Der Traum von der Überraschung: Tschechien bei der Fußball-WM 2026

Die tschechische Fußballnationalmannschaft

Am Donnerstag startet endlich die Fußball-WM. Das tschechische Team nimmt erstmals seit 20 Jahren wieder an dem wichtigsten Turnier dieses Sportes teil. Was sind die Ziele? Wie ist der Kader zusammengestellt? Und worauf setzt Nationaltrainer Koubek?

Mit zwei Siegen in den beiden letzten Tests geht die tschechische Fußballnationalmannschaft gut gestimmt die Mission Weltmeisterschaft an. Und das obwohl spielerisch noch nicht alles gepasst hat. In Prag gewann das Team mit 2:1 gegen den Kosovo und am vergangenen Donnerstag in New Jersey mit 3:1 gegen Guatemala. Das WM-Ziel hat Nationaltrainer Miroslav Koubek schon in Prag deutlich formuliert:

„Ich sage von Beginn an, dass wir die Vorrunde überstehen wollen. Wir haben im Kopf, dass wir nicht hinfahren, um nur teilzunehmen. Sondern wir wollen uns aus unserer Gruppe ins Sechzehntelfinale vorkämpfen – aus unserer schweren Gruppe. Denn das ist sie.“

Nacheinander warten Südkorea, Südafrika sowie Co-Gastgeber Mexiko auf die Schützlinge von Koubek. Dass diese Gruppe A schwer sei, das finden jedoch längst nicht alle Fachleute – ob ehemalige Nationalspieler oder Sportjournalisten. Zu Letzteren gehört Mikuláš Jáša. Er berichtet für den Sportsender des Tschechischen Rundfunks von der Weltmeisterschaft und findet:

Mikuláš Jáša | Foto: Khalil Baalbaki,  Český rozhlas

„Es ist eine der leichteren Gruppen, die Gegner sind sicher schlagbar. Mexikos Team hat den großen Vorteil, dass es zu Hause spielt und seine Fans im Rücken haben wird. Mexiko ist der absolute Favorit der Gruppe, aber Südkorea und vor allem Südafrika sind Nationalmannschaften, die das tschechische Team schlagen sollte.“

Wie auch immer man über die Stärke der Gegner denken mag – Trainer Koubek will vor allem ein tschechisches Team haben, das auch von der mentalen Seite her optimal eingestellt ist. Deswegen hat er seinen Spielern den Ausdruck verboten, dass sie die WM „genießen“ wollten. Es dürfe nicht darauf hinauslaufen, dass sie schon die Qualifikation für das Turnier als Erfolg betrachteten, erläuterte der Coach weiter.

Unglückliche WM 2006

Dabei ist es erst die zweite WM-Teilnahme eines tschechischen Nationalteams. Seit der staatlichen Eigenständigkeit von 1993 gelang dies bisher nur 2006 bei der Weltmeisterschaft in Deutschland. An dieser nahm auch Zdeněk Grygera teil, der einst für Ajax Amsterdam oder auch Juventus Turin spielte. Nun ist der frühere Verteidiger stellvertretender Vorsitzender des tschechischen Fußballbundes (FAČR) und erinnert sich noch genau, wie unglücklich die WM vor 20 Jahren für das Nationalteam verlief…

„Einige der wichtigsten Spieler reisten verletzt zum Turnier und konnten letztlich nicht eingesetzt werden. So zum Beispiel Milan Baroš, auf dem man im Sturm gesetzt hatte. Zudem haben wir in zwei wichtigen Vorrundenbegegnungen jeweils eine Rote Karte erhalten und mussten zu zehnt weiterspielen“, so Grygera.

Auf den 3:0-Auftaktsieg gegen die USA, mit Toren von Jan Koller und Tomáš Rosický, folgten jeweils eine 0:2-Niederlage gegen Ghana und gegen Italien. Damit schied Tschechien 2006 in der Vorrunde aus.

Doch für das anstehende Turnier fehlt niemand verletzungsbedingt. Ein Sonderfall ist indes Stürmer Adam Hložek von der TSG Hoffenheim. Er gehört zum tschechischen WM-Kader, obwohl er fast die gesamte Saison wegen Verletzungen nicht spielen konnte. Der Bundesligaspieler stand aber beim vorletzten Test in Prag gegen den Kosovo in der Startelf und leitete zunächst den Führungstreffer ein. Das zweite Tor erzielte er mit einem wuchtigen Schuss von halbrechts selbst. Danach aber war Hložek sichtlich ausgepumpt und wurde zur Halbzeit auch ausgewechselt. Ist seine Nominierung klug? Sportredakteur Jáša:

Adam Hložek | Foto: Slavek Ruta,  ZUMA Press Wire/Shutterstock/Profimedia

„Es ist durchaus ein Risiko. Adam Hložek selbst hat im Interview nach dem Spiel gesagt, und da zitiere ich ihn wörtlich, dass er sich wie weggeblasen fühlen würde. In der Begegnung hat er gezeigt, dass ihm der Ball gut gehorcht und er geschickt ist, aber die Fitness und auch die Spielpraxis fehlen ihm noch. Das ist natürlich ein Risiko. Aber er hat im Nationaldress bereits einige Erfahrungen gesammelt. Er gilt nicht mehr als der talentierte Jungspund wie bei seinem Wechsel in die deutsche Bundesliga, sondern ist 23 Jahre alt. Er wird das meistern, aber es bleibt riskant.“

Auch bei der Generalprobe zur WM spielte Hložek nur eine Halbzeit. Allerdings ist im Sturm eher der Leverkusener Patrik Schick gesetzt, der gegen Guatemala die Führung erzielte.

Kontroverse Nominierungen

Insgesamt besteht der Kader vorwiegend aus Spielern der tschechischen Liga, nur neun der insgesamt 26 Aufgebotenen schnüren ihre Fußballschuhe im Ausland. Das bedeutet vergleichsweise wenig internationale Erfahrung. Und gleich zwei Stammkräfte, die eben diese Erfahrung ins Team hineintragen sollen, haben eine frustrierende Saison hinter sich, denn ihre Vereine sind jeweils aus der englischen Premier League abgestiegen: Verteidiger und Nationalmannschaftskapitän Ladislav Krejčí mit den Wolverhampton Wanderers und Mittelfeldspieler Tomáš Souček mit West Ham United. Doch Trainer Koubek denkt nicht, dass dies negative Auswirkungen haben könnte:

Miroslav Koubek | Foto: William Volcov,  Brazil Photo Press/Shutterstock/Profimedia

„Wenn man bei der WM ist, dann verbannt man alles aus dem Kopf, was sich in der Saison und an deren Ende abgespielt hat. Das haben die Jungs getan. Ich spüre vom ersten Moment an eine feierliche Stimmung und die Vorfreude auf die Herausforderungen, die auf uns warten. Diese Kraft und die Motivation übersteigen sicher die Probleme aus der Saison, die einige Spieler erlebt haben.“

In gewisser Weise gilt das auch für zwei Nationalspieler vom tschechischen Meister Slavia Prag: Stürmer Tomáš Chorý und Abwehrspieler David Douděra. Dass Koubek sie nach Übersee mitnimmt, ist durchaus eine kontroverse Entscheidung. Beide Spieler wurden Anfang Mai von ihrem Verein suspendiert, weil sie zum wiederholten Mal über die Stränge geschlagen hatten. Im Skandalspiel gegen Erzfeind Sparta Prag erhielten sie beide Rot. Bei Chorý war es der dritte Platzverweis in der Saison, in dem Fall wegen eines Ellbogenschlags gegen einen Gegenspieler. Und Douděra sah Rot wegen unflätiger Äußerungen gegen den Schiedsrichter von der Bank aus.

Im Test gegen Guatemala wurden sie in der zweiten Halbzeit eingewechselt und belebten das Spiel. Gerade Chorý erzielte auf Flanke seines Vereinskameraden Douděra die 2:1-Führung. Und Trainer Koubek fühlte sich in seiner Entscheidung für die Mitnahme der Sünder bestätigt.

Tomáš Chorý erzielte das zweite Tor der tschechischen Mannschaft gegen Guatemala. | Foto: William Volcov,  ČTK / imagosportfotodienst

„Genau dafür ist Douděra dabei. Und Chorý ist ein Spieler für die speziellen Momente. Ich habe an beiden nie gezweifelt. Sie sind Spieler, die in den Nationalkader gehören. Als Trainer muss ich vor allem die sportliche Seite berücksichtigen. Die Dinge, die vorgefallen sind, fanden auf einer anderen Bühne statt. Hier aber haben wir unsere Bühne“, sagte der Coach auf der Pressekonferenz in New Jersey.

Und wie bewertet Mikuláš Jáša beide? Er verweist zum Beispiel auf die 17 Tore von Chorý in dieser Liga-Saison:

David Douděra | Foto: Pavel Lebeda,  ČTK

„Er ist der beste Torjäger der tschechischen Liga. Zudem hat er unter Nationaltrainer Hašek bei der letzten Europameisterschaft gut gespielt. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Tor gegen die Türkei, das er erzielt hat. Tomáš Chorý ist ein großgewachsener Stürmer. Mit ihm lässt sich das Spiel etwas anders gestalten als mit Patrik Schick. Und David Douděra ist tatsächlich ein kontroverser Name. Über die sozialen Medien hat er sich jedoch für sein Verhalten entschuldigt. Mir persönlich gefällt an ihm, dass er immer sein Herz auf dem Platz lässt. Er ist auch in gewisser Weise verrückt, gibt aber eben auf dem Platz einfach alles. Trainer Koubek hat also mit ihnen zwei Fußballspieler im Kader, die aus sportlicher Sicht das Format haben, Tschechien bei der WM zu repräsentieren.“

Taktik Standardsituationen

Die bisherigen Spiele unter Trainer Koubek zeugen nicht davon, dass er eine unerwartete spielerische Komponente für das Team gefunden hätte. Schon die beiden Begegnungen in der Relegation zur Weltmeisterschaft fußten auf einer möglichst kompakten Mannschaft sowie auf der Nutzung von Standardsituationen. Und genau das hält Sportredakteur Jáša auch für das wahrscheinlichste Mittel beim tschechischen WM-Auftritt:

Die tschechische Nationalmannschaft vor dem Play-off-Halbfinale gegen Irland | Foto: David W. Černý,  Reuters

„Ladislav Krejčí, Tomáš Souček, Robin Hranáč und Patrik Schick sind alle hervorragende Kopfballspieler. Sie sind hochgewachsen und fast zwei Meter groß. Hundertprozentig kann ich mir die Situation vorstellen, in der Vladimír Coufal einen weiten Einwurf in den Strafraum bringt, wo Ladislav Krejčí den Ball an den langen Pfosten verlängert und Tomáš Souček ihn von dort ins Tor nickt. Oder etwa nach einem Eckstoß. Es ist zwar ein Klischee, aber man muss sagen, dass auch Standardsituationen ein Spiel entscheiden können. Ich denke, dass die tschechische Nationalmannschaft genau darauf abzielen wird und diese Situationen ihr zum Einzug in die Ausscheidungsspiele verhelfen werden.“

Theoretisch könnte schon ein einziger Sieg in der Vorrunde den Einzug ins Sechzehntelfinale bedeuten. Denn neben den erst- und zweitplatzierten Teams aus jeder der 16 Gruppen kommt auch noch die Hälfte der drittplatzierten Teams weiter. Der neue Spielmodus gibt also vielen Teilnehmernationen die Hoffnung auf ein Überstehen der Vorrunde.

Eine besondere Herausforderung dürfte jedoch das Wetter werden. Schon 1994 bei der ersten WM in den USA waren die Stadien teils Glutöfen. Meteorologen warnen jetzt vor der heißesten Weltmeisterschaft aller Zeiten. An einigen Orten herrscht zudem noch hohe Luftfeuchtigkeit. Deswegen lobte Tschechiens Nationaltrainer auch das Testspiel in New Jersey.

„Es war gut, dass es hier ein bisschen wie in der Waschküche war. Wir konnten sehen, dass die Jungs trotzdem gerannt sind. Ich hatte das Gefühl, dass dies genau die Bedingungen waren, die uns im weiteren Verlauf helfen können – also drückendes Klima und Hitze. Man muss dabei bedenken, dass wir erst vor vier Tagen hier angekommen sind und auch die Zeitverschiebung noch nicht ganz verarbeitet haben“, ließ Koubek unmittelbar nach der WM-Generalprobe verlauten.

Hitzetraining für die Höhe

Ihr Basislager haben die Tschechen im texanischen Fort Worth aufgeschlagen – also nicht gerade an einem kühlen Ort. Mit einem speziellen Hitzetraining sollen sich die Spieler abhärten für die Bedingungen im Quartier und in den Stadien. Pavel Šulc ist neben Patrik Schick, Tomáš Souček und Ladislav Krejčí ein weiterer Dreh- und Angelpunkt im tschechischen Team, weil er bei Olympique Lyon als Mittelfeldspieler in dieser Saison elf Tore in 27 Begegnungen erzielte. Für die Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks beschrieb Šulc das Hitzetraining:

Pavel Šulc | Foto: ČTK / IMAGO sportfotodienst

„Wir sollen den Trainingsraum auf 35 Grad hochheizen und 45 Minuten auf dem Hometrainer üben – aber so, dass unser Puls 50 Prozent des Maximalpulses nicht übersteigt. Manche haben einen Maximalpuls von 220, bei anderen liegt er bei 200. Das heißt, dass bei dem Training dann 100 oder 110 Schläge pro Minute nicht überschritten werden sollen. Das soll dabei helfen, dass wir uns akklimatisieren. So entstehen angeblich mehr rote Blutkörperchen, was besser sein soll.“

Dadurch erhöht sich die Sauerstofftransportkapazität des Blutes. Und das hilft noch bei einer weiteren Besonderheit, die auf das tschechische Team an zwei der Spielstätten wartet: die Höhenlage. Zum Auftakt gegen Südkorea spielen Koubeks Jungs nämlich im mexikanischen Guadalajara auf fast 1600 Metern Meereshöhe, inklusive Waschküchenklima. Das Spiel gegen Südafrika wiederum findet in Atlanta statt, im heißen Süden der USA. Aber dann geht es hoch hinaus ins Aztekenstadion in Mexiko-Stadt auf über 2300 Metern Höhe. Auch darauf will man vorbereitet sein.

Fußballstadion in Guadalajara,  Mexiko | Foto: Li Muzi,  Xinhua News/Profimedia

Erfahrener Coach

Im Übrigen ist Miroslav Koubek erst seit Mitte Dezember tschechischer Nationaltrainer. Mit 74 Jahren wird er der zweitälteste Coach bei der WM sein – hinter dem Niederländer Dick Advocaat, der Deutschlands Auftaktgegner Curacao trainiert. Koubek hat vor allem dem tschechischen Erstligisten Viktoria Pilsen zu Erfolgen verholfen. Mikuláš Jáša:

„Er hat dort bewiesen, dass er auch ein Team führen kann, das vielleicht keine Stars, aber doch große Namen in seinen Reihen hat. Er ist in der Lage, solche Spieler sozusagen zu zähmen. Und er hat mit ihnen auch in Turnierformaten Erfolge erzielt. Damit meine ich die Europa League, bei der er mit Pilsen in die Ausscheidungsphase eingezogen ist.“

Und so bleibt die Hoffnung, dass Koubek vielleicht auch der Richtige für ein Turnier wie die WM ist. Selbst wenn die Zeiten der richtigen Stars im tschechischen Nationaldress wie Pavel Nedvěd, Tomáš Rosický, Petr Čech oder Patrik Berger längst vorbei sind. Oder auch von Vladimír Šmicer, dem einstigen Mittelfeldspieler des FC Liverpool. Er hofft sogar auf eine Überraschung wie bei der Europameisterschaft 1996, als Tschechien ins Finale einzog und erst dort dann Deutschland unterlag.

Vladimír Šmicer | Foto: Agáta Nezbedová,  Tschechischer Rundfunk

„Wenn das Team mental so stark ist wie wir damals, dann ist solch eine Überraschung möglich. Wir wussten zwar, dass wir etwas konnten, waren aber bei der EM 1996 nicht die großen Favoriten. Das ist jetzt ähnlich. Sie haben die schwere Relegation gemeistert, und vielleicht ist es schwieriger, sich für die WM zu qualifizieren, als dort dann zu spielen. Natürlich ist es aber immer noch die Endphase der Weltmeisterschaft. Die Gruppe ist jedoch spielbar“, so der 53-jährige Ex-Fußballprofi.

Was möglich ist, zeigt vielleicht schon die Auftaktbegegnung für Tschechien, wenn es am Freitag um vier Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit gegen Südkorea geht.

Autor: Till Janzer | Quellen: Český rozhlas , ČTK
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