Mit Glühwein gegen Putin: Tschechisch-deutsche Initiative aus Kutná Hora unterstützt die Ukraine

Simon Römer und Judith Krulišová in Kutná Hora

Eine Initiative aus Kutná Hora unterstützt die Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskrieges mit gebrauchten Autos. Neben mehreren SUVs konnte sie auch bereits einen Krankenwagen in das Land bringen. Das Geld für die Anschaffungen wird unter anderem bei kreativen Spendensammlungen zusammengetragen. Der Initiator der Aktionen stammt aus dem sächsischen Teil des Erzgebirges.

Bürgerinitiativen, die in Tschechien der Ukraine helfen, gibt es so einige. Die berühmteste von ihnen, Dárek pro Putina (Geschenk für Putin), hat bereits Dutzende Millionen Euro zusammengetragen, um Waffen für das von Russland angegriffene Land zu kaufen. Es gibt aber auch zahlreiche kleinere Initiativen im Land, die die Ukraine unterstützen – sei es militärisch oder zivil. Eine von ihnen ist in der mittelböhmischen Stadt Kutná Hora angesiedelt. Und hinter dem Projekt steht ein Deutscher, der seit vielen Jahren in Tschechien lebt: Simon Römer, der aus dem Erzgebirge stammt.

„Das erste Auto habe ich im April 2022 nach Uschhorod gebracht. Das war für einen Freund aus Kiew. Er hat sich freiwillig bei der Territorialverteidigung gemeldet, und ich habe angeboten, dass ich in Deutschland nach Autos suchen kann.“

Judith Krulišová und Simon Römer | Foto: Archiv von Judith Krulišová

Bei der Überführung des Opel Frontera nach Uschhorod lernte Römer schließlich Judith Krulišová kennen, die damals in der westukrainischen Stadt lebte und Binnenflüchtlingen half. Seitdem haben die beiden mittlerweile acht Fahrzeuge in die Ukraine gebracht. Um zu wissen, welche Autos an der Front und in den nahegelegenen Gegenden gebraucht werden, arbeite man mit Kontakten in der Ukraine zusammen, sagt Krulišová:

„Das sind entweder direkt unsere Freunde oder Soldaten, die wir wiederum über andere Kontakte kennen. Wir bemühen uns so gut es geht, die Bedürfnisse der Menschen in einem möglichst breiten Gebiet abzudecken. Wenn wir in der Oblast Cherson helfen, unterstützen wir das nächste Mal in der Oblast Mykolajiw oder in Sumy.“

Ohne Allrad geht nichts

Die Autos kaufen Römer und Krulišová in Deutschland oder Tschechien. Häufig seien die alten Wagen reparaturbedürftig, die nötigen Arbeiten würden aber direkt in der Ukraine durchgeführt, sagt Römer und ergänzt, dass vor allem geländegängige Fahrzeuge benötigt werden:

Foto: Archiv von Judith Krulišová

„Wir haben schon einen voll ausgestatteten Krankenwagen hingebracht, nach dem zuvor speziell gefragt worden war. In der Regel handelt es sich aber um alte SUVs. Die fahren dort in Frontnähe, und das ziemlich schnell auf schlechten Straßen oder im Gelände. Benötigt werden also Autos mit Allradantrieb, die zuverlässig sind.“

Verwendet würden die Fahrzeuge vor allem für die Evakuierung verletzter Soldaten, sagt Krulišová:

„Das erste Auto, das Simon und ich gemeinsam hingebracht haben, war der Rettungswagen. Er wurde nicht direkt an der Front eingesetzt, sondern um jene Verletzten von der Front, die bereits in einem stabilen Zustand waren, von einem bestimmten Punkt in Krankenhäuser im Inland zu bringen. Einmal hat der Wagen acht Leute gerettet. Auch von den anderen Autos wissen wir, wie sie helfen. Denn wir bekommen eine direkte Rückmeldung von den Soldaten und Militärmedizinern.“

Foto: Archiv von Judith Krulišová

In der Ukraine sind die Gebrauchtwagenpreise horrend

Um den Ankauf und die Überführung der Autos zu finanzieren, erhalten Römer und Krulišová entweder direkt Geld von der ukrainischen Seite, oder sie sammeln selbst Spenden. Warum werden die Fahrzeuge aber in Deutschland und Tschechien angeschafft und nicht direkt in der Ukraine? Römer erläutert:

Foto: Archiv von Judith Krulišová

„Es gibt natürlich Autos in der Ukraine, zum Teil sogar viel bessere als bei uns. Sie kosten aber viel mehr Geld. Das beste Beispiel ist ein Ford Transit, den wir hingefahren haben. Er war behindertengerecht und hatte eine Rollstuhlrampe. Ich habe ihn in der Nähe von Bautzen für 1500 Euro gekauft. Damals fuhr er nicht, bei dem Problem handelte es sich aber nur um eine Kleinigkeit, die in der Ukraine wieder repariert wurde. Als ich dann Bohdan, unseren Freund in Uschhorod, gefragt habe, was das Auto in dem Zustand in der Ukraine kosten würde, meinte er: 7000 Euro. Die Gebrauchtwagenpreise in der Ukraine sind wirklich enorm hoch, und das ist auch der Grund, warum wir das alles machen. Ansonsten könnten wir ja einfach nur Geld hinschicken und sagen, kauft euch selbst ein Auto. Aber für das Geld, das uns zur Verfügung steht, würde man in der Ukraine schlichtweg nichts bekommen.“

Nach dem Kauf der Autos beginnt für die beiden ehrenamtlichen Helfer aus Kutná Hora meist der bürokratische Wahnsinn. Die Wagen müssen zugelassen und Exportkennzeichen beantragt werden. Anschließend überführen Römer und Krulišová die Wagen in die Westukraine. Dort werden die Autos dann von Freiwilligen entgegengenommen und zunächst in Werkstätten und dann an die Front gebracht – meist vollgepackt mit Hilfsgütern. Der spannendste Teil der Reise sei meist die Einreise in die Ukraine, sagt Krulišová:

„Selbst wenn wir uns absolut sicher sind, dass alles vorbereitet ist und wir alle Exportdokumente zusammenhaben, müssen wir uns immer wieder klarmachen, dass wir es nicht eilig haben und uns genug Zeit für die Grenze nehmen. Denn dort kann wirklich alles Mögliche passieren.“

Foto: Archiv von Judith Krulišová

So brachte Römer vorletztes Wochenende geschlagene acht Stunden am slowakisch-ukrainischen Grenzübergang zu, da die slowakischen Zollbeamten die tschechischen Exportdokumente nicht akzeptieren wollten. Das freiwillige Engagement der beiden nimmt also durchaus viel Zeit in Anspruch. Wie schwierig ist es, die Ukraine-Hilfe mit Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen? Römer meint dazu:

„Manchmal ist es sehr ruhig. Und dann kommt wieder eine Phase, in der wir ein Auto gefunden haben, uns aber noch Geld fehlt. Dann muss alle ganz schnell organisiert werden, und es müssen irgendwie ein paar Tausend Euro aufgetrieben werden. Das wird dann stressig. Aber das lässt sich trotzdem alles mit meiner Arbeit verbinden, weil ich im Homeoffice tätig bin und so zumindest schon einmal die tägliche Fahrerei zur Arbeit wegfällt. Und ich arbeite nur sechs Stunden am Tag, habe also keine volle Stelle. Also, das geht schon alles – allerdings ist die Ukraine-Hilfe mittlerweile auch mein einziges Hobby.“

„Wie wäre das wohl in Sachsen?“

Wie Römer im Interview für Radio Prag International schildert, ist man derzeit auf der Suche nach einem weiteren Fahrzeug.

Foto: Archiv von Judith Krulišová

„Wir suchen ein Auto für unseren Freund Dima. Seine Einheit hat bereits 2500 Euro selbst gesammelt. Das wird aber nicht reichen. Sie wollen einen Renault Traffic mit mindestens fünf Sitzen beschaffen, denn sie brauchen einen Kleinbus. Wir rechnen damit, dass insgesamt mindestens 5000 Euro nötig sein werden.“

Die Spenden sammelt die Initiative vor allem online. In der letzten Zeit sei das aber immer schwieriger geworden, sagt Krulišová:

„Alle sind schon müde vom Krieg, es wird nicht mehr so viel gespendet wie am Anfang, was ja auch völlig normal ist. Es reicht nun nicht mehr zu sagen, dass wir eine Spendensammlung für irgendein Ukraine-Projekt machen. Heutzutage braucht es Benefizaktionen. Wir bieten also Dinge zum Verkauf an, und 100 Prozent des Erlöses gehen dann in unser Projekt.“

Das Duo und seine Unterstützer sind dabei durchaus erfinderisch. So gab es bereits die Aktion „Bier gegen Putin“, aber auch mit Thüringer Rostbratwürsten, dem Verkauf von Limonade und einem Kuchenbasar wurde schon Geld gesammelt. Und demnächst wird es eine Aktion unter dem Titel „Glühwein gegen Putin“ geben. Aber Spenden zusammentragen, um mehr oder weniger direkt die ukrainische Armee zu unterstützen, das muss nicht allen gefallen… Wie nimmt Simon Römer die Atmosphäre auf der Straße in seiner Stadt war?

„Bei den Aktionen, die wir hier in Kutná Hora bisher veranstaltet haben, waren die negativen Stimmen eigentlich ganz minimal. Ich würde sagen, das waren vielleicht fünf Prozent der Leute. Es passiert natürlich viel online. Wenn wir zu unseren Veranstaltungen etwas auf Facebook posten, geht es heiß her. Aber auf der Straße gibt es das nicht, da kriegen wir eigentlich nur positiven Zuspruch. Die Leute freuen sich, dass wir das machen. Und ich frage mich dann immer, wie das wohl in Sachsen wäre, in einer Kleinstadt wie Zschopau oder Marienberg, wo ich herkomme. Ich glaube, das würde dort schon auch gehen, aber einfach wäre es bestimmt nicht, und man müsste mehr diskutieren.“

Foto: Archiv von Judith Krulišová

„Je weniger die Regierung für die Ukraine macht, desto mehr sind wir gefragt“

Auch in Tschechien könnte sich die Haltung demnächst ändern. Denn mit der künftigen Regierung von Andrej Babiš (Ano) übernehmen Parteien die Führung des Landes, die bereits im Wahlkampf Stimmung gegen die ukrainischen Flüchtlinge gemacht haben. Auch die tschechische Munitionsinitiative wird aller Voraussicht nach eingestampft. Und der Rechtsaußenpolitiker und neue Abgeordnetenhauschef Tomio Okamura („Freiheit und direkte Demokratie“, SPD) ließ bereits symbolisch die Ukraineflagge vom Parlament entfernen, die dort seit Beginn des russischen Angriffskrieges hing. Wie sieht Judith Krulišová angesichts dessen die Zukunft ihrer Initiative?

„Mit Hinblick auf die Regierung, die sich derzeit in Tschechien bildet, sieht es nicht sehr gut aus für die Aktivitäten, die wir und viele andere durchführen. Ich denke, die Stimmung in der Gesellschaft wird sich ändern. Es wird wohl viel schwieriger werden, solche Aktionen zu veranstalten und zu unterstützen. Auf der anderen Seite ist das für uns auch eine Motivation. Je weniger die tschechische Regierung für die Ukraine macht, desto mehr sind wir Einzelpersonen und Nichtregierungsorganisationen gefragt.“

Und Simon Römer fügt dem noch hinzu:

„Ich denke, für uns wäre es schlimmer, wenn sich hier auf lokaler Ebene etwas ändern würde. Wenn wir einen anderen Bürgermeister hätten, der uns nicht mehr unterstützen würde, wäre es wohl komplizierter, unsere Aktionen hier in der Region zu veranstalten. Aber das ist zum Glück nicht der Fall. Wir haben einen sehr guten Bürgermeister, ein netter Kerl, der uns unterstützt und auf unserer Seite ist. Die Menschen, die den Ukrainern helfen, sind ja mittlerweile eine ganz besondere, nicht mehr so große Gruppe. Es sind Leute, die das seit drei, vier Jahren machen. Und ich denke, dass es nicht noch weniger werden. Dieser feste Kern an Menschen wird dranbleiben.“

Judith Krulišová  (in der Mitte) | Foto: Archiv von Judith Krulišová

Die nächste Aktion von Simon Römer und Judith Krulišová findet am 29. November statt. Von 9 bis 16 Uhr werden die beiden dann vor dem Infozentrum in der Nähe des Beinhauses in Kutná Hora-Sedlec (Zámecká 279) Glühwein verkaufen. Mit dem Erlös wird der nächste Autokauf für die Ukraine finanziert. Spenden werden zudem online gesammelt.

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