Zur Böhmischen Kuchl: Eine tschechische Kneipe mitten in Wien

Die tschechische und die österreichische Küche sind historisch eng miteinander verflochten. Die Restaurants, die in Wien heute dezidiert tschechische Speisen anbieten, kann man an einer Hand abzählen. Eines von ihnen ist die „Böhmische Kuchl“ in der Schlösselgasse.

„Unser Restaurant ist ein Familienbetrieb“, sagt Tomáš Zavadil. Der Tscheche lebt seit fast 30 Jahren in Österreich. Und seit 2017 ist er Inhaber des Restaurants „Zur Böhmischen Kuchl“ in Wien. Mit an Bord sind mittlerweile auch seine Frau, sein Sohn sowie seine Tochter Hana Štefancová.

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Wenn man das Lokal in unmittelbarer Nähe des Universitätsgebäudes und des Wiener Rathauses betritt, fühlt man sich sofort wie in einer anderen Welt – beziehungsweise wie in Tschechien. Die Einrichtung ist urig, an den Wänden hängen Portraits von Tomáš Garrigue Masaryk und Václav Havel. Auf der Speisekarte in der „Böhmischen Kuchl“ stehen – wie sollte es anders sein – die Klassiker der tschechischen Küche. Štefancová nennt einige der Bestseller:

„Das sind svíčková, Rindsgulasch und verschiedene Kartoffelpuffergerichte. Zudem haben wir immer auch eine Saisonkarte.“

Bei den Getränken wird ebenso alles geboten, was das Nachbarland zu bieten hat. Es gibt Pilsner Urquell und Kozel vom Fass, dazu die Spirituosen der Brennerei Jelínek und die Kultlimonade Kofola. Allerdings erwähnt Štefancová, dass auch Klassiker der österreichischen Küche auf der Speisekarte vertreten sind. Was wird also mehr bestellt? Der klassische tschechische Lendenbraten svíčková oder das Wiener Schnitzel?

„Sicher mehr svíčková. Schnitzel haben ja fast alle Restaurants in Wien. Svíčková ist hier hingegen nicht so üblich.“

Und wer sind die üblichen Besucher des Lokals?

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Vor allem kommen Österreicher zu uns. Die ausländischen Gäste stammen meistens aus Italien, Frankreich oder Spanien“, meint Štefancová. „Eigentlich kommen Menschen aus der ganzen Welt hierher“, ergänzt ihr Vater. Besucher aus Tschechen und der Slowakei kämen dabei aber eher selten.

Eine Ausnahme dahingehend ist Markéta Schürz Pochylová. Sie ist Tschechisch-Lektorin an der Universität Wien. Und mit ihren Studierenden schaut sie regelmäßig in der Traditionsgaststätte vorbei.

„Im Anfängerkurs gibt es auch das Thema ‚Im Restaurant‘. Dieses tschechische Lokal besuchen zu können, ist da natürlich eine tolle Gelegenheit. Denn es gibt dort Essen aus dem Land, und das Personal spricht Tschechisch. Mindestens einmal im Semester gehen wir also dort hin, und die Studenten müssen auf Tschechisch bestellen. Sie nehmen etwa svíčková, Palatschinken oder Liwanzen. Es wird also das trainiert, was zuvor im Kurs durchgenommen wurde.“

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Gründung im Jahr 1988

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Tomáš Zavadil und seine Familie sind mittlerweile die dritten Betreiber der „Böhmischen Kuchl“ im achten Wiener Bezirk. Wie der Historiker Klaas Anders in seiner Dissertation über das tschechische Exil in Wien ausführt, reicht die Geschichte des Lokals zurück bis ins Jahr 1988. Die Gründung wurde durch den Kulturklub der Tschechen und Slowaken initiiert, der sich bereits in den 1970er Jahren in Wien zusammengetan hatte. In den Restauranträumlichkeiten organisierte der etwa Verein Kulturveranstaltungen und bot Sprachkurse an. Erster Gastwirt der „Böhmischen Kuchl“ war Pavel Knížek, der erst 1988 aus der kommunistischen Tschechoslowakei emigriert war. Er leitete die Wirtschaft bis zu seinem Tod im Jahr 2003. Die darauffolgende Besitzerin stammte ebenso aus Tschechien. Bei der Übernahme des Lokals 2017 habe die Familie Zavadil allenfalls behutsame Änderung am Konzept durchgeführt, betont Hana Štefancová. So stamme der Großteil der Einrichtung tatsächlich noch aus den Anfangstagen der Kneipe:

„Als wir das Lokal übernommen haben, waren all die Gläser und Bilder an den Wänden schon da.“

Zwei Jahre nach der Übernahme entschieden sich die neuen Eigentümer allerdings zu einem gewagten unternehmerischen Schritt. Direkt neben dem Lokal mieteten sie ein Ladengeschäft an und richteten dort unter dem Namen „Bohemia Market“ einen kleinen Supermarkt mit tschechischen und slowakischen Spezialitäten ein. Das Konzept: Lebensmittel aus den beiden Nachbarländern anbieten, die in Österreich sonst ohne weiteres nicht zu bekommen sind. Besonders groß sei die Nachfrage während der Corona-Pandemie gewesen, sagt Štefancová:

„Wir haben tschechische Spezialitäten angeboten und auch slowakische, wie etwa den Käse Brimsen. Während der Corona-Pandemie konnten die Tschechen und Slowaken, die hier leben, diese Sachen nicht anderswo kaufen, denn die Grenzen waren zu. Dahingehend war es während der Pandemie also für uns super, dieses Geschäft zu haben. Aber dann wurden die Grenzen wieder geöffnet, und all die Leute fuhren wieder selbst nach Tschechien und in die Slowakei.“

Deshalb blieben die Umsätze aus. Und zudem sei der Betrieb des Ladens neben der täglichen Arbeit im Restaurant auch viel zu viel Arbeit gewesen, sagen Štefancová und Zavadil. Mittlerweile hat der kleine Laden seine Türen deshalb wieder geschlossen, und die Familie konzentriert sich auf das Kerngeschäft: ihr Restaurant. Dieses läuft laut den Betreibern dabei sehr gut. In der „Böhmischen Kuchl“ wird täglich ein Mittagsmenü angeboten, besonders voll ist der kleine Gastraum aber am Abend. Ohne Reservierung könne es dann schon einmal schwierig werden, noch einen Platz zu bekommen, sagt Štefancová:

„Ich hoffe, dass es so weitergeht. Momentan sind wir wirklich sehr zufrieden. Und wenn das in den nächsten Jahren so bleibt, wäre das natürlich sehr schön.“

Hana Štefancová und Tomáš Zavadil | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Ein schwindendes Interesse an der deftigen tschechischen Küche, etwa durch eine Entwicklung hin zum Vegetarismus, kann Hana Štefancová nicht ausmachen. Die traditionellen Fleischgerichte in großen Portionen würden sich in ihrem Lokal nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen, sagt sie. Und wenn das Mahl dann verspeist ist, erwartet jeden Besucher noch eine besondere Überraschung: ein Gruß aus der Küche in Form eines Verdauungsschnapses. Und dabei handelt es sich natürlich um einen Becherovka aus Tschechien.

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