Ein langer Weg zu gehen: Konzepte zur Verkehrsberuhigung in tschechischen Städten

Petra Syrová

Zu Fuß zu gehen ist die beste und natürlichste Form, in der Stadt kurze Strecken zurückzulegen. Dies ist die zentrale Botschaft der tschechischen Organisation Pěšky městem (Zu Fuß durch die Stadt) – und um sie umzusetzen, unterstützt die NGO nachhaltige Verkehrskonzepte. Dazu wurde nun schon zum dritten Mal eine internationale Konferenz in Prag ausgerichtet. Präsentiert wurden dabei etwa verkehrsberuhigende Maßnahmen rund um die hiesige Deutsche Schule oder aber erfolgreiche Tempolimit-Projekte aus dem Ausland.

Zu Fuß durch die Stadt | Foto: Pěšky městem

Das erste Mal kamen unter dem Motto „Zu Fuß durch die Stadt“ zahlreiche Akteure und jene, die es werden wollten, im Jahr 2021 im Prager Zentrum für Architektur und Stadtplanung (CAMP) zusammen. Damals habe der internationale Austausch über eine nachhaltige Transformation des städtischen Verkehrs und den Ausbau der Mikromobilität begonnen, sagt Petra Syrová, Vorsitzende der NGO Pěšky městem. All diese Ideen hätten zum Ziel, die Lebensbedingungen für die Stadtbewohner sowie die Qualität des öffentlichen Raums zu verbessern…

„Das Motto dieser dritten Konferenz lautet ‚Mut zum Loslegen‘. Es geht aus der Erkenntnis hervor, dass die Konzepte, die bisher bei den Treffen vorgestellt wurden, auch in die Realität überführt werden müssen. Dazu ist oft eben Mut nötig, der den Politikern oder anderen Personen in Entscheidungspositionen aber leider manchmal fehlt. Also haben wir Politikerinnen und Politiker sowie wichtige Vertreter der öffentlichen Verwaltung eingeladen, die schon etwas mit Erfolg umgesetzt haben. Sie kommen sowohl aus europäischen Metropolen als auch aus tschechischen Städten und Gemeinden.“

Um über die eigenen Erfahrungen und auch mögliche Hürden zu berichten, war etwa Martina Němečková (Stan) aus dem westböhmischen Planá ins CAMP gekommen. In den 15 Jahren, die sie Bürgermeisterin der 5000-Einwohner-Stadt ist, habe sie bereits mehrere Verbesserungen für wenig Geld umsetzen können, schildert die einstige Lehrerin im Interview mit Radio Prag International. Eine nenne sich „Pavouk“ (Spinne), habe nur sechs Millionen Kronen (240.000 Euro) gekostet und betreffe die Aufwertung einer einst unschönen Rasenfläche zwischen mehreren Plattenbauten:

Martina Němečková | Foto: Pěšky městem

„Als Bürgermeisterin habe ich diese Siedlung quasi geerbt, und dort gab es diese Rasenfläche mit lauter Trampelpfaden. Seit langem weiß man nun schon, dass man neu geplante Wege genau dort anlegen soll, wo die Leute es gewohnt sind entlangzulaufen. Daran knüpfte also das ‚Spinnen‘-Projekt an: Die Wege blieben bestehen, wurden aber ausgebaut. Und die Umgebung wurde um einige Sitzstufen bereichert, sodass ein Ort entstand, an dem sich die Leute nun treffen. Dort sind auch die Kinder in Sicherheit, denn zwischen den Häusern gibt es keine Autos. Es ist aber immer noch eine Plattenbausiedlung, also ist die Konzentration an Autos generell sehr hoch.“

Ebenso groß sei der Druck, den die Anwohner ausüben, um auch auf den Rasenflächen ihre Fahrzeuge parken zu können, ergänzt Němečková. Wie andere Präsentationen auf der Konferenz ebenfalls belegten, sind fehlende Parkplätze und der wachsende Bedarf an ihnen ein echtes Problem für die Stadt- und Gemeindeverwaltungen in ganz Tschechien. Für Planá führt Němečková aus:

„Ich habe ein paar Zahlen recherchiert. Wo in den 1970er Jahren ein Auto stand, müssen wir heute 30 Autos unterbringen. In einer kleinen Stadt mit einem klar abgegrenzten historischen Zentrum – und unsere denkmalgeschützte Zone ist wirklich weitreichend – kann man nicht einfach über- oder unterirdische Parkplätze bauen. Das geht schlicht nicht. Und ich habe das Gefühl, dass dies in den kleineren Städten noch schwieriger ist als in größeren. Uns gingen zu einem bestimmten Zeitpunkt also die Parkkapazitäten aus, sodass wir zu Parkautomaten übergehen mussten. Und bei uns wird es nun langsam schon notwendig, mit den Preisen nach oben zu gehen – weil auch diese Regulierung nicht mehr greift. Also muss es eine Veränderung im Denken der Menschen geben. Wir müssen ihnen zeigen, dass man zumindest in einigen Teilen der Stadt auch zu Fuß gehen kann und nicht unbedingt überall mit dem Auto hinfahren muss.“

Bezüglich dieser Erkenntnis würden die kleinen Städte in Tschechien den großen weit hinterherhinken, meint die Bürgermeisterin. Prag oder Plzeň / Pilsen sind einem Ort wie Planá nach Meinung von Němečková beim nachhaltigen Verkehr um etwa zehn Jahren voraus.

Bei Schulen beginnen

Aktuell arbeitet Martina Němečková an einem Konzept, wie der Autoverkehr rund um die Grundschule in ihrem Ort beruhigt werden kann. Für Überlegungen wie diese wollte die Konferenz von Pěšky městem auch Inspirationen aus dem Ausland bieten. In Bologna etwa herrscht seit einem Jahr ein stadtweites Tempolimit von 30 Stundenkilometern. Das gefällt nicht allen Bewohnern – zumal die Stadt im Norden Italiens das Zentrum des „Motor Valley“ bildet, in dem eine Reihe bekannter Autohersteller angesiedelt ist. Aber gerade eine sicherere Verkehrslage rund um Schulen sei ein wichtiges Argument für Tempo 30 gewesen, berichtet Valentina Orioli. Sie ist Urbanarchitektin und war bis 2024 als Stadträtin für das Projekt „Bologna Cittá Trenta“ (Bologna, die 30-Stadt) verantwortlich:

Valentina Orioli | Foto: Pěšky městem

„Es hilft natürlich, wenn man sagt, dass man sich für die Reduzierung der Verkehrstoten einsetzt. Wenn man die Sicherheit für Kinder verbessern will, kann niemand sagen, dass dies eine falsche Maßnahme sei. Denn man engagiert sich für gemeinsame Werte sowie für den Schutz jedes Einzelnen, und man sorgt sich um das Leben der Menschen und der Kinder. Darum waren Schulen und deren Umgebung unser Ausgangspunkt, um mit der Transformation der Straßen zu beginnen.“

Die positiven Effekte des allgemeinen Tempolimits seien schon nach einem Jahr klar feststellbar, betont Orioli. Demnach sind in diesem Zeitraum erstmals in der Geschichte der Stadt keine Fußgänger mehr bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Und die Zahl der Schwerverletzten bei solchen Ereignissen ist um 30 Prozent zurückgegangen.

Man könne die Verkehrslage und das Mobilitätsverhalten der Menschen allerdings nicht von einem Tag auf den anderen verändern, räumt Orioli ein. Es sei ein langer Prozess und ein weiter Weg zu gehen…

„Natürlich gibt es immer einen Teil der Menschen, die eine Maßnahme nicht mittragen wollen. Aber wir beobachten, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit in der Stadt zurückgegangen ist. Darum können wir sagen, dass die Bestimmung respektiert wird. Wir treiben nun die Verkehrstransformation weiter voran. Wenn man dabei auch den öffentlichen Raum und das Straßennetz einbezieht, dann wird die Maßnahme immer effektiver. Man kann den Menschen natürlich nicht vorschreiben, auf der Autobahn nur 30 zu fahren. Vielmehr muss man solche Räume reduzieren, dafür den Fußgängern oder Radfahrern mehr Platz machen oder Raum für Bäume und zum Aufenthalt schaffen.“

Valentina Orioli | Foto: Pěšky městem

Bonus für Anwohner einplanen

Die Debatte über so einschneidende Transformationskonzepte wie in Bologna finde auf zwei Ebenen statt, schildert Orioli weiter. Eine sei die politische, bei der es auch viele Diskussion zwischen der Stadtverwaltung und der italienischen Regierung gegeben habe. Und über die zweite Ebene sagt die Professorin:

„Auf dem lokalen Level war die erste Projektphase sehr schwierig. Denn die Leute hatten noch keine klare Meinung, kannten das Vorhaben nicht oder hatten einfach Befürchtungen, dass sie beschränkt werden in ihrer Möglichkeit, überall hinfahren zu können. Sie haben die Maßnahme also zunächst als eine Einschränkung der persönlichen Freiheit verstanden. Im Laufe des Projektes haben Sie meiner Meinung nach aber verstanden, dass es keine Beschränkung darstellt, sondern eine Möglichkeit ist, die Lebensqualität zu verbessern.“

Milan Kostohryz | Foto: Pěšky městem

Und von diesem Prozess der Annäherung, für den eine ständige und gute Kommunikation mit den Bürgern nötig sei, berichtete bei der Konferenz auch Milan Kostohryz. Ihn habe die erste Konferenz von Pěšky městem 2021 dazu animiert, sich an seinem Wohnort, dem fünften Prager Stadtbezirk, für eine bessere Verkehrslage zu engagieren, teilte der heutige Stadtteilverordnete dem Publikum mit. Und weiter:

„Das Erste ist die Hinzuziehung der Bewohner. Dies ist das sensibelste Thema, denn da muss man die Hüllen fallen lassen. Da geht es darum, ob man die Menschen von einer Vision überzeugen kann. In Prag 5 war es uns wichtig, damit früh anzufangen – also gleich zu Beginn des Projektes, bevor die Detailplanung und die eigentlichen Verhandlungen beginnen. Denn dann ist es einfacher, die Ausrichtung des Projektes noch anzupassen.“

Bei der Diskussion mit den Anwohnern habe es sich für ihn zudem bewährt, einen professionellen Moderator einzubeziehen, ergänzt der Lokalpolitiker. Dies seien im Falle der Verkehrsberuhigung um die Deutsche Schule in Prag-Jinonice die zuständigen Architekten gewesen, die auf diese Weise ihr Konzept haben vorstellen können. Was ihre Hauptaufgabe war, schildert Kostohryz so:

Milan Kostohryz  (mit Mikrophon) | Foto: Pěšky městem

Die Deutsche Schule in Prag 5 ist deshalb spezifisch, weil sie ein großes Einzugsgebiet hat. Das bedeutet, dass die Eltern ihre Kinder von weither bringen, und oft benutzen sie dafür das eigene Auto. Dies führt morgens zu einer sehr unübersichtlichen Lage vor der Schule, wenn die Autos dort anhalten. Ein Teil der Schüler kommt auch zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, und so entstehen gefährliche Situationen. Es war also notwendig, den Autoverkehr an der Schule zu regulieren und zu reduzieren. Wir haben darum eine Einbahnstraße eingeführt. Und sehr wichtig war auch, Parkplätze anzubieten, die ein Stück weit von der Schule entfernt liegen.“

Da die Schüler zumeist nicht aus der unmittelbaren Nachbarschaft stammten, hätten die Anwohner den Veränderungen in der Verkehrsführung besonders kritisch gegenüber gestanden, fügt Kostohryz hinzu. Darum ist es bei solchen Vorhaben seiner Meinung nach wichtig, immer auch einen Bonus für die Betroffenen einzuplanen. Im Falle von Jinonice habe es sich um ein Durchfahrtsverbot der Siedlungsstraßen gehandelt, die Pendler immer genutzt hatten, um sich den Weg zur anliegenden Autobahn zu verkürzen. Dieser erhöhte Verkehr würde die Anwohner nun nicht mehr belasten, so der Stadtteilverordnete, und gleichzeitig sei auch die Lage vor der Deutschen Schule beruhigter.

Neben dem Austausch über Maßnahmen wie diese habe ihn noch ein weiterer Aspekt bei der Präsentation der Beispiele aus Bologna und anderen europäischen Städten inspiriert, resümierte Kostohryz:

„Es ist toll, die Veränderungen der Städte im Ausland zu sehen. Leider hängt Prag dabei noch sehr hinterher. Aber durch den Austausch und solche Konferenzen lernen die Experten und die Öffentlichkeit hierzulande solche Konzepte kennen. Ich hoffe, wir kommen auch bald dorthin und dass es in Prag dann ebenfalls solche schönen Maßnahmen geben wird. Mir gefallen vor allem die sommerlichen Verwandlungen einzelner Straßen, mit denen man etwa in Stockholm begonnen hat und die es nun auch in Helsinki gibt. Dabei werden den Sommer über zum Beispiel die Parkplätze in den Straßen abgeschafft und durch Grünanlagen und Sitzgelegenheiten ersetzt. Dadurch ist die Straße dann einfach für die Menschen da.“

Petra Syrová | Foto: Pěšky městem

Und auch Organisatorin Petra Syrová lobt den internationalen Austausch auf der Konferenz „Mut zum Loslegen“:

„Mir ist aufgefallen – und gleichzeitig ermutigt es mich –, dass die gleichen Probleme, die wir hierzulande haben, auch die erfolgreichen Akteure beschäftigen, die hier über ihre Errungenschaften berichtet haben. Was wir also brauchen, ist vor allem eine Vision, hinter der wir stehen müssen. Dann müssen wir es einfach nur noch angehen.“