Das Deutsche Haus in Budweis und seine Verwandlungen in der Geschichte

Mikuláš Zvánovec

Das imposante weiße Gebäude am südlichen Rand des Zentrums von České Budějovice / Budweis kennen die heutigen Bewohner der südböhmischen Stadt als das Kulturzentrum Slavia. Im 19. Jahrhundert wurde es jedoch als Deutsches Haus erbaut. Martina Schneibergová traf vorige Woche am Ufer des Flusses Malše nahe dem Kulturdenkmal den Historiker Mikuláš Zvánovec von der Universität Hradec Králové und hat mit ihm über die Geschichte des Baus gesprochen.

Herr Zvánovec, wir stehen hier vor dem Kulturhaus Slavia, dem ehemaligen Deutschen Haus. Wann wurde das Gebäude erbaut? War es vergleichbaren Häusern in anderen tschechischen Städten ähnlich?

Das Deutsche Haus in Budweis | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Genau, das ehemals Deutsche Haus in Budweis wurde im Rahmen einer allgemeinen Welle von Gründungen solcher Vereinshäuser überall im damaligen Cisleithanien und insbesondere in den Böhmischen Ländern gegründet. In derselben Zeit, das heißt Ende der 1860er und zu Anfang der 1870er Jahre, sind ähnliche Häuser zum Beispiel auch in Brünn oder Teplitz entstanden. Das Gebäude war eine unmittelbare Reaktion auf das tschechische Vereinshaus Beseda, das in der Stadt erbaut wurde. Die Pläne für das Gebäude wurden 1869 ausgearbeitet. Der Budweiser Stadtrat, der damals von deutschsprachigen Politikern beherrscht wurde, hatte sich dafür eingesetzt. Es wurde ein großer Platz direkt an dem Fluss Malsch ausgesucht, und hier wurde der Bau nach dem Entwurf des bedeutenden Architekten Ignaz Ullmann realisiert. Die ursprünglichen Pläne von Ullmann wurden dann von einem anderen Baumeister, nämlich Karl Schmidt übernommen. Er ist dann von den ursprünglichen Plänen etwas abgewichen, hat ihn aber zu Ende gebracht. Das Gebäude wurde 1871 eröffnet.“

Wie viele deutschsprachige oder deutsche Bewohner gab es damals in Budweis?

Foto: Verlag Princeton University Press

„Dies ist nur schwer zu schätzen. Ich möchte auch absichtlich keine Zahl sagen, denn von Budweis ist auch bekannt, dass sich viele Bewohner der Stadt weder zu den Tschechen noch zu den Deutschen bekannt haben. Darüber gibt es das schöne Buch ,Budweisers into Czechs and Germans‘ von Jeremy King. Er zeigt eben, dass die Bevölkerung beide Sprachen beherrschte beziehungsweise dass sie beide Sprachen miteinander gemischt haben. Und so ist durch diese Vermischungen eine Art Budweiser Mundart wie das ,Hantec‘ in Brünn entstanden. Aber wenn wir uns ein bisschen die Statistiken anschauen, so waren um das Jahr 1900 etwa zwei Drittel der Bewohner eher tschechisch und ein Drittel der Stadtbevölkerung eher deutsch. Das Budweiser Deutsche Haus wurde dann sozusagen zum Zentrum des Budweiser Deutschtums.“

Was alles war dort untergebracht, wie wurde das Haus genutzt?

„Es entstand als Pendant zum tschechischen Vereinshaus ,Beseda‘. Das repräsentative Gebäude sollte deutschen Vereinen Räumlichkeiten bieten. So waren dort zu der Zeit beispielsweise die Budweiser Liedertafel, der Deutsche Geselligkeitsverein und die Turner untergebracht. In Budweis gab es damals sogar zwei Turnvereine. Deshalb ist im Rahmen dieses Gebäudes auch eine große Turnhalle mit schönen Gusseisensäulen eingerichtet worden. In der Halle befand sich eine bis heute erhaltene Aufschrift aus der Zeit der Entstehung des Hauses.“

Wie war das Schicksal des Gebäudes, wurde es später umgewandelt und auch umbenannt?

„Ja. Das Deutsche Haus erfüllte bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs seine Funktion als Zentrum der Budweiser Deutschen. Dann wurden all diese Einrichtungen durch den totalitären NS-Staat übernommen. Das Haus war zeitweise auch Sitz der NSDAP und zog deshalb dann nach dem Zweiten Weltkrieg den Argwohn auf sich. Unmittelbar nach dem Krieg wurde es ausgeplündert und in Stalinhaus umbenannt. Später hieß es ‚Haus des Militärs‘. Und schließlich ist es zum Kulturhaus Slavia geworden. Unter diesem Namen kennen die meisten Bewohner der Stadt das Gebäude. Aber dieser deutsche Aspekt ist in Vergessenheit geraten.“

Kulturzentrum Slavia,  ehemals das Deutsche Haus in Budweis | Foto: Zdeněk Zajíček,  Tschechischer Rundfunk

Derzeit wird das Haus gründlich rekonstruiert. Seit den 1960er Jahren gilt es als ein Kulturdenkmal. Gibt es Erinnerungen oder Gegenstände aus der Zeit der Gründung des Deutschen Hauses?

Das Deutsche Haus in Budweis | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Eine sehr interessante Entdeckung ist im Rahmen der Rekonstruktion, die gerade hier vonstattengeht, gelungen. In einer Grube wurde der ursprüngliche Grundstein von 1871 gefunden. Dieser ist mit einer deutschen Aufschrift verziert. Sie lautet: ,Durch Kampf zum Sieg, aus Finsternis zum Licht. Das ist des Deutschen frohe Zuversicht‘. Das ist ein Ausschnitt aus einem romantisch-nationalistischen Gedicht eines Schriftstellers. Und typisch für diese Grundsteine war auch, dass sie einen Raum für verschiedene Gedenkgegenstände und Gedenkschriften enthielten. Uns ist auch gelungen herauszufinden, was da drin war. Im Grundstein befanden sich beispielsweise Gedenkmünzen, damalige Börsennachrichten, deutschsprachige Tageszeitungen sowie unterschiedliche statistische Daten über die Bevölkerung von Budweis. Zudem gab es im Grundstein eine Liste der Vereinsmitglieder, die damals das Haus bezogen hatten. Im Jahre 1945 ist der Grundstein von der Ecke des Hauses abgeschlagen und der Inhalt geraubt worden. Den Stein selbst warf man dann einfach in eine Grube nahe dem Haus. Erst jetzt im Rahmen dieser Restaurierung wurde er entdeckt. Es ist ein sehr interessantes Artefakt aus jener Zeit. Der Stein wurde – jedoch ohne größere Diskussionen – restauriert. Die gesamte Modernisierung dieses Kulturdenkmals war wenig sensibel und hat sich auf dieses erste Neorenaissancegebäude der Stadt ausgewirkt. Zudem ist dabei die zweitälteste Turnerhalle der Böhmischen Ländern verschwunden. Der gefundene Grundstein  findet sich derzeit an der Stelle, an der er sich auch ursprünglich befunden hatte.“

Das heißt?

Ehemaliges Deutsches Haus in Budweis | Foto: Matěj Vodička,  Tschechischer Rundfunk

„Links des Haupteingangs. Derzeit ist er noch verdeckt durch eine Hülle. Das ist eine Rarität. Es ist eine einzigartige Angelegenheit, dass dieser Grundstein gefunden wurde. In der Vergangenheit gab es mehrere Angriffe gegen dieses Haus als Symbol des Deutschtums, auch bereits nach dem Ersten Weltkrieg. Schon damals wurde das Haus zu einem Objekt des Hasses gegenüber den Deutschen in der Stadt.“

Wissen die Bewohner von Budweis, dass es das Deutsche Haus war?

„Das ist eine sehr gute Frage. Ich bin der Meinung, dass die meisten Bewohner das Haus vor allem mit der neueren Geschichte verbinden und dass dieser deutsche Aspekt längst in Vergessenheit geraten ist. Schuld ist bestimmt auch die Quellenlage. Denn wir haben wirklich, was das Haus betrifft, sehr wenig Material, trotz der Bedeutung des Gebäudes. Denn dort hatten viele Vereine ihren Sitz – wie beispielsweise der Deutsche Böhmerwaldbund, dessen Vorsitzender der Altbürgermeister von Budweis Josef Taschek war. Über die Veranstaltungen, die dort abgehalten wurden, wissen wir aufgrund dieser sehr mangelhaften Quellenlage nur wenig. Es gibt auch keine Publikationen, keine Veröffentlichungen zu dem Gebäude. Kurz vor der Corona-Zeit entschied der Stadtrat über eine umfassende Modernisierung des Hauses, die leider zur partiellen Zerstörung des wertvollsten historischen Gebäudekernes geführt hat.“

Ehemaliges Deutsches Haus in Budweis | Foto: Matěj Vodička,  Tschechischer Rundfunk

Sind Sie als Historiker an diesen Restaurierungsarbeiten vielleicht als Berater engagiert?

„Spät dann doch. Der Baumeister hat jetzt eine Arbeitsgruppe zur Erforschung des Deutschen Hauses gegründet. Wir sind gerade dabei, die entsprechenden Recherchen durchzuführen. Und am Ende erscheint dann hoffentlich eine Veröffentlichung über den historischen Wert dieses Hauses.“

Weiß man, was jetzt nach der Wiedereröffnung dort untergebracht wird und wozu das Haus dienen soll?

Das Deutsche Haus in Budweis | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Es soll nach wie vor ein Vereinshaus sein, in dem wieder Kulturveranstaltungen abgehalten werden. Die Räumlichkeiten und die Büros sollen an kleinere Vereine in Budweis vergeben werden.“

Die Bauarbeiten nähern sich, wie zu sehen ist, ihrem Ende. Weiß man schon etwa, wann das Haus wiedereröffnet wird?

„Man geht davon aus, dass die Bauarbeiten zu Ende dieses Jahres abgeschlossen sein werden und das Haus nächstes Jahr wiedereröffnet würde.“

Das Deutsche Haus in Budweis | Foto: Archiv von Martina Schneibergová,  Radio Prague International
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