Prager Theaterfestival deutscher Sprache zum 30. Mal: „Wir brauchen mehr Trost als je zuvor“
In diesem Jahr geht das Prager Theaterfestival deutscher Sprache zum 30. Mal über die Bühne. Vom 15. November bis zum 11. Dezember stellen sich mehrere Ensembles aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in der tschechischen Hauptstadt vor. Der Leiter und Chefdramaturg, Petr Štědroň, im Interview.
Herr Štědroň, das Theaterfestival Deutscher Sprache in Prag feiert in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag. Findet dieses Jubiläum im Programm seinen Ausdruck? Gibt es etwas Besonderes?
„Eröffnet wird das Festival mit der Koproduktion ‚Die Blechtrommel‘. Der Dramatiker und Theaterregisseur Armin Petras wird die Inszenierung mit tschechischen Schauspielern auf die Bühne bringen.“
„Das Festival an sich ist etwas Besonderes. Diese 30 Jahre sind für uns etwas, wofür wir absolut dankbar sind, dass es mit solchem Interesse des Publikums schon so lange andauert. Und wir hoffen, dass auch die 31. Ausgabe etwas Besonderes zeigen wird. In dieser Ausgabe zeigen wir im Hauptprogramm neun hervorragende Inszenierungen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. Aus dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg haben wir ‚Laios‘ in der Regie von Karin Beier und aus dem Thalia-Theater Hamburg ‚Der Apfelgarten‘ in der Regie von Antú Romero Nunes. Wir zeigen auch ‚Verbranntes Land‘, ein zeitgenössisches Stück aus dem Schauspielhaus Wien in der Regie von Tobias Herzberg. Eröffnet wird das Festival mit der Koproduktion ‚Die Blechtrommel‘ des Prager Theaterfestivals deutscher Sprache und des Theaters am Geländer, Divadlo Na zábradlí. Interessant ist daran, dass Armin Petras die Adaption dieses riesengroßen Romans von Günter Grass geschrieben hat. Dieser sehr namhafter Dramatiker und Theaterregisseur wird auch diese Inszenierung mit tschechischen Schauspielern auf die Bühne bringen, und das freut mich sehr.“
Das Theaterfestival steht in diesem Jahr unter dem Motto „Trost“. Im vergangenen Jahr lautete es „Nichts ist okay“… Können sich die Zuschauer nun auf tröstende Aufführungen freuen? Oder wie ist es zu diesem Motto gekommen?
„Wir wissen alle, in welchem Zustand die Welt derzeit ist, dass mehrere Kriege toben. Dieses Motto drückt teilweise auch die Dramaturgie aus, in dem Sinne, dass wir eine Inszenierung mit dem Titel ‚Verrückt nach Trost‘ in der Regie von Thorsten Lensing zeigen. Es ist sein eigener Text, in seiner eigenen Regie, mit wunderbaren Schauspielern wie Ursina Lardi, Sebastian Blomberg, Devid Striesow und André Jung. Das Motto soll zeigen, dass in diesem Austausch, in diesem alljährlichen kulturellen Treffen von deutschsprachiger und tschechischer Theaterlandschaft neue Verknüpfungen, neue Vernetzungen und neue Hoffnungen entstehen. Wir brauchen heutzutage, glaube ich, mehr Trost als je zuvor.“
Sie haben bereits die Vorstellung erwähnt, die das Festival eröffnet, „Die Blechtrommel“ am Theater am Geländer…
„Wir haben Armin Petras sehr lange nach Prag gelockt, die Vorgespräche dauerten drei oder vier Jahre. Sehr kostbar daran ist, dass diese Aufführung der ‚Blechtrommel‘ weiterhin zum Spielplan des Theaters am Geländer gehört. Das heißt, dass auch nach dem Festival etwas Lebendiges bleibt.“
Das ist nicht die einzige tschechische Vorstellung im Rahmen des Programms, denn das Festival schreibt seit vielen Jahren den sogenannten Josef-Balvín-Preis aus. Dabei geht es um tschechische Inszenierungen deutschsprachiger Texte. Wer hat in diesem Jahr gewonnen?
„Das Südböhmische Theater, Jihočeské divadlo České Budějovice, und zwar mit der Inszenierung ‚Die lächerliche Finsternis‘ von Wolfram Lotz. Es ist auch ein Beweis, wie inspirierend das Festival ist, denn wir haben diesen Text von Wolfram Lotz vor etwa sechs Jahren im Rahmen des Festivals gezeigt, damals in der Regie von Dušan David Pařízek. Fast regelmäßig passiert es, dass das, was wir hier in Prag im Rahmen des Festivals zeigen, dann in den nächsten Jahren in den dramaturgischen Plänen tschechischer Theaterhäuser auftaucht. ‚Die lächerliche Finsternis‘ wurde von Martina Schlegelová auf die Bühne gebracht, sie ist Direktorin des Theaters und eine sehr begabte Regisseurin. Die Vergabe dieses Preises ist für tschechische Theaterleute sehr inspirierend. Seiner Dank erforschen sie eine ganz neue und zeitgenössische deutschsprachige Dramatik.“
Das Festival feiert seinen 30. Geburtstag. Sicher hat es sich im Laufe dieser Zeit entwickelt. In welcher Weise ist es anders als noch 1996?
„Ich denke, dass wir mit dem Festival die tschechische Theaterszene durchaus ein bisschen beeinflusst haben.“
„Im Laufe dieser drei Jahrzehnte hat sich das Festival sehr markant verändert. Die erste Ausgabe spielte sich eigentlich nur auf einer Bühne ab, und zwar auf der des Theaters in den Weinbergen. Inzwischen bespielen wir alle möglichen Bühnen in Prag, wie zum Beispiel das Nationaltheater, das Ständetheater, das Theater Komedie oder auch das Theater am Geländer. Und das Festival hat sich dramaturgisch wesentlich entwickelt. Wir versuchen auch im Rahmen des Off-Programms viele Begegnungen zu stiften, tschechische Theaterleute mit der deutschsprachigen Szene zu vernetzen. Im Laufe dieser 30 Jahre haben wir ganz spezielle Theatermacher nach Prag eingeladen, wie zum Beispiel Thomas Ostermeier, Christoph Marthaler, Frank Castorf und René Pollesch. Ich denke, dass wir mit dem Festival die tschechische Theaterszene durchaus ein bisschen beeinflusst haben.“
Das Prager Theaterfestival deutscher Sprache ist mittlerweile eins ehr etabliertes Festival. Wie werden eigentlich die Stücke ausgewählt, die hier aufgeführt werden? Werden Sie von den deutschsprachigen Theaterhäusern mit einem Angebot angesprochen, oder liegt alles an Ihnen, was Sie sich anschauen und was Sie dann hierherbringen?
„Das deutsche Publikum ist wagemutiger als das tschechische. Das deutschsprachige Theater kommuniziert wirklich sehr schnell die zeitgenössischen Probleme.“
„Wir werden natürlich inzwischen auch angesprochen, weil das Festival wirklich einen sehr guten Namen hat. Man vergleicht das Prager Theaterfestival deutscher Sprache mit dem Berliner Theatertreffen, was die Größe und die dramaturgische Auswahl angeht. Ein ganz einfaches Kriterium ist die Qualität der Inszenierung, die Aussage der Inszenierung, schauspielerische Leistungen, natürlich die Regiearbeit und das Bühnenbild. Wir versuchen wirklich, die deutschsprachige Szene zu verfolgen, eigentlich jeden Tag irgendwie mit ihr in Kontakt zu sein. Ein weiteres Kriterium sind die technischen Möglichkeiten einer Übertragung nach Prag. Es gibt natürlich technisch schwierige Inszenierungen, die in Prag nicht gastieren können. In dem Fall bietet sich die Möglichkeit, einen Theaterausflug zu organisieren. Dieses Jahr fahren wir mit den tschechischen Theaterfreunden und Theaterzuschauern nach Berlin in die Volksbühne, um uns die Inszenierung ‚Wachs oder Wirklichkeit‘ in der Regie von Christoph Marthaler anzuschauen. Marthaler haben wir mehrmals nach Prag eingeladen, zum ersten Mal 1998. Er ist zu einer solch hochwertigen Regiepersönlichkeit des zeitgenössischen europäischen Theaters geworden, dass wir ihn auch in der 30. Ausgabe berücksichtigen mussten.“
Sie sehen jede Vorstellung zunächst in Deutschland und dann hier vor dem tschechischen Publikum. Haben Sie manchmal bemerkt, dass die Reaktionen hierzulande anders sind als beim deutschsprachigen Publikum zu Hause?
„Ja, natürlich, das kann vorkommen. Das deutsche Publikum, würde ich sagen, ist ein bisschen wagemutiger als das tschechische. Das deutschsprachige Theater kommuniziert wirklich sehr schnell die zeitgenössischen Probleme, sowohl die politischen als auch die gesellschaftlichen. Das ist, denke ich, der große Unterschied zwischen dem tschechischen und dem deutschen Theater. Des Weiteren gehören dazu die Professionalität der Schauspieler und der regieführenden Regisseure sowie die Großzügigkeit der Bühnenbildner, was natürlich auch mit dem Geld zusammenhängt. In der Regel fühlen sich die tschechischen Zuschauer aber genauso von unserem Programm angesprochen wie die deutschsprachigen Zuschauer. Manchmal sind die Impulse oder Aspekte der Inszenierung natürlich deutschland- oder österreichorientiert, aber die Welt verkleinert sich dank dem Internet. Und wir leben alle in Europa und kennen die Probleme auf dem Kontinent.“
Sie haben betont, dass das Festival die tschechischen Theater inspiriert. Und dass sich das in der Aufführung von deutschsprachigen Stücken oder solchen Stücken äußert, die beim Festival gezeigt wurden und jetzt irgendwo von einem tschechischen Theater übernommen wurden. Gibt es auch andere Ausdrücke dieser Inspiration, etwa allgemeinere? Sie haben auch die etwas andere Art des deutschen Theaters erwähnt...
„Ich denke schon. Denn die Ansätze, die das deutschsprachige Theater in die tschechische Theaterlandschaft gebracht hat, sind vor allem die Interpretationsmöglichkeiten der Texte. Das bedeutet die Inklination zum zeitgenössischen Drama und zum Lesen eines klassischen Dramas mit dem zeitgenössischen Auge, mit zeitgenössischen Aspekten. Auch die Art der Regiearbeit hat das tschechische Theater beeinflusst. Das Festival hat zum Beispiel die literarische Rezeption von Thomas Bernhard gestartet, würde ich schätzen. Es besteht hierzulande wirklich Interesse an zeitgenössischer deutschsprachiger Dramatik, was mich sehr freut.“
Mehr zum Festival finden Sie unter www.theater.cz. Dort können auch Karten bestellt werden. Die deutschsprachigen Aufführungen werden mit tschechischen Untertiteln und die tschechischen Inszenierungen mit deutschen Untertiteln präsentiert.
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