Kostenlos und grenzüberschreitend: Das Festival „Přechody – Übergänge“ beginnt

Eine Doppelstadt und ein Kulturprogramm, das die Grenze überwindet. Dies ist seit mehr als 20 Jahren das Konzept, nach dem das internationale Kulturfestival „Přechody – Übergänge“ stattfindet. Orte des Geschehens sind die niederösterreichische Stadt Gmünd und das südböhmische České Velenice. Was an diesem Wochenende in den beiden Gemeinden direkt an der Staatsgrenze so los ist, berichtet Organisator Thomas Samhaber im Interview mit Radio Prag International.

Herr Samhaber, wir sprechen auch dieses Jahr wieder über „Přechody – Übergänge“, das internationale Kulturfestival in Gmünd und České Velenice. Diesmal findet es von Freitag bis Sonntag, also vom 24. bis zum 26. Juli statt. Was sind in diesem Jahr die Programm-Highlights?

Thomas Samhaber | Foto: Thomas Samhaber / FB

„Das ist immer eine ganz schwierige Frage, weil wir so viele verschiedene Dinge haben. Bei 500 Stunden Kulturprogramm ist es schwer, beispielhaft etwas herauszugreifen. Das Besondere ist, dass es eben sehr vielfältig ist. Wir präsentieren viele Musikgruppen aus ganz Europa und auch aus Moldawien. Viele haben den Schwerpunkt in Richtung Jazz. Dann gibt es natürlich Kindertheater, und wir haben viele Workshops eingebettet. Man muss auch nicht nur am Abend zu Musikgruppen gehen, sondern kann den ganzen Tag über in der Doppelstadt Gmünd und České Velenice das eine oder andere mitnehmen. Das reicht von einem Akrobatik-Workshop über einen Vinylplatten-DJ-Workshop bis hin zu einer Ausstellung über Kafka, auch Rilke-Orte kommen vor. Das heißt, man kann sich in dieser Doppelstadt bewegen und auf den Spuren der Geschichte wandern. Und dazu hat man eben musikalische Highlights, aber auch ganz kleine Konzerte – zum Beispiel in sechs verschiedenen Kirchen, die sich unmittelbar vor Ort befinden.“

Peter Appiano | Foto: K. Schulz,  Kulturverein Übergänge Přechody

Musik ist ja bekanntlich besonders gut dafür geeignet, die Menschen zu verbinden. Kann man auch sagen, dass zu den Konzerten dann die meisten Menschen kommen?

„Es ist wirklich so, dass wir schon tagsüber die Möglichkeit schaffen für Begegnung. Da sind dann hier einmal 100 Menschen und dort 100 Leute. Gegen Abend wird das immer dichter. Und am Ende des Abends treffen wir uns alle mit dem ganzen Publikum im Schlosspark in Gmünd. Da sind dann wirklich manchmal 2000 bis 3000 Leute im Schlosspark, in dem wir verschiedenste Musikrichtungen gemeinsam erleben und hören.“

Konzert zum Thema Frieden

Sie haben die Konzerte in den Kirchen erwähnt. Ist das eine Besonderheit in diesem Jahrgang, oder findet das häufiger statt?

„Wir haben das einmal als Experiment versucht, und das ist schön aufgegangen. Wir haben hier auf wirklich engstem Raum sechs verschiedene Kirchen, die alle eine andere Geschichte erzählen. Das sind eine gotische Kirche oder die Sankt-Agnes-von-Böhmen-Kirche aus den 1930er Jahren in České Velenice. Dann gibt es die evangelische Friedenskirche, eine kleine Dorfkirche oder die in den 1950er Jahren als Mahnmal gegen den Kommunismus in Gmünd entstandene Herz-Jesu-Kirche. Sie alle bieten sich an, dass man sie bespielt und etwas über die Geschichte erzählt – eben von der heiligen Agnes von Böhmen bis hin zur Friedenskirche, wo das Thema Frieden präsentiert wird. Dort spielt ein Ehepaar, das in der Ukraine gelebt hat. Er kommt aus Russland, sie aus der Ukraine – ein Ehepaar, die Liebe verbindet. Sie werden zum Thema Frieden gemeinsam musizieren.“

Auf der Website des Festivals lädt das Foto einer Lichtinstallation ein. Zu sehen sind überdimensional große Quallen. Was hat es damit auf sich? Wo sind die zu sehen?

„Unser Festival zeichnet sich auch dadurch aus, dass wir immer wieder nonverbales Theater bringen, das von allen verstanden wird. Ich muss sagen, in Tschechien ist die Qualität dieses Theaterbereichs weltweit einzigartig. Wir lieben es, immer wieder Theatergruppen aus Tschechien zu uns einzuladen – da bleibt der Mund offen. Diesmal ist es die Gruppe V.O.S.A. aus Prag, die mit überdimensionalen Meerestieren und Walfischgesängen den Schlosspark bespielt und die Menschen in Staunen versetzt. Es werden 14 Schauspieler agieren. Die Schauspieler sind unsichtbar, nur die Fische und Meereswesen sind beleuchtet und werden den ganzen Schlosspark verzaubern. Dies ist auch eine Vorausschau auf das Jahr der Kulturhauptstadt Budweis 2028, wenn in Gmünd die Landesausstellung stattfindet zum Thema Wasser. Da soll man also schon auf den nächsten Kulturgenuss Gusto bekommen.“

V.O.S.A. nächtliche Performance | Foto: VOSA,  Kulturverein Übergänge Přechody

Wird es da direkte Zusammenarbeiten geben, wenn Budweis Kulturhauptstadt ist?

„Ja, wir sind dabei. Wir möchten unser Festival 2028 noch einmal machen, eben wenn Budweis Kulturhauptstadt ist, und das in enger Kooperation abwickeln, damit man da eine schöne Ergänzung und Verbindung hat.“

Begegnung der Menschen stehen im Vordergrund

Das diesjährige Festivalprogramm bietet rund 50 Veranstaltungen an drei Tagen. Sie alle sind kostenlos. Wie schaffen Sie das?

Neiyla | Foto: Fabian Zebenholzer,  Kulturverein Übergänge Přechody

„Ja, das ist gar nicht so einfach. Wir bekommen ein bisschen Unterstützung von den Gemeinden. Und das Kunststück ist dann immer, aus dieser Unterstützung durch Förderstellen mehr zu machen. Wir haben ein eigenes Interreg-Projekt eingereicht – ein Kleinprojekt unter dem Titel Connected Places, bei dem acht Student_innen aus Tschechien und Österreich mit uns zusammenarbeiten und gemeinsam die Workshops durchführen. Wir versuchen, nicht bei den Künstlern und nicht bei der Qualität zu sparen, sondern wenn dann nur bei uns selbst. Denn das ist eine Leidenschaft von uns. Und wir möchten möglichst vielen Menschen einen barrierefreien Zugang zu Kunst ermöglichen. Denn Kunst für ein kulturinteressiertes Publikum zu machen, ist einfach. Wir möchten aber die Kunst nutzen, um Menschen zusammenzubringen – ohne Zugangsbeschränkungen und ohne das kommerzielle Interesse immer im Vordergrund zu haben. Es gibt zu essen, zu trinken und Musik, es gibt alles. Aber das kommerzielle Interesse sollte für drei Tage einmal im Hintergrund sein und die Begegnung der Menschen im Vordergrund.“

Otto Lechner | Foto: Jiří Tiller,  Kulturverein Übergänge Přechody

Da Sie von Barrierefreiheit sprechen: Nun sind ja das niederösterreichische Gmünd und das südböhmische České Velenice durch eine Staatsgrenze verbunden. Sie stellt aber eben keine Barriere mehr dar, nehme ich an?

„Genau so ist das. Diese Grenze hat ja so viel Geschichte mit Trennungen gehabt. Und wie Sie sagen, eine Grenze kann auch verbinden – jetzt ist sie mehr eine Verbindung. Heuer ist die etwas absurde Situation entstanden, dass der Autogrenzübergang durch eine Baustelle gesperrt ist. Meine Frau als Künstlerin hat gesagt: Die ganze Welt ist Baustelle. Das heißt, wir thematisieren das nun. Wir haben einen Bus-Shuttle, der die Menschen zum Fußgänger-Übergang bringt. Da kann man dann ganz leicht die Grenze überqueren. Und so soll es vielen Menschen einfach ermöglicht werden, im anderen Land Veranstaltungen zu besuchen. Schlussendlich soll allen so schwindlig sein, dass sie nicht mehr wissen, ob sie in Österreich oder in Tschechien sind. Und das ist ja manchmal auch unerheblich. Ich möchte noch eines betonen: Meine Frau Brigitte Temper-Samhaber ist Künstlerin, und sie wird auch wieder eine Installation im Schlosspark machen. Wir beide kommen aus dem Bereich der Regionalentwicklung. Wir sind also nicht in erster Linie Kulturveranstalter, sondern unser Anliegen ist, Menschen zusammenzubringen. Wir sind so verliebt in Südböhmen, dass es uns einfach ein riesiges Bedürfnis ist, diese wunderbare Region mehr nach Österreich hin zu öffnen. Wir wollen den Österreicherinnen und Österreichern mehr Möglichkeiten und Anlass geben, dieses schöne Nachbarland zu besuchen. Und wir lieben die hohe Qualität und Originalität tschechischer Kunst, der Künstler und der Musik. Es ist für uns immer ein großes Vergnügen, wieder eine Gruppe zu finden, die wir hierher einladen dürfen.“