Studie in Tschechien: Bildschirmzeit schon bei Kleinkindern bedenklich hoch

Man könnte den Eindruck bekommen, dass die Kinder heutzutage schon mit dem Smartphone in der Hand geboren werden. Tatsächlich ist das gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Laut einer neuen Studie verbringen in Tschechien 41 Prozent der Kleinkinder, also im Alter von einem bis drei Jahren, täglich mehr als eine Stunde vor einem Bildschirm.

Mehr als die Hälfte der Kinder in Tschechien, die jünger als ein Jahr alt sind, schaut regelmäßig Filme oder Videos. Konkret sind es 55 Prozent der Säuglinge, die täglich ein Smartphone, Tablet oder einen Fernsehbildschirm vor sich haben. Das belegt eine gemeinsame Studie der NGO Zvedni hlavu (Heb den Kopf) und der O2-Stiftung.

Für die Datenerhebung hat das Meinungsforschungsinstitut Stem im vergangenen Jahr etwas mehr als 1000 Menschen in ganz Tschechien befragt, die zu dem Zeitpunkt Kinder bis zu fünf Jahren hatten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Bildschirmzeit bei Kindern mit dem Alter zunimmt. Mindestens eine Stunde täglich ist es bei 41 Prozent der Kleinkinder bis zu drei Jahren und bei 68 Prozent der Vorschulkinder.

Meist würden die Kinder Märchen schauen, sagt Jitka Uhrová. Sie ist die Hauptanalytikerin beim Meinungsforschungsinstitut Stem:

Jitka Uhrová | Foto: Věra Luptáková,  Tschechischer Rundfunk

„Rund 56 Prozent der Eltern gaben an, dass ihre Kinder manchmal auch Bildungssendungen ansehen oder an entsprechenden Spielen teilnehmen. Andererseits gibt es auch den Anteil von 25 Prozent der Eltern, die sagen, dass ihre Kinder zumindest manchmal kurze Unterhaltungsvideos schauen.“

Und oftmals wissen die Eltern gar nicht, was genau ihre Kinder sich so ansehen. Denn 37 Prozent der jungen Zuschauer verbringen die Zeit vor dem Bildschirm ohne ihre Eltern. Laut der Studie ist dies meist beim Essen sowie bei Fahrten im Auto oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln der Fall. Für die Eltern ist das Smartphone demnach oft ein Mittel, die Kinder ruhigzustellen. Und so räumen auch 73 Prozent der befragten Eltern ein, sie würden auf diese Methode zurückgreifen, wenn sie etwas zu erledigen hätten.

Illustrationsfoto: Nadine Doerlé,  Pixabay,  CC0

Die erhobene Bildschirmzeit der Kinder ist wesentlich höher, als Experten es für gesund erachten. Darauf wies Barbora Richtrová hin, als die Studie Mitte März bei einer Pressekonferenz in Prag vorgestellt wurde. Richtrová ist die Verbandsvorsitzende der klinischen Logopäden in Tschechien. Ihr zufolge führt es zu Schlafstörungen und Konzentrationsschwäche, wenn Kleinkinder viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Zudem habe dies negative Auswirkungen auf die sprachlichen Fähigkeiten:

„Viele Kinder sind nicht fähig, sich richtig auszudrücken oder einen grammatikalisch richtigen Satz zu bilden. Sie haben große Rückstände bei der sozialen Kommunikation, beim Wortschatz und ähnlichem. Unsere Ambulanzen werden derzeit geradezu überrannt von Kindern, die Probleme bei der Sprachentwicklung haben.“

Barbora Richtrová | Foto: Pražský logopedický den / FB

Richtrová zufolge sollten Kleinkinder unter drei Jahren gar keine Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Für Kinder zwischen drei und sechs Jahren empfiehlt sie täglich 40 Minuten, wobei der Inhalt der Videos ruhig, langsam und liebevoll sein solle. Außerdem sollten die Eltern dabei sein, so der Hinweis. Bei Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren wird geraten, zwei Stunden täglich nicht zu überschreiten. Denn bei längerem Videokonsum steige das Suchtrisiko, mahnt Richtrová.

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Weitere Ratschläge können sich Eltern in Tschechien bei der hiesigen Pädiatrischen Gesellschaft holen. Dort läuft das Projekt „Bezpečné dětství v digitálním světě“ (Sichere Kindheit in der digitalen Welt). Jiří Bronský ist der Vorsitzende der Organisation:

„Bei dem Problem hängt vieles mit der Nutzung der sozialen Netzwerke und von Computerspielen zusammen. Ein ganz neues Thema, über das noch nicht viel gesprochen wird und über das auch wir erst wenig wissen, sind Sprachmodelle, generative Künstliche Intelligenz und deren Interaktion mit den Kindern. Die Frage ist, inwieweit diese die kindliche Entwicklung stören können.“

Für das tschechische Bildungsministerium ist das Mitnehmen von Smartphones in den Schulunterricht ein aktuelles Thema. Ressortleiter Robert Plaga (parteilos) schließt sogar ein Verbot nicht aus.

Autoren: Daniela Honigmann , Tereza Hübscherová | Quelle: Český rozhlas
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