Soziale Ausgrenzung – In Tschechien ein zunehmendes Problem

Armut und soziale Ausgrenzung sind in Tschechien ein zunehmendes Problem. Das Ministerium für Regionalentwicklung vermeldet eine wachsende Zahl jener Gemeinden, in denen das Thema auf der politischen Agenda steht.

Illustrationsfoto: Štěpánka Budková,  Radio Prague International

Besuche vom Gerichtsvollzieher, Arbeitslosigkeit oder fehlendes Geld für Miete und Strom – Menschen in Not sind oft von sozialer Ausgrenzung betroffen. Und immer mehr Gemeindeverwaltungen müssen darauf reagieren. Dies besagt eine aktuelle Analyse der Agentur für soziale Eingliederung (Agentura pro sociální začleňování) beim tschechischen Ministerium für Regionalentwicklung, die Mitte September vorgestellt wurde.

Demnach gab es 2024 insgesamt 578 Gemeinden im Land, in denen Armut ein grundlegendes Problem ist. Im Jahresvergleich ist dies ein Anstieg um 39. Die meisten dieser Städte und Dörfer befinden sich in den Kreisen Ústí nad Labem, Karlsbad sowie Mährisch-Schlesien. Aber auch in den anderen Regionen Tschechiens gebe es Orte, die stark von Armut betroffen seien, erläutert Agenturchef Martin Šimáček:

Martin Šimáček | Foto: Klára Škodová,  Tschechischer Rundfunk

„Im Jahresvergleich hat sich die Lage in den Kreisen Karlsbad, Südböhmen und Vysočina am meisten verschlimmert. Das heißt, dass die bestehenden Probleme in den strukturell unterentwickelten Regionen bleiben, während sich einige Regionen zudem verschlechtern. Und dies beobachten wir nicht zum ersten Mal.“

Der Studie zufolge sind es insgesamt mehr als 2300 Gemeinden, in denen die Lage 2024 schlechter war als noch im Jahr zuvor. Allerdings seien nicht alle Orte, in denen dieser Negativtrend stattfindet, auch gleichzeitig von sozialer Ausgrenzung bedroht, merkt Šimáček an.

Die Gründe dafür, dass immer weniger Menschen das nötige Geld zum Leben zur Verfügung haben, sind etwa die Stagnation bei den Reallöhnen, der Mangel an bezahlbarem Wohnraum oder auch die Inflation. So zumindest erklärt es Petr Kulhánek (Stan), der Minister für Regionalentwicklung:

Petr Kulhánek | Foto: Zuzana Jarolímková,  iROZHLAS.cz

„Immer noch wirkt sich aus, was uns vor fünf Jahren ereilt hat, nämlich die Corona-Pandemie. Das gilt auch für die Ereignisse kurz danach, also die russische Okkupation der Ukraine, die vor allem Veränderungen auf dem Energiemarkt verursacht hat. Dies bekommen die Privathaushalte in Tschechien zu spüren.“

Vor diesem Hintergrund steigt die Zahl der Menschen in Tschechien, die staatliche Zuschüsse für Wohngeld und Sozialhilfe beziehen. Und es gibt auch mehr Langzeitarbeitslose. 2024 waren laut Arbeitsamt über 18.000 Menschen länger als ein halbes Jahr ohne Job.

Der Bericht zur sozialen Lage beschreibt aber auch einige positive Entwicklungen. So sank vergangenes Jahr die Zahl jener Jugendlichen, die vorzeitig die Schule beendet und keinen Abschluss gemacht haben. Außerdem setzte sich der Rückgang bei den Privatinsolvenzen fort – was aber nach Darstellung der Experten nicht unbedingt darauf hinweist, dass es den Betroffenen besser gehe. Vielmehr schlägt sich in den sinkenden Zahlen eine Reihe von legislativen Änderungen in Bezug auf Zwangsvollstreckungen nieder, wie etwa Erleichterungen bei Entschuldungen. Solche Hilfsmaßnahmen nahmen im vergangenen Jahr dann auch mehr Menschen als zuvor in Anspruch.

Barbara Halířová | Foto: Lucie Březinová,  Institut prevence a řešení předlužení

In diesem Zusammenhang sei noch ein weiterer Negativtrend zu beobachten, sagt die Schuldnerberaterin Barbara Halířová. Es würden wieder häufiger neue Vollstreckungsverfahren eröffnet bei Menschen, gegen die schon mehrere dieser Maßnahmen liefen:

„Wir glauben, das liegt daran, dass die Menschen andauernd mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Sie verschulden sich immer wieder auf die gleiche Weise. Meist geht es um lebensnotwendige Ausgaben in Verbindung mit den Wohnkosten. Sehr oft sind das ausstehende Stromrechnungen, erneute Schulden bei der Miete oder auch kleinere Strafzahlungen.“

Foto: Filip Jandourek,  Tschechischer Rundfunk

Den Bericht über soziale Ausgrenzung versteht das Ministerium auch als eine Art Hilfestellung. Mit den Angaben zur Lage in den einzelnen Kreisen und Gemeinden solle auf gezielte Hilfsmaßnahmen oder Unterstützungen verwiesen werden, die die Menschen in den betroffenen Gebieten bräuchten, hieß es bei der Präsentation.

Autoren: Daniela Honigmann , Tereza Hübscherová | Quelle: Český rozhlas
schlüsselwort:
abspielen