Verfolgung, Flucht, Vertreibung: 1200 Schicksale im Gedenkbuch der sudetendeutschen Sozialdemokratie

Thomas Oellermann

Unter den Sudetendeutschen gab es nur eine Minderheit, die sich Ende der 1930er Jahre gegen Hitler stellte. Vor allem waren das die Sozialdemokraten. Im weiteren Verlauf wurden sie verfolgt, mussten fliehen oder wurden ermordet. Und wer noch da war oder zurückkehrte, wurde nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Die vielen Schicksale sind nun in einem Gedenkbuch der sudetendeutschen Sozialdemokratie veröffentlicht.

Der Historiker Thomas Oellermann vom Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Prag ist ein profunder Kenner der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Aus ihrem Kreis hat er 1200 Lebensgeschichten zusammengetragen. Mal sind es drei Zeilen, mal einige Sätze an biografischen Angaben. Da heißt es etwa ganz knapp zu Marie Klemmer (*1898):

„stammte aus Bodenbach. Mit ihrem Mann Adolf emigrierte sie über Großbritannien nach Kanada.“

Deutlich umfangreicher ist zum Beispiel der Lebensweg von Siegfried Taub nachgezeichnet. Er war von 1924 bis 1938 Generalsekretär der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) und eine Zeitlang auch Vizepräsident des tschechoslowakischen Abgeordnetenhauses.

quelle: Südstadt Verlag

Oellermanns Veröffentlichung heißt Gedenkbuch der sudetendeutschen Sozialdemokratie und trägt den Titel „Es ging um alles“. Erschienen ist es in der Schriftenreihe der Seliger-Gemeinde, die in der Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgeorganisation der DSAP gegründet wurde. Konkreter Anlass für die Publikation waren der 80. Jahrestag seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und damit auch des Nationalsozialismus…

„Darauf Bezug nehmend war meine Idee zu sagen: Es gibt diese Gruppe der sudetendeutschen Sozialdemokraten, die historisch interessant sind, weil sie sich als kleiner Teil der Sudetendeutschen gegen den Nationalsozialismus gestellt und eben auch unglaubliche Schicksale erlitten haben“, so Thomas Oellermann.

Foto: Südstadt Verlag

Die DSAP entstand 1919, kurz nach der Gründung der Tschechoslowakei. Sie hatte ihre Wurzeln sowohl im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein als auch in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich. Als aber die wichtigste Basis, die Sudetengebiete, im Oktober 1938 von Hitler-Deutschland besetzt wurde, löste die Führung die DSAP auf. Dazu kam es am 22. Februar 1939. Es geschah bereits unter dramatischen Umständen, sodass die Rettung von Archivmaterial eine untergeordnete Rolle spielte. Deswegen sagt Thomas Oellermann zu seinem Buch:

„Die Daten, die da eingeflossen sind, sind das Ergebnis eines langjährigen Sammelns aller Angaben. Denn das große Problem bei dieser Gruppe der sudetendeutschen Sozialdemokraten ist, dass wir keine wirklichen Datenbestände mehr haben. Es gibt kein Parteiarchiv, also keine Mitgliederkartei in irgendeinem Archiv in Tschechien oder Deutschland. Das heißt, ich musste alles zusammenpuzzeln.“

Bereits in seinem Geschichtsstudium begann Oellermann, sich mit der sudetendeutschen Sozialdemokratie zu beschäftigen. Und für ihn wurden vor allem die Zeitschriften und Zeitungen dieser politischen Bewegung zu den wichtigsten Quellen.

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„Irgendwann stößt man auf das Problem, dass es da interessante Artikel gibt, die unterzeichnet sind von einer Person, die man gar nicht einordnen kann. Und deswegen habe ich damit angefangen, Angaben einfach zu sammeln. Damit wollte ich mir selbst einen Überblick verschaffen, wer eigentlich wer ist in dieser politischen Bewegung. Irgendwann nahm dies eine solche Größenordnung an, dass ich die Angaben zu einem Buch werden lassen konnte“, erläutert der Historiker.

So entstand ein Werk, das seinesgleichen bisher sucht, wenn es um die Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung in den Böhmischen Ländern und der Tschechoslowakei geht. Der Historiker erwähnt allerdings auch das „Biographische Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder“, das vom Collegium Carolinum aufgebaut wird. Doch er merkt an:

„Da werden die Angaben zu Personen aus unterschiedlichsten Bereichen zusammengetragen – aus Politik, Kunst, Kultur, Literatur, Gesellschaft und Wirtschaft. Darüber hinaus sind sie unterschiedlicher Nationalität. Es wird nicht so geschaut, ob jemand Sudetendeutscher, Tscheche oder beides ist. Es hat einen viel größeren Anspruch und wird schon seit Jahrzehnten betrieben.“

Insgesamt 16.000 Biogramme sind laut den Angaben des Collegiums Carolinum im Rahmen dieses Lexikons bereits entstanden.

Unterschiedliche Lebensgeschichten

Doch zurück zu den sudetendeutschen Sozialdemokraten. So unterschiedlich ihre Schicksale seien, gebe es doch gewisse Grundzüge, sagt Thomas Oellermann. Das ist seinen Worten nach die Flucht vor den Nationalsozialisten. Kurz zuvor, während der sogenannten Sudetenkrise im September 1938, sprach Wenzel Jaksch, der Vorsitzende der DSAP, im Tschechoslowakischen Rundfunk. Er beschwor damals:

„Die Blicke einer besorgten Welt sind auf unser unglückliches Grenzland gerichtet. Wird hier die Flamme eines neuen Weltbrandes zuerst aufzüngeln oder wird von uns aus eine Botschaft des Friedens durch die Länder gehen? Das ist die bange Frage, die auf aller Lippen schwebt. An uns liegt es, sie zu beantworten.“

Der Krieg konnte zu dem Zeitpunkt zwar noch einmal abgewendet werden. Doch der Preis war hoch für die Tschechoslowakei – und auch für die Gegner des Nationalsozialismus unter den Sudetendeutschen. Denn im Oktober 1938 verleibte sich Hitler-Deutschland die Sudetengebiete ein. Zunächst seien die Sozialdemokraten häufig ins tschechische Binnenland beziehungsweise nach Prag geflohen, um danach dann richtig zu emigrieren, so Oellermann:

„Man kurbelt damals eine Maschinerie an, um die Leute ins Ausland zu bringen. Die Hauptzielländer sind Schweden und Großbritannien. Von Großbritannien kommt dann eine größere Gruppe nach Kanada.“

Brücke 14.05.1983,  Albert Exler in Finnland | Foto: Seliger-Gemeinde

Als Beispiel einer solchen Lebensgeschichte nennt der Experte Albert Exler, der 1910 in der mährischen Gemeinde Vikantice / Weigelsdorf geboren wurde. Auch er ist in dem Gedenkbuch gewürdigt. Exler war Textilarbeiter und Journalist. Er engagierte sich in der Sozialistischen Jugend und emigrierte 1938 nach Finnland.

„Exler schließt sich später der finnischen Armee an und kämpft gegen die Sowjetunion. Denn diese überfiel Finnland, das sich tapfer wehrte. Und aufseiten der Finnen stehen damals auch einige sudetendeutsche Sozialdemokraten“, schildert Experte Oellermann.

Doch Finnland paktierte letztlich mit Deutschland und wollte die Sozialdemokraten loswerden. Diese gingen in der Folge meist nach Schweden:

„Exler kommt ebenfalls nach Schweden und wird für eine geheime Mission ausgewählt, die ihn zurückführen soll ins Sudetenland. Er geht nach Großbritannien und wird dort als Geheimagent ausgebildet. 1944 springt er mit dem Fallschirm über seiner früheren Heimat ab, seine Mission scheitert aber im Großen und Ganzen. Zwei weitere Fallschirmspringer seiner Gruppe werden getötet, und er überlebt nur mit großem Glück. Zum Kriegsende gelangt er nach Bayern und wird später in der Bundesrepublik wieder bedeutend, weil er führend für die SPD tätig ist.“

Wie Oellermann betont, stehe Albert Exlers Schicksal exemplarisch sowohl für die Emigration der sudetendeutschen Sozialdemokraten als auch für den aktiven Kampf gegen Hitler. Doch es gab auch jene, die ihren Verfolgern nicht entkamen. Besonders bedroht waren die jüdischen Sozialdemokraten sudetendeutscher Herkunft. Sie wurden nicht nur wegen ihrer politischen Überzeugung verfolgt, sondern auch aus rassistischen Gründen. Zu ihnen zählte etwa Emil Strauß.

Emil Strauß | Foto: Seliger-Gemeinde

„Emil Strauß gehörte zu der recht kleinen Gruppe Prager deutscher Sozialdemokraten. In der Stadt gab es keine große Arbeiterschaft, deswegen war die deutsche Sozialdemokratie dort relativ schwach. Strauß war Historiker und Journalist. 1938/39 erhält er die Möglichkeit, ein Visum für Frankreich zu bekommen. Er nimmt das aber nicht wahr, da er sich um seinen alten Vater kümmern will. Er bleibt also in Prag. Und in letzter Konsequenz wird er von den Nazis nach Auschwitz verschleppt und dort 1942 ermordet. Das ist eines der tragischen Schicksale, die es ebenso gegeben hat“, sagt Thomas Oellermann.

Bis zu 6000 Namen online

Das Gedenkbuch der sudetendeutschen Sozialdemokratie hat Vorworte unter anderem von den letztjährigen SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und Lars Klingbeil sowie vom Vorsitzenden der österreichischen Sozialdemokraten (SPÖ), Andreas Babler, und dem Vizepräsidenten des Bayerischen Landtages, Markus Rinderspacher. Autor Oellermann erläutert die Zusammenhänge:

Foto: Südstadt Verlag

„Es gibt schon seit Jahren gute Kontakte, weil man sowohl aufseiten der bayerischen als auch der österreichischen Sozialdemokraten und ebenso der Bundes-SPD durchaus um die Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie weiß. Man weiß, dass es starke Wechselbeziehungen gegeben hat. Und in Bayern entstanden viele Ortsvereine auf dem Land gerade erst, weil nach dem Krieg vertriebene sudetendeutsche Sozialdemokraten kamen.“

Thomas Oellermann will das Projekt im Übrigen noch weiterführen. Und zwar online, aber mit einem etwas anderen Schwerpunkt. Beim Gedenkbuch liege dieser auf der Zeit des Zweiten Weltkriegs, also der Verfolgung, Emigration, dem aktiven Kampf und Widerstand. Aber natürlich gehörten zur sudetendeutschen Sozialdemokratie auch Leute, die schon vor 1938 gestorben seien, sagt der Historiker. Oder jene, die erst in der Bundesrepublik aktiv wurden und etwa die Vertriebenenpolitik mitgestaltet hätten:

Thomas Oellermann | Foto: Radio Prague International

„Ich schätze, dass es etwa 6000 Personen sein werden, die sich ermitteln lassen. Die Idee ist, die Daten in absehbarer Zeit online zu veröffentlichen. Das wird dann aber – im Gegensatz zu dem Gedenkbuch, das eher ein Lesebuch ist – rein lexikalisch werden. Da geht es wirklich darum, nur die harten Fakten anzubieten mit den entsprechenden Quellenangaben.“

Der Vorteil einer Online-Veröffentlichung sei, dass die biographische Sammlung dadurch besser nutzbar werde, ergänzt Oellermann. Denn das ermögliche eine Volltextsuche – etwa nicht nur nach Namen, sondern zum Beispiel auch nach Orten, schließt der Experte.