Unbegründete Ängste – Die Tschechen und ihre Einstellung zum Sudetendeutschen Tag in Brünn
Am Freitag beginnt der Sudetendeutsche Tag in Brno / Brünn. Erstmals wird das Pfingsttreffen der Vertriebenen in Tschechien veranstaltet. Doch in den vergangenen Wochen wurde vor allem von Regierungspolitikern eine Debatte über die Veranstaltung losgetreten. Ihr Vorwurf lautet, mit dem Sudetendeutschen Tag würden alte Wunden aufgerissen. Was aber denken die Menschen in Tschechien wirklich darüber? Und wie sieht dies die Zivilgesellschaft in dem Land?
Lautstarke Proteste von einer Handvoll Leuten so wie bei der Sitzung des Brünner Stadtrats am 14. April – auch sie begleiten die erste Ausrichtung des Sudetendeutschen Tages in Tschechien. Am Freitag beginnt die Veranstaltung, zu der sich die in der Landsmannschaft zusammengeschlossenen Vertriebenen und ihre Nachfahren jedes Jahr treffen. Seit 1950 bereits werden diese Zusammenkünfte ausgerichtet. Und jahrzehntelang waren sie von scharfer Rhetorik gegen die frühere Tschechoslowakei und spätere Tschechische Republik geprägt. Häufig ging es dabei auch um die Beneš-Dekrete, auf deren Grundlage die Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet wurden. Das zeigte sich etwa in den Leitsätzen der Sudetendeutschen Tage. 1985 in Stuttgart hieß dieser „Recht bleibt Recht – trotz Vertreibung!“ oder auch noch 1999 in Nürnberg wurde das „Recht auf die Heimat“ vorangestellt.
Das hat sich in den letzten gut anderthalb Jahrzehnten gewandelt. 2016 etwa hieß das Motto dann „Dialog verpflichtet“ und 2022 in Hof „Dialog überwindet Grenzen“. Auch der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, sagte am Mittwoch in einem Interview für die tschechische Presseagentur ČTK, dass die Beneš-Dekrete schon lange kein Thema mehr für seinen Verband seien. Man bemühe sich um Versöhnung und freundschaftliche Beziehungen zu den Tschechen.
Umfrage: Mehrheit der Tschechen ablehnend
Allerdings haben Abgeordnete der Regierungsparteien im tschechischen Abgeordnetenhaus eine Resolution durchgedrückt, in der sie die Veranstaltung des Sudetendeutschen Tages in Brünn verurteilt haben. Dort steht zum Beispiel unter Punkt 4 der insgesamt acht Punkte:
„(Das Abgeordnetenhaus) konstatiert, dass einige politische Aspekte der sudetendeutschen Bewegung im tschechischen historischen und gesellschaftlichen Kontext verbunden sind mit den Folgen der nationalsozialistischen Besatzung und der anschließenden Nachkriegsordnung, und deswegen bis heute ein außerordentlich sensibles Thema darstellen.“
Oppositionspolitiker hatten aus Protest gegen diese Resolution den Sitzungssaal verlassen. Mit der Initiative der Regierungsparteien ist jedoch in Tschechien eine kontrovers geführte Diskussion entbrannt. Unter diesem Eindruck hat der Tschechische Rundfunk eine Umfrage in Auftrag gegeben. Diese wurde vom Meinungsforschungsinstitut Median durchgeführt, und zwar von Donnerstag bis Sonntag vergangener Woche. Die Ergebnisse wurden am Donnerstag veröffentlicht. Demnach halten es 57 Prozent der Menschen in Tschechien nicht für richtig, dass der Sudetendeutsche Tag in Brünn stattfindet. Ein weiteres Ergebnis ist, dass junge Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren am tolerantesten sind. 68 Prozent von ihnen finden es in Ordnung, dass die Veranstaltung hierzulande ausgerichtet wird. Je älter die Umfrageteilnehmer gewesen seien, desto höher habe der Anteil der ablehnenden Stimmen gelegen, fasst Vojtěch Dufek zusammen. Er ist der Analytiker des Meinungsforschungsinstituts:
„Die Umfrageteilnehmer im Alter von 25 bis 44 Jahren sind bereits in zwei gleich große Lager gespalten. Und bei den Menschen über 45 Jahren hält eine Mehrheit die Abhaltung des Sudetendeutschen Tags in Brünn nicht für richtig. Am negativsten ist die Einstellung der älteren Menschen ab 75 Jahren, von ihnen halten 69 Prozent die Veranstaltung für falsch.“
Politischer Missbrauch
Dabei ist es ein tschechischer Verein, nämlich Meeting Brno, der den Sudetendeutschen Tag hierher eingeladen hat. Und aus den engagierten Teilen der tschechischen Gesellschaft kommen andere Stimmen als von Regierungspolitikern und als es die Umfrage darstellt. So haben Ende vergangener Woche die Leiter von zehn historischen Fachinstituten in Tschechien eine Erklärung herausgegeben. Verfasst wurde sie von Zuzana Lizcová, der Leiterin des Lehrstuhls für deutsche und österreichische Studien an der Prager Karlsuniversität, und von Matěj Spurný, dem Chef des historischen Instituts an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität. In der Erklärung heißt es unter anderem, man müsse hierzulande keine Angst haben vor der Ausrichtung des Treffens in Brünn. Gegenüber Radio Prag International erläuterte Lizcová:
„Dieses Treffen sehen wir als eine Veranstaltung der Zivilgesellschaft. Und das Ziel der Veranstaltung ist die Versöhnung. Wir Tschechen haben mit den Deutschen eine sehr kontroverse und tragische Geschichte hinter uns, das will auch niemand verschweigen. Aber sie wurde schon längst in der Fachliteratur, in vielen literarischen Werken, in Spielfilmen und in Dokus aufgearbeitet. Es gibt daher keinen Grund, dieses Thema politisch zu missbrauchen.“
Es sind gerade auch zahlreiche tschechische Autorinnen und Autoren, die sich mit der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei auseinandergesetzt haben, allen voran Radka Denemarková und Kateřina Tučková. Viele junge Leute sind hierzulande in Vereinen und Verbänden organisiert, die mit Vertriebenen zusammenarbeiten und die Geschichte der früheren deutschsprachigen Bewohner wieder ins Gedächtnis zurückholen wollen.
„Wir hatten in den letzten Jahren geradezu eine Flut von Werken, die sich genau mit diesem Thema beschäftigt haben. Dieses Thema ist also bereits seit längerem in der öffentlichen Diskussion präsent. Und es gab noch nie eine solche Situation, die künstlich so aufgeheizt gewesen wäre wie die heutige“, bestätigt auch Zuzana Lizcová.
Entwicklung bei Landsmannschaft
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden rund drei Millionen deutschsprachige Menschen aus der Tschechoslowakei vertrieben. Laut der Deutsch-Tschechischen Historikerkommission gab es dabei 15.000 bis 30.000 Todesopfer zu beklagen. Während der sechsjährigen Besatzung durch Hitler-Deutschland von 1939 bis 1945 hatten wiederum 320.000 bis 350.000 Bewohner der Tschechoslowakei ihr Leben verloren. Die meisten Vertriebenen wurden in Bayern aufgenommen, aber sie gingen auch in andere Teile Deutschlands inklusive jenen, die später zur DDR wurden, sowie nach Österreich. Welche Rolle haben die Sudetendeutschen beziehungsweise ihre Nachfahren bei der Versöhnung eingenommen? Zuzana Jürgens ist Tschechin und leitet als Geschäftsführerin den Adalbert-Stifter-Verein, also eine sudetendeutsche Kulturinstitution. Sie meint:
„Es gibt natürlich eine Entwicklung. Wenn wir uns auf die Zeit nach der Wende konzentrieren, dann waren die 1990er Jahre nicht einfach. Das heißt, da gab es eine aufgeheizte Debatte auch vonseiten der Sudetendeutschen mit Franz Neubauer an ihrer Spitze. Auch noch um den EU-Beitritt Tschechiens herum standen die Beneš-Dekrete im Zentrum. Aber mit der Unterzeichnung der Deutsch-Tschechischen Erklärung (1997, Anm. d. Red.) und der Entstehung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gab es letztlich auf beiden Seiten dieses Bemühen, über die Vergangenheit zu reden, dabei jedoch die Gegenwart und die Zukunft nicht zu belasten.“
Zuzana Jürgens spricht von zahlreichen kleinen und großen Begegnungen, die auch in Tschechien stattfinden. An diesen nehmen ihren Worten nach vor allem Nachfahren der Vertriebenen teil, da aus der Erlebnisgeneration selbst nicht mehr viele Menschen am Leben sind.
„Letztlich geht es um die Nachfahren. Sie haben dennoch eine Beziehung zum jeweiligen Heimatort, aus dem ihre Familie stammt. Man fährt dort hin, hilft beispielsweise bei der Instandsetzung von Kirchen oder weiterer Gedenkorte. Oft ist es auch so, dass man Kontakt hat mit den Menschen, die nun in den früheren Häusern der Familie leben. Es gibt zudem eine Aussöhnung mit den Juden, die in der Tschechischen Republik leben. Das ist sehr vielfältig. Und ich muss tatsächlich sagen, das geht aus meiner Sicht auch viel von den Sudetendeutschen aus. Die Landsmannschaft ist dabei nicht die einzige Einrichtung, dazu gehört zum Beispiel auch die Ackermann-Gemeinde, die ihre Zweigstelle in Tschechien hat. Oder es gibt den Adalbert-Stifter-Verein, für den ich arbeite. All diese Institutionen machen gemeinsam Veranstaltungen kultureller Art, aber befassen sich immer wieder auch mit den Fragen der Vergangenheit – eben um die Versöhnung zu ermöglichen“, sagt Zuzana Jürgens.
Keine politische Veranstaltung
Wieso konnten die Regierungsparteien aber solch einen Aufruhr veranstalten mit der Diskussion über den Sudetendeutschen Tag in Brünn? Zuzana Lizcová:
„Es geht eindeutig um eine Politisierung der Geschichte, die seitens der extremen Parteien vorangetrieben wird.“
Zuzana Jürgens betont, dass sie dies ebenfalls so sehe,
„…denn mindestens in den vergangenen zehn bis 15 oder noch mehr Jahren gab es keinen Anlass dafür. Nur eine sehr kleine Gruppe von Sudetendeutschen fordert, die Beneš-Dekrete zu revidieren. Aber sie gehören nicht der Landsmannschaft an und sind als Minderheit nicht repräsentativ. Dieser Sudetendeutsche Tag – und ich war schon mehrmals dort – ist keine politische Veranstaltung. Wenn da deutsche Politiker reden, dann sprechen sie ihr Publikum an, also das deutschsprachige. Und sie würdigen das, was die Vertriebenen in der neuen Heimat getan, wie sie sich integriert und am wirtschaftlichen Aufschwung beteiligt hatten. Nie habe ich davon gehört, dass man sich aufmachen und die Häuser und Grundstücke in Tschechien zurückgewinnen sollte.“
Tatsächlich haben auch bereits tschechische Politiker den Sudetendeutschen Tag besucht und dort sogar Reden gehalten. Als Erster war es vor zehn Jahren der damalige Kulturminister Daniel Herman. Und Zuzana Lizcová ergänzt:
„Es gab auch mehrere weitere Gesten der Versöhnung – zum Beispiel seitens des ehemaligen Premierministers Petr Nečas. Die Debatte jetzt zu diesem Zeitpunkt so aufzuheizen, ergibt sachlich eigentlich keinen Sinn.“
Laut Zuzana Jürgens wird ganz einfach mit den Ängsten in der Bevölkerung hierzulande gespielt:
„Ich bekomme tatsächlich mit, dass einige Menschen in Tschechien Angst haben. Und sie wird künstlich noch weiter geschürt und für ganz andere Zwecke missbraucht. Das ist sehr bedauerlich, aber da ist Tschechien aktuell in Europa kein Einzelfall.“
Der Sudetendeutsche Tag in Brünn findet im Rahmen des Festivals Meeting Brno statt. Die tschechischen Veranstalter haben schon mehrere Drohungen erhalten. Die Polizei ist auf etwaige Proteste vorbereitet.
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