Hoffen auf ein neues Nagano: Tschechiens Eishockeyteam der Männer bei Olympia

David Pastrňák (vorne) und Matěj Stránský

Viele tschechische Sportfans fiebern bei Olympia dem Eishockeyturnier der Männer entgegen. Die Medien hierzulande bezeichnen es sogar als das größte Ereignis der Spiele. Wie auch immer man darüber denken mag, eines ist klar: Die NHL lässt ihren Betrieb ruhen, damit wirklich die besten Eishockeyspieler der Welt in Mailand und Cortina d’Ampezzo dabei sein können. Und auch die tschechischen Kufencracks gehen dort auf Medaillenjagd. Wie stehen ihre Chancen?

Bei den Winterspielen in Turin 2006 holten die tschechischen Eishockeyspieler zum letzten Mal eine Medaille. Es war Bronze. Seitdem ist die Mannschaft viermal hintereinander leer ausgegangen.

Petr Kadeřábek ist Redakteur und Reporter beim Sportsender des Tschechischen Rundfunks. Bereits vergangene Woche ist er nach Mailand geflogen, um knapp drei Wochen lang von den Olympischen Spielen zu berichten und live zu kommentieren. Im Interview für Radio Prag International erläutert er die lange Zeit des Wartens auf eine Olympiamedaille für Tschechiens Kufencracks:

Petr Kadeřábek | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

„Das Team war zwischenzeitlich einmal auch nahe am Medaillengewinn, allerdings in einem Turnier ohne NHL-Spieler. 2018 in Pyeongchang wurden sie Vierte. Dabei denke ich, dass das tschechische Team dort eigentlich genügend stark war, um zumindest Bronze zu holen. Das olympische Eishockeyturnier 2022 in Peking ging hingegen aus tschechischer Sicht komplett in die Hose. Da schied das Team schon im Achtelfinale aus. In Sotschi 2014 gab es eine unglückliche Niederlage im Viertelfinale gegen die USA. Aber die Mannschaft war mit Stars aus der NHL gespickt und hätte sicher die Qualität für eine Medaille gehabt. Doch es traf nicht nur die Tschechen. Ich erinnere mich daran, wie enttäuscht und mit Tränen in den Augen die Russen ausgeschieden sind. Und das obwohl sie alle Stars dabei hatten – von Malkin über Ovetschkin bis Dazjuk. Trotzdem verloren sie gegen die US-Amerikaner im Penaltyschießen. Zu solchen Überraschungen kommt es bei Olympia immer wieder.“

Für das anstehende olympische Eishockeyturnier haben die Tschechen erstmals am Sonntag komplett zusammen trainiert. Denn die Spieler aus der nordamerikanischen Profiliga NHL sind erst ab Samstag nach und nach in Mailand eingetroffen. Jener Teil des tschechischen Teams, der in europäischen Ligen aktiv ist, kam aber schon am Montag vergangener Woche zusammen. Das Trainingslager wurde in Karlovy Vary / Karlsbad aufgeschlagen. Denn die Eisfläche der dortigen Mattoni-Arena ist genauso klein wie die in der neuen Mehrzweck-Arena in Mailand. Es sind die Maße, die auch die Profis aus der NHL kennen. Und der tschechische Nationaltrainer Radim Rulík will, dass sich alle anderen ebenfalls an die kleinere Eisfläche gewöhnen. Mit dabei war zum Beispiel Radim Šimek vom tschechischen Extraliga-Klub aus Liberec…

Tschechischer Nationaltrainer Radim Rulík | Foto: Slavomír Kubeš,  ČTK

„Wir sind hier alle ziemlich erfahrene Spieler, sodass wir keine größeren Probleme haben sollten, uns daran anzupassen. Persönlich finde ich, dass die Taktik ziemlich an jene erinnert, die wir in Liberec praktizieren. Für mich ist es also keine solche Änderung. Zudem spielen wir in der Extraliga bei Teams wie Litvínov oder Kladno, die ebenfalls kleinere Eisflächen haben. Das ist dann durchaus zu spüren. Von daher bin ich froh, dass wir das Trainingslager hier in Karlsbad haben und uns gewöhnen können. Das ist sicher besser, als auf einem großen Feld zu trainieren und sich dann in Mailand umstellen zu müssen. Zumal wir im ersten Spiel dort auf die kanadische Mannschaft treffen, die an die kleineren Maße gewöhnt ist“, so der Verteidiger in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks.

Kampf um direktes Viertelfinalticket

Die tschechische Olympiamannschaft besteht unter anderem aus 19 Weltmeistern von 2024. Damals holte das Team unter großem Jubel und eher überraschend den Titel bei der Heim-WM in Prag und Ostrava / Ostrau. Im Finale besiegte man die Schweiz mit 2:0.

Allerdings verlief die Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr dann wieder sehr enttäuschend. Im Viertelfinale war nach einer 2:5-Niederlage gegen Schweden bereits Schluss. Wo steht also die tschechische Mannschaft? Eine Frage für den Experten Petr Kadeřábek.

Foto: Iva Roháčková

„Ich bin mir nicht sicher, ob sich das einschätzen lässt. Ja, es sind 19 Weltmeister dabei. Aber nur die Hälfte der Spieler kommt aus der NHL, die anderen aus Tschechien oder weiteren Ligen in Europa. Da wird die Konfrontation mit Teams, die nur aus NHL-Spielern bestehen, sehr interessant. Vor allem, weil ja auch auf einer kleinen Eisfläche wie in Übersee gespielt wird. Und Teams wie Kanada, die USA, aber genauso Schweden und Finnland werden harte Brocken sein. Aber das trifft ebenfalls auf die Schweiz zu, die den besten Kader zusammengestellt hat, der für sie überhaupt möglich war. Die Eidgenossen sind meine Anwärter aufs Halbfinale. Und mein Tipp für den Olympiasieger ist – für manche vielleicht überraschend – das Team aus Schweden“, sagt Kadeřábek.

In der Vorrunde trifft Tschechien in der Gruppe A außer auf Kanada noch auf Frankreich und die Schweiz. Das Spielsystem erfordert von Anfang an volle Konzentration. Denn nur die Sieger der drei Gruppen plus der beste Zweitplatzierte qualifizieren sich direkt fürs Viertelfinale. Die restlichen acht Teams streiten sich in einer Zwischenrunde um die verbleibenden vier Viertelfinalplätze. Die vier Qualifikanten treffen dann aber jeweils auf ein direkt qualifiziertes, also tendenziell stärkeres Team. Besser ist also, gleich zu den Zweitgenannten zu gehören. Das aber heißt laut Kadeřábek für Tschechien:

„Von Kanada nicht zu viele Tore eingeschenkt zu bekommen, Frankreich hoch zu schlagen und dann noch die Schweiz zu besiegen. Dabei muss man darauf hoffen, dass in den beiden anderen Gruppen das jeweils zweitplatzierte Team weniger Punkte oder bei Punktgleichheit ein schlechteres Torverhältnis hat. Genau dahin werden die Ambitionen wohl gehen.“

Foto: Iva Roháčková

Zum Auftaktspiel gegen Kanada kommt es am Donnerstagnachmittag. Das Team aus dem Mutterland des Eishockeys ist laut dem Experten mit NHL-Stars gespickt und daher eindeutig der Favorit. Ein Sieg der Tschechen wäre eine faustdicke Überraschung, sagt Petr Kadeřábek. Gegen Frankreich ist seinen Worten nach aber ein Sieg die absolute Pflicht. Und dann gegen die Schweiz sehe er die Chancen bei 50:50, so der Fachmann…

„Die Schweizer haben, wie gesagt, ein sehr gutes Team. Auf der anderen Seite scheinen sie aber einen kleinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber unserer Mannschaft zu haben. Denn in den letzten großen Spielen hat immer Tschechien gewonnen. Dabei hatte die Schweiz schon bei der WM in Prag und ebenso bei der WM im vergangenen Jahr zahlreiche Stars dabei. Die Generation ist famos und wird meiner Ansicht nach bei der WM in diesem Jahr in Zürich und Fribourg ihren Endpunkt erreichen. Und jetzt wird sie nach einem Erfolg greifen wollen. Das heißt gegen die Schweiz wird es sicher um den zweiten Platz in der Gruppe gehen und vielleicht auch um die direkte Qualifikation fürs Viertelfinale.“

Das Kräftemessen mit der Schweiz ist für Sonntagmittag ab 12.10 Uhr angesetzt.

Außergewöhnliche Torhüter

David Pastrňák | Foto: Nick Wass,  Profimedia

Obwohl nur die Hälfte der tschechischen Eishockeymannschaft in der NHL spielt, sind einige wirkliche Stars dabei. Allen voran die Angreifer David Pastrňák von den Boston Bruins und Martin Nečas von Colorado Avalanche. Pastrňák hat in dieser Saison als dritter Tscheche in der nordamerikanischen Profiliga die Marke von 900 Punkten geknackt. Damit reiht er sich hinter Superstar Jaromír Jágr sowie Patrik Eliáš ein. In den Angriffsreihen sei Tschechien gut besetzt, findet Experte Kadeřábek. Doch es gebe noch weitere Spieler im Team Tschechien, bei denen es sich lohne, sie beim olympischen Turnier genauer zu verfolgen.

„In dieser Saison haben besonders die tschechischen Torhüter herausgestochen. Ein solches Trio zwischen den Pfosten kann kein anderes Team bei Olympia aufbieten. Alle drei Keeper sind nicht nur jeweils die Nummer eins im Tor ihres NHL-Klubs, sondern nehmen Spitzenpositionen in den Statistiken ein – und das entweder bei den Fangquoten oder der Zahl an Siegen. Karel Vejmelka von Utah Mammoth hält hervorragend, Lukáš Dostál von den Anaheim Ducks ist derzeit in herausragender Form, und Dan Vladář ist nun zurückgekommen. Gerade auf dieser Position dürfte Tschechien das stärkste Team des olympischen Turniers sein“, meint der Rundfunkreporter.

Lukáš Dostál | Foto: Gary A. Vasquez-Imagn Images,  Reuters

Das Vertrauen als Stammkeeper dürfte wohl Lukáš Dostál erhalten, glaubt der Experte, und resümiert:

„Falls er Ähnliches vollbringt wie vor vielen Jahren Dominik Hašek, kann auch dieses Team, das zu einer Hälfte aus Spielern europäischer Ligen und zur anderen aus Spielern der NHL besteht, überraschen und weit kommen. Aber meine Prognose ist maximal das Viertelfinale.“

Pavel Francouz | Foto: Petr Eret,  Profimedia

Mit Dominik Hašek spielt Petr Kadeřábek natürlich auf Nagano 1998 an. Es waren die ersten Olympischen Spiele, für die die NHL eine Pause einlegte und ihre Stars freigab. Doch dieses Jahrhundertturnier gewannen nicht die favorisierten USA, Kanada oder Russland, sondern Tschechien. Und wenn eine Eishockeynation solche Überraschungen kann, dann ist es die tschechische. Genau darauf hoffen die Fans und Experten im Land. So sagte etwa der frühere Nationalkeeper und Stanley-Cup-Gewinner Pavel Francouz im Vorfeld der jetzigen Spiele:

„Vor Nagano hatte auch niemand erwartet, dass die tschechischen Spieler eine Medaille holen. Es gibt also diese historischen Beispiele. Die Jungs fuhren 1998 zu den Spielen vorrangig mit dem Ziel, keine Schande zu bereiten. Aber wir wissen ja, was dann geschah. Also besteht sicher auch jetzt Hoffnung.“

Die Medaillenentscheidungen im Eishockey der Männer bei den Spielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo fallen erst an den letzten beiden Veranstaltungstagen. Und viele Fans in Tschechien fiebern dem entgegen, dass ihre Lieblinge da dann ein Wörtchen mitreden können.

Autor: Till Janzer | Quelle: Český rozhlas
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