Kind auf Bestellung: Ukrainische und tschechische Kliniken nutzen Grauzone für Leihmutterschaften
Bis zu 75.000 Euro für ein Kind auf Bestellung: Ein ukrainisch-tschechisches Netzwerk hat offenbar über mehrere Jahre hinweg ein lukratives Geschäft mit dem Kinderwunsch betrieben. Männern und Paaren aus der ganzen Welt wurden in der Ukraine Leihmütter vermittelt, die zur Geburt dann nach Prag geschickt wurden. Wie genau gesetzliche Grauzonen ausgenutzt wurden und ob dabei Fälle von Menschenhandel vorliegen, das hat ein Redakteur des öffentlich-rechtlichen Tschechischen Rundfunks recherchiert.
Ein Mann, der hier unter dem Familiennamen Dong fungieren soll, lebt im heimatlichen China mit seinem ukrainischstämmigen Lebenspartner zusammen. Beide ziehen ein Kind groß. So weit, so unspektakulär. Ungewöhnlich daran ist, dass das Paar viel Geld bezahlt hat, damit das Kind auf die Welt kommen konnte. Und das geschah unter nicht ganz legalen Umständen in Prag.
Dong ist einer von zahlreichen Klienten einer Reproduktionsklinik, die sich wiederum in der Ukraine befindet und deren Dienste inzwischen von Polizei und Staatsanwaltschaft strafrechtlich untersucht werden. Die Hintergründe zu dieser verzweigten Geschichte hat Vít Kubant zusammengetragen. Er ist Reporter bei iRozhlas.cz, dem Onlineportal des Tschechischen Rundfunks. Bei seinen Recherchen habe er auch mit Dong selbst gesprochen, schildert Kubant:
„Er beschrieb, wie er und sein Partner sich an den Computer gesetzt und die Möglichkeiten erkundet haben, über eine Leihmutterschaft an ein Kind zu kommen. Der erste Link, der auftauchte, führte zu einer Klinik in Charkiw in der Ukraine. Das schien dem Paar eine gute Wahl zu sein, weil sie das Land kannten.“
Nachdem auch Freunde in der Ukraine zu Rate gezogen worden, hätten sie diese Einrichtung dann tatsächlich kontaktiert, berichtete Dong in dem Interview:
„Diese Klinik hatte einen guten Webauftritt. Dort waren ziemlich viele Informationen über das Haus zu finden. Und auch die Kommunikation mit ihnen lief glatt.“
Man habe alle seine Fragen schnell und zuvorkommend beantwortet, betont Dong. Bei seinem persönlichen Besuch in Charkiw gab der Mann dann eine Spermaprobe für die Leihmutter ab. Dieser Vorgang sei in der Ukraine durchaus legal, sagt Reporter Kubant. Dennoch tauche in der Geschichte schon hier der erste Haken auf. Zur Legalisierung des Ganzen sei nämlich eine Scheinehe nötig gewesen…
„In der Ukraine kann ein heterosexuelles Ehepaar eine Leihmutterschaft eingehen, wenn es nachweist, dass ihm über eine längere Zeit keine Schwangerschaft gelingt und dass zum Beispiel auch Versuche einer künstlichen Befruchtung versagt haben. Dong wurde also aufgefordert, erneut einzufliegen und sich mit einer Ukrainerin zu vermählen. Ihm kam das komisch vor. Er hatte von Anfang an danach gefragt und wollte, dass alles legal abläuft und keinerlei Gesetze überschritten werden.“
Trotz dieser Bedenken sei Dong erneut in die Ukraine gereist und diese Ehe tatsächlich eingegangen, ergänzt Kubant. Die Leihmutter für sein Kind und vorgebliche Ehefrau habe sich der Klient selbst aussuchen können:
„Denn in der Ukraine ist die Gesetzeslage anders und womöglich auch die ethische Wahrnehmung von künstlicher Befruchtung. Es gibt dort Datenbanken sowohl mit Spenderinnen von Eizellen als auch mit Leihmüttern. Man kann sich durch eine Liste Dutzender Frauen klicken, einschließlich Fotos, Altersangabe, Körpergröße und Gewicht, dazu Angaben zu Ausbildung, Beruf und Hobbys.“
In Tschechien etwa wäre dies alles unvorstellbar, führt Kubant zum Vergleich an. Eizellenspenderinnen sind hierzulande nämlich anonym.
Die Polizei wurde aufmerksam
Zu der Zeit, als Dong in Charkiw alle Bedingungen der Klinik erfüllt hatte und die Leihmutter bereits schwanger war, wurde die ukrainische Polizei auf diese Praktiken aufmerksam. Denn es habe in der Klinikkartei eine ganze Reihe chinesischer Männer gegeben, deren Geschichte die gleiche gewesen sei, so der Bericht von Reporter Kubant. Dong äußerte dazu, ihm seien diese Hintergründe damals noch nicht bekannt gewesen. Ihm sei nur mitgeteilt worden, dass die Geburt in Tschechien stattfinden werde. Und weiter:
„Die Klinik teilte mir mit, dass es Probleme gebe. Diese würden dadurch gelöst, dass wir nach Prag fahren sollten. Letztlich habe ich eingelenkt – auch deshalb, weil es dort eine bessere Gesundheitsversorgung gibt.“
Die Leihmutter reiste also nach Prag. Warum auch Dongs Anwesenheit noch vor der Geburt wichtig war, erläutert Vít Kubant:
„Die Leihmutter und der biologische Vater mussten in diesem Prozess das Standesamt in Prag aufsuchen, um die Vaterschaft anzugeben. Sie täuschen also vor, ein Paar zu sein, und durch die Bestätigung der Mutter wird der Vater in die Geburtsurkunde eingetragen. Danach setzt das Paar ein Dokument auf, in dem die Mutter ihre Rechte auf das Kind abtritt und es in die Obhut des Vaters übergibt. Der lässt dann im Konsulat für das Kind einen Reisepass ausstellen, um mit ihm abzufliegen.“
Dong kam aber nicht nach Prag – denn es war das Jahr 2020, und die erste Welle der Corona-Pandemie war ausgebrochen. Wegen der Grenzschließungen sollte sich Dongs Reise mehrere Monate lang verzögern. Immerhin sei ihm von den Vertretern der Kliniken in Charkiw und in Prag zugesichert worden, dass sich eine Amme nach der Geburt um das Kind kümmern werde. Dann habe eine sehr schwierige Zeit für ihn begonnen, sagt der Vater:
„Insgesamt 125 Tage wusste ich überhaupt nicht, was mit meinem Kind passiert und ob es vielleicht krank ist. Ich hatte den Kontakt total verloren. Ich wusste nicht, wer bei ihm ist und sich kümmert. Die Klinik gab mir keinerlei Antworten. Diese 125 Tage waren die allerschlimmsten, an keinem Abend konnte ich einschlafen.“
Nicht nur, dass die Klinik offenbar jegliche Kommunikation vernachlässigte – sie habe ihrem Klienten außerdem hohe Summen für die Arbeit der Amme in Rechnung gestellt, fährt Reporter Kubant fort. Dies habe sich auf monatlich etwa 4500 Euro belaufen:
„Als Dong wissen wollte, wie sich diese Summe zusammensetzt, reagierte die Klinik nicht wirklich angenehm. Vielmehr drohte sie, ihm keine Informationen zu dem Kind mehr mitzuteilen und es in ein Kinderheim zu stecken, wenn er nicht aufhöre, sich zu beschweren. Dong hatte sich zu der Zeit schon an die tschechische Botschaft in China gewandt, um zu erfahren, wie er zu seinem Kind kommen könnte. Die Klinikvertreter erfuhren davon und behaupteten dann ihm gegenüber, dass das tschechische Ministerium ihn auf eine schwarze Liste gesetzt habe und er gar nicht mehr nach Tschechien einreisen könne. Sie versuchten also, dass Geld aus ihm herauszupressen.“
Insgesamt rund 100.000 Euro musste Dong nach eigenen Angaben für den gesamten Prozess aufbringen. Neben den Gebühren für Klinik und Amme schlugen demnach auch Flugtickets und Mietkosten in Prag zu Buche.
Lukratives Geschäft
Der Chinese Dong war nicht der einzige Klient, an dem die Reproduktionsklinik in Charkiw so gut verdiente. Die tschechische Polizeizentrale zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens (NCOZ) hat inzwischen etwa 30 Fälle aufgedeckt, die in die Jahre 2017 bis 2020 fallen. Die Klienten stammten aus allen Teilen der Welt, fasst Vít Kubant zusammen. Es habe sich dabei meist um alleinstehende Männer, homosexuelle Paare oder heterosexuelle Paare höheren Alters gehandelt.
Die Leihmütter waren den Ermittlungen zufolge immer Ukrainerinnen und häufig alleinerziehende Mütter mit finanziellen Problemen. Darum könne von einer Ausbeutung dieser Frauen gesprochen werden, informiert NCOZ-Chef Jiří Mazánek:
„Es handelt sich um Frauen in einer verzweifelten sozialen Lage. Der zusätzliche Verdienst war daher für sie auch sehr hoch. Ein biologischer Vater zahlte zwar 60.000 bis 75.000 Euro, aber an die Leihmutter gingen davon nur 8000 bis 10.000 Euro. Dies stellt ein riesiges Geschäft dar für die organisierte Gruppierung, die all das vermittelt.“
Für dieses Netzwerk, das sich mindestens auf die Ukraine und Tschechien ausstreckte, seien die Einnahmen lange glatt gelaufen, sagt Reporter Kubant. Der biologische Vater und die Leihmutter hätten in Prag für gewöhnlich kurz vor der Geburt den Gang zum Standesamt erledigt. Nur wenige Tage nach Geburt habe die Leihmutter das Stillen verweigert und der Vater das Kind in seine Obhut genommen. Gestört wurde dieser eingespielte Prozess erst durch die Corona-Pandemie, wie Dongs Fall zeige.
Grauzonen in beiden Ländern ausgenutzt
Die wichtigste Frage, die sich bei all dem nun stellt, lautet wohl: Muss dabei von Kinderhandel oder Menschenhandel gesprochen werden? Dazu Vít Kubant:
„Rechtlich kann keine der beiden Bezeichnungen angewendet werden. Aber wenn man es aus ethischer Sicht betrachtet, ist es mindestens streitbar. Denn in Tschechien kann ein Kind keine Ware sein. Niemand darf sich gegen Bezahlung ein Kind anschaffen. Dies ist hier aber der Fall. Die Gebühren für die Klinik waren riesig, und diese sprach wiederum eine Garantie aus, ein gesundes Kind zu liefern. Strafrechtlich stellt das Ganze ein Problem dar, denn das Krankenhaus nutzte bestehende Gesetzeslücken aus.“
Die Leihmutterschaft sei in Tschechien nämlich gesetzlich nicht geregelt, fügt Kubant hinzu und erläutert weiter:
„Wenn der ganze Prozess immer nur in einem Staat stattgefunden hätte, dann wäre er strafbar. Aber die Leihmutterschaft lief faktisch nicht in Tschechien ab, sondern in der Ukraine. Dort bewegte sich das auch eher in einer Grauzone, aber für die Geburt kamen die Leihmütter immer nach Prag. So entschwanden sie für die ukrainischen Behörden aus dem Sichtfeld. In Tschechien kann wiederum jeder aufs Standesamt gehen und die Vaterschaft eines Kindes angeben. Die dortigen Beamten sind gesetzlich nicht verpflichtet, dies zu prüfen, sofern das Paar alle formalen Anforderungen erfüllt.“
Dadurch habe sich die Strafverfolgung in Tschechien schwierig gestaltet, so Kubant. Die hiesigen Behörden hätten die Akten darum an die entsprechenden Stellen in der Ukraine weitergeleitet. Dort stünden aktuell vier Klinikangestellte wegen Menschenhandels vor Gericht, wofür sie mit bis zu 15 Jahren Gefängnis bestraft werden könnten. Über die Leihmütter ist laut dem Reporter nur bekannt, dass sie nach der jeweiligen Geburt in die Ukraine zurückgekehrt seien. Die meisten von ihnen hätten aus dem Gebiet um Charkiw gestammt, das heute mit am härtesten von Russlands Angriffskrieg betroffen ist. Über die aktuelle Lage der Frauen hätten die Ermittler keine Informationen, so Kubant.
Und Herr Dong? Ihm, seinem Partner und dem Kind gehe es gut. Sie lebten als eine Familie in China, und das Kind ist inzwischen vier Jahre alt, teilt Vít Kubant mit.







