Zehn Jahre nach Paris: Tschechien und das Klimaabkommen

Am 12. Dezember 2015 unterzeichneten 195 Länder der Erde das Pariser Klimaabkommen. Das Dokument sieht vor, in diesem Jahrhundert die globale Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen und Anstrengungen für eine Begrenzung auf 1,5 Grad Celsius zu unternehmen. Was ist heute davon geblieben? Und wie blickt man in Tschechien auf das Abkommen?

Einer der Unterhändler des Klimaabkommens war Stéphane Crouzat. 2015 war er Berater des französischen Umwelt- und Energieministeriums. Seit 2024 ist Crouzat nun französischer Botschafter in Tschechien. Im Interview für die Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks schilderte der Diplomat, dass die Ausrichtung der UN-Klimakonferenz in Paris auf den letzten Drücker zu scheitern drohte. Denn kurz vorher hatte es in der Stadt Terroranschläge gegeben. Doch unter einem massiven Sicherheitsaufgebot wurde die Konferenz schließlich abgehalten. Es seien zwei intensive Arbeitswochen gewesen, sagt Crouzat heute:

Stéphane Crouzat | Foto: Archiv der französischen Botschaft in Prag

„Am 12. Dezember 2015 war alles entschieden. Ich kann mich erinnern, wie Laurent Fabius, der Präsident der UN-Klimakonferenz COP, umherschaute und fragte, ob alle zustimmen. Und dann konstatierte er, dass das Abkommen angenommen sei. Ich war damals mit im Raum, es gab einen Ausbruch von Erleichterung. Wir hatten das Gefühl, etwas wirklich Bedeutsames erreicht zu haben. Denn es ist unfassbar schwer, dass wirklich alle Staaten der Welt einer Sache zustimmen.“

Für das 1,5-Grad-Ziel hatten sich damals vor allem kleine Inselstaaten stark gemacht, die ihre Existenz durch den Anstieg des Meeresspiegels bedroht sahen. Heute gehen Wissenschaftler nicht davon aus, dass die Zielmarke noch erreicht werden kann. Und selbst der Plan, die Erderwärmung auf maximal 2 Grad Celsius zu begrenzen, scheint immer unrealistischer. Dazu Crouzat:

„Vor dem Pariser Abkommen sind wir auf vier Grad Erderwärmung zugesteuert. Nun bewegen wir uns bei einem Anstieg von 2,3 oder 2,5 Grad. Das ist immer noch zu viel und weit mehr als das, worauf wir uns in Paris geeinigt haben. Aber es ist besser als die vier Grad, die wir ohne das Klimaabkommen hätten.“

Donald Trump | Foto: Alexander Drago,  Reuters

Dennoch wirkt das Abkommen heute angeschlagen. Denn die USA kündigten 2020 unter Donald Trump ihre Teilnahme auf. Ein Jahr später trat man unter Präsident Joe Biden zwar wieder ein. Nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus unterzeichnete Trump Anfang dieses Jahres jedoch erneut ein Dekret, das den Austritt der USA vorsieht.

„Die Administration von Trump hat beschlossen, energietechnisch mit Vollgas ins 20. Jahrhundert zurückzumarschieren. Fossile Brennstoffe haben für sie eine Vorrangstellung. Länder wie China hingegen gehen den entgegengesetzten Weg. China errichtet zwar immer noch Kohlekraftwerke. Das Land baut aber auch die Erneuerbaren aus, und das in einem Maß, das wir uns kaum vorstellen können. Die USA tun dies nicht. Das mag kurzfristig günstig für sie sein. Ich halte dies dennoch für einen schweren Fehler. Denn langfristig schadet dies der eigenen Wirtschaft und definitiv auch dem Planeten.“

Auch in Tschechien gibt es einen starken Klimaskeptizismus. Wie blickt Crouzat darauf?

Proteste tschechischer Landwirte gegen die Agrarpolitik der EU | Foto: Václav Plecháček,  Tschechischer Rundfunk

„Als ich vor anderthalb Jahren nach Tschechien kam, war ich überrascht, wie kontrovers dieses Thema hier ist und wie stark der Green Deal der EU attackiert wird – und dies von vielen Seiten, quer durch das politische Spektrum hinweg.“

Daran dürfte sich mit der kommenden Regierung wohl auch nichts ändern. So soll das Umweltressort an die Autofahrerpartei Motoristé sobě gehen, die – wie der Name schon sagt – kein Verfechter grüner Politik ist. Die Leitung des Ressorts wird vorerst Parteichef Petr Macinka übernehmen, der in der Vergangenheit mehrfach den menschengemachten Klimawandel in Frage gestellt hat.

Für derartige Ansichten hat Crouzat kein Verständnis. Und er sagt:

„In Tschechien haben viele Menschen das Gefühl, dass der Klimawandel weit weg und abstrakt ist. Sie haben hier keine Küste, an der sie sehen, wie das Wasser ansteigt. Aber uns geht das alle etwas an, auch die Menschen in Tschechien. Sie lieben ja ihre Wälder. Aber wenn die Temperatur weiter in diesem Tempo voranschreitet und um zwei oder drei Grad steigt – werden unsere Wälder dann überleben können?“

Die Konsequenzen des Klimawandels müsse man sich deshalb jetzt bewusst machen und sich daran anpassen, betont der Diplomat. Positiv hebt er hingegen hervor, dass es in Tschechien eine breite Akzeptanz der Atomkraft als treibhausgasarme Energiequelle gebe:

Kraftwerk Chvaletice | Foto: Iveta Záleská,  iROZHLAS.cz

„Frankreich sieht darin eine Lösung und Tschechien ebenso; wir sind da auf dem gleichen Weg. Das Problem in Tschechien ist jedoch, dass ein Drittel des Stromes durch Kohle gewonnen wird. Diese Kraftwerke sollen zwar heruntergefahren und 2033 abgeschaltet werden. Aber bis dahin braucht es einen Ersatz für die 33 Prozent Strom, die derzeit aus der Kohle stammen. Atomenergie kann dies nicht leisten, denn in dieser kurzen Zeit kann man kein neues Kernkraftwerk bauen. Aber es gibt andere Wege, wie etwa der Ausbau erneuerbarer Energien. Ich hoffe, dass Tschechien dahingehend ambitionierte Ziele hat und diese einhält.“

Dass die künftige tschechische Regierung derartige Ambitionen tatsächlich verfolgt, darf angezweifelt werden. So wird Kohle im Regierungsprogramm weiter als Teil des Energiemixes aufgeführt, und eine voreilige Dekarbonisierung lehne man ab, heißt es.

Petr Macinka,  der Vorsitzende der Autofahrerpartei Motoristé sobě | Foto: Zuzana Jarolímková,  iROZHLAS.cz

Und auch das Pariser Klimaabkommen dürfte zehn Jahre nach seiner Unterzeichnung in Tschechien noch einmal neu diskutiert werden. Denn Petr Macinka hatte im Januar dieses Jahres in einem Facebook-Post befürwortet, dass die USA aus dem Abkommen austreten. Und er stellte in Aussicht, dem im Falle einer Regierungsbeteiligung seiner Autofahrerpartei nachzufolgen. Es müsse einer der ersten Schritte der künftigen tschechischen Regierung sein, unmittelbar nach ihrer Ernennung aus dem Klimaabkommen auszusteigen, so Macinka damals. Ob dieses Vorhaben umsetzbar ist?

Autoren: Ferdinand Hauser , Jan Kaliba | Quelle: Český rozhlas
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