Lucy und Selam: Die archäologischen „Kronjuwelen“ Äthiopiens in Prag

Lucy und Selam

Diese Woche ist im Prager Nationalmuseum eine lang erwartete Ausstellung eröffnet worden. Zwei Monate lang ist nun das Skelett von Lucy zu sehen – dem ältesten Fossil eines Menschenaffen, das je von Archäologen entdeckt worden ist. Es wird auf 3,2 Millionen Jahre geschätzt. Gezeigt wird Lucy außerdem in Gesellschaft von Selam, einem Kinderskelett, das sogar noch 100.000 Jahre älter ist. Die historische Bedeutung dieser beiden Artefakte, die eine Leihgabe der Regierung Äthiopiens sind, lässt sich kaum in Worte fassen. Dennoch gab es einiges Wichtiges zu sagen bei der Eröffnungsveranstaltung am Montag.

Donald Johanson | Foto:  Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Mit großem Applaus wurde der Entdecker von Lucy am Montag im Prager Nationalmuseum empfangen. Der US-amerikanische Paläoanthropologe Donald Johanson ist heute 82 Jahre alt. Er erinnere sich jedoch noch sehr lebhaft an jenen Tag im November 1974, als er die Skelettteile gefunden habe, sagte der berühmte Gast bei der Ausstellungseröffnung in Prag. Und er beschrieb einen typischen Tagesablauf von Lucy:

Die Entdeckung von Lucy | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Ich stelle mir vor, dass sie die meiste Zeit des Tages damit verbrachte, Nahrung zu suchen und nicht selbst gefressen zu werden. Ich denke, sie lebte sehr ähnlich wie in einer Schimpansengruppe. Es gab Männchen und Weibchen, und wahrscheinlich waren sie nicht von großer Zahl – vielleicht 20 oder 25 Mitglieder. Und sofern wir angesichts der Isotope und der Abnutzung der Zähne sagen können, waren sie im Grunde Vegetarier. Diese Gruppe lebte an einem sehr großen See, Lucy wurde im Sand am Ufer gefunden. In der gleichen Erdschicht befanden sich Schildkröten- und Krokodileier sowie Krabben. Sie war also wohl gerade dabei, Fische für das Abendbrot zu fangen.“

Modell erstellt nach den gefundenen Skelettresten von Lucy | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Heute geben die Knochen Lucys wertvolle Auskünfte darüber, wie diese Menschenaffen der Gattung Australopithecus afarensis ausgesehen haben und welche Bedeutung sie für die Entwicklung des Menschen, also des Homo sapiens hatten. Lucy, die vor etwa 3,2 Millionen Jahren auf dem Gebiet des heutigen Äthiopien lebte, gehörte zu den ersten Primaten, die aufrecht liefen. Weiter erläuterte Petr Velemínský, Chefanthropologe im Prager Nationalmuseum:

Petr Velemínský | Foto: Khalil Baalbaki,  Tschechischer Rundfunk

„Ihre Knochen haben einige Merkmale, die der Gattung Homo näher sind als der Gattung Australopithecus. Auf Grundlage der Untersuchungen in den 1970er Jahren begann man ihre Art als jene Vorfahren anzusehen, aus denen sich dann die Familie der Homo entwickelte. Das war also vor 30 oder 40 Jahren. Es gab danach aber noch weitere Funde, aufgrund derer man heute urteilt, dass der Australopithecus afarensis nicht unser direkter Vorfahre war. Er steht aber in jener Reihe, die ein bestimmtes Geschöpf hervorbrachte, aus dem sich wiederum die Gattung Homo entwickeln konnte. Vereinfacht gesagt, hielt man Lucy früher für eine Art Urgroßmutter, und heute gilt sie als unsere Urgroßtante.“

Modell Lucy | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

In jedem Fall sei es ein tolles Gefühl, einem originalen Geschöpf aus dieser frühen Phase der Evolution gegenüberzustehen, fügte Velemínský hinzu. Die Vertreter des Prager Museums hatten seinen Worten zufolge zunächst gar nicht zu hoffen gewagt, dass die Verhandlungen mit dem äthiopischen Nationalmuseum in Addis Abeba zu einem Erfolg führen und die Fossilien tatsächlich nach Tschechien entliehen würden. Die Verabredung wurde am Ende auf höchster politischer Ebene getroffen. Und so waren bei der Eröffnungsveranstaltung am Montag auch der tschechische Premier Petr Fiala (Wahlbündnis Spolu) sowie die äthiopische Tourismusministerin Selamawit Kassa anwesend. Fehlen durfte ebenso wenig der Generaldirektor des Prager Nationalmuseums. Er sei richtiggehend ergriffen, gestand Michal Lukeš ein:

Zeresenay Alemseged,  Donald Johanson,  Petr Fiala und Selamawit Kassa | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Für unsere Einrichtung, die mehr als 200 Jahre alt ist, ist dies zweifelsohne einer der bedeutendsten Momente in ihrer Geschichte – und das ohne Übertreibung. Denn die Exponate gehören zum wertvollsten Weltkulturerbe überhaupt und werden selbst in Äthiopien nicht dauerhaft ausgestellt. Es ist also eine große Ehre und eine wunderbare Angelegenheit. Für mich persönlich ist dies die Erfüllung eines Traumes als Museumsdirektor.“

Das Zeitfenster öffnete sich nach hinten

Ausstellung „Menschen und ihre Vorfahren“ | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Die Ausstellung im Prager Nationalmuseum trägt den Titel „Lidé a jejich předci“ (Die Menschen und ihre Vorfahren). Ein großes Banner an der Fassade des historischen Gebäudes zeigt das Gesicht eines Menschenaffen und den Schriftzug „Lucy & Selam“. Denn begleitet wird der Star der Schau von dem Originalskelett eines Kinderprimaten, der den Namen Selam trägt. Diese Knochen wurden im Jahr 2000 gefunden, und das ebenfalls im Afar-Dreieck, so wie Lucy. Nur ist Selam den Experten zufolge noch mindestens 100.000 Jahre älter. Doch schon Lucys Datierung habe der anthropologischen Forschung der 1970er Jahre einen neuen Zeithorizont nach hinten verschafft, berichtete Donald Johanson:

Professor Donald Johanson,  Entdecker von Lucy | Foto:  Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„An dem Skelett war so wichtig, dass es älter als drei Millionen Jahre war. Zu dieser Zeit konnte man alles Menschliche, was in der Geschichte der Anthropologie entdeckt worden und älter als drei Millionen Jahre war, in einer Hand zusammenhalten. Dies öffnete also ein ganz neues Fenster. Ich wusste damals noch nicht, ob es sich um eine neue menschliche Art handelte oder ob es männlich oder weiblich war – ich wusste aber, dass es wichtig ist.“

Es sei ein unglaublicher Moment gewesen, als er bei einem Blick über seine Schulter im Sand den kleinen Knochen erblickte, der sich kurz darauf als Teil eines menschlichen Ellenbogens entpuppte, so Johanson weiter. Und wohl zum hundertsten Male, aber ganz geduldig, erzählte er auch in Prag die Geschichte, wie Lucy zu ihrem Namen kam. Das Team von etwa 30 Wissenschaftlern und Studenten habe an dem Abend zur Feier der Entdeckung eine kleine Party veranstaltet…

„Ich hatte einen kleinen Kassettenrecorder dabei und das Album ‚Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band‘ von den Beatles. Als der Song ‚Lucy in the Sky With Diamonds‘ lief, fragte mich eine Kollegin, warum ich glaube, dass das Skelett zu einem Weibchen gehörte. Ich antwortete, weil es so klein und der Oberschenkelknochen nur so kurz sei. Es konnte sich nicht um ein Männchen handeln. Da sagte sie: ‚Warum nennst du sie nicht Lucy?‘ Ich sagte mir, ich bin doch ein Wissenschaftler, da müsse es schließlich ein komplizierter Name sein! Aber es war schon zu spät.“

Bereits beim darauffolgenden Frühstück hätten sich die Gespräche nur noch um „Lucy“ gedreht, und so sei der Name in der Welt gewesen, ergänzt Johanson.

Selam | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Ganz anders lief es bei Selam. Der Fund des Skeletts, das zu einem etwa zweieinhalb Jahre alten Mädchen gehört, löste eine eher „stille Freude“ aus, schildert sein Entdecker Zeresenay Alemseged. Erst die nachfolgenden Untersuchungen hätten die Bedeutung der Knochen an den Tag gebracht, so der äthiopische Paläoanthropologe. Und mit der Veröffentlichung der Ergebnisse habe er ganze sechs Jahre gewartet:

Professor Zeresenay Alemseged,  Entdecker von Selam | Foto:  Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„In der Pressemitteilung – und parallel dazu in meinem Artikel in der Zeitschrift Nature – fragte ich die Menschen, was man denn macht, wenn man ein Kind bekommt. Zusätzlich berichtete ich, wie schwer die Entdeckung war in einer abgelegenen, heißen Gegend, in der es damals außerdem einige lokale Konflikte gab. Ich bat darum, dass der Name kurz sowie leicht auszusprechen sein sollte, dass er den Frieden repräsentieren und in Äthiopisch sein sollte. Jemand schlug also Selam vor, was ‚Frieden‘ in vielen äthiopischen Sprachen bedeutet.“

Obwohl Selam lange auf ihren Namen warten musste, habe er schon bei den Ausgrabungen etwas von ihrer Bedeutung für die anthropologische Forschung geahnt, betont Alemseged. Denn schnell war klar, dass auch sie sich nicht nur durch die Bäume schwang, sondern bereits auf zwei Beinen laufen konnte…

Modell Selam | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Das Wichtigste an Selam ist aber, dass es ein komplettes Skelett ist, also vollständiger als das von Lucy. Und weil es zu einem Kind gehört, haben wir heute Informationen über diese Lebensphase und über die Beziehung zwischen Eltern und Kindern vor mehr als drei Millionen Jahren. Wir wissen nicht nur, wie sie aussah, sondern auch, wie sie sich verhielt. Und das ist wichtig für unser Verständnis von dem Prozess, wie wir zu Menschen geworden sind.“

Prag zeigt Lucy für ganz Europa

Selam Fossilien | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Die Reise der beiden Weibchenfossile nach Prag fand unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Lucy wurde bisher erst einmal außerhalb von Äthiopien gezeigt, nämlich in den Jahren 2007 bis 2013 in den USA. Beide Skelette sind nun zum ersten Mal überhaupt in Europa zu sehen. Dies sei für die Menschen hier eine seltene Gelegenheit, die gemeinsame Ursprungsgeschichte zu erkunden, unterstrich die Tourismusministerin Selamawit Kassa am Montag:

Äthiopiens Minister für Tourismus Selamawit Kassa | Foto:  Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Es gibt einen Grund, warum diese Ausstellung hier in Prag ist. Sie zementiert die bilateralen Beziehungen zwischen Äthiopien und der Tschechischen Republik. Vor zwei Jahren war unser Premier Abiy Ahmed zu einem offiziellen Besuch hier. Die beiden Regierungschefs haben darüber gesprochen, Lucy und Selam im Zentrum Europas auszustellen. Tschechien ist geografisch gesehen der ideale Ort, um ganz Europa zu zeigen, wie diese herrlichen Fossilien entstanden sind und was sie über die Geschichte unserer Herkunft berichten.“

Ausstellung Menschen und ihre Vorfahren | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Und diese Geschichte sei auch für alle heute lebenden Menschen immer noch dieselbe, betonte Donald Johanson vor dem Publikum im Prager Nationalmuseum. Dies sei eine äußerst wichtige Lehre für die Gegenwart mit all ihren globalen Herausforderungen:

Modell erstellt nach den gefundenen Skelettresten von Lucy | Foto:  Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Die Wurzeln jeder einzelnen Person in diesem Raum sind dieselben – egal, welche Farbe ihre Haut oder ihre Augen haben. Unser Gewebe ist afrikanisch. Wir alle haben die gleichen Vorfahren, wir sind durch unsere Vergangenheit verbunden. Ich denke, dies ist eine unglaublich wichtige Mahnung an die Menschheit von heute. Manchmal sage ich scherzhaft, es ist eines unserer größten Probleme, dass wir nicht wirklich Homo sapiens sind sondern vielmehr Homo excentricus. Wir halten uns für sehr besonders. Dabei war jeder einzelne unserer Vorfahren besonders und einzigartig. Und ohne ihren Überlebenskampf wären wir heute nicht hier. Nicht Europa war die Wiege der Menschheit – so wie man es im 19. und 20. Jahrhundert glaubte. Es war Afrika.“

Der Mensch sollte seine Existenz in einer größeren zeitlichen Perspektive betrachten, mahnte der Wissenschaftler. Denn um so lange auf der Erde zu leben, wie Lucys Gattung Australopithecus afarensis – nämlich eine Million Jahre lang –, müsse der Homo sapiens noch etwa achtmal so lange existieren wie bisher. Dazu müsse aber die Natur geschützt werden, so Donald Johanson. Diesbezüglich mache er sich jedoch große Sorgen:

Darstellung der Mitglieder der Gattung Homo | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Wenn die Welt, die uns hervorgebracht hat, in Gefahr ist, dann sind auch wir in Gefahr. Wir sind die wohl intelligenteste Spezies in unserem Sonnensystem, von der wir bisher wissen. Was ist, wenn wir die einzige Art mit diesem Intellekt sind? Und was, wenn wir aussterben? Denn ein Aussterben ist für immer. Dinosaurier kann man nicht zurückbringen, ebenso wenig wie andere ausgestorbene Wesen. Ich denke, wir sollten viel bedachtere Entscheidungen treffen, wie wir mit unserem Planeten umgehen. Denn letztlich können wir selbst für unser eigenes Aussterben sorgen. Dies ist eine weitere Eigenschaft des Menschen. Wir sind die einzigen bekannten Tiere, die sich selbst zerstören können. Wir haben nicht nur die Fähigkeit, sondern auch diesen verrückten Gedanken an Zerstörung. Je mehr wir also über unseren Platz in der Natur und unsere Herkunft wissen, desto vorsichtiger werden die Menschen hoffentlich sein.“

Exposition der Neandertaler | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Lucy und Selam sind im Prager Nationalmuseum bis zum 23. Oktober zu sehen. Die Ausstellung kann täglich von 9 bis 18 Uhr besucht werden. Die Tickets kosten 360 Kronen (14,70 Euro) für Erwachsene und 260 Kronen (10,60 Euro) für Kinder und können online gebucht werden:

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