Hände hoch, bitte! Deutschsprachiges Theaterfestival in Prag kündigt sich an

Foto: Archiv des Festivals

Ein paar Wochen später als in den vergangenen Jahren gewohnt beginnt das diesjährige Prager Theaterfestival deutscher Sprache. Die inzwischen 19. Ausgabe beginnt am kommenden Freitag, den 21. November, im Prager Ständetheater. Bis Anfang Dezember wird wieder das Beste von den deutschsprachigen Bühnen nach Prag gebracht.

Petr Štědroň (Foto: Vladimír Kiva Novotný, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Schon in diesen Tagen laden schwarz-weiße Plakate in der tschechischen Hauptstadt zu Besuch des Prager Theaterfestivals deutschscher Sprache ein. Hände hoch, bitte! steht darauf geschrieben. Was dieses Motto andeuten soll, danach habe ich den Festivaldramaturg Petr Štědroň gefragt:

„Eigentlich haben wir Hände hoch zum Klatschen gemeint. Das ist der eine Punkt. Und der andere Punkt ist, dass drei Inszenierungen des Programms sich mit den Ereignissen der Weltkriege beschäftigen. Die erste Inszenierung ist die ‚Front‘ von Luk Perceval aus dem Thalia-Theater Hamburg, die sich mit dem Ersten Weltkrieg befasst, nach der Vorlage von Erich Maria Remarques ‚Im Westen nichts Neues‘. Der andere Beitrag ist ‚Dechovka‘, eine Aufführung des tschechischen Theaters Vosto5, die wir ausnahmsweise als Teil des Programms mitgenommen haben. ‚Dechovka‘, zu Deutsch ‚Blasmusik‘ beschäftigt sich mit dem Zweiten Weltkrieg beziehungsweise mit den Ereignissen in Tschechien unmittelbar nach seinem Ende. Und der dritte Beitrag, der Kriegsereignissen zum Inhalt hat, ist die Bearbeitung des Romans ‚Die Wohlgesinnten‘, eine Inszenierung aus dem Schauspielhaus in Wien in der Regie von Antonio Latella.“

‚Front‘ (Foto: Archiv des Festivals)
Luk Perceval ist dem Prager Publikum nicht unbekannt. Vor vierzehn Jahren wurde in einer verlassenen Fabrikhalle in Prag sein zwölfstündiges Shakespeare-Projekt des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg gespielt. Auch in diesem Jahr erwartet die Zuschauer ein bewegendes Erlebnis, betont Štědroň:

„Ganz bestimmt. ‚Front‘ ist zwar nicht so riesengroß wie damals im Jahre 2000 ‚Schlachten‘. ‚Schlachten‘ war ein zwölfstündiges Projekt, das sich mit den Rosenkriegen in England beschäftigt hat. ‚Front ist eine knappe Zwei-Stunden-Vorstellung, die jedoch sehr intensiv und sehr interessant ist. Es ist eine Koproduktion des deutschen Thalia-Theaters Hamburg und des Nationaltheaters Gent. In dem Stück wird in vier Sprachen gesprochen, es wird mit Unterlagen und Dokumenten aus dem Ersten Weltkrieg gearbeitet, das heißt zum Beispiel mit Briefen und Tagebüchern der Frontsoldaten. Und die beiden Hauptvorlagen sind Erich Maria Remarques ‚Im Westen nichts Neues‘ und Henri Barbusses ‚Feuer‘. Es ist eine sehr eindrucksvolle, bildhafte Inszenierung.“

Luk Perceval (Foto: Archiv des Thalia-Theaters)
Die „Front“-Inszenierung wird als der wichtigste Beitrag der deutschsprachigen Theaterlandschaft zum Weltkriegsgedenken bezeichnet. Sein Regisseur kommt auch persönlich nach Prag, um sein Werk zu präsentieren.

„Wir versuchen jedes Jahr auch Publikumsgespräche, Publikumsdiskussionen zu veranstalten und Theaterleute einzuladen. Sie sind in der Regel sehr beschäftigt, kommen aber gerne nach Prag, um zu diskutieren. Dieses Mal kommt Luk Perceval am Samstag, den 22. November. Zu weiteren Diskussionen erwarten wir She She pop, eine freie deutsche Theatergruppe aus Berlin. Wir werden auch mit Jiří Havelka, dem Regisseur der Vorstellung ‚Blasmusik‘ diskutieren können. Und vielleicht auch mit weiteren Schauspielern und Regisseuren.“

Vorstellung ‚Blasmusik‘ (Foto: Archiv des Festivals)
Die Inszenierung von Jiří Havelka wurde ins Programm genommen, weil sie sehr innovativ, scharfsinnig und amüsant das deutsch-tschechische Zusammenleben verarbeitet. Ausgangspunkt sind die Gräueltaten der Nachkriegszeit in Dobronín bei Jihlava, wo im Laufe eines Tanzabends eine Gruppe von Deutschen ermordet wird. Die Zuschauer können gemütlich im Gasthaus „Baráčnická rychta“ auf der Kleinseite sitzen und bei einem Bier die spannende Rekonstruktion dieser Tat verfolgen. Vosto5 ist aber nicht das einzige tschechische Ensemble beim deutschsprachigen Theaterfestival. Traditionell wird im Rahmen des Festivals ein Preis für eine tschechische Inszenierung von einem deutschsprachigen Text verliehen.

Inszenierung von ‚Golem‘ (Foto: Archiv des Ensembles Tygr v tísni)
„Der Preis heißt Josef-Balvín-Preis. Er ist benannt nach dem wunderbaren tschechischen Übersetzer aus dem Deutschen, Josef Balvín. Diesmal bekommt das Ensemble Tygr v tísni (Tiger in Not) den Preis, und zwar für seine Inszenierung von ‚Golem‘. Das ist eine Bearbeitung des gleichnamigen Romans von Gustav Meyrink. Sehr interessant an der Inszenierung ist die Anpassung an den Aufführungsort (Site-specific art). Sie spielt in einer Prager Villa auf der Insel Štvanice, wird von mehreren, eigentlich Dutzenden Schauspielern gespielt und ist sehr interessant und eindrucksvoll.“

Über die Golem-Inszenierung haben wir in unseren Sendungen vor ungefähr einem Jahr berichtet, als sie erstaufgeführt wurde. Sie wird heute nicht mehr gespielt. Dennoch wird im Rahmen des Festivals ein Kurzfilm projiziert, der dabei mitgeschnitten wurde und das Theaterprojekt dokumentiert. Zu sehen ist er anlässlich der Vernissage der multimedialen Videoinstallations-Ausstellung GOLEM – Cube, und zwar am 30. November in der Villa auf der Insel Štvanice.

‚Die Wohlgesinnten‘ (Foto: Archiv des Festivals)
Soweit zu den teilnehmenden Ensembles aus Tschechien. Doch erstrangig ist das Festival den Theatern aus deutschsprachigen Ländern gewidmet. Petr Štědroň:

„Wir versuchen natürlich jedes Jahr deutsches und österreichisches Theater miteinzubeziehen. Auch das schweizerische Theater ist dabei. Das Luxemburgische Theater auch, diesmal gibt es leider keinen Beitrag aus Liechtenstein. Aber sonst gibt es eigentlich alles, was in Europa deutsch spricht.“

Die österreichische Theaterkunst wird mit der bereits genannten Dramatisierung des Romans ‚Die Wohlgesinnten‘ vom Wiener Schauspielhaus repräsentiert. Aus Luxemburg, konkret aus den Les Théâtre de la Ville de Luxembourg, kommt das Stück ‚Eine Sommernacht‘ von dem Autoren-Duo David Greig und Gordon McIntyre. Die deutsche Theaterlandschaft wird in Prag durch mehrere Ensembles vertreten sein. Das Berliner Maxim Gorki Theater zeigt den Titel ‚Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen‘, eine Inszenierung des neuen Theaterstücks der deutsch-schweizerischen Autorin Sibylle Berg. Die Theatergruppe She She Pop spielt ihr ‚Frühlingsopfer‘, das von Igor Strawinskis „Le Sacre du Printemps“ inspiriert und gemeinsam mit den Müttern der PerformerInnen inszeniert wurde. Der 19. Jahrgang des Prager Theaterfestivals wird mit der Vorstellung Gasoline Bill der Münchner Kammerspiele abgeschlossen.

Ausstellung Gleiche Farben
Im Rahmen der 19. Ausgabe des Prager Theaterfestivals deutscher Sprache wird aber vieles mehr gezeigt als nur Theatervorstellungen. Zum Begleitprogramm gehört auch eine Ausstellung:

„Die Ausstellung heißt Gleiche Farben. Das ist nicht der einzige Teil des Begleitprogramms, wir haben auch szenische Lesungen von völlig neuen, frischen deutschsprachigen Gegenwartsdramenstücken. Aber zurück zu der Ausstellung. Sie zeigt die zeitgenössische Theaterkunst in Form von Plakaten aus dem ganzen deutschsprachigen Bereich. Die tschechischen Besucher können sich anhand der Ausstellung eine Vorstellung machen, wie die zeitgenössische Typographie im Theaterbetrieb im deutschsprachigen Raum aussieht.“

Helena Pekkala (Foto: Archiv von Helena Pekkala)
Das Interessanteste aus der gegenwärtigen Plakatkunst ist im Neustädter Rathaus zu sehen. Die Ausstellung wurde von dem Verein One Dream Company vorbereitet. Helena Pekkala leitet das Projekt Fixed Theatre:

„Unser Verein versammelt Theaterplakate aus ganz Europa. Unser Ziel ist es, eine Internetplattform zu schaffen, wo sich Interessierte anschauen können, wie Theaterplakate etwa in Island, in Frankreich oder aber etwa in Italien hergestellt werden. Unsere Tätigkeit läuft seit ungefähr einem Jahr. Wir haben bisher Kontakte in etwa zwanzig Staaten geknüpft. In Deutschland stehen wir zum Beispiel mit rund vierzig Theatern in Verbindung. Die Ausstellung heißt ‚Gleiche Farben‘, weil alle Grafiker in allen Ländern die gleichen Farben nutzen, die Ergebnisse ihrer Arbeit aber unterschiedlich und eigenartig sind. In der Ausstellung präsentieren wir eben deutschsprachige Theater. Die Besucher können sich selbst Gedanken machen, ob solche Plakate etwa auch in Straßen Prags funktionieren könnten. Die Form der Plakate unterscheidet sich von der tschechischen Szene und ist der Aufmerksamkeit wert.“

Das 19. Prager Theater deutscher Sprache findet vom 21. November bis 1. Dezember statt. Genauere Informationen über das Programm gibt es unter www.theater.cz.