Streit um künftige Ausrichtung: Steht die Václav-Havel-Bibliothek vor dem Aus?

Die Václav-Havel-Bibliothek

Eigentlich hat man in der Václav-Havel-Bibliothek gerade alle Hände voll zu tun. Denn im Herbst würde der Namensgeber der Einrichtung seinen 90. Geburtstag feiern, und die Vorbereitungen auf die Feierlichkeiten laufen bereits. Doch nun steht die renommierte Prager Kulturinstitution möglicherweise vor dem Aus.

Die Václav-Havel-Bibliothek wurde 2004 gegründet, um den Nachlass des einstigen tschechoslowakischen und später tschechischen Präsidenten zu verwalten. Doch die Institution ist mehr als nur ein Archiv. Sie führt auch Konferenzen und Diskussionsabende durch, vermittelt Bildungsprogramme an Schulen und bringt Publikationen heraus.

Die Václav-Havel-Bibliothek | Foto: Knihovna Václava Havla

Vergangenes Jahr im März übernahm Tomáš Sedláček die Leitung der Bibliothek – ein Ökonom, Schriftsteller und Philosoph, der einst Václav Havels Berater für Wirtschaftsfragen war. Doch gerade die Personalie Sedláček könnte nun zum Zerfall der Einrichtung führen. Denn in dieser Woche reichten alle 17 Mitarbeiter ihre Kündigung ein – und das wegen Unstimmigkeiten mit der Leitung. Pressesprecherin Mária Pfeiferová teilte am Dienstag mit:

„Da die Mitarbeiter den guten Namen der Václav-Havel-Bibliothek und die gesunde Entwicklung der Einrichtung nicht weiter gewährleisten können, werden sie ihre Tätigkeit ab der neuen Saison im September 2026 nicht weiter fortführen.“

Buchpräsentation in der Václav-Havel-Bibliothek in Prag | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Doch nicht nur, dass die Mitarbeiter gehen. Auch die Geldgeber ziehen sich zurück, darunter die Bakala Foundation des Multimillionärs Zdeněk Bakala. Die Stiftung hatte zuletzt rund die Hälfte des Etats der Václav-Havel-Bibliothek bereitgestellt. Und auch der Millionär Karel Komárek erwägt einen Rückzug. Lukáš Pfauser, der Pressesprecher von Komáreks Wohltätigkeitsorganisation, sagte in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

„Wir beobachten die Lage der Bibliothek mit Sorge. Unsere weitere Förderung wird von der Entwicklung auf Seiten des Empfängers der Gelder abhängen. Wie auch bei unseren anderen Projekten ist es uns wichtig, dass die Mittelempfänger die Verpflichtungen im Fördervertrag erfüllen.“

Damit nicht genug, zerfällt gerade auch der Verwaltungsrat der Bibliothek, den vier der fünf Mitglieder verlassen haben. Recherchen des Tschechischen Rundfunks zufolge wollte das Gremium Sedláček eigentlich absetzen. Gerüchten zufolge soll aber Dagmar Havlová dies verhindert haben. Die Witwe von Havel und eine der Gründerinnen der Bibliothek wies diese Informationen allerdings zurück.

Warum aber eigentlich der ganze Aufruhr? Der Schriftsteller Jáchym Topol ist der Programmdirektor der Václav-Havel-Bibliothek und dort seit 15 Jahren tätig. Auch er hat seine Kündigung eingereicht. Dem Tschechischen Fernsehen sagte er dazu:

Jáchym Topol | Foto: YouTube

„Ich kündige vor allem, weil Tomáš Sedláček die Einrichtung chaotisch leitet. Und er hat sich entschieden, Václav Havel als Verkaufsartikel zu Geld zu machen.“

Während Topol meint, Sedláček würde Havel wie Mickey Mouse vermarkten wollen, argumentiert der Direktor selbst, er wolle der Institution lediglich einen frischen Wind einhauchen…

„Rund um das Vermächtnis von Václav Havel ist ein Streit entbrannt. Der Verwaltungsrat und das Team haben meiner Vision vor einem Jahr noch zugestimmt. Ich wollte die Bibliothek öffnen, vor allem für junge Menschen, aber auch für die ganze Welt. Denn ich denke, Václav Havel ist der beste und spannendste Exportartikel, den unser Land in den vergangenen Generationen hervorgebracht hat. Ich wollte aus der Bibliothek eine frische, moderne und auf Künstlicher Intelligenz basierende Institution machen, die sich mit den Fragen unserer Zeit beschäftigt und nicht nur die Erinnerung an Václav Havel aufrechterhält – wenngleich das natürlich auch wichtig ist.“

Tomáš Sedláček | Foto: Anna Rychnovská,  Tschechischer Rundfunk

Obwohl die Zukunft der Einrichtung ohne Personal und mit deutlich weniger Geldern nun mehr als ungewiss ist, will Sedláček nicht hinwerfen. Dem Tschechischen Rundfunk sagte er:

„Das Ende der Bibliothek steht keinesfalls bevor. Im Gegenteil. Ich bin froh, dass es so schnell zum Kollaps des Verwaltungsrates und des Teams gekommen ist. Denn jetzt haben wir freie Hand für einen Neuanfang mit neuen Partnern, die uns bereits vor einem halben Jahr ihre Unterstützung zugesagt haben.“

Auch das letzte verbleibende Verwaltungsratsmitglied, David Dušek (Stan), stellvertretender Bürgermeister des fünften Prager Stadtbezirks, behauptet, es seien bereits mehrere Anrufe möglicher Sponsoren eingegangen. Wer aber künftig die Arbeit der 17 Angestellten machen soll, das ist derzeit noch ungewiss.

Autor: Ferdinand Hauser | Quellen: Český rozhlas , Česká televize
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