Viktor Ullmann kehrt nach Prag zurück – Internationales Musikfestival zu Ehren des Komponisten

Zum fünften Mal wird in Tschechien ein internationales Musikfestival veranstaltet, das dem Komponisten Viktor Ullmann (1898–1944) gewidmet ist. Es wird von der Viktor-Ullmann-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Prager Österreichischen Kulturforum veranstaltet. Magdalena Živná ist Direktorin des Festivals und Vorsitzende der Viktor-Ullmann-Gesellschaft.

Frau Živná, wie ist das Viktor-Ullmann-Festival entstanden?

Magdalena Živná | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Das Viktor-Ullmann-Festival ist schon 2018 entstanden, und zwar auf Initiative der Stadtbibliothek in Český Těšín, weil Český Těšín und die zweite Hälfte dieser heutigen Doppelstadt, früher des österreichisch-ungarischen Teschen, der Geburtsort von Viktor Ullmann ist. Dort ist er 1898 als Sohn eines Militäroffiziers zur Welt gekommen. 2018 wurde der 120. Geburtstag des Komponisten in der polnischen Hälfte der Stadt begangen. Da auf der tschechischen Seite die Stadtbibliothek sehr aktiv bei kulturellen Veranstaltungen in Erinnerungen an die Söhne der Stadt ist, sind die Bibliothekare auf Viktor Ullmann gekommen. Sie haben mich angesprochen, weil ich schon damals Konzerte mit Ullmann-Programmen vermittelte. Ich bin mit der Direktorin der Bibliothek zusammengekommen, habe das erste Mal die Stadt besucht und dann sagte ich ihr: Warum nur ein Konzert, da machen wir doch gleich ein Festival. Es war zwar nur ein ganz kleines Festival – 2018 gab es nur ein Konzert, eine biografische Ausstellung, die ich vorbereitet habe, und eine Stadtführung. Der Grundstein war jedoch gelegt und es gab ein sehr gutes Echo. Wir haben deshalb beschlossen, die Tradition mit der Stadtbibliothek weiter fortzusetzen, allerdings nur als eine Biennale, weil die Doppelstadt Český Těšín und Cieszyn keine große Stadt ist. Auf diese Weise ist das Festival entstanden.“

Jan Dušek | Foto: Archiv der Ullmann-Feierlichkeiten

Sie haben letztes Jahr die Viktor-Ullmann-Gesellschaft gegründet. Was war der Beweggrund?

„In diesem Modus in Český Těšín und Cieszyn ist die Veranstaltung jedes zweite Jahr bis 2024 gelaufen. Aber dann haben die lokalen Veranstalter beschlossen, dass es doch für die relativ kleine Stadt schon eine allzu große Veranstaltung ist, respektive, dass man da nicht viel Publikum ansprechen kann. Ich wollte jedoch die begonnene Tradition nicht unterbrechen und habe gemeinsam mit Freunden beschlossen, das Festival nach Prag zu verlegen, weil Prag eigentlich Ullmanns Wahlheimat war. Deswegen haben wir im vorigen Jahr den Verein Společnost Viktora Ullmanna (Viktor-Ullmann-Gesellschaft) gegründet. Dieser hat sich zum Hauptziel gesetzt, die Ullmann-Festivals weiter zu veranstalten und auch andere fachlich-popularisierende Tätigkeiten durchzuführen.“

Wie sieht das diesjährige Programm des Festivals aus? Mit wem arbeiten Sie dabei zusammen?

Adrian Eröd | Foto: Archiv der Ullmann-Feierlichkeiten

„Für die fünfte Auflage des Festivals haben wir insgesamt sechs Konzerte vorbereitet, vier davon in Prag, eins in Ústí nad Labem, wo Ullmann auch ein Jahr lang tätig war, und das letzte Konzert dann wiederum in Český Těšín. Die Dramaturgie ist ein Kompromiss zwischen den Wünschen der Veranstalter und den Angeboten der Musiker. Ich habe inzwischen schon mehrere Angebote aus Deutschland und Österreich bekommen, weil sich die Information über unser Festival dort schon verbreitetet hat. Wir haben uns entschlossen, ein österreichisches Konzert zu veranstalten: Im Saal des österreichischen Kulturforums wird am 22. April ein Konzert stattfinden, bei dem ein langjähriger Solist der Wiener Staatsoper, der Kammersänger Adrian Eröd, mit dem Pianisten Christoph Traxler auftreten wird. Eröd wird ein sehr attraktives Programm anbieten: Lieder aus Wien, also eine Auswahl aus dem Liederschaffen einiger sehr wichtigen Wiener Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dann folgen zwei Konzerte mit deutschen Interpreten. Bei dem einen tritt das deutsch-israelische Trio Delyria im Deyl-Konservatorium auf, und im Hauptsaal des Prager Konservatoriums gibt es einen Klavierabend der geschätzten deutschen Pianistin Annika Treutler. Das Eröffnungskonzert findet am 21. April im Martinů-Saal der Musikakademie HAMU statt. Dort werden tschechische Interpreten auftreten: das Streichquartett Fama Q und das Damenbläserquintett, das Kalabis-Quintett. Nach diesen vier Prager Konzerten findet das Konzert in Ústí nad Labem statt und zum Schluss das Liederkonzert in Český Těšín mit Irena Troupová, Ondřej Holub und Jan Dušek. Dort steht eine Uraufführung auf dem Programm. Jan Dušek ist nicht nur Pianist, sondern auch Komponist. Im Auftrag des Festivals hat er Gedichte des bisher fast unbekannten Oldřich Böhm vertont, der auch ein Holocaust-Opfer war. Die Gedichte fand der Komponist im Archiv des Jüdischen Museums in Prag.“

Christoph Traxler | Foto: Archiv der Ullmann-Feierlichkeiten

Im Rahmen des Begleitprogramms gibt es unter anderem Führungen auf den Spuren von Viktor Ullmann in Prag. Wie ist der Komponist mit Prag verbunden?

Viktor Ullmann | Foto: Archiv der Ullmann-Feierlichkeiten

„Ullmann war mit Prag sehr eng verbunden. Er ist 1919 aus Wien nach Prag gekommen. Gleich ein Jahr später ist es ihm gelungen, ein Engagement am Neuen Deutschen Theater zu bekommen. Das war unter dem Chefdirigenten Alexander Zemlinsky, der eine Art Guru für Ullmann wurde. Dort blieb Ullmann bis 1927, als auch Zemlinsky das Theater verließ. Ullmann bekam damals ein Angebot, den Posten des Opernchefs im Aussiger Stadttheater, was für ihn natürlich ein Sprung in der Karriere war. In Ústí nad Labem, früher Aussig, erlebte er eine sehr erfolgreiche Saison mit acht Premieren, aber leider geriet das Theater in große finanzielle Schwierigkeiten und so mussten alle entlassen werden. Ullmann war danach zwei Jahre lang im Schauspielhaus Zürich tätig, wo er als Chef der Bühnenmusik wirkte. Das reizte ihn als Komponisten nicht so sehr, das war eher ein Broterwerb. In der Zeit machte sich Ullmann mit der Anthroposophie bekannt. Er fand diese geistliche Strömung sehr anziehend und entschloss sich, ihr zu dienen. Er nahm ein Angebot in Stuttgart an, wo es eine Buchhandlung mit anthroposophischer Literatur gab. Mit seiner zweiten Frau kaufte Ullmann diese Buchhandlung. Er wusste jedoch nicht, dass dieses Unternehmen von Anfang an schon mit vielen Schulden belegt war. Im Sommer 1933 kehrte Ullmann eigentlich notgedrungenerweise wieder nach Prag zurück und blieb dort bis 1942, als er nach Theresienstadt deportiert wurde. In den 1930er Jahren, die er in einem noch freien Prag verbrachte, war er sehr aktiv mit verschiedenen Vorträgen und Rezensionen. Er konnte sich dann auch mehr auf das Komponieren konzentrieren. In dieser Zeit sind mehrere seiner wichtigen Werke entstanden, wie etwa die anthroposophische Oper ,Der Sturz des Antichrist‘. Ullmann begann zudem, seine Werke im eigenen Verlag zu veröffentlichen, in dem Sinne ist Prag für ihn wirklich seine Lebensstadt gewesen.“

Am bekanntesten von seinen Werken ist wahrscheinlich die Oper „Der Kaiser von Atlantis“. Wird Ullmann auch in der Welt gespielt?

Annika Treutler | Foto: Archiv der Ullmann-Feierlichkeiten

„Natürlich ist ,Der Kaiser von Atlantis oder die Todverweigerung‘, wie der offizielle Titel heißt, das meistgespielte Werk Ullmanns. Die Oper wird viel auch im Ausland, darunter in den USA, gespielt. Das Stück gilt als eine der stärksten Antikriegsbotschaften. Die Manuskripte der Werke, die Ullmann in Theresienstadt geschrieben hat, wurden von seinem Mithäftling Emil Utitz und später von Hans Guido Adler gerettet. Sie wurden zuerst in die anthroposophische Gesellschaft nach Dornach gebracht. Im benachbarten Basel hat die Paul Sacher Stiftung ihren Sitz, die sich auf die Aufbewahrung verschiedener Komponisten-Manuskripte spezialisiert. Diese hatte ein Deal abgeschlossen, dass dieses Konvolut von Ullmann-Manuskripten zwar im Besitz des Goetheanum in Dornach bleibt, aber den Forschern zugänglich gemacht werden darf. Voriges Jahr ist es zu einem sehr wichtigen Schritt gekommen: Die Paul Sacher Stiftung hat in Kooperation mit dem Bärenreiter-Verlag eine sehr wertvolle Publikation herausgegeben, nämlich das Faksimile von Ullmanns Manuskripten und zwei Manuskripte von Libretti. Dieses Buch werden wir auch bei unserem Festival vor dem Konzert im österreichischen Kulturforum präsentieren.“

Das Viktor-Ullmann-Festival findet vom 21. bis 26. April in Prag, Ústí nad Labem und Český Těšín statt. Mehr über das Programm erfahren Sie unter www.viktor-ullmann-festival.cz.