Neue Bewohner für das Grenzgebiet: Vor 80 Jahren fuhr erster Siedlertransport aus Prag ab
Am 19. Oktober 1945 fuhr der erste organisierte Siedlertransport von Prag aus in das einst deutschgeprägte Grenzgebiet der Tschechoslowakei.
Mit der Reise der Umsiedler begann eine großangelegte Aktion der Nachkriegszeit. Ziel war die Besiedlung jener Gebiete, die nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nun fast menschenleer waren.
Dies war nicht nur ein praktischer Schritt beim Wiederaufbau der Tschechoslowakei, sondern ebenso ein ideologisch motiviertes Projekt. Die Kommunistische Partei (KPTsch) sprach von einer nationalen Revolution, die die Grenze des Landes „säubern“ sollte. Im Grenzgebiet sollte eine neue tschechische Gesellschaft entstehen, und zeitgenössische Aufrufe lauteten: „Tschechische Landwirte, macht euch auf zur Grenze, gewinnt die Schlacht der Bauernbesiedlung für die Nation und für die Republik!“
Die ersten Züge aus Prag fuhren in verschiedene Gebiete des Grenzgebietes. Eine Radioreportage von Oktober 1945, die im Archiv des Tschechischen Rundfunks erhalten ist, berichtet zudem von Landwirten aus der Region um Turnov, die in den nordböhmischen Zipfel bei Frýdlant umzogen. Hunderte von ankommenden Familien versammelten sich demnach auf dem Marktplatz der Stadt und übernahmen die verlassenen Höfe in der Umgebung. So ist etwa ein Mann namens Břetislav Mendík zu hören, der sagt: „Ich habe keine Angst vor der Arbeit. Wenn es auf dem eigenen Grund ist, macht man sie mit Lust.“
Es sollte sich aber zeigen, dass die Neubesiedlung nicht ohne Probleme ablief. Viele Gebiete blieben nur sehr dünn bewohnt – es fehlte an Infrastruktur, Ärzten, Schulen und auch Arbeitsplätzen. In geheim gehaltenen Berichten aus den 1950er Jahren war die Rede von unterernährten Kindern, Brunnen in schlechtem Zustand oder Alkoholismus.
Die Schwierigkeiten bei der Umsiedlung haben sich in das Sudetengebiet eingefurcht. Hunderte von Wohnhäusern und Fabriken standen auch Ende der 1940er Jahre noch leer, viele wurden bei der Errichtung des Eisernen Vorhangs abgerissen. In einigen Regionen zeigen sich die Folgen der gewaltsamen Vertreibung der Deutschen und die angeordnete Neubesiedlung bis heute – in Form von schwachem gesellschaftlichen Zusammenhalt, Entvölkerung oder anhaltender sozialer und wirtschaftlicher Benachteiligung.
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