„Soziale Netzwerke sind die Pest!“ – Tschechische Regierung will Social-Media-Verbot für Kinder

Die Vorbilder sind Australien und Frankreich. Während in Down Under seit Dezember ein Gesetz in Kraft ist, das die Nutzung sozialer Netzwerke für Jugendliche unter 16 Jahren untersagt, hat jetzt auch Frankreich eine entsprechende Novelle auf den Weg gebracht. Und ein Verbot von TikTok, Instagram, Facebook und Co. erwägt nun auch die Regierung in Prag.

Ironischerweise auf seinem Facebook-Profil äußerte sich Premier Andrej Babiš (Partei Ano) am Sonntag zu der Frage, ob es in Tschechien künftig ein Social-Media-Verbot für Kinder geben sollte:

„Ich bin dafür. Denn die Experten, die ich kenne, sagen, dass das furchtbar gefährlich für Kinder ist. Und wir müssen unsere Kinder schützen.“

In einer Polit-Talkshow des privaten Fernsehsenders CNN Prima News pflichtete dann auch Industrie- und Handelsminister Karel Havlíček seinem Parteichef bei. Derzeit berate sich das Kabinett mit Fachleuten zu einem möglichen Verbot sozialer Netzwerke, sagte er.

Karel Havlíček  (ANO) | Foto: Jakub Jirásek,  iROZHLAS.cz

„Wir halten ein Verbot dabei für immer sinnvoller. Denn die sozialen Netzwerke zerstören das Leben von Kindern. Das ist mittlerweile wie die Pest, ein Unheil! Ich gehöre zu einer Generation, die früher keine sozialen Netzwerke hatte, und ich will auch nicht rückwärtsgewandt sein. Aber ich denke, wenn wir dafür sorgen, dass Kinder Fußball oder Tennis spielen, dass sie Sport treiben oder andere normale Dinge tun und nicht von morgens bis abends in den Netzwerken sind, dann zerstören wir ihre Kindheit nicht. Im Gegenteil: Wir helfen ihnen.“

Boris Šťastný | Foto: Zuzana Jarolímková,  iROZHLAS.cz

Dem stellvertretenden Premier zufolge könnte ein Verbot von Instagram und Co. für Kinder unter 15 Jahren gelten. Sollte man sich für die Maßnahme entscheiden, wolle man den Gesetzentwurf noch in diesem Jahr ins Parlament einbringen, hieß es. Unterstützung haben die Ano-Politiker dabei auch vom Koalitionspartner Motoristé sobě. Denn diese stellen in Tschechien den Sportminister, und Boris Šťastný teilte dann am Sonntag auf X auch mit, er unterstütze Babišs Vorstoß. Kinder sollten sich aktiv draußen bewegen, und nicht vorm Handy hängen und dick werden, so Šťastný.

Kritik an den Plänen kam noch nicht einmal von Alexandr Vondra, der für die Oppositionspartei ODS im Europaparlament sitzt und gemeinsam mit Havlíček am Sonntag Gast bei CNN Prima News war. Allerdings warf Vondra auch einige Fragen auf:

Alexandr Vondra | Foto: Zuzana Jarolímková,  iROZHLAS.cz

„Ich bin auf der einen Seite dafür. Man muss sich aber auf der anderen Seite fragen, wie man so etwas umsetzen kann, ohne dass zum Beispiel gegen das Grundrecht auf Privatsphäre verstoßen wird. Denn irgendwie wird man das Alter der Nutzer verifizieren müssen.“

Als weltweit erstes Land ist in Australien im Dezember ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige in Kraft getreten. Auch in Frankreich wurde ein entsprechendes Gesetz bereits von der Nationalversammlung verabschiedet, zustimmen muss nun noch der Senat. Vergleichbare Schritte planen zudem weitere Staaten wie Dänemark, Großbritannien, Spanien oder die Türkei.

Illustrationsfoto: Pixabay,  CC0

Was all die Vorhaben vereint: Als größtes Problem wird das Suchtpotential der sozialen Netzwerke angesehen. Der IT-Fachmann Josef Holý sagte dazu in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

Josef Holý | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

„Die Netzwerke verwenden Algorithmen, durch die sie die Inhalte personalisieren können. Und diese sind so gestaltet, dass die maximale Aufmerksamkeit des Users erreicht wird, damit er möglichst viel Zeit in der Anwendung verbringt. Die Algorithmen bergen also ein hohes Suchtpotential, und das ist auch ihr Hauptzweck.“

Denn je mehr Zeit man in den Netzwerken verbringt, desto mehr Werbeeinnahmen können die Plattformbetreiber generieren. Gerade bei Kindern und Jugendlichen könne ein Suchtverhalten aber die psychosoziale Entwicklung negativ beeinträchtigen, sagt Holý. Und als weitere negative Phänomene führen Fachleute zudem etwa Cybermobbing an.

Michaela Slussareff | Foto: Jan Jaskmanický,  Tschechischer Rundfunk

Die Medienwissenschaftlerin Michaela Slussareff betont im Rundfunkinterview aber, dass man auch über das eigentliche Design der Apps diskutieren müsse:

„Wenn wir nur ein Verbot einführen und die Gestaltung der Anwendungen nicht regulieren, ist immer noch die erwachsene Bevölkerung in Gefahr. Und das nicht nur durch eine mögliche Sucht. Denn die Algorithmen begünstigen etwa auch eine politische Radikalisierung.“

Autor: Ferdinand Hauser | Quelle: Český rozhlas
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