150 Jahre „Vorwärts“: Die SPD-Parteizeitung und das Exil in der Tschechoslowakei

Kai Döring (links) und Jens Hartung in Prag

Wenn man an die Zeitung einer Partei in Deutschland denkt, dann kommt einem wohl schnell der „Vorwärts“ in den Sinn – also das Mitgliedermagazin der SPD. In diesem Jahr feiert es seinen 150. Geburtstag. Und es ist auch mit Prag verbunden. Denn ab 1933 wurde es als der „Neue Vorwärts“ von den deutschen Sozialdemokraten im Exil herausgegeben, die in der Tschechoslowakei Zuflucht gefunden hatten.

Gedenktafel im Prager Stadtteil Karlín | Foto: Archiv von Thomas Oellermann

Die Sozialdemokraten bildeten eine der großen Flüchtlingsgruppen aus Deutschland nach Hitlers Machtergreifung. Denn ein Teil des SPD-Parteivorstands entschied sich im Frühjahr 1933 für das Exil in der Tschechoslowakei, die weiterhin ein demokratischer Staat war. Man nannte sich nun SoPaDe (Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Exil). In der Folge zog auch die Redaktion des „Vorwärts“ nach Prag.

Kai Döring | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

„Es wurde natürlich nicht direkt entschieden, dass der Vorwärts nach Prag geht. Sondern der SPD-Vorstand hat die Entscheidung über den Gang ins Exil getroffen. Und soweit ich aus der Literatur weiß, war es eine ziemliche Hals-über-Kopf-Aktion. Dann schaute man erst einmal, was man hier überhaupt machen kann. Und es fiel relativ schnell wohl die Entscheidung, dass es den Vorwärts weitergeben muss und sollte, aber mit einer neuen Zielrichtung“, so Kai Döring, stellvertretender Chefredakteur des Vorwärts, bei einem Besuch in Prag zu Ende April.

Das sozialdemokratische Mitgliedermagazin begeht im Herbst 150 Jahre. Und der Phase des Exils ist man sich in der Redaktion und bei der SPD bewusst. Daher war neben Döring auch Jens Hartung vom Arbeitskreis der ehemals verfolgten und inhaftierten Sozialdemokraten in der tschechischen Hauptstadt. Er sagt ergänzend:

„Der Gang ins Exil war keine leichte Entscheidung. Es gab durchaus am Anfang Stimmen, die der Meinung waren, dass man nach der Machtergreifung Wege finden könne, um in Deutschland zu existieren. Aber die Gruppe, die dann quasi über das Saarland den Beschluss fasste, nach Prag zu gehen, war dezidiert anderer Meinung – und es kam zu Konflikten darüber, ob das der richtige Weg ist. Der Rest, der in Berlin geblieben war, hat das zuerst anders empfunden.“

Doch das änderte sich dann, als im Juni 1933 die SPD in Deutschland verboten wurde. Ab da war nur noch im Ausland eine geregelte Tätigkeit möglich. Warum aber entschied sich die SPD-Parteispitze eigentlich für die Tschechoslowakei als das Land ihres Exils?

„Es vor allem die gute Möglichkeit, weiter auf Deutsch publizieren zu können. Man musste sich – einfach gesagt – nicht groß umstellen. Vor allem wegen der Sprache fiel die Entscheidung für Prag und die Tschechoslowakei“, erläutert Döring.

Chefredakteur aus Brünn

Thomas Oellermann | Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag

Um den Vorwärts im Exil weiterzuführen ging auch dessen Chefredakteur Friedrich Stampfer in die Tschechoslowakei. Er selbst war deutsch-böhmischer Herkunft. Thomas Oellermann ist ein profunder Kenner der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Der Historiker vom Prager Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung begleitete Döring und Hartung im April bei ihrem Besuch in Prag. Oellermann sagt:

„Friedrich Stampfer wurde 1874 in Brünn geboren, und zwar in eine jüdische Familie. Er kam nach seiner Berufsausbildung im Rahmen des Studiums nach Leipzig und fing an, für die dortige sozialdemokratische Zeitung zu schreiben. Dann ging er nach Berlin, war weiter publizistisch tätig und begann auch, für den Vorwärts zu schreiben. Seinen Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg leistete er in der österreichisch-ungarischen Armee. Schon 1916 kehrte er aber aus dem Krieg zurück und wurde dann recht schnell Chefredakteur des Vorwärts. Das blieb er auch bis 1933.“

Am 18. Juni 1933 erschien die erste Ausgabe des sogenannten „Neuen Vorwärts“, wie die sozialdemokratische Zeitung im Exil hieß. Geleitet wurde sie weiter von Stampfer, obwohl er nicht im Impressum auftauchte. Stattdessen wurden dort Ernst Sattler als Herausgeber genannt sowie Wenzel Horn als verantwortlicher Redakteur. Sattler war Chef des Verlags Graphia der Deutschen Sozialdemokratischen Partei in der Tschechoslowakei (DSAP) mit Sitz in Karlovy Vary / Karlsbad. In dem Verlag wurde wöchentlich der Neue Vorwärts gedruckt. In der ersten Ausgabe stand im Leitartikel unter der Überschrift „Zerbrecht die Ketten!“ unter anderem:

„Ein Ruf erhebt sich, der Ruf der vergewaltigten und geknebelten Arbeiterklasse. Er sollte erstickt werden – man wird ihn dennoch hören. Wir werden sein Sprachrohr sein. Brutaler Terror verhindert in Deutschland jede politische Tätigkeit. Wir erheben uns gegen die Tyrannei und rufen zum Kampf für die Freiheit.“

Peter Lange | Foto: Archiv von Peter Lange

Das Leben und die Tätigkeit des SPD-Vorstands im Exil schildert Peter Lange in seinem erzählenden Geschichtsbuch „Vertraute Fremde“, das vergangenes Jahr erschienen ist. So habe sich Stampfer nicht wie der Rest des Vorstands in der Goldenen Stadt niedergelassen, schreibt der frühere ARD-Korrespondent in Prag. Sondern er zog zusammen mit seiner Frau in der Ort Mšec / Kornhaus, rund 50 Kilometer westlich von Prag. Denn Stampfer habe häufig zur Druckerei nach Karlsbad fahren müssen, wo die Zeitung aufgelegt wurde, ergänzt Lange.

Doch wie wurde der Neue Vorwärts finanziert? Kai Döring:

„Das ging nur mithilfe der tschechischen Sozialdemokraten beziehungsweise auch der sudetendeutschen Sozialdemokraten. Fritz Heine, der damals Mitglied im Exil-Vorstand war, hatte versucht, noch schnell in Berlin etwas Geld zusammenzuraffen und es mitzunehmen. Das war aber nicht viel. Es gab auch keine Abonnentenkartei. Also musste alles wieder neu aufgebaut werden. Man saß hier in Prag im einer Wohnung und schrieb die Texte. Es war also eine Stunde null für den Vorwärts, der in Berlin durchaus eine Nummer gewesen war und dort über eine riesengroße Druckerei sowie Redaktionsräume verfügt hatte.“

Schmuggel nach Deutschland

Der Neue Vorwärts erschien zunächst mit 3000 Exemplaren. Bis 1935 stieg die Auflage auf bis zu 10.000 Exemplare an, wie auf der Website der Friedrich-Ebert-Stiftung zu lesen ist. Die Zielgruppe seien aber nicht die Sozialdemokraten im Exil gewesen, betont Kai Döring…

Neuer Vorwärts 28.1.1934 | Quelle: Bibliothekskatalog der Friedrich-Ebert-Stiftung

„Es waren vielmehr die Sozialdemokraten, die in Deutschland geblieben waren. Und der Vorwärts nahm sich zweier Aufgaben an. Das war zum einen die Informationsvermittlung. So wurden viele Augenzeugenberichte aus dem Deutschen Reich herausgeschafft, in Prag dann ausgewertet und abgeglichen. Manchmal hatte man auch mehrere Zeugen für ein Ereignis. Dann wurde das zusammengefasst und als Bericht meist ins Deutsche Reich zurückgeschmuggelt, um die Bevölkerung dort zu informieren. Bei der anderen Aufgabe ging es darum, Positionen der SPD im Exil ins Deutsche Reich zu bringen. So wollte man sehen, wie man doch gegen den Faschismus Widerstand leisten konnte, obwohl man selbst nicht mehr im Land war“, so der Journalist.

Einer der wichtigsten Texte war das „Prager Manifest“, das Ende Januar 1934 im Neuen Vorwärts erschien. Mit ihm rief die SoPaDe zum revolutionären Sturz des Hitler-Regimes auf. Jens Hartung ordnet das Manifest ein:

Jens Hartung | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

„Es war quasi ein Abschluss der Debatte darüber, ob man im Deutschen Reich eine Form des Widerstandes findet – der aber traditionell ja auch in der SPD geprägt war von einem möglichst legalen Weg. Es war klar, dass es den nicht mehr geben werde. Insofern bestand die Notwendigkeit, die Sozialdemokratie neu zu bestimmen und ihre Haltung zu der Situation klarzumachen.“

Während die Ausgabe 33 des Neuen Vorwärts mit dem Prager Manifest sicher noch über funktionierende Kanäle nach Deutschland gelangte, wurde mit der Zeit der Vertrieb immer schwerer. Thomas Oellermann:

„In den ersten Jahren funktionierte das Ganze noch. Denn es gab die Leute, die die Zeitung über die Grenze schmuggeln, und auch jene, die sie entgegennehmen konnten. Doch die Verfolgung wurde stärker, und nach und nach wurden die Kreise an Widerständlern auf der deutschen Seite ausgeschaltet. Irgendwann zerbrach daher das Distributionsnetz, mit dem man die Zeitung noch flächenmäßig verteilen konnte. Auch wurden die Schmuggler an der Grenze geschnappt, und nicht jeder konnte einfach so ersetzt werden. Es waren oft sudetendeutsche Sozialdemokraten, zum Beispiel aus dem ‚Touristenverein der Naturfreunde‘, die die Wege über die Berge und durch die Wälder kannten. Aber selbst sie waren nicht komplett sicher, von ihnen sind ebenfalls viele geschnappt worden. Deswegen lässt anscheinend der Schmuggel im Laufe der Jahre nach und damit auch der Versuch, den Widerstand der SPD aufrechtzuerhalten.“

Ab Sommer 1937 versuchten die tschechoslowakische Regierung und Staatspräsident Edvard Beneš laut Peter Lange dann wohl, die Aktivitäten von Exil-Gruppen gegen das NS-Regime zu unterbinden. Man wollte wohl Berlin beschwichtigen. Die SoPaDe jedenfalls verließ in der Folge das Land und verlegte ihren Sitz bereits 1938 nach Paris – also noch vor der Besetzung Böhmens und Mährens durch Hitler-Deutschland, der Mitte März 1939 erfolgte. Auch der Neue Vorwärts zog in die Stadt an der Seine um. In Paris erschienen aber nur noch einige Ausgaben des Neuen Vorwärts. Kurz vor dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 wurde das Erscheinen der Zeitung aber eingestellt. Friedrich Stampfer war ebenfalls nach Paris gegangen.

„1940 kam der Einmarsch der deutschen Truppen. Und der Rest der SoPaDe setzte sich dann schnell in den Süden Frankreichs ab, weil man Fluchtwege suchte. Stampfers Schicksal ist recht gut von seiner Tochter geschildert worden. Sie schrieb ein Tagebuch über diese Flucht. Demnach ging die Familie über die Pyrenäen nach Spanien, gelangte letztlich nach Lissabon und konnte per Schiff in die USA fahren. Dort verbrachte die Familie die restliche Kriegszeit. Nach dem Krieg kam Stampfer zurück nach Westdeutschland und starb 1957 im Taunus“, so Thomas Oellermann.

Party zum Jubiläum

Heute ist der Vorwärts ein Mitgliedermagazin. Als er ab 1948 wieder regelmäßig erschien, geschah dies noch unter dem Titel „Neuer Vorwärts“. Erst 1955 kehrte man zum Ursprung zurück. Ende 1989 wurde das Erscheinen des damaligen Wochenblatts dann aus Kostengründen eingestellt. Erst 1994 kam es zur Renaissance, und dann aber eben als Mitgliedermagazin. Kai Döring:

„Der Vorwärts hat natürlich schon eine extreme Wandlung durchgemacht. Das Einzige, was geblieben ist, so kann man sagen, ist der Name. Dass er ab seinem Erscheinen im Exil in der Tschechoslowakei dann Neuer Vorwärts hieß, hatte presserechtliche Gründe. Ansonsten wurde der Name seit seiner Gründung 1876 nie geändert. Heute ist es ein Mitgliedermagazin. Und wir sind heute mal wieder in einer großen Umbruchsphase.“

Laut dem Journalisten geht es dabei vor allem um eine Umgestaltung hin zu multimedialen Formen. Die Neuerungen sollen seinen Worten zufolge bis zum 150. Geburtstag des Vorwärts eingeleitet werden. Die Jubiläumsfeier in Berlin ist für Ende September geplant…

„Das soll auch wirklich einen Partycharakter haben. Einen Festakt, wie man das ja gerne macht und der dann sehr getragen ist, haben wir relativ schnell verworfen. Es wird sicherlich aber auch einige inhaltliche Sachen geben, wo wir präsentieren können, was wir in Zukunft machen wollen“, so Kai Döring.

Jens Hartung  (links) und Kai Döring | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International
Autor: Till Janzer
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