Hauptwerk über böhmische Küche vor 200 Jahren erschienen – Litomyšl ehrt Kochbuchautorin Rettigová
Obwohl die tschechische Patriotin Magdalena Dobromila Rettigová (1785–1845) vor allem Gedichte und Erzählungen schrieb, ist sie durch ihr Kochbuch in die Geschichte eingegangen. Das Werk feiert dieses Jahr seinen 200. Geburtstag. Daher ist derzeit im Regionalmuseum in Litomyšl eine Ausstellung über Rettigová und die Köchinnen ihrer Zeit zu sehen.
Das Kochbuch „Domácí kuchařka“ von Magdalena Dobromila Rettigová gilt als das erste Standardwerk über die böhmische Küche und ist bis heute hierzulande bekannt. Es erschien 1826 im Verlag Pospíšil in Hradec Králové / Königgrätz. Anlässlich dieses Jubiläums wurde im Regionalmuseum in Litomyšl eine Ausstellung mit dem Titel „O umění kuchařském“ („Über die Kochkunst“) eröffnet. Magdalena Dobromila Rettigová kam 1785 in der deutschsprachigen Familie Artmann im mittelböhmischen Všeradice zur Welt. Ihr Vater, der dortige Burggraf Franz Artmann, starb bereits, als Magdalena noch klein war. Mit ihrer Mutter zog sie danach mehrmals um. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr sprach Magdalena nur Deutsch. Ihr Leben änderte sich, als sie 1807 den tschechischen Rechtsanwalt und Patrioten Jan Sudiprav Rettig (1774–1844) heiratete. Rettigová, die inzwischen Tschechisch gelernt hat, wurde zu einer patriotisch orientierten Schriftstellerin. Die Familie zog einige Mal um, 1834 ließ sie sich in Litomyšl nieder.
Die neue Ausstellung über Magdalena Dobromila Rettigová im dortigen Regionalmuseum bestehe aus mehreren Teilen, erzählt Kuratorin Hana Klimešová.
„Es werden hier alte Kochbücher gezeigt, die entweder vor Rettigovás Buch oder zur selben Zeit erschienen sind. Diese sind aus der wissenschaftlichen Bibliothek in Olmütz ausgeliehen. Die deutschsprachigen Hörer und Leser könnte vielleicht das Große Wiener Kochbuch von Anna Dorn aus dem Jahr 1827 interessieren. Rettigová hat Dorn natürlich gekannt. Zu sehen ist außerdem beispielsweise ein Kochbuch von Anna Wecker (etwa 1572–1596, Anm. d. Red.) vom Ende des 16. Jahrhunderts. Wecker hat Rettigová eventuell inspiriert.“
Rettigovás Kochbuch wurde 1826 herausgegeben. Ein Jahr zuvor hatte die Autorin das Werk beendet. Während der Zeit, in der Rettigová mit ihrem Mann an verschiedenen Orten Ostböhmens lebte, organisierte sie Kurse für Mädchen aus bürgerlichen Familien, denen sie das Kochen beibrachte. Die Kuratorin:
„Das Besondere des Kochbuchs bestand darin, dass es gut verständlich war. So wie Rettigová die Mädchen unterrichtete, so war auch das Kochbuch verfasst. Sie duzte sie, aber achtete sehr darauf, dass sie gut wirtschafteten und sparsam blieben. Uns mag es heute komisch vorkommen, dass die Rezepte für viele Personen geschrieben wurden. Rettigová kochte jedoch nicht nur für ihre Familie, sondern auch für alle die anderen, die in ihrem Haus lebten. Dazu gehörten Diener und manchmal auch Lehrlinge. Sie war zudem eine große Philanthropin und verschenkte Essen auch an Bettler und weitere arme Menschen. Damals wurde oft für zwölf oder 15 Personen gekocht. Wenn im Rezept von 30 Eiern die Rede ist, die man nehmen solle, dann ist das aus dieser Sicht nicht übertrieben.“
Den patriotischen Namen Dobromila nahm Rettigová unter dem Einfluss ihres Mannes an. Dieser habe sie zur tschechischen Sprache geführt, merkt die Kuratorin an.
„Sie war erstaunlicherweise eine tschechische Patriotin, die auch Deutsch schrieb. Rettigová wurde oft zu Besuch eingeladen, und das Bürgertum in Litomyšl sprach gern Deutsch. Das Kochbuch erschien noch zu ihren Lebzeiten mehrmals auf Tschechisch und auch auf Deutsch. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Kochbuch zehnmal herausgegeben. Wenn jemand sagt, er koche nach Rettigová, stimmt das nicht wortwörtlich. Als das Buch 1826 zum ersten Mal erschien, enthielt es rund 300 Rezepte. In der letzten Ausgabe während ihres Lebens umfasste es sogar 800 Rezepte. Rettigová hatte ihr Werk um 500 Rezepte erweitert. Dabei ist es jedoch nicht geblieben. Heute finden sich im Kochbuch rund 1000 Rezepte. Diese wurden vor allem von Antonie Dušánková ergänzt. Sie war die Tochter des Verlegers Pospíšil.“
Die Kuratorin macht darauf aufmerksam, dass sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zuckerindustrie entwickelte. Aus dem Grund wurden auch viele Rezepte für Torten und Mehlspeisen ins Kochbuch aufgenommen.
Wie ist aus Magdalena Dobromila Rettigová, die Schriftstellerin werden wollte, eine erfolgreiche Kochbuchautorin geworden? Die Anfänge ihrer Kochkunst sind schon in der Kindheit zu finden. Laut Hana Klimešová hatte Rettigová eine verhältnismäßig komplizierte Kindheit. Ihre Mutter sei nicht besonders empathisch gewesen, erzählt die Kuratorin.
„Die Mutter zwang die kleine Magdalena, verschiedene Hausarbeiten zu machen – daher hat sie viel genäht, gestickt und geklöppelt. Als sie etwa 14 Jahre alt war, war sie auf dem Lande bei Gräfin Breda. Dort lernte sie kochen. Alle diese Kenntnisse und Fertigkeiten hat Magdalena später genutzt. Sie sehnte sich jedoch sehr danach, Schriftstellerin zu werden. Sie schrieb Gedichte und einfache Erzählungen, die für Mädchen bestimmt waren. Sie wollte damit zu deren Bildung beitragen und zudem die Leserinnen zum Glauben führen. Rettigová beklagte später jedoch, dass die Menschen gutes Essen einem Gedicht vorzögen. Darum hatte sie das Bedürfnis, alles niederzuschreiben, was sie in ihren Kochkursen den Mädchen vermittelte.“
1834 kamen Rettigová und ihr Mann nach Litomyšl. Elf Jahre verbrachte sie in der Stadt. 1845 starb sie und wurde in Litomyšl bestattet.
In der Ausstellung über im Regionalmuseum wird anschaulich beschrieben, wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gekocht wurde. Es sei gar nicht einfach gewesen, denn meist sei das Essen in einer Schwarzküche zubereitet worden, erzählt Hana Klimešová.
„Wenn man kochen wollte, musste man zuerst das Holz herbeischaffen, dann das Feuer machen oder den Ofen anheizen. Wollte man Brot backen, musste der Teig am Vortag zubereitet werden. Der eigentliche Backvorgang nahm dann den ganzen Tag in Anspruch. Probleme gab es mit dem Wasser, denn damals führte noch keine Wasserleitung in die Häuser. Die Dienstmädchen mussten zum Brunnen gehen und das Wasser herholen.“
Anstatt im Kühlschrank wurden damals, wie die Kuratorin erzählt, bestimmte Lebensmittel im Keller gelagert. Einige Zutaten mussten jedoch frisch sein, diese musste man vom Markt holen. Hinzu kommt noch das für die heutige Zeit etwas ungewöhnliche Geschirr, wie im Museum gezeigt wird.
„Hier ist zu sehen, dass damals in großen, schweren Töpfen oder Kesseln gekocht wurde. Diese waren entweder aufgehängt oder wurden mit einem gabelartigen Werkzeug in den Ofen geschoben. Das Geschirr brauchte eine sorgfältige Pflege. Die Gefäße waren aus Zinn oder Kupfer, das Kupfergeschirr war mit Zinn beschichtet. Die Hausfrau musste sich um viele Dinge kümmern, an die wir heute gar nicht denken."
Die Ausstattung der Küchen habe sich damals jedoch sehr geändert, merkt die Kuratorin an. In höheren Gesellschaftsschichten geschah dies ziemlich schnell. Als Rettigová 1818 in Ústí nad Orlicí / Wildenschwert ihre Kurse für Mädchen organisierte, kochte sie der Expertin zufolge schon auf gusseisernen Platten. Zur „Herdrevolution“ sei es in den Böhmischen Ländern aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts gekommen, fügt Klimešová hinzu.
In der Schau wird neben dem Kochen auch die Kunst des Tischdeckens gezeigt. Hana Klimešová:
„Während das Geschirr eher an das Mittelalter erinnerte, wurde das Essen im Speisesaal oder im Salon auf herrlichem Porzellan aus Wien oder Meißen serviert. Eine bürgerliche Familie in Litomyšl musste natürlich auch einige Porzellanstücke einer berühmten Marke besitzen. Die Tassen waren schön verziert, fein geschliffen und mit Gold bemalt. Die Tischdecke sollte im Idealfall gestickt sein. Und die Stickereien waren das Werk der Hausfrau oder ihrer Töchter. Letztlich durfte auch ein Blumenstrauß nicht fehlen.“
In den Sammlungen des Museums befinden sich viele persönliche Gegenstände von Magdalena Dobromila Rettigová. In der Schau werden beispielsweise verschiedene Glückwünsche und auch Handschriften gezeigt. Diese lassen sich durchaus gut entziffern. Die Kuratorin:
„Sie hatte eine schöne Handschrift. Ich denke, dass die Redakteure im Verlag mit ihren Texten keine große Arbeit hatten. Rettigová war unglaublich aktiv. Sie hatte sechs Kinder, drei davon haben überlebt. Auch wenn sie krank war, kümmerte sie sich um den Haushalt, bot zudem ihre Kochkurse an und schrieb sehr viel. Von ihren Kindern ist Tochter Jindřiška (1813–1854, Anm. d. Red.) als Koloratursopranistin berühmt geworden. Sie trat 1834 in der Premiere des Stücks ,Fidlovačka‘ von Josef Kajetán Tyl im Prager Ständetheater auf. Von 1842 bis zu ihrem Tod sang Jindřiška Rettigová, die auch unter dem Namen Henriette Rettich bekannt geworden ist, am Hof- und Nationaltheater München. Sie war eine renommierte deutsche Opernsängerin.“
Die Ausstellung „Über die Kochkunst“ ist im Regionalmuseum in Litomyšl bis 6. September dieses Jahres zu sehen.
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