Flucht nach England: Urenkel eines sudetendeutschen Sozialdemokraten erforscht Familiengeschichte

Familie Hieke - hintere Reihe von links Wilhelm, Emil, Alois. Vordere Reihe Viktor, Josefine, Leo

Die Vergangenheit der Familie väterlicherseits von Graham Hieke liegt im böhmischen Teil des Erzgebirges. Der Engländer hat vor einigen Jahren damit begonnen, die Puzzleteile dazu zusammenzusetzen. Eine Hauptrolle spielt darin sein Urgroßvater Emil Wenzel Hieke, der 1939 aus der Tschechoslowakei nach Großbritannien floh. Radio Prag International hat Graham Hieke getroffen.

Vor zehn Jahren begann er, Ahnenforschung zu betreiben. Seitdem ist Graham Hieke auf den Spuren seiner deutschböhmischen Familie unterwegs. Das hat ihn zu einem früheren Hotel im Erzgebirge geführt, aber auch an den Ort eines ehemaligen Flüchtlingslagers in Böhmen und nach Prag. In der tschechischen Hauptstadt hat ihn der Historiker Thomas Oellermann unter seine Fittiche genommen, ein Kenner der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Denn Graham Hiekes Urgroßvater war eine lokale Größe der DSAP, der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik. Weiter sagt er:

Graham Hieke | Foto: Till Janzer,  Radio Prague International

„Wir haben innerhalb der Familie viele halbe Geschichten gekannt und hatten ein paar Informationen über die Historie. Aber das waren nur wenige Fakten. So wurde etwa tradiert, dass die Mitglieder der Familie als Flüchtlinge nach England gekommen waren. Aber niemand von uns wusste warum. Ich wollte das herausfinden, weil ich unbeantwortete Fragen nicht mag.“

Nach seiner Doktorarbeit habe er die Zeit und die Motivation gehabt, seiner Familiengeschichte nachzuspüren, ergänzt der Wissenschaftler. Graham Hieke ist an der University of Surrey im südenglischen Guildford beschäftigt und forscht zu gesundheitlichen Themen.

Im Fall der eigenen Familiengeschichte nutzte er eine frei zugängliche Online-Plattform und speiste diese mit den Namen der Vorfahren:

„Ich habe einfach die Daten, Namen und Orte eingegeben, so konnte ich einen Stammbaum erstellen. Das brachte mich ungefähr bis 1760 zurück, und das alles durch eine einzige Website.“

Eine weitere Quelle waren die Einbürgerungsverfahren...

Emil Wenzel Hieke | Foto repro: Till Janzer,  Familienarchiv Hieke

„Mein Großvater wurde 1951 britischer Staatsbürger und sein Vater Emil etwas später, etwa Mitte der 1950er Jahre. Ein Teil des Verfahrens bestand darin, dass sie gegenüber den Behörden ihre Geschichte geschildert haben. Es gab also eine Menge mündlicher Berichte – und diese beantworteten die Frage danach, was meine Vorfahren in der Tschechoslowakei vor dem Krieg gemacht haben“, so Graham.

Sein Urgroßvater Emil Wenzel Hieke war demnach in den 1920er Jahren im Hotelbetrieb seines Vaters beschäftigt. Und dort lernte er seine spätere Frau Josefine kennen. Und weiter sagt Graham:

„An einem Punkt in den 1920er Jahren gelang es Emil, sich selbständig zu machen. Er übernahm ein Hotel auf dem Großen Plattenberg im Erzgebirge, das er einige Jahre lang betrieb, bis er pleiteging und verkaufen musste. Dann zog er in einen Ort namens Fischern. Das muss um 1925 gewesen sein, weil mein Großvater Leo bereits dort geboren wurde.“

Früheres Hotel auf dem Großen Plattenberg | Foto repro: Till Janzer,  Familienarchiv Hieke

Es handelt sich um die verschwundene Gemeinde Fischern / Rybaře am linken Ufer des Flusses Eger direkt an der Grenze zu Deutschland. Emil Wenzel Hieke war dort in einer Kooperative engagiert, in der er als Schreiber arbeitete. Aber er habe auch weitere Jobs etwa als Chauffeur und Kinobetreiber übernommen, so der Urenkel.

„Dabei begann er, sich politisch zu interessieren und trat den Sozialdemokraten bei. 1931 war er der örtliche Parteisekretär der DSAP in Fischern. Zudem war er im Landesverteidigungskorps engagiert. Aus den Archivquellen geht des Weiteren hervor, dass er Zeuge der Kämpfe zwischen der Sudetendeutschen Partei von Konrad Henlein und der DSAP gewesen sein muss. Denn er nannte seine Zeugenaussagen zugunsten eines sozialdemokratischen Genossen in einem Gerichtsverfahren als einen Grund dafür, dass die Gestapo später nach ihm suchte. Dieser Genosse war angeklagt, einen führenden Henlein-Anhänger bei einem öffentlichen Treffen beleidigt zu haben“, weiß Graham Hieke.

Allerdings habe er bisher nicht viel zum Schicksal der Familie in den 1930er Jahren herausfinden können, sagt der Urenkel. Und das bis zur Emigration im Jahr 1939. Diese war eine Reaktion auf die Sudetenkrise im Jahr 1938, das Münchner Abkommen und vor allem die Besetzung der Sudetengebiete durch Hitler-Deutschland.

Im Inland als Flüchtlinge

Thomas Oellermann | Foto: Fatima Rahimi,  Tschechischer Rundfunk

Historiker Thomas Oellermann schildert die damalige Lage besonders für die Mitglieder der DSAP, beginnend mit der Sudetenkrise:

„Mitte September 1938 kam es zu Unruhen im Sudetenland, und die richteten sich gegen tschechoslowakische Behörden. Es gab Überfälle und Tote. Aber die Unruhen wandten sich auch gegen die sudetendeutschen Antifaschisten, und das waren hauptsächlich Sozialdemokraten. Für viele dieser Menschen blieb dann nur die überstürzte Flucht ins Inland, wo man sich sicher wähnte und wo keine Gegner zu erwarten waren.“

Mit Zügen, aber auch Autos und Motorrädern seien diese Leute den Unruhen entkommen, schildert der Experte. Dies hielt auch an, als deutsche Truppen ab Anfang Oktober des Jahres die Sudetengebiete besetzten. Die Menschen steuerten zunächst meist Prag an, aber es waren so viele, dass sie dann auf andere Gebiete des restlichen tschechoslowakischen Staatsgebiets aufgeteilt wurden.

„Allen war klar, und da muss man nur auf die Landkarte schauen, dass dieser kleine verbliebene tschechoslowakische Reststaat dem deutschen Druck nicht standhalten würde. Deswegen begann man, die Emigration voranzutreiben. Man war der klaren Überzeugung, dass man raus muss aus diesem Land, um in Sicherheit zu gelangen“, so Oellermann

Das war auch der Fall der Familie Hieke. Zunächst verließ sie nach dem Münchner Abkommen die Sudetengebiete. Graham Hieke:

Emil Hiekes Kinder Marianne  (oben links) und Leo  (oben Mitte) | Foto repro: Till Janzer,  Familienarchiv Hieke

„Meine Familie floh rund 70 Kilometer nach Süden in ein kleines Dorf und lebte dort in einem Hotel, bis die Ausreisepapiere organisiert waren und sie nach England weiterkonnte. Es war wohl gewöhnlich so in dieser Zeit, dass für die Männer das größere Risiko bestand. Daher machte sich Emil als Erster auf den Weg nach England. Er nahm den Zug nach Prag und dann wohl über Polen nach Schweden und letztlich nach Harwich. Der Rest der Familie folgte ihm sechs Wochen später. Emil kam am 14. Februar 1939 in England an und dann seine Frau plus fünf ihrer sieben gemeinsamen Kinder am 20. März desselben Jahres.“

Es war der letzte Transport, denn kurz zuvor war die deutsche Wehrmacht bereits in Böhmen und Mähren einmarschiert. Damit ging eine großangelegte Aktion zu Ende, in der die sudetendeutschen Sozialdemokraten ihre Mitglieder aus der Tschechoslowakei in Sicherheit brachten. Thomas Oellermann:

Nicholas Winton | Foto: Tschechisches Fernsehen

„Die sudetendeutsche Sozialdemokratie fokussierte sich sehr stark darauf, diese Emigration für möglichst viele ihrer Mitglieder zu erreichen. Es gab Hilfe aus Schweden und aber auch aus Großbritannien, wo die Labour Party sagte: Nach dem Münchner Abkommen müssen wir uns auch um die Menschen kümmern, die Opfer dieser Übereinkunft geworden sind. Es begann also eine Art Maschinerie. Und gestützt wurde sie auch durch Freiwillige, die aus Großbritannien in die Tschechoslowakei kamen. Der bekannteste war Nicholas Winton, der sich um die jüdischen Kinder kümmerte. Aber es gab auch Doreen Warriner, die speziell den sudetendeutschen Sozialdemokraten half.“

Doreen Warriner | Foto: Archiv von Henry Warriner

Doreen Warriner war Mitte Dreißig, als sie 1938 nach Prag ging, und lehrte Wirtschaftswissenschaften am University College in London. Ihre Hilfstätigkeit in Prag hat sie später sowohl in sudetendeutschen als auch englischen Publikationen selbst geschildert. Sie besorgte Pässe und Visa für die Mitglieder der DSAP und ihre Familien, organisierte Züge und las in Prag biwakierende Menschen auf, um sie in Hotels unterzubringen.

„Denn da spielten sich wirklich Szenen auf den Bahnhöfen ab, weil oftmals nur noch die Frauen mit den Kindern zurückgeblieben waren. Die Männer unterlagen damals der größten Bedrohung und konnten deswegen als Erste emigrieren. Warriner versuchte, in diesen wirren Verhältnissen zu helfen und die Leute irgendwie in Sicherheit zu bringen. Und das machte sie selbst dann noch, als Prag bereits durch die Wehrmacht besetzt war, also im Zuge der Entstehung des ‚Protektorats Böhmen und Mähren‘. Erst im April 1939, als dann wirklich auch die Gestapo die volle Kontrolle über Prag erlangt hatte, geriet sie so sehr unter Druck, dass sie ihre Hilfstätigkeit einstellen musste“, schildert Thomas Oellermann.

Auf der Sonderfahndungsliste der Gestapo

In der ersten Zeit in England war die Familie Hieke in einer Pension in den Surrey Hills untergebracht, später etwas entfernt in Albury. Währenddessen wurde Emil von der Gestapo auf ihre Sonderfahndungsliste Großbritannien gesetzt. Dazu Graham Hieke:

Erste Unterkunft der Familie Hieke in England | Foto repro: Till Janzer,  Familienarchiv Hieke

„Die Gestapo wusste, dass er nach England gereist war. Jemand, der mit meinem Urgroßvater unterwegs war, kehrte nach Karlsbad zurück und wurde von der Gestapo aufgegriffen. Als er verhört wurde, nannte er viele Informationen. Dazu gehörte auch, dass meine Familie nach England ausgewandert war. Die Verstrickungen meines Urgroßvaters müssen genügend Anlass gegeben haben, dass er auf diese spezielle Fahndungsliste kam. Denn nicht jeder, den die Gestapo im Auge hatte, landete auf dieser speziellen Namenssammlung von Menschen, die bei einer nationalsozialistischen Invasion nach Großbritannien verhaftet werden sollten.“

Doch die Nazis bekamen Emil Wenzel Hieke nicht zu fassen. Dieser nahm in seiner Wahlheimat zunächst eine Stelle als Chauffeur an. Dann diente er bei der Royal Electrical and Mechanical Engineers Home Guard (Heimwehr der Königlichen Elektro- und Maschinenbauingenieure). Allerdings kämpfte er da bereits mit seiner angeschlagenen Gesundheit.

Leo Hieke | Foto repro: Till Janzer,  Familienarchiv Hieke

Graham Hiekes Großvater Leo ging nach der Schule wie sein Vater zu der genannten Heimwehr. Seine Brüder Wilhelm und Alois traten aber 1940 gleich in die britische Armee ein, um gegen Hitler zu kämpfen – und zwar bei der tschechoslowakischen Einheit. Dabei tat sich Wilhelm Hieke auch sportlich hervor.

„Er war ein talentierter Fußballspieler. Wir haben einige Fotos von ihm, die wohl in der Tschechoslowakei entstanden sind und ihn als kleinen Jungen im Fußballdress zeigen. Die Geschichte innerhalb unserer Familie geht dahin, dass er wohl begabt genug gewesen sein muss, um professionell spielen zu können. Vielleicht hätte er auch den Weg ins tschechoslowakische Nationalteam gefunden. Aber er spielte letztlich für das Land in unterschiedlichen Begegnungen, die in England innerhalb der Armee ausgetragen wurden. Wilhelms Sohn Andy, der in San Francisco lebt, hat einige unglaubliche Bilder, die seinen Vater in dieser Zeit im tschechischen Nationaltrikot zeigen, mit der Hand auf dem Wappen, in einer Reihe mit seinen Mitspielern“, erzählt Graham.

Wilhelm und Alois Hieke kämpften beide und nahmen auch an der Belagerung von Dünkirchen teil. Während Wilhelm in Großbritannien blieb, kehrte Alois nach dem Zweiten Weltkrieg in die Tschechoslowakei zurück. Leo und Viktor – die jüngeren Söhne – ließen sich ebenfalls im Vereinigten Königreich nieder, aber ihre Schwester Marianne heiratete einen Franzosen und zog nach Frankreich. Ihr Vater Emil starb 1975, nur wenige Monate nach dem Tod seiner Frau Josephine.

Graham ist nun der Erste, der den deutsch-böhmischen Teil der Familiengeschichte aufarbeitet. Dabei ist er zum Beispiel auch ins Erzgebirge gefahren. Seinen Berichten nach war das der bisher emotionalste Teil seiner Nachforschungen:

„Es war ein tolles Erlebnis und liegt wohl sechs oder sieben Jahre zurück. Bei einem Besuch in Prag haben wir ein Auto gemietet und sind an den Ort gefahren, an dem mein Urgroßvater sein Hotel hatte. Ich war wohl das erste Familienmitglied, das nach den damaligen Zeiten dort war. Das Gebäude auf dem Großen Plattenberg steht zum Teil noch, man kann im Turm auf die Aufsichtsplattform hochsteigen. Dort sah ich auch Postkarten, die zeigen, wie das Gebäude früher ausschaute. Und genau solch eine haben wir ebenfalls in unserer Familiensammlung, mit dem Namen meines Urgroßvaters auf der Rückseite. Da habe ich diesen persönlichen Bezug gespürt, eine Art Heimkehr. Das war sehr speziell.“

Aber für Graham gibt es noch so viel mehr zu entdecken. Eine der nächsten Aufgaben sind die Briefe seiner Vorfahren, die auf Deutsch verfasst sind. Er habe schon jemanden, der ihm bei der Übersetzung helfen werde, sagt er. Und so wird das Puzzle seiner Familiengeschichte weitere Teile erhalten.