„Sie sprechen mit einem lebenden Dinosaurier“ – der dänische Bohemist Peter Bugge

Peter Bugge

Kaum jemand hat in den vergangenen Jahrzehnten mehr für die tschechische Literatur in Dänemark getan als der Bohemist Peter Bugge. Unter anderem half er dabei, an der Universität in Aarhus ein unabhängiges Studienprogramm zur tschechischen Kultur und Geschichte einzurichten. Außerdem übersetzte er etwa Werke von Václav Havel und Karel Čapek ins Dänische. Bugge hat Radio Prag International ein Interview auf Tschechisch gegeben, wir präsentieren die interessantesten Passagen daraus.

Während Peter Bugge regelmäßig tschechische Werke ins Dänische übersetzt, ist in diesem Jahr sein neuestes eigenes Buch auf Tschechisch herausgekommen. Es heißt „České světy“, übersetzt: Tschechische Welten. Und es handelt von der hiesigen Geschichte und Kultur.

Foto: Verlag Academia

Der Bohemist von der Universität in Aarhus beschäftigt sich in dem Buch auch mit der Frage der Identität. Gehört also das heutige Tschechien eher zu Westeuropa, Mitteleuropa oder Osteuropa? Wenn man hierzulande in die Medien schaut, scheint die Eigenzuordnung unklar. Unter anderem ist in den sozialen Netzwerken wie auch in den Zeitungen immer wieder starke Kritik am Westen zu lesen. Wie sieht Bugge dies?

„Das ist nichts Neues. Die Bewunderung für den Westen und der Wunsch, als Teil des Westens wahrgenommen zu werden, waren nie problemlos oder unbedingt. Es gab immer ein Zögern oder Zweifel. Deswegen wurde vom goldenen Mittelweg gesprochen. Vladimír Macura schrieb zum Beispiel, dass man zu Mitteleuropa gehöre und dies nicht dasselbe sei wie der Westen. Milan Kundera wiederum behauptete, Mitteleuropa gehöre zum Westen. Zugleich verkündete er, es handle sich um eine bessere Version des Westens, weil es nicht so degeneriert sei. Das Wort ‚degeneriert‘ nutzte Kundera zwar nicht direkt, aber er kritisierte bereits in den 1980er Jahren die damalige postmoderne Haltung. In dieser tschechischen Verortung zum Westen steckt auch ein sehr starker Konservativismus. Dieser reagiert auf eine starke avantgardistische Ausrichtung oder auf die ganzen neuesten Trends und Tendenzen im Westen wie etwa der Wokeness. Die Kritik hat eine lange Tradition und gehört zur tschechischen Identität und ihren kulturellen Debatten“, so der Fachmann.

Petr Bugge | Foto: ÚČL AV ČR

Verschiebung nach Westen

Peter Bugge hat sich aber auch mit der Zuordnung Tschechiens aus der Sicht seiner Landsleute beschäftigt. Vor fünf Jahren habe er dazu eine nicht-repräsentative Erhebung vorgenommen, berichtet der Professor. Und zwar habe er eine Datensammlung aller in Zeitungen veröffentlichten Beiträge verwendet. In dieser sind seinen Worten nach zum Beispiel über 2000 Texte zum Schriftsteller Milan Kundera zu finden.

Für die Verortung Tschechiens in der politischen Geographie suchte Bugge in der Datensammlung nach zwei Begriffspaaren: einmal Tschechien und Mitteleuropa, zum anderen Tschechien und Osteuropa. Das Ergebnis:

„In 60 Prozent der Beiträge wurde Tschechien in der Verbindung mit Mitteleuropa genannt und in 40 Prozent mit Osteuropa. Ich bin mir aber absolut sicher, dass die Dänen noch in den 1980er und Anfang der 1990er Jahre die Tschechoslowakei und später dann Tschechien eher in Osteuropa verortet haben. Das bedeutet, mental und auch in der Wahrnehmung der Dänen haben sich die Tschechen in Richtung Westen verschoben."

Und wie sieht der Bohemist diese Verortung selbst? Peter Bugge sagt, eine endgültige und eindeutige Antwort habe er nicht. Und weiter:

„Ich glaube in diesem Bereich nicht an eine absolute Wahrheit. Zugleich muss ich sagen, dass die Tschechen allgemein zur europäischen Kultur gehören. Das habe ich schon zu Beginn meiner Karriere als Bohemist und Slawist so empfunden. Als junger Student war ich ein halbes Jahr in Moskau. Das war noch zu alten Zeiten, unter Andropow und bevor Gorbatschow an die Macht kam. Ich erlebte dort eine radikal andere Welt. Unter diesem Eindruck entschloss ich mich, noch eine weitere slawische Sprache zu studieren, eben Tschechisch. Zwei Jahre nach meinem Aufenthalt in Moskau habe ich zwei Semester hier in Prag verbracht. Obwohl dies in kommunistischer Zeit war, unterschied sich der Aufenthalt komplett von Moskau. Natürlich waren die Plakate und die Parolen die gleichen. Aber die Mentalität, die Verhaltensmuster und alles andere waren eine Variation auf das gemeinsame europäische Thema. Schon vor der Samtenen Revolution habe ich sehr stark empfunden, dass Böhmen ein Teil Europas ist.“

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Kein Verfall der tschechischen Kultur

In Tschechien wird häufig darüber geklagt, dass die hiesige Kultur längst nicht mehr das Niveau habe wie etwa noch in den 1960er Jahren. Sieht Peter Bugge ebenfalls einen gewissen Niedergang? Der Bohemist verweist in seiner Antwort zunächst darauf, wie schwer solch ein Vergleich sei…

Peter Bugge | Foto: ÚČL AV ČR

„Heute ist die Lage anders. Als ich jung war, hatten wir kaum Auswahl. Entweder man hat die Beatles geliebt oder die Stones. Heute gibt es so viele Bands und Namen, und jede Woche kommt etwas Weiteres hinzu. Die Kultur ist heute sehr weitläufig. Mein Eindruck ist, dass die allgemeine Vorstellung von dem, was zum Kulturkanon gehört und was wir alle lesen sollten, in den 1980er und 1990er Jahren viel konsolidierter war“, so Bugge.

Außerdem glaubt er, dass bestimmte Klassiker der tschechischen Literatur in Dänemark wie allgemein in Westeuropa auch als politische Äußerungen gelesen worden seien. Und diese seien mit dem Verlust des politischen Kontextes mittlerweile veraltet.

„Auf der anderen Seite finde ich, dass die von Frauen geschriebene tschechische Literatur sehr vital ist. Es gibt mehr gute Autorinnen. Auch damals gab es natürlich Literatinnen, aber ihre Werke haben es nicht aus dem Land hinausgeschafft. Das gelang nur Kundera, Klima, Kohout oder Hrabal. Alles Männer, alles große Männer. Auch unter diesem Aspekt gibt es heute viel mehr Auswahl, und das halte ich für einen deutlichen Gewinn“, meint der Bohemist.

Aussterben der Slawistik

Bugge fungiert an der Universität in Aarhus offiziell nicht mehr als Lektor des Tschechischen, sondern als Lektor europäischer Studien und Geschichte. Dies sagte er im vergangenen Jahr in einem Video auf Facebook zur Präsentation seines Buches an der tschechischen Botschaft in Kopenhagen. Wie steht es also um die Slawistik und Bohemistik in Dänemark?

Universität in Aarhus | Foto: Furya,  CC BY 2.0

„Die Antwort ist einfach: Die Slawistik gibt es nicht mehr. An zwei Universitäten wird noch Russisch gelehrt. In Kopenhagen gibt es dazu noch Polnisch und das, wozu man Serbokroatisch sagt. Aber die Sprachen werden nicht mehr im Rahmen der normalen Philologie studiert, sondern es handelt sich eher um Area Studies. Man hat also noch den Sprachunterricht und auch die Literatur in gewissem Maße, aber nicht mehr die Sprachwissenschaft. Es geht eher darum, über die Sprache die russische oder polnische Gesellschaft zu verstehen beziehungsweise das Geschehen auf dem Balkan – in Kroatien und Serbien. Ob der Sprachunterricht das gleiche Niveau hat wie vor zehn oder zwanzig Jahren, kann ich nicht sagen. Die Ambition besteht weiter, aber der Rahmen hat sich gewandelt.“

Nur Bugge selbst hält im Übrigen noch die Fahne der tschechischen Sprachwissenschaft in Dänemark hoch…

„Sie sprechen hier mit einem lebenden Dinosaurier. Es gibt keine neue Generation an Bohemisten, und es wird sie auch nicht geben. Auf eine Art ist das verständlich. 25 Jahre lang war ich Tschechischdozent an meiner Universität. In den vergangenen zehn Jahren kamen immer nur ein oder zwei Studenten zu mir. Und nicht alle haben ihr Studium auch beendet. 2013 brachten beide Studierende ihr Masterstudium zu Ende, was für sie eine Riesenleistung war. Aber für die Universität sind solch geringe Zahlen finanziell nicht tragbar. Und auch ich muss ehrlich eingestehen, dass es für mich keinen Sinn ergibt, durchgehend nur mit einem Studenten oder einer Studentin zu arbeiten.“

Peter Bugge | Foto: ÚČL AV ČR

Am Geld liege es jedoch nicht, betont der Bohemist. Sondern es bestehe einfach kein Interesse der jungen Menschen am Tschechischen. Bugge ordnet dies in einen breiteren Trend ein: So würde jedes Jahr im Schnitt eine Sprache aus den Studienfächern seines Landes verschwinden. Vor diesem Hintergrund sieht er die Aussichten für sein Fach in Dänemark eher trübe:

„Selbst wenn Tschechien kostenlos einen Sprachlektor zu uns schicken würde, hätte er niemanden zum Unterrichten. Und das tut mir sehr weh. Ich fürchte daher ein bisschen, dass nach mir niemand die Übersetzungsarbeit aus dem Tschechischen übernehmen wird, also von literarischen Werken. Ich habe vielleicht noch ein paar Jahre als Übersetzer vor mir. Aber alles hat ein Ende. Ich wäre froh, wenn sich jemand Jüngeres zeigen würde. Vielleicht ohne die Ausbildung als Bohemist, aber mit dem Gespür für die Literatur und für beide Sprachen. Wir werden sehen, wie das ausgeht. Bisher sieht es aber wenig versprechend aus, leider.“

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