Slawist Tikhonov zu Rixdorfer Böhmen: „Migration läuft heute genauso ab wie vor 300 Jahren“
Das Viertel Rixdorf ist heute eine beschauliche Siedlung im Berliner Bezirk Neukölln. Im 18. Jahrhundert siedelten sich hier zahlreiche Glaubensflüchtlinge aus Böhmen an. Mit ihrer Geschichte beschäftigt sich Aleksej Tikhonov. Er forscht am Slawischen Seminar der Universität Zürich zu sprachwissenschaftlichen Themen. Anfang Oktober hielt er einen Vortrag in Wien, bei dem er seine Erkenntnisse zu den tschechischen Schulen in Berlin vorstellte. Den Anlass bot eine Konferenz der Matthias-Kramer-Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte des Fremdsprachenerwerbs und der Mehrsprachigkeit, die im Rahmen der Feierlichkeiten zum 250. Jubiläum der Wiener Bohemistik stattfand.
Herr Tikhonov, Sie haben sich bereits in Ihrer Doktorarbeit mit der tschechischen Emigration nach Berlin beschäftigt. In Wien halten Sie einen Vortrag, in dem es um das böhmische Bildungswesen in Berlin geht, vom 18. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert. Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit der böhmischen Community in Berlin zu beschäftigen?
„Mein Doktorvater Roland Meyer und ich haben Mitte der 2010er Jahre in der Brüdergemeine in Rixdorf viele Handschriften auf Tschechisch aus dem 18. Jahrhundert entdeckt. Wir haben uns die Frage gestellt, woher sie stammen, wer sie verfasst hat und was drinsteht. Es waren über 3000 Seiten Dokumente. Und dem habe ich meine Doktorarbeit gewidmet. Ein Teil der Arbeit war festzustellen, wer damals dort Tschechisch gesprochen hat, wie und warum diese Menschen überhaupt nach Berlin kamen und wie sie auf Tschechisch und später auch auf Deutsch ausgebildet wurden.“
Warum kamen die Menschen denn nach Berlin?
„Es gab vor allem zwei Gründe. Der wichtigste war die Verfolgung von Protestant*innen in den Böhmischen Ländern und die Flucht davor. Die Menschen hatten gehört, dass in Preußen Leute aufgenommen werden sollen. Bevor dieser Beschluss überhaupt offiziell feststand, machten sie sich aus Böhmen, Mähren und teilweise auch aus Schlesien auf den Weg und kamen Anfang der 1730er Jahre in Berlin beziehungsweise in der Gegend an. Der offizielle Beschluss folgte dann erst fünf Jahre danach. Später kamen auch Arbeitsmigrant*innen. Sie gaben an, verfolgt zu werden. Dabei waren sie in Wirklichkeit Katholik*innen. Insgesamt kamen im 18. Jahrhundert mehrere Tausend tschechischsprachige Menschen nach Berlin, Potsdam und Rixdorf.“
Wie groß war der Anteil der Tschechen an der Gesamtbevölkerung Berlins?
„Darüber kann man wirklich nur staunen. Aber es waren im Laufe des 18. Jahrhunderts tatsächlich zwischen anderthalb und fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Berlin hatte damals zwischen 60.000 und 80.000 Einwohner. Die Tschech*innen machten also eine große Zahl aus.“
Ihr Vortrag betrachtet die Lage bis ins 20. Jahrhundert hinein. Wie hat sich die Zuwanderung im Laufe der Zeit verändert?
„Es sind nicht unbedingt weniger Menschen geworden. Die Familien, die im 18. Jahrhundert nach Preußen gekommen sind, blieben dort über Generationen hinweg. Auch heute leben noch Nachkommen dieser Familien in Rixdorf. Sie haben mitunter ganz normale tschechische Nachnamen wie etwa ‚Kristek‘. Manche haben sich angepasst und irgendwann im 18. oder 19. Jahrhundert ihren Namen übersetzt, damit sie nicht als Tschechen auffallen. So wurde aus ‚Procházka‘ etwa ‚Spazier‘. Im Laufe der Zeit hat sich vieles verändert. Ab der zweiten, dritten Generation lässt sich eine Assimilation beobachten, und ab der dritten, vierten Generation kann man eigentlich schon von einer kompletten Assimilation sprechen. Einige Mitglieder der Flüchtlingsgemeinden sind dann etwa zum Wehrdienst gegangen, obwohl ihre Vorfahren ursprünglich pazifistisch eingestellt waren. Das ist ungefähr ab der dritten Generation zu beobachten.“
Sie beschäftigen sich heute mit den tschechischen Schulen. Wann und warum sind diese entstanden?
„In sehr freier Form gab es die Schulen schon von Anfang an. 1733 trat der erste Lehrer seinen Dienst an, er war selbst einer der Geflüchteten. Die Kinder und Jugendlichen wurden sofort nach ihrer Ankunft in oder bei Berlin unterrichtet. Nur ein oder zwei Jahre später kam auch ein deutscher Schulmeister dazu. Die Jungen und Mädchen wurden bereits von da an in beiden Sprachen unterrichtet. Ihnen wurde Lesen und Schreiben sowie diverse Handwerke beigebracht. Das hat sich bis fast ans Ende des 18. Jahrhunderts erhalten.“
Die Jungen und Mädchen wurden also zusammen unterrichtet?
„Am Anfang gab es noch getrennten Unterricht, bei den Jungen durch männliche Lehrer, bei den Mädchen durch Lehrerinnen. Die Pädagog*innen stammten alle aus den Gemeinden selbst oder aus der oberen Gemeinde aus Herrnhut. Von dort wurden vor allem die deutschen Lehrer entsandt, die kein Tschechisch konnten. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die Klassen aber nicht mehr nach dem Geschlecht getrennt, sondern nach Alter und Kompetenzen. Es kamen auch immer mehr deutsche Kinder dazu, weil die tschechischen Schulen damals im Vergleich zu den preußischen mehr von den Eltern geschätzt wurden. Denn sie waren nicht so stramm militaristisch.“
Das heißt, die preußischen Schulen waren auf Disziplin, Ordnung und strenge Regeln ausgelegt, und die tschechischen Schulen waren freier?
„Ich bin kein Historiker der preußischen Schulgeschichte. Aber aus meiner Forschung weiß ich, dass an den preußischen Schulen vor allem ehemalige Militärs als Lehrer*innen eingesetzt wurden. Sie haben dort auch relativ gut verdient. An den tschechischen Schulen in Berlin wurden Geistliche eingesetzt, ledige Frauen und Männer, die aus der Gemeinde selbst stammten und theologisch und im Idealfall auch pädagogisch gebildet waren.“
Wie finanzierten sich diese Schulen? So eine Einrichtung und Lehrer zu bezahlen, ist sicher nicht günstig. Und die Menschen kamen als Flüchtlinge nach Berlin und hatten womöglich am Anfang nicht viel Geld…
„Ja, die Flüchtlinge hatten so gut wie gar kein Geld. Sie wurden teilweise auch von ihren eigenen Landsleuten ausgenutzt, die schon länger in Berlin und Rixdorf waren und nicht als Flüchtlinge nach Preußen gekommen waren. Dies waren oftmals Unternehmer im Webereihandwerk, die die Neuankömmlinge ausnutzten und ihnen sehr wenig Geld auszahlten. Die Schulen wurden jedenfalls kaum staatlich finanziert, sondern lediglich durch Spenden und Beiträge der Eltern sowie der oberen Gemeinde in Herrnhut. Sie funktionierten wie Internate: Die Kinder und die Lehrer*innen lebten dort zusammen, sie übernachteten vor Ort und wurden verpflegt. Aber die Mittel, die so einer Schule insgesamt zur Verfügung standen, entsprachen dem Monatsgehalt eines einzigen preußischen Lehrers.“
Sie haben gerade schon erwähnt, dass der Unterricht auch von Glaubensschwestern geleitet wurde. Welche Rolle hatten denn Frauen allgemein in der Exilgemeinschaft in Rixdorf?
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„Sie hatten eine sehr zentrale Rolle. Die Prediger waren zwar immer Männer. Bei der Analyse der vielen Handschriften habe ich aber festgestellt, dass sehr viele Frauen als Editorinnen und Koautorinnen tätig waren. Das heißt, die Lebensläufe, die ich untersucht habe, wurden oftmals nicht selbst von den Geflüchteten geschrieben, sondern von den Gehilfinnen der Prediger – von ihren Frauen, Schwestern und Müttern.“
Wann und warum kam es zum Ende der tschechischen Schulen in Rixdorf?
„Die Ursache waren vor allem finanzielle Gründe. Der deutsche Unterricht wurde ausgebaut, weil die deutschen Kinder ein bisschen mehr bezahlen mussten als die tschechischen. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts nahm der Unterricht auf Deutsch immer mehr zu. Und in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde dann gar nicht mehr auf Tschechisch unterrichtet. Die Gottesdienste in den Kirchen wurden zwar noch auf Tschechisch gehalten, aber das ist eine andere Geschichte.“
In Ihrer Doktorarbeit geht es um die sprachliche Situation in Rixdorf. Inwiefern haben sich die Neuankömmlinge damals sprachlich integriert und das Deutsche übernommen. Wie lief das ab?
„Das fand ich ganz erstaunlich. Denn die Strukturen, wie sich Familien in die Gesellschaft integrieren und assimilieren, liefen genauso ab wie heute. Die erste Generation lebte zwar physisch in Preußen, kulturell und sprachlich hatte sie aber natürlich Sehnsucht nach ihrer Heimat. Die zweite Generation waren Brückenbauer, die zwischen den beiden Kulturen standen. Und ab der dritten Generation setzte die Assimilation ein. Das ist erstaunlich, denn es waren Christen, gewissermaßen aus einem Nachbarland. Aber nichts desto trotz passiert 300 Jahre später alles genauso in unserer Gesellschaft. Man sieht das auch an den Lebensläufen. Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurden bereits mehr Germanismen benutzt, es war von ‚anštalty‘ für Schulen die Rede und von der ‚šarité‘ für das berühmte Krankenhaus (Charité, Anm. d. Red.). Und wie gesagt änderten sich auch die Nachnamen, die einfach ins Deutsche übersetzt wurden. Ab den 1830er und 1840er Jahren verschwindet das Tschechische in der Schriftsprache, und auch mündlich ist es kaum noch verfügbar. Die letzten Tschechischsprecher*innen starben zwischen 1920 und 1940. Sie sprachen in ihrem Alltag meistens aber auch nur noch deutsch, denn sie hatten einfach niemanden, mit dem sie das Tschechische praktizieren konnten.“
Man kann also Analogien zu heutigen Migrationsbewegungen ziehen, und es läuft alles im Grunde genommen genauso ab?
„Von meiner Forschung ausgehend würde ich sagen, dass das auf jeden Fall so ist. Rixdorf hatte im 18. und 19. Jahrhundert auch den Ruf eines Problembezirks. Heute ist dieser historische Stadtkern ein Vorzeigeviertel von Neukölln. Man glaubt es nicht, aber es scheint, dass alles immer gleich passiert – egal, woher die Menschen kommen und welchen Glauben sie haben. Das fand ich erstaunlich, denn das hatte ich nicht erwartet.“
Sie arbeiten derzeit in Zürich an Ihrer Habilitation. Darin geht es um den Einfluss slawischer Sprachen auf den Deutschrap. Sie untersuchen dies vor allem anhand des Polnischen, des Russischen und des Serbokroatischen, beziehungsweise BKS. Warum beschäftigen sie sich nicht auch mit dem Tschechischen? Gibt es da keinen Einfluss?
„In Deutschland gibt es eine einzige entsprechende Künstlerin, die einen tschechischen beziehungsweise slowakischen Background hat. Das ist Katja Krasavice, wie ihr Künstlerinnenname heißt. Sie ist durchaus populär, hat Hunderttausende von monatlichen Hörer*innen auf Spotify. Ich habe mir die Texte ihrer Lieder alle angeschaut und habe kein einziges Wort Tschechisch gefunden. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass sie zwar in Teplice geboren wurde, aber fast komplett in Deutschland aufwuchs. In der Tschechischen Republik gibt es durchaus Rapper*innen, die Germanismen benutzen. Aber Germanismen im Tschechischen, das ist natürlich ein sehr breites Thema und ein altes Spiel, das tiefe historische Wurzeln hat.“
Die Dissertation von Aleksej Tikhonov ist 2022 unter dem Namen „Sprachen der Exilgemeinde in Rixdorf (Berlin)“ im Universitätsverlag Winter in Heidelberg erschienen.
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