Wald-Tulpen, Grasmücken und eine unbekannte Hornmilbenart: Die Wildnis der Prager Burg
Ein Team von Biologen hat die Fauna und Flora auf dem Areal der Prager Burg untersucht. Sie ist laut den Ergebnissen vielfältig, und es wurde sogar eine bisher unbekannte Art an Hornmilben gefunden.
Die meisten Touristen kennen den Hradschin als Top-Besucherziel, das gerne proppenvoll ist. Doch auf dem rund sieben Hektar großen Burgareal gibt es noch einiges mehr als historische Gebäude, steile Treppen und enge Gassen. Nämlich ruhige Ecken, und zu manchen von ihnen haben Besucher auch gar keinen Zutritt. Dort hat sich viel Natur erhalten. Der Mikrobiologe Ladislav Miko von der Prager Karlsuniversität schildert gegenüber Radio Prag International, warum dies so ist:
„Es geht um die kleinen Streifen von Steppenlandschaft und Waldsteppe sowie die bewaldeten Teile. Da sie im Zentrum der Großstadt liegen, wären sie normalerweise schon längst zugebaut worden. Aber es handelte sich um Bereiche in den Verteidigungsanlagen der Burg, deswegen wurde die ursprüngliche oder halb-ursprüngliche Vegetation belassen – inklusive der zugehörigen Flora und Fauna.“
Laut dem Experten und früheren Umweltminister trug zudem die kommunistische Ära zum Erhalt solcher Biotope bei. Denn die fraglichen Teile des Hradschin waren damals öffentlich nicht zugänglich und wurden nicht sonderlich gepflegt…
„Auch wurden keine Chemikalien und weitere heftige Methoden der Grünflächenpflege wie in anderen Parks der Stadt angewandt. Und das hat die sehr reiche Flora und Fauna gerettet“, so Miko.
Der Mikrobiologe hat zusammen mit Kollegen weiterer Fachbereiche von der Karlsuniversität genau diese wilden Flecken auf der Prager Burg untersucht. Warum es dazu kam, schilderte Helena Pánková in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks. Sie leitet die Abteilung für Parks und Gärten in der Burgverwaltung:
„Wir haben selbst diese Untersuchungen initiiert. Uns ging es darum, die Pflege der Parks und Gärten auf der Burg zu verbessern. Die geschützten Parkanlagen sind zwar schon gut erkundet, aber nicht die naturbelassenen Bereiche. Deswegen haben wir erstmals in der Geschichte eine solche Untersuchung eingeleitet, um zu wissen, über welche wertvollen Bestände wir hier verfügen. Und darauf wollen wir unsere Maßnahmen aufbauen.“
Ladislav Miko beschreibt, wie die Biologen vorgegangen sind:
„Es war eine Gruppe von bis zu zehn Experten. Die Untersuchungen begannen sehr früh im vergangenen Jahr und liefen bis in den Spätherbst. Das bedeutete vor allem viele persönliche Besuche vor Ort. Mein Beitrag war eher klein. Ich bin ein Bodenbiologe und habe mir angeschaut, was in der Erde so alles lebt. Dafür nimmt man Bodenproben und untersucht die Tiere dann im Labor. Ich musste also nicht wie meine Kollegen, die zum Beispiel Vögel beobachtet haben, vor Ort ausharren, hinhören und genau hinschauen. Für Entomologen und Bodenbiologen ist es einfacher.“
Viele seltene Arten
Insgesamt zählten die Biologen 40 Vogelarten, 220 Insektenarten und über 700 Pflanzenarten. Ein großer Reichtum für eine solch kleine Fläche, findet auch Ladislav Miko:
„Diese große Biodiversität ist auch die interessanteste Erkenntnis unserer Untersuchungen. Eine solch hohe Anzahl an Vogel- und Pflanzenarten ist erstaunlich, selbst wenn man weiß, dass über Jahrhunderte hinweg hier immer wieder Bäume und Pflanzen angepflanzt wurden.“
Gerade aber in Mikos Fachbereich, der Bodenfauna, gab es die überraschendsten Entdeckungen…
„Ich hatte eigentlich Lebewesen erwartet, die normalerweise in städtischen Parks anzutreffen sind oder zumindest vergleichbare Arten. Doch wir fanden erstaunlicherweise eine relativ hohe Anzahl an seltenen Arten. Drei von ihnen sind überhaupt zum ersten Mal in Tschechien verzeichnet worden. Und darüber hinaus habe ich noch eine Art gefunden, die der Wissenschaft bisher unbekannt war. Das bedeutet, dass wir von ihr nun noch mehr Exemplare sicherstellen und sie als neue Art beschreiben müssen. Sie könnte zum Beispiel einen Namen erhalten, der auf die Prager Burg verweist“, meint der Mikrobiologe.
Bei den erstmals hierzulande gefundenen Arten und der Neuentdeckung handelt es sich um sogenannte Hornmilben. Sie wurden an den Hängen des Hirschgrabens gefunden. Dort bestehen Reste der sogenannten Mammutsteppe. Ladislav Miko klärt auf:
„Das waren die Kältesteppen, die zu Ende der Eiszeit auf tschechischem Boden vorherrschten – nachdem also die Gletscher zurückgegangen waren. Sie waren definiert als Steppen- oder Halbsteppenhabitate mit kalten Wintern, aber sehr heißen Sommern. Sie hatten eine spezielle Fauna. Und es gibt in Mitteleuropa kleine Bereiche mit Überresten dieser Fauna. Die Arten im Boden, die ich erwähnt habe, deuten darauf hin, dass der entsprechende Ort eben einst ein Teil des größeren Habitats gewesen sein muss.“
Aber auch bei den Pflanzen gab es Unerwartetes. So wurden Wilde Tulpen gefunden, sie werden ebenfalls Wald-Tulpen genannt. Helena Pánková von der Burgverwaltung erläuterte dazu im öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen:
„Die Wilden Tulpen, die hier natürlich vorkommen, wurden bereits in der Zeit der Renaissance ausgesetzt – so wie das an Burgen und Schlössern in Mitteleuropa üblich war. In Prag ist eben die Burg das Zentrum dieser Blume.“
Und Ladislav Miko ergänzt gegenüber Radio Prag International:
„Nur sehr wenige jener Exemplare, die für die Ausschmückung der Gärten im Mittelalter genutzt wurden, gelangten nach draußen. Dabei handelt es sich um eine Wildpflanze, die sich selbst weiterverbreiten kann. Und auf dem Areal der Prager Burg gibt es eben eine wilde Population dieser Wald-Tulpen. Das ist eine interessante Sache. Natürlich werden viele Diskussionen derzeit darüber geführt, wie fremde Arten in unsere Gegend vordringen. Dabei geht es aber um invasive Arten, die unsere Flora dann dominieren und die Biodiversität einschränken. Diese Art hat aber nicht diesen invasiven Charakter, sondern trägt zur Biodiversität bei.“
ZUM THEMA
Der Botaniker Jiří Sadlo, der die Pflanzen untersucht hat, hat daher vorgeschlagen, die Wilde Tulpe zur Flaggschiffart der Prager Burg zu erklären.
Aber es könnte ja vielleicht auch ein Vogel sein. So nisten etwa bedrohte Dohlen direkt im Goldenen Gässchen, also einem Besucher-Hotspot. In den Gärten der Burg lassen sich zudem etwa Rotkehlchen, Weidenlaubsänger, Nachtigallen oder Grasmücken beobachten und hören. Zudem fliegen interessante Schmetterlinge wie etwa der Russische Bär durch das Areal.
Hände weg von Verschönerungen
Die Frage ist nun, was aus den Erkenntnissen der Biologen für die Verwaltung der Prager Burg folgt. Helena Pánková:
„Da wir kein Naturschutzgebiet sind, können wir unsere Landschaftspflege nicht direkt dem Artenschutz unterordnen. Aber die Ergebnisse der Untersuchung helfen uns zum einen für konkrete Projekte. So als erstes bei der Erneuerung des Chotek-Gartens, für die wir im vergangenen Jahr einen landschaftsarchitektonischen Entwurf ausgeschrieben hatten. Den Sieger der Ausschreibung gibt es bereits. Und er wird die Ergebnisse der biologischen Untersuchungen in sein Projekt einarbeiten. Zum anderen sind diese Ergebnisse aber auch hilfreich für die regelmäßige Landschaftspflege – also für die Frage, auf welche Weise wir uns um die unterschiedlichen Bereiche in den Gärten und Parks kümmern sollen.“
Bereits jetzt lässt das Team um Pánková etwa alte Bäume lieber stehen, als sie zu fällen, und versucht deren Leben zu verlängern. Wie die Direktorin anfügt, würden häufig auch umgestürzte Bäume nicht weggeräumt, sodass sie vielen Tierarten noch als Heimstatt dienen können.
Eine solche Herangehensweise ist ganz im Sinn der Biologen. So sagt Ladislav Miko auf die Frage nach den Empfehlungen an die Burgverwaltung:
„Die einfachste Antwortet lautet: Die Finger davon zu lassen. Es gibt aber auch Bereiche, die etwas Pflege benötigen. Sicher sollte verhindert werden, dass die steppenartigen Teile des Areals nach und nach mit Gehölzpflanzen zuwachsen. Aber allgemein haben wir der Burgverwaltung eher empfohlen, einfach die Finger wegzulassen. Also nicht zu versuchen, diese Bereiche irgendwie zu verschönern und womöglich das Gras zu mähen – sondern die Orte so zu belassen, wie sie seit rund 1500 Jahren sind.“
Der Botaniker Jiří Sádlo sagte gegenüber der Presseagentur ČTK sogar, dass die Prager Burg das Potenzial habe, ein Vorbild zu werden für die nachhaltige Bewirtschaftung städtischer Grünanlagen – und sogar ein modellhaftes Labor für die Natur in der Stadt.
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