Leben bei den Indios: Der böhmische Kartograf des Amazonasgebiets Samuel Fritz
Samuel Fritz (1654–1725) ist als jener Kartograph bekannt geworden, der als erster den Amazonas mit seinen Zuflüssen beschrieb. Mehr über das Leben des Jesuitenpaters aus Ostböhmen erfahren Sie im folgenden Kapitel aus der tschechischen Geschichte.
An den Jesuitenpater Samuel Fritz wird in diesem Jahr anlässlich seines 300. Todestags vor allem in seiner Geburtsstadt Trutnov erinnert. Der Deutschböhme verbrachte allerdings fast 40 Jahre im Amazonas-Gebiet. Und dort starb er auch, und zwar am 20. März 1725 in Jéberos. Diese Stadt lag im Vizekönigreich Peru. Fritz habe zu einer Gruppe von Jesuiten aus Böhmen gehört, die damals teilweise auf eigenen Wunsch und teilweise auf Empfehlung des Ordens nach Südamerika entsandt worden seien, erzählt Petr Havlíček. Der Jesuitenpater ist in der Prager Ignatius-Kirche tätig.
„Jesuiten, die zu Missionen in Übersee entsandt werden wollten, wandten sich damals mit einem Brief an den Generaloberen. Von Samuel Fritz sind zwei derartige Briefe erhalten, der eine stammt vom Frühjahr 1683, der andere vom Herbst desselben Jahres. Er wusste zuvor vermutlich, dass Missionare für Chile gesucht wurden. Daher bot er sich an, nach Chile zu fahren. Als er die Antwort auf seinen zweiten Brief erhielt, stand darin, Fritz werde in das Amazonas-Gebiet entsandt. Im Herbst 1683 begab er sich dann auf die Reise.“
Gemeinsam mit Fritz reisten damals der aus Mähren stammende Jesuitenpater Heinrich Richter und eine Gruppe weiterer Missionare aus den Ländern der Habsburger Monarchie. Zuerst ging es über die Alpen nach Italien und von dort aus mit dem Schiff nach Spanien...
„Dort warteten die Missionare auf Schiffe, die einmal im Jahr Richtung Südamerika fuhren. Fritz verbrachte also noch fast ein Jahr lang in Europa. Mit dem Schiff gelangte er in das heutige Kolumbien, und von dort aus begab er sich Richtung Süden, dabei musste er zu Fuß oder mit Maultieren die Anden überwinden. Die ganze Reise aus Böhmen zum Ziel am Oberlauf des Amazonas dauerte zwei Jahre.“
„Die Vorgesetzten bestätigten, dass die Bewerber sprachbegabt, gesund und in guter körperlicher Verfassung sind.“
Wenn man die Reise von Samuel Fritz und seinen jahrzehntelangen Aufenthalt im Amazonas-Gebiet bewertet, muss man zum Schluss kommen, dass eine bewundernswerte körperliche Leistung dahinterstand. Spielten auch die physischen Voraussetzungen der Missionare bei der Entsendung eine Rolle? Petr Havlíček:
„Sie wurden vermutlich nicht nur nach ihrem eigenen Brief ausgewählt, sondern auch nach Gutachten ihrer Vorgesetzten beurteilt. Diese bestätigten, dass die Bewerber sprachbegabt, gesund und in guter körperlicher Verfassung sind. Wir wissen von Jesuiten, die wegen ihrer schwachen Konstitution und häufigen Erkrankungen in Böhmen bleiben mussten.“
Samuel Fritz wird heute als ein hervorragender Kartograf gefeiert. Über welche Kenntnisse verfügte er, um den Amazonas und seine Zuflüsse beschreiben zu können?
„Aus den historischen Quellen wissen wir nur, dass er Philosophie und Theologie studierte. Die Philosophie umfasste jedoch auch Grundkenntnisse in den Naturwissenschaften. Etwas aus der Mathematik und Physik war auch dabei. Ich denke, dass die Jesuiten damals eher Autodidakten waren. Wir können nur spekulieren, ob Fritz Erfahrung damit hatte, wie man Landkarten zeichnet. Darüber wissen wir nichts. Vorstellbar ist, dass er während der Schifffahrt über den Atlantik einiges darüber gelernt hat, wie man sich nach den Sternen orientiert. Zudem kann es sein, dass er einfache Geräte mit ins Amazonas-Gebiet nahm, die ihm bei den Messungen halfen. Fritz zeichnete damals die erste ausführliche und für die damalige Zeit präziseste Karte des Amazonas und seiner Zuflüsse.“
Die Jesuiten nahmen zudem Kontakte zu den dortigen Bewohnern auf. Aus den Briefen, die Fritz‘ Kollege, der Missionar Heinrich Richter, nach Böhmen schickte, geht laut Havlíček hervor, dass es manchmal mit Geschenken gelang, die Aufmerksamkeit der Ureinwohner zu gewinnen. Im Missionsgebiet, in dem Fritz tätig war, entstanden im Laufe der Jahre zahlreiche sogenannte „Reduktionen“. Der spanische Begriff „reducciones“ meinte Siedlungen, die von Missionaren und den spanischen Herrschern in Lateinamerika gegründet wurden.
„Die Siedlungen ähnelten jenen Dörfern, in denen die Indios lebten. In den Hauptorten, in denen die Missionare tätig waren, wurden zudem Kirchen erbaut. Die größeren Orte sahen eher wie die Gemeinden in Europa aus: Die Häuser waren geometrisch gereiht, es gab dort Anbauflächen, für die zuvor ein Teil des Urwalds gerodet werden musste. Die Hauptsiedlung, die von Samuel Fritz gegründet wurde, hieß San Joaquín. Sie war das Zentrum des Gebiets, in dem Fritz wirkte.“
Beschützer des Stamms der Yurimagua
Über das Leben und die Arbeit von Samuel Fritz ist einiges bekannt, weil seine Briefe und vor allem seine Aufzeichnungen erhalten blieben.
„Die Aufzeichnungen sind nicht datiert, aber sie beschreiben alles, was während eines Jahres passiert war. Die Texte sind erhalten, weil sie später von einem anderen Jesuitenpater herausgegeben wurden. Fritz beschreibt auch die Beziehung der Bewohner zu ihm. Er war bei zwei Stämmen stationiert, den Omagua und den Yurimagua. Vor allem beim Yurimagua-Stamm war er sehr beliebt. Fritz zitiert in seinen Aufzeichnungen den Häuptling. Dieser habe ihm gesagt, dass sie ihn gern hätten, da er ihr Pater – also Vater – sei, der sich um sie kümmere und sie vor den Eroberern schütze. Denn die Portugiesen versuchten damals, die ursprünglichen Bewohner des Amazonas-Gebiets zu versklaven. Fritz kämpfte hingegen für sie und bemühte sich darum, die Angriffe auf die Bewohner zu stoppen. Manchmal evakuierte er die Bewohner stromaufwärts, um sie vor den Angreifern zu schützen. Die Yurimagua vertrauten ihm als ihren Beschützer.“
Fritz war ein Jesuitenpater, der dem spanischen König untergeordnet war, bewegte sich damals jedoch in einem Gebiet, das umstritten war.
„1689 begab sich Fritz stromabwärts mit einem Boot bis zur Grenze zu den portugiesischen Gebieten. Der Grund war, dass er schwer erkrankt war und nach Hilfe suchte. Die Portugiesen nahmen ihn jedoch gefangen und verschleppten ihn nach Belém, wo er in einem Kloster interniert wurde. Denn man hielt ihn für einen spanischen Spion.“
Fritz schrieb damals einen Brief an den portugiesischen König. Dieser bewirkte, dass der Missionar schließlich freigelassen wurde und in seine Mission zurückkehren durfte. Während der Reise beobachtete Fritz den Fluss und alle Zuflüsse genau. Damals zeichnete er seinen ersten Entwurf für eine Landkarte des Amazonas. Diesen korrigiert er später. Und 1707 wurde in Quito eine ausgebesserte Landkarte des Flussnetzes von Fritz gedruckt.
Betätigung als Zimmermann, Schreiner und Holzschnitzer
Samuel Fritz war nicht nur ein tüchtiger Kartograf und Seelsorger, sondern organisierte auch Bauarbeiten. Petr Havlíček dazu:
„Es sind Berichte darüber erhalten, dass er beim Bau von Kirchen sogar selbst als Schreiner, Zimmermann und Holzschnitzer tätig war. Er soll eigenhändig Möbel für Kirchen herstellt haben. Ich habe Fotos von Kirchenausstattungen gesehen, über die gesagt wird, diese habe Samuel Fritz geschnitzt. Aber wir wissen es nicht. Ein skeptischer Europäer stellt sich die Frage, ob die Gegenstände bis heute überhaupt erhalten werden konnten.“
Fritz war zudem zweifelsohne sprachbegabt, die Sprache der Indios lernte er vermutlich schnell.
„Bei Fritz weiß ich nichts davon, dass er eine Grammatik oder ein Wörterbuch für die Sprachen der Indios zusammengestellt hätte wie andere Jesuiten auf ihren Missionen. Der aus Böhmen stammende Paul Klein verfasste beispielsweise auf den Philippinen ein Wörterbuch der Sprache Tagalog. Fritz erwähnte in seinen Briefen nur, dass sich die Sprachen der Stämme Omagua und Yurimagua sehr ähnlich seien. Und als er die eine Sprache beherrscht habe, sei es einfach gewesen, die andere zu lernen.“
Vor etwa 25 Jahren begab sich eine tschechische Forscherexpedition auf die Spuren des Jesuitenpaters. Sie stellte damals vor Ort fest, dass Samuel Fritz für die dortigen Forscher und Jesuiten bis heute ein Begriff ist. Und diese zeigten sich damals sehr froh, dass Wissenschaftler aus Tschechien kamen und sich für den namhaften Kartografen interessierten. In der breiten Öffentlichkeit ist Fritz mittlerweile hierzulande eher unbekannt, dafür wird er in Expertenkreisen sehr geschätzt. Petr Havlíček merkt an:
„Es gab auch viele weitere Jesuiten, die in Missionen wirkten und nicht im allgemeinen Bewusstsein sind. Denn oft werden diese Persönlichkeiten erst im Laufe der Zeit entdeckt. Einige von ihnen wurden schon in der Zwischenkriegszeit bekannt, da ihre Korrespondenz hierzulande aufbewahrt wurde. Viele von ihnen wurden aber auf Expertenebene auch erst nach 1990 wiederentdeckt. Als Jesuiten sind wir froh, dass jemand auf diese vergessenen Persönlichkeiten aufmerksam geworden ist und wir nun mehr über sie erfahren. Seit 1678 sind mehr als 120 Mitglieder der tschechischen Jesuitenprovinz nach Übersee gegangen.“
„Das einzige, was erhalten geblieben war, waren die Schuhsohlen des Missionars.“
Samuel Fritz starb am 20. März 1725 und wurde im Amazonas-Gebiet bestattet.
„Als etwa 40 Jahre nach seinem Tod die Kirche, in der er bestattet wurde, umgebaut werden sollte, wurde die Gruft geöffnet. Dort wurde nichts gefunden, Fritz‘ Körper war vollständig zerfallen. Das einzige, was erhalten geblieben war, waren die Schuhsohlen des Missionars“, weiß Havlíček.
In Trutnov, der Geburtsstadt von Samuel Fritz, wird derzeit ein Zyklus von Vorlesungen über den namhaften Kartografen veranstaltet. Der nächste Vortrag findet am 29. April im dortigen Neuen Rathaus statt.








