Vom Papier ins Kino: Tschechische Filmstiftung prämiert vier starke Drehbücher

Bekanntgabe der besten Drehbücher des Jahres 2026: (von links) Ivan Hubač, Jan Němec, Anna Mrázková und Marcel Peterka

Ein guter Film ist ohne ein gutes Drehbuch kaum möglich. Auch deswegen schreibt die Filmstiftung (Filmová nadace) alljährlich einen Drehbuch-Wettbewerb aus. Darin werden Texte gekürt, die laut der Jury das Potenzial haben, nicht nur Filmprofis, sondern auch ein breites Publikum anzusprechen.

Drei eindrucksvolle Geschichten über Persönlichkeiten aus der tschechischen Historie des 20. Jahrhunderts und das hochaktuelle Thema von Leihmüttern und dem Ukraine-Krieg haben in diesem Jahr in dem Drehbuch-Wettbewerb der Filmstiftung gepunktet. Die Gewinner wurden am Rande des Internationalen Filmfestival Karlovy Vary Anfang Juli bekanntgegeben. Vier Mitglieder des Komitees bewerteten insgesamt 125 anonym eingereichte Manuskripte von 135 Autoren. In jeder der zwei Sektionen – Hauptkategorie und Kategorie „Stern von morgen“, die Autoren bis 33 Jahren vorbehalten ist – wurden jeweils zwei Autoren prämiert. Unter ihnen wurde eine Gesamtfördersumme von 680.000 Kronen (28.000 Euro) aufgeteilt.

Aktueller Stoff: Krieg und Leihmutterschaft

„Zoe“ heißt das einzige der preisgekrönten Drehbücher, das einen aktuellen Stoff bearbeitet. Er habe seine Kurzgeschichte adaptiert, die ursprünglich auf dem Eindruck einer Reportage des Tschechischen Fernsehens basiert hatte, sagt der Autor Jan Němec:

„Mit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine haben wir viele Dinge über das Land erfahren, die wir vorher nicht wussten. Für mich war es unter anderem die Erkenntnis, dass die Ukraine eigentlich eine Großmacht im Bereich der Leihmutterschaft ist. Westliche Paare nehmen diese Dienstleistung in großem Stil in Anspruch. Damals, zu Beginn des Krieges, erschien in verschiedenen Medien eine Reportage über Kinder, die dort festsaßen, weil sie gerade zur Welt kamen, und niemand wusste, wie es mit Kiew weitergehen würde. Das war ein unglaublich emotionaler und starker Moment. Daraus entstand damals die Kurzgeschichte ‚Zoe‘, die ich nun zu einem Drehbuch für einen Film umschrieb.“

Jan Němec | Foto: FILMOVÁ NADACE

Es ist die Geschichte eines Paares, dessen Leben mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges kollidiert. Das Kind einerin Berlin lebenden tschechischen Politikwissenschaftlerin und ihres deutschen Partners wird mittels Leihmutterschaft exakt zu Kriegsbeginn in Kiew geboren. Ihre geplanten Flitterwochen in der Ukraine, die gleichzeitig die Abholreise für ihr Baby sein sollten, werden von der Realität überrollt. Jan Němec:

„Ihre Abholreise wird dadurch kompliziert, dass ihre eigene Beziehung dunkle Seiten hat. Unter dem Druck der Situation und den extremen Umständen in Kiew nach dem Kriegsausbruch beginnen diese Abgründe nach und nach ans Licht zu kommen.“

Die Leihmutterschaft sei ein ethisch kompliziertes, explosives Terrain, betont der Autor.

„Einerseits ist es großartig, dass Menschen, die kein Baby bekommen können, auf diesem Weg ein Kind haben können. Aber wenn man tiefer in die Praxis eintaucht, stellt man fest, dass sie wirklich ihre Schattenseiten hat. Die Verträge sind so gestaltet, dass die Gebärende das Kind abgeben muss. Die Auftraggeber sind jedoch nicht verpflichtet, das Kind auch tatsächlich anzunehmen. So kommt es vor, dass diese Kinder in der Ukraine einfach zurückbleiben, völlig schutzlos sind und in Heimen landen – manchmal nur, weil sich das Paar im Laufe dieser neun Monate trennt.“

Emil Hácha: Die Tragik einer widersprüchlichen Figur

Emil Hácha ging als eine der tragischsten Figuren aus der tschechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts hervor. Er amtierte von November 1938 bis März 1939 als Präsident der Zweiten Tschechoslowakischen Republik. Während der nationalsozialistischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg war er Staatspräsident des sogenannten „Protektorats Böhmen und Mähren“. Der renommierte tschechische Drehbuchautor Ivan Hubač wurde angesprochen, sein Schicksal in einem Drehbuch zu bearbeiten:

Ivan Hubač | Foto: FILMOVÁ NADACE

„Ich habe zuerst so ein bisschen gezögert, dann habe ich viele Bücher über Emil Hácha gelesen und mich doch an die Arbeit gemacht. Ich muss sagen, dass sie mir sehr leicht von der Hand ging und ich überrascht war, wie schnell ich das Drehbuch dann schreiben konnte.“

Der Plot des Films läuft zwischen dem Jahr 1936, als Hácha als Präsident des Obersten Verwaltungsgerichts auf dem Höhepunkt seiner juristischen Karriere war, und 1945, als er verhaftet und ins Prager Gefängnis Pakrác gebracht wurde. Emil Hácha verstarb dort am 27. Juni 1945 im Alter von 73 Jahren. Ivan Hubač:

„Bis 1989 war dieses Thema de facto tabu, weil die Kommunisten Hácha als Volksverräter betrachteten. Erst danach  begannen Historiker aufzudecken, wer Hácha eigentlich war. Und es stellte sich heraus, dass er weder ein Held noch ein Feigling oder ein Volksverräter gewesen ist. Seine Figur ist einfach sehr widersprüchlich. Und genau das hat mich daran interessiert.“

Milena Jesenská: Eine hochemotionale Mutter-Tochter-Geschichte

Das Drehbuch von Anna Mrázová hat den einfachen Namen „Milena Jesenská“. Im Mittelpunkt steht die tschechische Journalistin, Schriftstellerin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, die auch als die große Liebe und Briefpartnerin von Franz Kafka zu Bekanntheit gelangte. 1939 wurde Jesenská wegen ihrer Widerstandstätigkeit verhaftet und anschließend ins KZ Ravensbrück deportiert, wo sie im Mai 1944 starb. Über Milena Jesenská könnte man auf verschiedene Weisen erzählen, sagt die Drehbuchautorin:

„Ich habe mich darauf konzentriert, das Leben von Milena mit dem Leben ihrer Tochter Jana, genannt Honza, zu verknüpfen. Der erste Teil spielt daher Ende der 1920er Jahre, der zweite Teil Ende der 1930er Jahre. Milena saß damals im Gestapo-Hauptquartier im Petschek-Palais und war sich nicht ganz sicher, was mit ihrer Tochter geschieht. Es ist also eine wirklich sehr emotionale Geschichte.“

Anna Mrázková | Foto: FILMOVÁ NADACE

Die Idee entstand während des Studiums an der Janáček-Akademie der darstellenden Künste in Brno / Brünn, als Anna Mrázová und ihre Kommilitonen die Aufgabe erhielten, ein historisches Thema zu wählen. Und warum gerade die Beziehung von Milena Jesenská zu ihrer 1928 geborenen Tochter?

„Ich muss sagen, dass mir die Perspektive eines elfjährigen Mädchens im Drehbuch wirklich sehr naheging. Und als ich darüber nachdachte, was die Tochter eigentlich gemacht hat, während ihre Mutter im Petschek-Palais saß, war das für mich unheimlich bewegend. Ich habe mir vorgestellt, wie ihre Mitschüler reagiert haben, und habe an ganz alltägliche Situationen gedacht, denen sie hätte begegnen können. Das war für mich so stark und inspirierend, dass ich deshalb auch ihre Sichtweise eingebracht habe.“

Der Fall Wichterle: Ein Patentstreit im Kalten Krieg

Im vierten prämierten Drehbuch, „Der Fall Wichterle“ (Případ Wichterle), konzentriert sich Marcel Peterka auf den Rechtsstreit, mit dem Wichterles Patent für Kontaktlinsen angefochten wurde. Otto Wichterle war ein weltberühmter tschechischer Chemiker, dessen bedeutendste Leistung die Erfindung der weichen Hydrogel-Kontaktlinsen war.

Er habe ein Drehbuch über eine historische Persönlichkeit schreiben wollen, die aber aus einer relativ jüngeren Vergangenheit stamme, sagt Peterka:

Marcel Peterka | Foto: FILMOVÁ NADACE

„Ich habe lange darüber nachgedacht, welche Persönlichkeit uns als tschechische Nation vereinen und in gewisser Weise inspirieren könnte, auf wen wir stolz sein könnten, der aber gleichzeitig eine wirklich starke dramatische Geschichte hat. Und die Wahl fiel auf Otto Wichterle, nachdem mir seine Memoiren in die Hände gefallen waren und ich einen Teil dieses Rechtsstreits um die Autorenschaft an dem Patent entdeckt hatte. Damit war die Wahl klar, es war ein starkes, dramatisches Thema.“

Der Autor beschreibt drei Komponenten seines Drehbuchs:

„Im Fokus steht der Patentprozess, der sich eigentlich zwischen der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften und einer amerikanischen Firma abspielt, die Kontaktlinsen herstellte und in der Folge Wichterles Urheberschaft anfocht. Und das Ganze spielt sich zudem vor dem Hintergrund des Kalten Krieges ab. Im Drehbuch zeigt sich ein eher ungewöhnlicher Blick auf die Art und Weise, wie der Ostblock und der Westen paradoxerweise miteinander Handel trieben. Und gleichzeitig gibt es da noch eine emotionale Linie, und zwar im Fall von Herrn Wichterle und seinem ehemaligen Studenten und späteren Mitarbeiter Drahoslav Lím. Ihre wechselhafte Beziehung war ziemlich kompliziert.“

Vom Skript zur Leinwand: 25 realisierte Filmprojekte

Helena Uldrichová  (mit dem Mikrofon) | Foto: FILMOVÁ NADACE

Die Filmstiftung hat in den 21 Jahren seit ihrer Gründung bereits 137 Drehbuchautoren unterstützt. Dabei wurde ein Gesamtbetrag von rund 15,2 Millionen Kronen (knapp 630.000 Euro) ausgezahlt. Helena Uldrichová ist Mitglied des Verwaltungsrates:

„Die Filmstiftung wurde zum Zweck der Förderung von Drehbüchern für bis dahin nicht realisierte Spielfilme gegründet. Wir freuen uns sehr, dass in den mehr als 20 Jahren des Bestehens der Filmstiftung bereits 25 Projekte realisiert wurden.“

Letztes Jahr konnten die Zuschauer etwa das Roadmovie „Karavan“ sehen, das die Tschechische Republik nach 31 Jahren beim Festival in Cannes repräsentierte. Gedreht wurde der Film auf Grundlage eines Drehbuchs von Zuzana Kirchnerová, Tomáš Bojar und Kristina Májová, das 2019 von der Stiftung prämiert wurde.

Die Stiftung fördert die Drehbuchautoren finanziell. Außerdem wird einigen Projekten die Zusammenarbeit mit Midpoint vermittelt, einer internationalen Bildungs- und Networking-Institution, die Filmschaffenden bei der Entwicklung ihrer Projekte und Drehbücher hilft.

„Das ist für sie eine Gelegenheit, weitere Koproduzenten, Partner und Investoren zu finden. Und natürlich haben sie auch die Möglichkeit, die drei Partner der Stiftung anzusprechen – sei es das Tschechische Fernsehen, Innogy oder das Barrandov Studio.“

Zwei der diesmal prämierten Drehbücher – konkret „Zoe“ und „Emil Hácha“ – haben bereits Produzenten sowie Regisseure gefunden, weshalb eine Verfilmung als sehr wahrscheinlich gilt.

Von links: Ivo Mathé,  Ivan Hubač,  Helena Uldrichová,  Jan Němec,  Anna Mrázková,  Zuzana Tylčerová,  Petr Tichý und Marcel Peterka | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International
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