Heilsame Musik: Ein bunter Teller Weihnachtslieder für kleine Krankenhauspatienten
„Wunder geschehen“. So heißt ein verspielt illustriertes Heft, mit dem die Organisation Loutky v nemocnici (Marionetten im Krankenhaus) gerade die ersten 20 Jahre ihres Bestehens resümiert hat. Es ist voller Geschichten, in denen schwer kranke Kinder am Klinikbett Besuch von Puppenspielern und Musikanten bekommen, die ihnen einige vergnügliche Momente bereiten. Dieser Tage hat das Team von Loutky v nemocnici ein besonderes Geschenk für die jungen Patienten dabei: das Album „Vánoční cukroví“ (Weihnachtsplätzchen) nämlich, das gerade veröffentlicht wurde. Darauf backen zahlreiche Künstler 15 musikalische Plätzchen.
Es gibt Kinder, die müssen viel Zeit – und mitunter auch Weihnachten – im Krankenhaus verbringen. Es sind vor allem diese kleinen Patienten überall in Tschechien, denen das Team von Loutky v nemocnici mit seinen Besuchen eine Freude machen will. Marka Míková ist Gründerin und künstlerische Leiterin der Organisation:
„Manchen Menschen geht es nicht so gut, weil sie etwa mit einer schweren Krankheit kämpfen müssen. Und die, denen es gut geht, sind sich oft gar nicht bewusst, was andere für Probleme haben. Im Prinzip geht es uns allen, sofern wir gesund sind, doch schrecklich gut. Wir leiden weder unter Durst noch unter Hunger. Dennoch gibt es Menschen, die es schwer haben. Wir machen schon seit 20 Jahren unsere Besuche in den Krankenhäusern, und darum wissen wir, was alles passieren kann – ob es ein Unfall ist, eine langwierige Krankheit oder etwas Unheilbares. Wenn dann am Morgen jemand von draußen hereinkommt und ein Lied, gute Laune oder einfach Hoffnung mitbringt, dann hilft das ungemein viel. Dann beginnen das Kind und auch seine Eltern zu lachen.“
So beschreibt Míková die Berufung ihrer Organisation. Die Sängerin und Komponistin ist vor allem bekannt als Mitglied der Frauenband Zuby Nehty, die sie schon 1981 mitgegründet hat. Mit ihrem Projekt Loutky v nemocnici verteilt sie in den Krankenhäusern überall in Tschechien gerade ein musikalisches Weihnachtsgeschenk: Míková und zahlreiche ihrer Mitstreiter haben nämlich ein Album mit 15 Kinderliedern aufgenommen – 15 verschiedene Leckereien sozusagen...
„Ich habe dem Album den Namen ‚Vánoční cukroví‘ (zu Deutsch: Weihnachtsplätzchen, Anm. d. Red.) gegeben, weil jedes Weihnachtsplätzchen anders ist. Wirklich ganz anders. Manche sind süß, andere sogar ein bisschen scharf, und manchmal ist etwas Salziges dabei. Und auch die beteiligten Musiker kommen alle aus unterschiedlichen Genres. Einige spielen Jazz oder auch Rock, manche sind Liedermacher.“
Mit der Idee für das Album hat sich Míková schon vor einigen Monaten an ihre Kollegen bei Loutky v nemocnici gewandt. Sie hätten beim Komponieren absolute künstlerische Freiheit gehabt, betont die Initiatorin:
„Das war im Sommer, daher war das gar nicht so einfach. Ich bat alle, sich ein wirklich originelles Weihnachtslied auszudenken, das wir den Kindern in der Adventszeit vorsingen können. Es sollte einfach etwas Neues sein. Daraus wollte ich dann eben ein ganzes Album machen, so etwas wie ein Kompilat.“
Jedes musikalische Plätzchen ist anders
Und eine Art Kompilat ist auch das Cover des Albums. Es stammt aus der Feder der vielfach ausgezeichneten Buchillustratorin Galina Miklínová, die zum Beispiel auch den erfolgreichen Kinofilm „Lichožrouti“ geschaffen hat. Miklínová beschreibt ihr Bild:
„Es stellt die Verbindung dar von Weihnachtsplätzchen, so wie das Album heißt, und den Loutky v nemocnici. Zu sehen ist eine Schachtel voller Plätzchen, allerdings nicht irgendwelcher. Sie sind auf Finger aufgesteckt – so wie Fingerpuppentheater gespielt wird. Zudem wird dadurch symbolisiert, dass die Plätzchen von Hand gebacken werden. Und gleichzeitig stehen die Hände für alle, die am Album mitgewirkt haben, also all die tollen Musiker und Sänger.“
Klappt man das Booklet auf, hat man nicht nur die Liste der Lieder und ihre Verfasser vor sich, sondern noch weitere witzige Bildchen von Plätzchen mit Augen, Armen und Beinen. So trägt etwa ein Mutti-Vanillekipferl ein Kindchen-Kipferl auf ihrem Rücken. Miklínová erläutert:
„Natürlich sind die Plätzchen alle irgendwie personifiziert. Damit ist die grafische Gestaltung eine Zusammenfassung des ganzen Albums. Als ich es zum ersten Mal gehört habe, hat mich fasziniert, dass die Lieder so unterschiedlich sind, aber trotzdem ein Ganzes bilden. Ganz ähnlich wie der Teller, auf dem eine Menge Plätzchen liegen – sehr unterschiedliche und verrückte, in verschiedenen Formen und Farben gestaltet. Und trotzdem ergeben sie diesen einen bunten Teller, auf den wir uns immer freuen.“
Gedanken einer Schneeflocke
Ein Musikant und Puppenspieler bei Loutky v nemocnici ist zum Beispiel Kryštof Míka, Sohn von Gründerin Marka Míková. Er scheint nicht nur das künstlerische Talent geerbt zu haben. Auch die Empathie und Hilfsbereitschaft empfinde er ähnlich wie seine Mutter, wie Míka selbst unterstreicht. Trotzdem sei es gar nicht selbstverständlich gewesen, dass er sich an dem neuesten Albumprojekt beteiligt hat:
„Ein Weihnachtslied zu komponieren war für mich sehr interessant. An sich wäre ich wohl selbst nie auf die Idee gekommen. Ich habe eine Band, und für die schreibe ich normalerweise. Aber das ist etwas ganz anderes, als sich ein Lied für Kinder in Krankenhäusern auszudenken – besonders zu diesem Thema, das mich als Christen auch betrifft. Ich versuche meistens, über Dinge frei heraus zu sprechen. Ich sage etwas so, wie ich es sehe, und möglichst ohne Skrupel. Denn ich weiß, dass junge Menschen das so am meisten mögen. Und allgemein ist es das Beste in der Kommunikation, etwas direkt zu sagen, damit es klar ist.“
Diese Auslegung macht nun wirklich neugierig auf das Kinderlied, das Míka für das Album „Vánoční cukroví“ beigesteuert hat. Es heißt „Vločka“ (Schneeflocke)...
„Im Mittelpunkt steht eine Schneeflocke, die ins Warme fliegt. Bevor sie schmilzt, hat sie noch Zeit darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn man keine Chance auf die Vergebung der eigenen Fehler hätte. Da Weihnachten näherkommt, gibt es diese Möglichkeit aber zum Glück. Wenn jemand einen Fehler macht und diesen bedauert, dann wird ihm vergeben. Das ist für mich die Weihnachtsbotschaft. Tja, und dann löst sich die Schneeflocke auf.“
Dies sei schon ein bisschen traurig – aber irgendwie auch nicht, findet Kryštof Míka, der bereits seit 15 Jahren bei Loutky v nemocnici dabei ist. Er beschreibt seine Erfahrungen:
„Der Sinn des Projektes besteht darin, Kindern in Krankenhäusern etwas zu geben, das ihnen die Wartezeit auf die Heilung verkürzt. Und womit sie auf andere Gedanken kommen. Dies kann auf viele Arten passieren, es kommt immer auf das Alter der Kinder an. Darum gehen wir es bei jedem Besuch etwas anders an. Wir bringen entweder eine Anregung mit oder einen Witz. Für jüngere Patienten geht es auf jeden Fall um den Spaß, für ältere eher um den Denkanstoß.“
Plätzchen mit Chili
Das gilt auch für die einzelnen Lieder auf dem Weihnachtsalbum. Ein Lachgarant ist sicher das Stück „Oslíkoleda“ (Eselslied), bei dem sich der Esel darüber beschwert, dass bei ihm im Stall auf einmal ein nacktes Kind mit Heiligenschein geboren wurde und nun lauter Geschenke bekommt. Anregungen zum Nachdenken gibt es auf dem Album jedoch auch. Das beginnt schon bei der Zeichnung auf dem Cover. Illustratorin Miklínová hat dort nämlich eine scharfe rote Paprika platziert...
„Die Chilischote gehört zu einem speziellen Weihnachtsplätzchen. Ich habe überlegt, was wohl Marka Míková im Advent backen würde. Wir sind gute Freundinnen und waren zusammen schon in Mexiko. Da ich sie also ein bisschen kenne, dachte ich mir, dies ist genau das Plätzchen, das Marka zu Weihnachten backen würde.“
Das Lied jedoch, das Míková zum Weihnachtsalbum ihrer NGO selbst beigetragen hat, ist vielleicht nicht unbedingt pfeffrig. Aber es hat Pepp. Die Komponistin schildert die Entstehung von „Ježíšku náš“:
„Vor allem wollte ich, dass es ein richtiges Weihnachtslied wird – darum der Text ‚Jesulein unser‘. Und dabei kommt einem natürlich in den Sinn, was man sich wirklich wünschen würde. Das sind manchmal unerfüllbare und schwierige Dinge, dass es zum Beispiel keine Kriege mehr gibt und die Menschen gut zueinander sind. Beim Schreiben des Liedes sagte ich mir, dass es nicht nur von einem Erwachsenen gesungen werden könne. Also bat ich einige Kinder dazu. Darunter sind meine Enkel oder auch die von Kollegen. Sie sangen den Teil mit den ganzen Wünschen ein. Diese veränderten sich dann auch, weil jemand zum Beispiel einen Spiderman wollte und jemand anderes ein Häuschen für Obdachlose. Und wieder jemand anderes äußerte, dass auf der Erde alle Menschen glücklich sein sollten.“
Die Puppenspieler und Musikanten von Loutky v nemocnici sind jeden Tag in den Krankenhäusern Tschechiens unterwegs, um die kleinen Patienten und ebenso deren Eltern aufzumuntern. Und derzeit singen sie nicht nur die Lieder von „Vánoční cukroví“ vor, sondern verschenken das virtuelle Album auch. Marka Míková:
„Wir haben generell oft Geschenke dabei. Diesmal ist es also ein QR-Code, mit dem das Album kostenlos auf unserer Website angehört werden kann. Und wenn jemand unsere Arbeit unterstützen will, dann ist auch das möglich. Das Album wurde von dem Brünner Label Indies Scope herausgegeben, und über deren Streamingauftritte kann man etwa einen kleinen Beitrag einzahlen.“







