Bier-Organismus arbeitet.
„Das Herz der Kneipe sind drei Biertanks, da vorne stehen sie hinter der gläsernen Wand. Jeder der Tanks enthält 1000 Liter gut gekühltes Bier, das durch gut gekühlte Leitungen gepumpt wird und zwar zu jedem einzelnen Tisch. Hier ist die Zapfanlage und der Gast zapft sich selbst sein nicht pasteurisiertes Pilsener Urquell.“
Oben auf jeder Zapfanlage ist ein Display, ein kleiner Bildschirm, der genauestens anzeigt, wie viel Bier schon durch die Kehlen geflossen ist. Optimierung und Effektivierung des Bierkonsums? Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht:
„Hier funktioniert das wie bei einer Tankstelle. Wir messen hier auf den Milliliter genau! Also, weniger Probleme und den Leuten macht das Selberzapfen Spaß“
Die Digi-Zapfsäulen sind zugleich auch LCD-Speisekarte. Per Knopfdruck landet die Nudelbestellung direkt beim Koch in der Küche. Ein weiterer Knopfdruck und eine Minute später ist auch der Kellner zur Stelle. Das Kneipen-Konzept ist vor zwei Jahren entstanden, in dem Ort, der das kühle Blonde im Namen führt. Zwei Pilsener Studenten hatten die Idee, haben das Geld dafür zusammengekratzt und die erste Kneipe aufgebaut. Jetzt verkaufen sie Lizenzen für dieses Konzept. Fünf Filialen gibt es bisher in Tschechien. Sie sind alle mit einem großen Bildschirm ausgestattet, der permanent die zehn trinkfreudigsten Tische mit ihrem jeweiligen Bierpegel anzeigt. Eine Rangliste des Rausches, an die alle Kneipenfilialen im Land angeschlossen sind.
„Tschechen sind kämpferisch. Wenn sie also sehen, dass die in Pilsen an irgendeinem Tisch ein Bier mehr getrunken haben, dann wird schnell nachgezapft, um wieder an Platz eins zu stehen.“
An dieser Bier-Konferenz-Schaltung sei auch gut zu sehen, welche Trinkgewohnheiten in den verschiedenen Städten herrschen, erzählt Žemlička:
„In Pilsen zum Beispiel fangen sie am frühen Nachmittag an, wenn sich in der Prager Kneipe noch niemand blicken lässt. Die haben dann erstmal den größten Vorsprung beim Wettbewerb. Dafür hören sie aber auch früher auf. Wenn wir also hier in Prag erst loslegen mit dem Spaß, dann trinken die schon langsam aus und gehen schlafen.“
Wem dieser schankwirtschaftliche Wettbewerb gefällt, der kann sich hier auch einen Bierpass ausstellen lassen. Darin werden akribisch die trinktechnischen Grenzüberschreitungen in Litern festgehalten. Und wenn es tatsächlich jemand schafft, in dieser Kneipe 1000 Liter runterzuspülen, dann winkt dem fleißigen Trinker als Preis ein Fallschirmsprung. Ob man den dafür erforderlichen Fitness-Test dann allerdings noch besteht? Die Gäste an den Zapfhähnen kümmerts nicht. Ihnen gefällt´s auch so:
„Na klar, das ist was Außergewöhnliches, selber zapfen ist super!“, sagt diese junge Frau.
„Das ist eine interessante unternehmerische Idee, weil man hier einfach mehr trinkt als in einer normalen Kneipe.“ Wie viel er denn schon intus habe, frage ich den bärtigen Mitt-Dreißiger.„Moment...“ Er dreht den Bildschirm zu sich – „Jetzt fang ich gerade mit dem siebten Bier an!“ Die Frau an seinem Tisch ist ihm hart auf den Fersen: „Das sechste!“, lacht sie.
Alles gute Tschechen: Diese Nation schüttet sich im Schnitt jährlich 160 Liter Bier in den Kopf. Zum Vergleich: Deutsche bringen es auf 115 Liter. Und so erstaunt es nicht mal, wenn schon kleine Schulmädchen auf dem Spielplatz das Lied von den unfähigen Feuerwehrleuten auf den Lippen führen.







