130 Jahre Tschechische Philharmonie: Von Dvořáks Segen zu Weltruf

Die Tschechische Philharmonie

Als am Samstag, 4. Januar 1896, um 19:30 Uhr die ersten Töne des historisch ersten Konzerts der Tschechischen Philharmonie erklangen, konnte kaum jemand ahnen, dass gerade die Geschichte jenes Orchesters beginnt, das zu einem der Symbole für die tschechische Kultur werden soll. Auf dem Podium im Prager Rudolfinum stand der größte tschechische Komponist aller Zeiten, Antonín Dvořák, und dirigierte ausschließlich seine eigenen Kompositionen. Das Publikum hörte die dritte Slawische Rhapsodie, in Weltpremiere die Biblischen Lieder sowie die Ouvertüre „Othello“ und abschließend die Sinfonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“.

Dvořák eröffnete mit diesem Konzertabend nicht nur die Geschichte des Orchesters, sondern gab ihm zudem einen „ehrlichen, ermutigenden und eindrucksvollen Beweis seiner Gunst“. Diese Gunst ist zu einer der Stützen geworden, auf denen die Tschechische Philharmonie in der Folge weiterwachsen konnte.

Wie und warum die Philharmonie entstanden ist

Programm des ersten Konzerts der Tschechischen Philharmonie am 4. Januar 1896 | Foto: Wikimedia Commons,  public domain

Die Idee eines großen tschechischen Sinfonieorchesters hatte sich länger entwickelt. Bedřich Smetana träumte bereits in den 1860er Jahren von regelmäßigen Sinfoniekonzerten für das tschechische Publikum. Erst am 7. Juni 1894 billigte die Verwaltung Prags das Statut für einen neuen Verein – die Tschechischen Philharmonie. Diese hatte zwei Aufgaben: das Musikleben in Prag zu fördern und den Orchestermitgliedern des Nationaltheaters und ihren Familien eine Altersversorgung zu sichern.

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Bis 1901 war die Philharmonie ein Freizeitprojekt der Orchestermitglieder. Sie mussten an den Proben und Konzerten teilnehmen – wenn sie sich um mehr als 15 Minuten verspäteten, kostete sie das einen Gulden, eine Abwesenheit beim Konzert sogar fünfmal so viel. Das Orchester hatte keinen ständigen Dirigenten. Die Konzerte wurden beispielsweise von Adolf Čech, Mořic Anger, Karel Kovařovic, Oskar Nedbal oder Zdeněk Fibich geleitet.

Orchester aller wichtigen Ereignisse

Die Tschechische Philharmonie wurde bald nicht nur zu einer musikalischen Institution, sondern auch zum Zeugen und Akteur der tschechischen Geschichte.

  • 1918 – war sie bei der Entstehung der Tschechoslowakei dabei.
  • 1945 – leitete Rafael Kubelík das berühmte Danksagungskonzert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
  • 1969 – spielte sie bei Konzerten zum Andenken an Jan Palach.
  • 1989 – unterstützten ihre Mitglieder die Samtene Revolution.
  • 1990 – kehrte Rafael Kubelík nach 40 Jahren aus dem Exil zurück, und unter seiner Leitung spielte das Orchester im Juni 1990 auf dem Prager Altstädter Ring beim Konzert mit dem Titel „Rafael Kubelík národu“.

Das Orchester wurde von Dirigenten geformt, die zu Legenden geworden sind: Václav Talich, Karel Ančerl und auch Václav Neumann. In der jüngeren Geschichte wurde es durch die Rückkehr von Jiří Bělohlávek im Jahre 2012 und seit 2018 durch die Arbeit von Semjon Bytschkow beeinflusst. Unter der Leitung Bytschkows rückte das Orchester ins Rampenlicht der internationalen Kritik. 2024 wurde es von der britischen Musikzeitschrift Gramophone zum Orchester des Jahres gekürt und trat mit großem Erfolg in der Carnegie Hall auf.

Tschechische Philharmonie in der Carnegie Hall | Foto: Česká filharmonie

130 Jahre danach: Philharmonie in bester Kondition

Semjon Bytschkow und Tschechische Philharmonie | Foto: Petra Hajská,  Tschechische Philharmonie

Die Tschechische Philharmonie wird an ihren 130. Gründungstag mit zwei Konzerten am 1. und 2. April 2026 unter der Leitung von Semjon Bytschkow erinnern. Es erklingen die ersten zwei Sätze aus Dvořáks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ sowie zwei Kultkompositionen von Bedřich Smetana: die Ouvertüre zur „Verkauften Braut“ und die „Moldau“. Projektionen von Archivmaterialien, die an die Geschichte des Orchesters erinnern, werden die Konzerte ergänzen.

Eine Woche später wird vom Label Pentatone die komplette Aufnahme von Mahlers Sinfonien herausgegeben. An dem Projekt hat Bytschkow seit 2018 mit dem Orchester zusammengearbeitet.

Während der Jubiläumssaison, die schon im September 2025 mit einem Konzert begann, treten renommierte Dirigenten (Jakub Hrůša, Simon Rattle) und der Residenzmusiker, der Pianist Jewgeni Kissin, zusammen mit der Philharmonie auf. Das Orchester unternahm und unternimmt Tourneen durch Europa und Asien.

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