Mit Qualität gegen Verkaufsrückgänge: Tschechischer Markt für Fairtrade-Produkte verspürt globale Krise
Globale Anspannung, Lieferhürden, hohe Energiepreise: Die Krisenlage macht sich auch im fairen Handel bemerkbar. Während der Verkauf von Produkten mit dem Fairtrade-Siegel in Tschechien zu Corona-Zeiten noch der allgemeinen Depression trotzte, werden für vergangenes Jahr eher Negativtrends vermeldet. Trotzdem blickt man bei der Organisation Fairtrade Česko a Slovensko (FTČS) eher optimistisch in die Zukunft.
Fair gehandelter Kaffee ist nicht nur ethisch in Ordnung, er kann auch von sehr guter Qualität sein. Dies ist die Botschaft, die die Vertreter von Fairtrade Česko a Slovensko ihrer Jahrespressekonferenz Mitte Juni voranstellten. Diese hielt nicht nur wie üblich die Verkaufsbilanz für das vergangene Jahr bereit, sondern fand am Rande der Veranstaltung namens Fairtrade Specialty Coffee Dialogue statt. Bei dem internationalen Treffen für Landwirte, Verarbeiter und Verkäufer von fair gehandeltem Kaffee wurde der Fokus auf ausgewählte und hochwertige Sorten gelegt.
Für den Fachaustausch war auch Merlin Preza nach Prag gekommen. Sie ist die Vorsitzende der Produzentengenossenschaft Prodecoop in Nikaragua und einer der Kaffee-Repräsentanten bei CLAC – dem Fairtrade-Netzwerk der Kleinbauern in Lateinamerika und der Karibik. Die Organisation vertritt mehr als 200.000 Familien, die ihre landwirtschaftlichen Produkte mit dem Siegel des gerechten Handels zertifizieren lassen. Preza berichtet, dass 87 Prozent des Kaffees, der weltweit mit dem blau-grünen Siegel versehen wird, in Lateinamerika produziert werde.
„Ich kann mit Stolz sagen, dass unsere Genossenschaft für ihre Qualität bekannt ist. Unser Kaffee ist traditionell sehr gut. Eine ganze Reihe unserer Landwirte nutzt die Fairtrade-Prämie nicht nur zur Verbesserung der Qualität, sondern auch zur Erhöhung des Ertrags. Wir haben konkrete Maßnahmen entwickelt, ausdauernde Trockenzeiten zu überstehen oder andersherum auch unangenehm lange Regenphasen.“
Sie sage immer, fuhr Merlin Preza fort, dass Fairtrade für sie einen Austausch von Qualität bedeute – guter Kaffee für bessere Lebensbedingungen. Allein in Nikaragua seien 2023 über 23.000 Tonnen zertifizierten Kaffees produziert worden, was ein sehr gutes Ernteergebnis gewesen sei, so Preza:
„Unsere Grafik zeigt einen hohen Kaffeepreis für die Jahre seit 2023. Es könnte den Anschein haben, dass wir uns deswegen freuen könnten, weil unsere Produzenten dadurch viel verdienen würden. So einfach ist es aber leider nicht. Denn wir haben mit verschiedenen globalen Herausforderungen und Gefahren zu kämpfen sowie mit einer sehr komplizierten Lage auf den Märkten und im Verkehr. Und damit müssen wir umgehen.“
Guter Kaffee für bessere Lebensbedingungen
So sei besonders das vergangene Jahr geradezu katastrophal gewesen angesichts der wechselhaften Zollpolitik der USA, gibt Preza ein Beispiel. In der aktuellen Saison seien die logistischen Bedingungen schon wieder besser, resümiert die Expertin.
Eine angespannte politische Weltlage und Ernteausfälle durch den Klimawandel treiben die Preise für importierte Lebensmittel in die Höhe. Das verspüren auch die Verbraucher in Tschechien – und das schlägt sich mittlerweile ebenfalls in den Statistiken des fairen Handels hierzulande nieder. Dabei waren gerade diese Produkte noch während der Corona-Pandemie ein echtes Phänomen. Überall gingen die Zahlen und Umsätze zurück, nur die Verkäufe von Fairtrade-Waren stiegen in Tschechien und der Slowakei deutlich an. Nun ist jedoch klar, dass auch dieses Segment nicht krisensicher ist. Gabiela Kozlová, Leiterin für Verkauf und Marketing bei FTČS, begann ihre Bilanzierung mit folgenden Worten:
„Wir waren es bisher gewohnt, dass ich meist aufsteigende Kurven präsentiere. In diesem Jahr ist das anders. Jetzt bekommen wir die geopolitische Lage auf dem Markt zu spüren. Wir sprechen über hohe Rohstoffpreise – und das nicht nur bei Kaffee, sondern auch bei Kakao. Hinzu kommen die hohen Energiepreise und die Inflation. Und wir müssen konstatieren, dass sich dies auf den tschechischen und den slowakischen Markt ausgewirkt hat.“
Kaffee ist traditionell einer der wichtigsten Rohstoffe im Zertifizierungssystem mit dem Fairtrade-Siegel. Kozlová blickt auf die Verkaufszahlen für 2025:
„Vergangenes Jahr sind wir in Tschechien auf rund 941 Tonnen Kaffee gekommen. In der Slowakei war es weniger, nämlich 254 Tonnen. Unter den Primärrohstoffen handelt es sich um den größten Rückgang, den wir 2025 gemessen haben. In Tschechien beträgt er 25 Prozent, in der Slowakei sogar 27 Prozent.“
Begründet werden könne dies mit dem Rückzug zweier großer Partner aus dem Fairtrade-System, ergänzt Kozlová. Damit ist auch der tschechische und slowakische Markt von der Entwicklung betroffen, die in den vergangenen Monaten schon in den deutschsprachigen Ländern bekannt geworden war, dass nämlich etwa der Großhändler Tchibo seinen Kaffee nicht mehr mit dem blau-grünen Siegel zertifizieren lässt.
Von Arabica zu Robusta
Die sich ändernden klimatischen Bedingungen für den Anbau von Kaffee werden sich in den kommenden Jahren wohl auch auf das Angebot auf dem europäischen Markt niederschlagen. Denn viele Landwirte in Lateinamerika, Afrika und Asien steigen von der Gattung Arabica auf die widerstandsfähigeren Robusta-Sorten um. In Tschechien enthielten 2025 noch 91 Prozent der fairen Kaffeepackungen Arabica-Bohnen und nur neun Prozent Robusta-Bohnen. Aber gerade letztere würden in seinem Heimatland Brasilien immer populärer, berichtete Paulo Ferreira bei der Pressekonferenz in Prag. Er leitet beim Netzwerk CLAC den gesamten Beriech Kaffee und baut die roten Bohnen auch selbst an. Derzeit sei Vietnam weltweit der größte Robusta-Produzent, räumt Ferreira ein:
„Aber auch in Brasilien wird immer mehr Robusta angebaut. Die Gattung hat nämlich eine besondere Adaptionsfähigkeit – wir sprechen manchmal sogar von einer Intelligenz – hinsichtlich des Klimawandels. Sie passt sich einfach besser an plötzliche Wetterwechsel an und lohnt sich dadurch für uns immer mehr. Darum gehen viele Landwirte und Genossenschaften in Brasilien jetzt zu Robusta über. Es gibt Prognosen, dass wir in vier bis fünf Jahren die vietnamesische Produktion überholen könnten.“
Derzeit bestehe die Produktion in Brasilien noch zu 70 Prozent aus Arabica und zu 30 Prozent aus Robusta, informiert Ferreira. Dies könne sich in Zukunft aber an ein 50-50-Verhältnis annähern.
Man sagt Robusta eine etwas intensivere und eher bittere Note nach. Ob die Kaffeetrinker in Tschechien sich schnell an einen anderen Geschmack gewöhnen werden, ist fraglich. Gabriela Kozlová beschreibt die Käufer hierzulande als eher konservativ, weist aber trotzdem auf ein sich veränderndes Verhalten hin:
„Die tschechischen Verbraucher verstehen Kaffee nicht als Luxusware. Für sie gehört er zum Alltag. Was bedeutet das? Für wen Kaffee normal ist, der trinkt ihn auch jeden Tag. Und ein Spezifikum ist dabei, dass man an eine bestimmte Marke oder eine gewisse Qualität gewöhnt ist, und dann wegen des Preises nicht zu einer Qualitätsstufe niedriger greifen wird, die einem vielleicht nicht mehr so schmeckt. Darum konsumieren die Verbraucher ihren Kaffee jetzt weniger im Horeca-Segment – also in Restaurants oder Cafés –, sondern kaufen sich den Kaffee für die eigene Zubereitung zu Hause. Wir verzeichnen ebenfalls einen deutlichen Anstieg beim Verkauf von Kaffeemaschinen. Und dafür holen sich die Leute dann den Kaffee im Supermarkt.“
Dort werden die Packungen zudem gern im Angebot gekauft, fügt Kozlová hinzu. Ein weiterer Trend weist ihr zufolge aber auch darauf hin, dass gerade junge Menschen hierzulande immer mehr ausgewählte Kaffeesorten aus Kleinröstereien bevorzugen.
Verkaufswachstum bei Bananen
Beim Verkauf von Fairtrade-Kakao gab es 2025 in Tschechien und der Slowakei einen nicht ganz so starken Rückgang. Er betrug gut fünf Prozent. Aber auch hier gebe es neue Einflüsse, berichtet Gabriela Kozlová:
„Es geht um neue Programme bei der Zusammenarbeit zwischen der Fairtrade-Organisation und den Einzelhändlern. Sie zielen darauf ab, den Landwirten ein existenzsicherndes Einkommen zu zahlen, auf Englisch living income. Dies ist in Tschechien im Prinzip noch unbekannt, hat unsere Verkäufe aber schon im letzten Jahr erreicht. Denn internationale Einzelhändler, die diese Verträge in anderen Ländern unterzeichnet haben, sind auch auf dem tschechischen Markt tätig. Da können wir etwa Lidl benennen oder das Unternehmen Action. Das Konzept ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Generell verpflichten sich die Händler dabei zu einem finanziellen Ausgleich der Differenz zwischen dem existenzsichernden Einkommen und dem Kakao-Preis, den der Produzent bekommt.“
Und als ein Ausgleich ist auch die Fairtrade-Prämie gedacht, die schon lange an die Landwirte und Arbeiter in Afrika, Asien und Lateinamerika geht. Diese wird jedes Jahr aus den Gesamtverkäufen berechnet und stellt einen wichtigen zusätzlichen Fonds dar, aus dem die Modernisierung und der Ausbau der örtlichen Infrastruktur finanziert werden. FTČS muss jedoch für 2025 einen Rückgang auch bei diesem Posten vermelden. Insgesamt wurden in Tschechien knapp 30,3 Millionen Kronen (1,25 Millionen Euro) an Beiträgen zur Fairtrade-Prämie eingenommen, was 15 Prozent weniger waren als noch 2024. FTČS-Direktor Lubomír Kadaně glaubt jedoch, dass es sich nur um einen vorübergehenden Einbruch in einer ansonsten positiven Entwicklung handle:
„Hätten wir ein Diagramm hier, in dem die vergangenen 10 oder 20 Jahre dargestellt würden, dann gäbe es einen sehr niedrigen Balken im Jahr 2015, aber sehr hohe Balken für 2023 und 2024 – und ebenso für 2025 im Vergleich zu vor zehn Jahren. Allgemein gilt, dass der Betrag für die Fairtrade-Prämie in Tschechien innerhalb von zehn Jahren um das Zwölffache angewachsen ist. Darum glaube ich nicht, dass es sich jetzt um einen Wendepunkt handelt.“
Kaffeezüchterin Merlin Preza teilte zu diesem Thema mit, dass jedes Jahr rund zwei Millionen Euro an Fairtrade-Prämie in Nikaragua ankommen würden.
Langzeittrend ist positiv
Bei der Bilanzierung des Jahres 2025 konnten die Vertreter von FTČS aber auch wieder einige positive Wachstumszahlen präsentieren. So legte der Verkauf von fair gehandelten Bananen in Tschechien und in der Slowakei um 13 Prozent zu. Insgesamt wurden 2127 Tonnen verkauft. Fast alle dieser gelben Früchte hätten auch ein Bio-Siegel, betont Gabriela Kozlová:
„Unser Markt ist dahingehend besonders, dass es einen sehr großen Anteil an Bio-Bananen gibt. In Tschechien war der Prozentsatz an konventionellen Fairtrade-Bananen 2025 extrem klein, und davor gab es diese hier noch gar nicht. Darin nehmen wir also eine Führungsrolle ein. In den Ländern westlich von uns gibt es hingegen auch viele konventionelle Fairtrade-Bananen. Was Kaffee angeht, da ist der Bio-Anteil bei uns immer noch sehr niedrig. In Tschechien wird eher der konventionelle Kaffee konsumiert, da haben wir also noch Raum für Wachstum. Es gibt Länder, da ist der Bio-Anteil bei Fairtrade-Kaffee zwei- oder dreimal so hoch.“
Trotz der leicht rückläufigen Zahlen im Fairtrade-Segment auf dem tschechischen und slowakischen Markt gebe es immer noch deutliche Wachstumspotentiale, so das Fazit von FTČS. Verkaufsleiterin Kozlová schließt ihren Bericht dann auch mit dem Blick auf das große Ganze ab:
„Als ich vor 12 oder 13 Jahren in die Organisation gekommen bin, hatten wir auf der Homepage eine Tschechien-Karte mit allen Verkaufsstellen für Fairtrade-Produkte. Und auf dieser Karte waren nur ganz wenige Punkte eingezeichnet. Wir mussten damals wirklich nach jedem kleinen Laden suchen, wo es wenigstens eine zertifizierte Schokolade oder eine Kaffeesorte gab. Heute findet man in praktisch jedem Geschäft eine Menge Fairtrade-Waren. Es gibt keine Kette und keine Drogerie, in der so etwas nicht angeboten würde. Es besteht also ein riesiger Unterschied gegenüber dem Stand vor zwölf Jahren. Auch wenn die Zahlen im vergangenen Jahr nicht besonders positiv aussehen – der allgemeine Trend ist es aber definitiv immer noch.“
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