„Pariserinnen“ an der Elbe: Vergessene tschechische Künstlerinnen in der Galerie in Litoměřice

Paris war seit dem 19. Jahrhundert die Traumstadt der Künstler. Wie sah dies aber bei weiblichen Kunstschaffenden aus? Die Ausstellung „Pariserinnen: Tschechische Künstlerinnen und Frankreich“ gibt Antworten darauf. Sie präsentiert bekannte und vergessene tschechische Malerinnen und Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts, deren Lebenswege und Karrieren für kurze oder längere Zeit über die französische Metropole führten.

Julie Mezerová Winterová  (1893-1980),  Küste in Quiberon,  Frankreich,  1929,  Öl auf Karton,  Privatsammlung | Foto: Ondřej Polák

Die Werke von insgesamt 25 Malerinnen und Bildhauerinnen, deren Schaffen von der Kunstszene in Paris inspiriert wurde, sind derzeit in Litoměřice zu sehen. Die Ausstellung heißt „Pariserinnen: Tschechische Künstlerinnen und Frankreich“. Für einige der Künstlerinnen ist es die erste Ausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt (z. B. Hana Hladíková Bernkopfová und Milena Šindlerová), andere werden in unbekannten Bereichen ihres Schaffens präsentiert (z. B. Marie Fischerová Kvěchová, Božena Vohánková oder Julie Mezerová Winterová). Vertreten sind aber auch bereits etablierte Damen der Kunst, denen in jüngster Zeit fachliche Aufmerksamkeit gewidmet wurde und die in Ausstellungen zu sehen waren (Marie Galimbertiová Provázková, Věra Jičínská, Hella Guth und Terry Haass). Schließlich fehlen auch nicht allgemein berühmte Namen wie Zdenka Braunerová, Toyen und Adriena Šimotová.

Gemälde von Hana Hladíková  (Bernkopfová),  Publikationen zur Ausstellung Pariser Frauen | Foto: Nordböhmische Kunstgalerie in Litoměřice

Die Ausstellung der Nordböhmischen Galerie für bildende Künste wurde vorbereitet in Zusammenarbeit mit der Mährischen Galerie in Brno / Brünn und zusammengestellt von der Kuratorin Dana Veselská. Sie erläutert, worin die Pariser Inspirationen beruhen, die der Leitfaden der Schau sind:

„Diese Verbindungen waren mannigfaltig. Es bedeutet nicht, dass die jeweilige Künstlerin unbedingt in Frankreich künstlerisch tätig sein musste. Manche haben dort eine Ausbildung erhalten, also dort vielleicht eine private Akademie besucht beziehungsweise einen Studien- oder Stipendienaufenthalt oder eine Arbeitsreise absolviert, bei denen sie sich mit französischen Motiven beschäftigt haben. Wir haben aber auch Künstlerinnen in die Schau aufgenommen, die in Frankreich bedeutende Auszeichnungen erhalten haben.“

Studium in Paris

Die Kuratorin und Galerieleiterin erinnert daran, dass erst Ende des 19. Jahrhunderts Frauen erstmals als vollwertige Künstlerinnen wahrgenommen wurden. Studienaufenthalte tschechischer Künstlerinnen in Paris wurden aber erst im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts üblich.

Zdenka Braunerova malt in ihrem Atelier | Foto: public domain

„Am Ende des 19. Jahrhunderts gestand auch die Kunstkritik in unserem Land zu, dass Frauen hochwertige Kunst schaffen können und dass es sich bei ihren Werken nicht nur um Handarbeiten, Stickereien oder Aquarelle mit Blumenmotiven handeln muss. Einige der Frauen, die wir ausstellen, wie Helena Emingerová oder Zdenka Braunerová, fanden in jener Zeit positiven Widerhall bei der Kunstkritik. In der Zwischenkriegszeit, in der demokratischen Tschechoslowakei unter Präsident Masaryk, erlangten Frauen eine ganz neue Stellung. Damals wurden Künstlerinnen sehr geschätzt, sei es Sláva Tonderová-Zátková, Božena Jelínková-Jirásková oder Julie Mezerová-Winterová. Eine andere Sache ist, dass zahlreiche dieser Künstlerinnen, die sich der modernen Kunst widmeten, nach 1948 völlig aus dem Bewusstsein verschwanden. Weil man sie nicht der sozialistisch-realistischen Kunstströmung zuordnen konnte, gerieten sie völlig in Vergessenheit.“

Gemälde von Helena Eminger,  Publikationen zur Ausstellung Pariser Frauen | Foto: Nordböhmische Kunstgalerie in Litoměřice

Diese Künstlerinnen stammten oft aus gut situierten Familien:

„Ihr soziales Umfeld war natürlich wichtig, damit sie sich den Aufenthalt in Frankreich, in Paris, leisten konnten. Denn wenn sie an privaten Pariser Akademien studieren wollten, mussten sie das Studium bezahlen.“

Marie Čermínová im Jahr 1920 | Foto repro: Andrea Sedláčková,  „Toyen,  první dáma surrealismu“ / Prostor

Die Gründe, warum die Künstlerinnen aus dem Bewusstsein verschwunden sind, hängen oft mit den politischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert zusammen. Einige von ihnen wurden von den Nationalsozialisten ermordet, andere emigrierten und blieben nach dem Krieg im Ausland, oder sie wurden vom kommunistischen Regime absichtlich aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt.

Zwischen Anerkennung und Vergessen

Die Bilder und Skulpturen werden in der Ausstellung durch umfangreiche biografische Texte ergänzt. Manchmal war detektivische Arbeit erforderlich, um Informationen über die Künstlerinnen zu erhalten, aber auch um ihre Werke aufzuspüren. Dies gilt etwa für Zdenka Datheil Arnoštová, die aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Prag stammte.

Zdenka  (Nelly) Datheil  (Arnoštová)  (1908-2000),  Komposition,  Frankreich,  undatiert,  1960er Jahre,  Öl auf Leinwand,  Privatsammlung | Foto: Ondřej Polák

„Wir hatten nur sehr wenige Informationen über diese Künstlerin, da sie im Laufe ihres Lebens mehrere Nachnamen verwendet hat. Selbst der Name Zdenka ist nicht ihr Geburtsname. Sie wurde als Nelly geboren und verwendete diesen Namen dann aus verschiedenen Gründen vor allem in der Zwischenkriegszeit. Aber erst als es uns gelang, eines ihrer Bilder beim Verkauf auf dem tschechischen Kunstmarkt zu identifizieren, konnten wir überhaupt darüber nachdenken, sie in die Ausstellung aufzunehmen.“

In der Zwischenkriegszeit arbeitete Zdenka als Bühnenbildnerin und Kostümdesignerin in bedeutenden Theatern in der Tschechoslowakei. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft habe sie eine kaum zu glaubende Kriegsgeschichte erlebt, sagt Veselská.

„Sie heiratete kurz vor Kriegsbeginn einen jugoslawischen Staatsbürger und überlebte eigentlich in Halbillegalität auf dem Balkan. Und dann ihr Weggang aus der Tschechoslowakei: Nach dem Krieg gelang es ihr nicht, das Familienvermögen zurückzugewinnen, aber 1947 gelang es ihr – glücklicherweise noch vor der Machtübernahme durch die Kommunisten – nach Frankreich auszuwandern. Sie setzte sich dort durch und war eine ziemlich bedeutende und anerkannte Künstlerin.“

Eine tragische Lebensgeschichte

Tita  (Edita) Hirschová  (1909-1942),  Selbstporträt,  Frankreich,  1935,  Tempera,  Papier,  Privatsammlung | Foto: Oto Palán

Porträts von Menschen aus dem Pariser Stadtteil Montparnasse haben wiederum Edita Hirschová berühmt gemacht, ihre Werke signierte sie mit dem Namen „Tita“. Sie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine wohlhabende jüdische Familie eines Prager Kaufmanns geboren und war offenbar seit ihrer Kindheit taub. Trotz ihrer Behinderung, aufgrund derer sie wahrscheinlich nie Kunst studiert hat, konnte sie sich durchsetzen: Sie gründete in Prag ein Geschäft für „Malerei eigener Originale für Werbezwecke”. Hirschová arbeitete auch als Modedesignerin, zeichnete für Modemagazine und illustrierte Zeitungsartikel. Darüber hinaus importierte sie Modeartikel aus Paris und zog 1934 in die französische Hauptstadt, wo sie Teil der Künstlergemeinde wurde. Gleichgesinnte fand sie unter den Surrealisten und feierte dort Erfolge.

„Sie ist heute eine relativ etablierte Künstlerin, die Fachwelt kennt sie, aber ihr Schicksal war unglaublich tragisch. Ihr Atelier wurde bei einer großen Razzia gegen ausländische jüdische Einwohner in Paris zerstört.“

Tita  (Edita) Hirschová  (1909-1942) | Foto repro: David Železný,  Pavel Smutný,  „Poutníci“ / Bohemian Heritage Fund

Edita Hirschová wurde bei der Razzia im Juni 1942 verhaftet und starb einige Monate später im KZ Auschwitz. Ihre Lebensgeschichte sei eine der tragischsten, die derzeit in Litoměříce erzählt werde, sagt die Galerieleiterin.

Die Ausstellung präsentiere nur eine Auswahl der „tschechischen Pariserinnen“, betont Veselská:

„Denn es gibt eine Reihe von den Künstlerinnen, von denen kein Werk verfügbar war. Es war daher einfach nicht möglich, die französische Erfahrung, die französische Schaffensphase, die französische Inspiration oder beispielsweise den Einfluss eines französischen Lehrers zu belegen. Insgesamt lassen sich mehr als 70 tschechische Künstlerinnen mit einer Verbindung zählen.“

Toyen  (1902-1980),  Enfouis dans leurs reflets  (Verborgen in ihren Spiegelungen),  Frankreich  (1956),  Öl auf Leinwand,  Privatsammlung | Foto: European Art Investments

Die Wiederentdeckung

Die Kuratorin ist daher überzeugt, dass enormes Potenzial besteht, sich noch detaillierter mit einer Reihe von Künstlerinnen zu befassen:

Julie Mezerová Winterová  (1893-1980),  Leser,  Frankreich,  undatiert  (um 1930),  Öl,  Holz,  Privatsammlung | Foto: Ondřej Polák

„Wie etwa Julie Mezerová-Winterová, denn die breite Öffentlichkeit kennt sie nur als Malerin von Blumen, vor allem Primeln und Nelken, sowie von Pilzen, aber in Wirklichkeit war sie eine unserer angesehensten Künstlerinnen in Frankreich in der Zwischenkriegszeit. Ihre Sammlungen befinden sich in kleineren Museen, sind aber in relativ großem Umfang verfügbar. Ebenso verfügbar sind die Werke von Helena Bochořáková-Dittrichová. Ich fände es großartig, endlich eine umfassende Ausstellung ihrer Werke zu realisieren, was ihr zu Lebzeiten nicht gelungen ist. Oder Marta Jirásková Havlíčková, eine hervorragende Bildhauerin. Ich kann also nur hoffen, dass diese Ausstellung zumindest ein wenig dazu beiträgt. Wir haben dafür getan, was in unserer Macht stand.“

Helena Bochořáková Dittrichová  (1894-1980),  Seine-Ufer in Paris,  Böhmen,  1929,  Aquarell | Foto: Moravian Gallery Brno

Die Schau in Litoměřice ergänzt passend die große aktuelle Ausstellung der Nationalgalerie in Prag, die in der Wallenstein-Reithalle unter dem Titel „Frauen, Meisterinnen, Künstlerinnen 1300–1900“ zu sehen ist. Das Thema Frauen ist damit aber in Litoměřice nicht ausgeschöpft. Denn die Direktorin der Nordböhmischen Galerie, Dana Veselská, denkt bereits über eine Fortsetzung nach. Dann sollen aber anstatt der „Pariserinnen“ die „Münchnerinnen“ im Mittelpunkt stehen.

Die Ausstellung „Pariserinnen: Tschechische Künstlerinnen und Frankreich“ ist in der Nordböhmischen Galerie in Litoměřice zu sehen. Sie läuft bis 28. September. Das Hauptgebäude der Galerie befindet sich in der Michalská-Straße in unmittelbarer Nähe des Hauptplatzes. Die Öffnungszeiten sind täglich von 10 bis 18 Uhr.

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