Zwischen Ultimaten und Konföderationsplänen: Das tschechisch-polnische Verhältnis im 20. Jahrhundert
Obwohl Tschechien und Polen alte slawische Nachbarn sind, leidet ihr Verhältnis unter den Belastungen der jüngeren Vergangenheit. Über diese wird zwischen beiden Nationen jedoch nur relativ wenig gesprochen. Dazu ein "Kapitel aus der tschechischen Geschichte" von Jakub Siska.
So betrachtete im Frühjahr 1938 der tschechoslowakische Botschafter in Polen, Juraj Slavik, die bilateralen Verhältnisse. Die Lage hat sich kurz danach, in der Zeit des Münchner Abkommens, noch weiter zugespitzt. Die polnische Regierung kam mit einer Gebietsforderung bezüglich Schlesien und stellte der Tschechoslowakei ein Ultimatum: Sie sollte innerhalb von 24 Stunden Armee und Polizei abziehen und das Gebiet der polnischen Verwaltung übergeben. Das durch das schwierige Ringen mit Hitler erschöpfte Prag stimmte zu. Das abgetretene Gebiet zählte 830 Quadratkilometer und 230.000 Einwohner - davon nur ein Drittel Polen. Und das war nicht alles: Einen Monat später beanspruchte Polen weitere Regionen in der Slowakei und erzwang von seinem Nachbarn eine neuerliche Kapitulation.
Tschechen und Polen kommen der Legende nach aus einem einzigen Stamm und sind sozusagen blutsverwandt. Es gab sogar Zeiten, in denen sie unter einer gemeinsamen Regierung lebten. Wodurch wurde also später dieses feindselige Verhalten verursacht? Der Historiker Jan Nemecek findet mehrere Gründe:
"Zum einen gab es das Problem mit dem Gebiet um Tesin, zu Deutsch Teschen. Das war in der Zwischenkriegszeit die wichtigste Streitfrage. Die vielsprachige Region war von großer Bedeutung. Es befanden sich dort sowohl wichtige Bergbauanlagen und Stahlunternehmen, als auch die Haupteisenbahnstrecke zwischen Böhmen und der Slowakei. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel das alles an die Tschechoslowakei, womit sich Polen nicht abfinden konnte. Dazu kam der Streit um die Lage der Minderheiten. Die in Polen lebenden Tschechen und Slowaken beklagten sich über ihre Unterdrückung - und umgekehrt. Wenn z.B. der eine Staat gewisse Maßnahmen gegen Gastarbeiter ergriffen hatte, dann machte der andere Staat das gleiche. Jede Aktion löste eine Gegenaktion aus. Das war ganz offensichtlich."
Neben der echten polnischen Minderheit gab es im Teschener Gebiet auch die Schlesier. Die bezeichneten sich selbst weder als Tschechen noch als Polen, und auch ihre Sprache unterschied sich von den anderen. Aber die tschechischen Politiker hielten sie für Tschechen, und die polnischen für Polen. Es handelte sich dabei um eine große Anzahl der Teschener Bevölkerung.
Der letzte Streitpunkt betraf die kommunistische Idee: Polen beschuldigte die Tschechoslowakei, dass sie deren Expansion ins Ausland unterstütze:
"Es gab wirklich eine kommunistische Bewegung in der Tschechoslowakei. Ihre Partei existierte hier legal - im Gegensatz zu Polen, wo sie verboten war. Und die Polen befürchteten die Ausbreitung der kommunistischen Idee über die Grenze. Die Warschauer Regierung sendete in dieser Sache mehrere Noten nach Prag. Aber meiner Meinung nach haben die Polen dieses Problem stark übertrieben."
Die Polen haben also, was die erwähnten Gebietsforderungen anbelangt, einen Sieg errungen. Aber nicht für lange. Nach der Entstehung des Protektorats Böhmen und Mähren am 15. März 1939 sind auch die Interessen der Polen ins Abseits geraten: Nicht einmal ein halbes Jahr später wurde das Land von Hitler überfallen. Dazu Jan Nemecek:
"Die polnische regierende Elite wurde in Rumänien interniert, im Westen formierte sich eine ganz neue Exilregierung. Diese stand streng in Opposition zu ihrer Vorgängerin, auch was die Einstellung gegenüber der Tschechoslowakei betrifft. Die Interessen der beiden Exilregierungen näherten sich an, und man sprach sogar über eine mögliche Nachkriegskonföderation. Aber schon ab 1942 stieß diese Zusammenarbeit auf den Widerspruch der Sowjetunion. Die beabsichtigte Konföderation wäre nämlich ein 'Cordon sanitair' zwischen ihr und Westeuropa gewesen, der die sowjetische Expansion behindern hätte können."
Trotz der anfänglichen Hoffnungen kam es unter den tschechoslowakischen und polnischen Exilregierungen später wieder zur Entzweiung. Daran war nicht nur die Sowjetunion schuld, meint der Historiker Jiri Fiedler:
"Schon seit dem Anfang der Verhandlungen konnte man große Unstimmigkeiten bemerken. Die erste betraf die Form einer eventuellen Konföderation: Die Polen waren der Meinung, dass diese einen engen Staatenbund mit einer gemeinsamen Regierung und einer gemeinsamen Armee darstellen sollte. Einen gemeinsamen zollfreien Wirtschaftsraum lehnten sie hingegen ab. Das war für die Tschechoslowakei nicht akzeptabel - sie forderte umgekehrt mehr Wirtschaftsfreiheit bei Erhaltung der Staatssouveränität. Der zweite Streit galt der gemeinsamen Staatsgrenze: Die Tschechoslowakei bestand auf der 1920 gezogenen Linie, für Polen war die nach dem Anschluss 1938 entscheidend. Hier war keine Einigung möglich. Für die Tschechoslowakei stand die Erneuerung der ursprünglichen Grenzlinien außer Diskussion."
Es könnte den Anschein erwecken, dass diese Probleme der Geschichte angehören und heute von keinerlei Bedeutung sind. Trotzdem stellen sie für Historiker beiderseits der Grenze eine offene Frage dar. Dabei geht es nicht um die Fakten, die allgemein bekannt sind, sondern um deren Interpretation. Als Beispiel können zwei kürzlich erschienene Bücher dienen, die beiderseits der Grenze die Verhältnisse vor und während des Krieges betrachten. Jiri Fiedler vergleicht:
"Beide Autoren gehen von denselben Unterlagen aus, aber sie erklären sie ganz unterschiedlich. Der polnische Professor Kaminski hält eindeutig den tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Benes für den Hauptverursacher aller Schwierigkeiten. Er soll mit den polnischen Politikern ein doppeltes Spiel getrieben, keinen Vorschlag ernst gemeint und sein Interesse für die Konföderation nur vorgetäuscht haben. Mein Kollege Jiri Nemecek ist hingegen davon überzeugt, dass Edvard Benes für die Konföderation war, mit seriösen Vorschlägen kam, und die Vereinbarung seitens der Polen zerschlagen wurde. Ich bin der Meinung, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt."
Die Gebietsfrage lebte Anfang der 90er Jahre, bei der Teilung der Tschechoslowakei, ein letztes Mal auf. Seitens der Slowakei wurde damals der Anspruch erhoben, dass Polen für die Dörfer, die dem Land einst zugefallen waren, eine Entschädigung zahlen sollte. Der Streit betraf in der Vergangenheit nämlich nicht nur das Teschner Gebiet, sondern auch weiter östlich gelegene Landkreise. Historiker sind der Ansicht, dass diese Frage auch in Zukunft noch gelegentlich auf die Tagesordnung kommen wird.







