250 Jahre: Bohemistik in Wien blickt auf bewegte Geschichte zurück – und mit Zuversicht nach vorn

Stefan Michael Newerkla

Die Bohemistik der Universität Wien feiert dieser Tage ihr 250. Jubiläum. Wie fing im Jahre 1775 alles an? Und wie groß ist heute das Interesse am Tschechisch-Studium?

Stefan Michael Newerkla ist mit der Wiener Bohemistik verbunden wie nur wenige. Nicht nur, dass er am Institut für Slawistik Tschechisch studiert hat. Im Alter von nur 32 Jahren wurde er hier auch zum Professor für Westslawische Sprachwissenschaft berufen. Und heute leitet er das Institut.

Josef Valentin Zlobický | Foto: Universität Wien

Einer von Newerklas indirekten Vorgängern war Josef Valentin Zlobický. Er stammte aus dem mährischen Velehrad und war eigentlich Rechtsanwalt und Übersetzer, legte aber auch ein Konzept für modernen Sprachunterricht vor. Im Jahr 1775, genauer am 7. Oktober – und damit kurioserweise an Newerklas Geburtstag –, wurde Zlobický zum weltweit ersten Tschechischprofessor ernannt. Die Wiener Bohemistik ist damit die älteste der Welt, und zugleich ist das Tschechische die erste moderne Fremdsprache, die überhaupt an der Universität Wien unterrichtet wurde. Aber warum wurde gerade das Tschechische im Jahr 1775 in Wien eingeführt? Darauf antwortet Stefan Michael Newerkla in seinem Bürostuhl in Zimmer 2P-O1-05 der Wiener Universität…

„Tschechisch war keine Fremdsprache, wie wir sie heute bezeichnen, sondern eine erbländische Sprache. In der Monarchie, in der drei Viertel der Bevölkerung slawischsprachig waren, hatte sie den Ruf, dass man sie als Lingua franca verwenden könne. Es gibt Vorreden zu Grammatiken, in denen steht, dass man sich bis Moskau mit Tschechisch verständigen kann. Das stimmt so natürlich nicht. Aber das Tschechische war damals schon weit entwickelt, es gab schon sehr früh eine Kodifikation, weswegen das Tschechische als Kultursprache sehr gut eingeführt war. Die Adeligen hatten auch sehr viele Besitzungen in den böhmischen Ländern, und Maria Theresia sowie später Josef II. war es sehr wichtig, dass man sprachkundige Beamte, Ärzte und Soldaten hatte, die Tschechisch beherrschten. Man dachte, dass es vielleicht günstig wäre, die Sprache in Wien einzuführen und nicht im tschechischsprachigen Gebiet, denn so hatte man sie unter Kontrolle. Das Tschechische wurde 1752 bereits an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt eingeführt und schon 1746 am Kollegium Theresianum, was die Ausbildungsstätte für jugendliche Adelige war. Es gab also schon mehrere Institutionen in Wien, an denen diese Sprache gelehrt wurde, und somit dachte man auch beim neuen Sprachstudium an der Universität zunächst an das Tschechische.“

Wie sah dieses Studium in Wien aus? Gab es auch Prüfungen, Vorlesungen und Seminare, so wie heute?

„Das ist eine sehr gute Frage und auch sehr interessant. Denn an den anderen Einrichtungen war der Sprachunterricht noch sehr stark drillbasiert. Das heißt, da gab es Gruppen, da wurden Formen geübt. An der Universität Wien hat Josef Valentin Zlobický ein neues Studium entwickelt, und er wollte es verquicken mit der Literatur, mit erbländischen Urkunden und dergleichen. Er wollte das Eigene, das Genie der Nation auch durch den Unterricht bekannt machen. Und er wollte das auch breiter aufziehen. Ihm schwebte eigentlich schon ein slawisches Institut vor. Er wurde immer wieder aufgefordert, er solle eher den Sprachunterricht voranbringen. Aber er hatte durchaus größere Ambitionen.“

Zlobickýs Konzept des Sprachunterrichts war scheinbar sehr erfolgreich, denn es wurde später noch auf andere Sprachen angewendet…

Kaiser Joseph II.  (1741-1790) mit der Statue des Mars. 1775 dat.,  Künstler: Anton von Maron. | Foto: Kunsthistorisches Museum Wien

„Ja, das Konzept war eigentlich sehr ähnlich dem, was später Herder entwickelte – unabhängig natürlich von Zlobický. Aber Zlobický war schon ein Vorreiter. Sein Konzept wurde zum Vorbild für die anderen lebenden Sprachen, allen voran die romanischen wie etwa Italienisch und Französisch, aber es war auch gedacht für das Ungarische und das Polnische. Josef II. ließ allerdings in seinem Ansinnen, zu sparen, die Lehrstellen für die romanischen Sprachen wieder auf, und die anderen führte er gar nicht erst ein. Somit blieb nur das Tschechische bestehen, und dadurch hat nur diese Sprache eine durchgehende Geschichte von 250 Jahren an der Universität Wien. Interessanterweise wurde das Tschechische in Prag erst 1792 mit Pelcl eingeführt. Uns freut es natürlich, dass wir hier so eine alte Bohemistik haben. Denn die Wiener können oft nicht so ganz verwinden, dass die 1348 gegründete Prager Karlsuniversität älter ist als die Wiener Universität, die erst 1365 entstand.“

Wer hat damals Bohemistik hier studiert?

„Wir kennen die Listen der Personen, die hier Tschechisch gelernt haben. Oft kamen sie aus adeligen Häusern, wie zum Beispiel die Brüder Kinsky. Gleichzeitig war die Anzahl der Personen, die direkt an der Uni Tschechisch gemacht haben, nie sehr groß. An der Theresianischen Militärakademie gab es hingegen jeweils Kompanien zu 100 Kadetten, die Tschechisch lernen mussten. Der Unterricht am Collegium Theresianum wurde von einem anderen Lehrer geführt – von Johann Wenzel Pohl. Er ist in der Bohemistik als jemand bekannt, der sehr viele Neologismen erdacht hat und dessen Unterricht nicht so zielführend war. Letztendlich hat man den Zöglingen dort dann auch gestattet, die Kurse bei Zlobický zu besuchen. Denn die waren viel interessanter, und Zlobický war ein sehr beliebter Lehrer.“

Wann kam es nach der Gründung der Professur dazu, dass das von Zlobický erträumte Institut für Slawistik eingerichtet wurde?

„Das dauerte eine Zeit lang, bis 1849. In diesem Jahr wurde das weltweit älteste Institut für Slawistik begründet. Franz von Miklosich, ein Slowene, war der erste Slawistik-Professor. Die Gründung hing mit den politischen Umständen zusammen. Nach der Revolution von 1848 musste man Zugeständnisse machen und wollte den Slawen ein Institut an der Universität gegeben. Maria Theresia und vor allem Josef II. wollten zuvor eigentlich nur pragmatisch Sprachkurse und eine zielgerichtete Ausbildung für Beamte, Ärzte und Militärangehörige anbieten. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den slawischen Sprachen stand bei ihnen nicht im Vordergrund – schon gar nicht mit dem Russischen, denn das war damals Feindessprache.“

Wie hat sich die Wiener Bohemistik im Laufe der Zeit verändert? Was passierte 1918 nach dem Zerfall der Monarchie?

Halyna Bernard,  ehemalige Studentin an der Universität Wien | Foto: Joža Kolář,  Tschechischer Rundfunk

„Im Laufe der Jahre gab es immer ein Auf und Ab. Sehr berühmte Leute wie Šembera oder später auch Vondrák, der dann in Brünn sogar Rektor wurde, waren am Institut für Slawistik tätig. Und es gab immer wieder Sprachkurse. Denn auch in der Ersten Republik lebte eine relativ große tschechische Minderheit in Wien. Zu einem größeren Einbruch kam es in der Zeit des Nationalsozialismus, als Liewehr und Repp hier waren, die auch nationalsozialistisch eingestellt waren. In der Zweiten Republik gab es dann zunächst einmal auch einen großen Rückgang. Das Tschechische wurde mehr oder weniger zum Orchideenfach, war aber weiterhin mit großen Namen verbunden, etwa mit František Václav Mareš und Josef Vintr, die den Standort sehr prägten. Aber es war ein absolutes Liebhaberstudium, und selbst als ich noch studierte, kannte man praktisch alle anderen Slawistinnen und Slawisten, und die Bohemistik-Gruppe war wirklich sehr klein. Erst nach der Öffnung der Grenzen und dem Fall des Eisernen Vorhangs gab es in den 2000er Jahren ein riesiges Interesse. Da stiegen die Zahlen bis auf 250 Bohemistik-Studierende an. Mittlerweile ist die Zahl wieder zurückgegangen, sie hat sich aber stabilisiert. Derzeit haben wir in allen Jahrgängen um die 100 Bohemistinnen und Bohemisten.“

Ein gewisses Interesse am Tschechisch-Studium besteht also weiterhin?

„Ja, und es gibt auch die Möglichkeit, in der Mittelschule Tschechisch zu erlernen. Denn in Österreich werden auch Tschechisch-Lehrer ausgebildet. Gleichzeitig gibt es in Wien für die tschechische und slowakische Minderheit immer noch den Schulverein Komenský, durch den man vom Kindergarten bis zum Realgymnasium, also bis zur Matura, alles auf Tschechisch absolvieren kann. Dort sind auch Absolventen unseres Instituts tätig, und gleichzeitig kommen von dort auch immer wieder Studierende zu uns, um das Fach zu studieren.“

Gibt es in den 250 Jahren Bohemistik Absolventen, die besonders berühmt geworden sind?

„Die Frage ist natürlich immer, wer eigentlich berühmt ist. Die Bohemistik-Absolventinnen und -Absolventen haben aber stets sehr gute Arbeitsmöglichkeiten gefunden. Sie sind zum Beispiel ins Bundeskanzleramt gekommen, wie der Historiker Walter Reichel, oder beim ORF tätig, wie die Leiterin der dortigen Wissenschaftsredaktion, Elke Ziegler. Es gibt auch Autoren, wie etwa Michael Stavarič, die unsere Bohemistik absolviert haben. Und ich habe jetzt sicher viele vergessen, die beleidigt sind, die aber einen bekannten Namen haben und unsere Bohemistik abgeschlossen haben. Es ist interessant, dass einige nicht im Fach geblieben, sondern in anderen Bereichen tätig sind. Aber wer eben einmal so eine komplexe Sprache, Literatur und Kultur erlernt hat, der tut sich auch in anderen Bereichen sicher leicht.“

Das ‚ř‘ nehmen Tschechisch-Lerner als Herausforderung war

Stefan Michael Newerkla wurde für seine Verdienste in Wissenschaft und Lehre schon mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, etwa mit der Verdienstmedaille des tschechischen Außenministers oder dem Preis Premia Bohemica für den herausragenden Beitrag zur Förderung der tschechischen Literatur im Ausland. Am Donnerstag kam nun noch eine weitere Ehrung hinzu: die Ehrenmedaille „De scientia et humanitate optime meritis“ der Tschechischen Akademie der Wissenschaften.

Der österreichische Sprachwissenschaftler Stefan Michael Newerkla erhielt die höchste Auszeichnung des AV ČR | Foto: Jana Plavec,  Divize vnějších vztahů SSČ AV ČR,  Creative Commons

Doch freilich besteht die Wiener Bohemistik nicht nur aus Stefan Michael Newerkla. Markéta Schürz Pochylová etwa ist am Institut Lehrbeauftragte für Tschechisch. Was hat sie an die Wiener Slawistik geführt?

„Ich bin seit 2017 an der Slawistik. Zunächst wurde ich zweimal für drei Jahre vom Haus für Auslandsbeziehungen als Lektorin entsandt. Seit zwei Jahren bin ich nun direkt bei der Universität beschäftigt. Vorher war ich neun Jahre in Ungarn tätig, an der Katholischen Péter-Pázmány-Universität. Ich habe also schon viele Erfahrungen mit dem Unterrichten, und es macht mir großen Spaß.“

Wie groß ist das Interesse am Tschechisch-Unterricht an der Universität Wien?

Markéta Schürz Pochylová | Foto: Juan Pablo Bertazza,  Radio Prague International

„Ich würde sagen, es ist relativ gleichbleibend. Das Tschechische wird natürlich als kleine Sprache wahrgenommen, und es gibt andere, an denen größeres Interesse besteht. Aber die Nachfrage ist recht stabil. Im ersten Jahr sitzen vielleicht zehn bis 15 Studenten in meinem Kurs. Wenn sie dann merken, dass die Sprache sehr schwer ist, fallen einige weg. Im zweiten Jahrgang sind es also weniger Studierende, und im dritten Jahr sitzen vielleicht noch sieben oder acht im Kurs. Einige fahren aber auch im Masterstudium fort, das sind die Enthusiasten, die sich ins Tschechische verliebt haben. Und das ist auch eines meiner Ziele: Dass die Studenten diese Sprache gern haben und sie gewissermaßen ihr Lebensstil wird, also nicht nur ihr Hobby, sondern ihr Beruf.“

Sie haben schon gesagt, dass das Tschechische schwer ist. Für mich, als jemand, der diese Sprache gelernt hat, wäre interessant, was die größten Schwierigkeiten von Tschechischlernern sind…

„Viele Studenten haben am Anfang Angst vor der Aussprache, vor allem vor dem Laut ‚ř‘. Aber mit der Zeit stellen sie fest, dass es viel spannendere und schwerere Dinge im Tschechischen gibt. Ich denke, vor allem die Wortfolge im Satz macht oft Probleme – und die Verwendung des Verbalaspekts. Dass man das ‚ř‘ nicht ganz richtig aussprechen kann, ist nicht die größte Herausforderung.“

Gibt es einen Tipp, den Sie für angehende Tschechischlerner haben?

„Ich denke, der Grundstein eines jeden Studiums ist die Motivation. Wenn man die hat, lernt man auch regelmäßig, und gerade diese Regelmäßigkeit ist sehr wichtig. Förderlich ist auch, einen Menschen zu haben, mit dem man Tschechisch sprechen kann, oder wegen dem man die Sprache lernt. Man sollte sich aber darauf einstellen, dass es ein langer Weg ist. Es ist ein wenig heimtückisch, dass das Tschechisch-Lernen eben nicht schnell geht. Aber wenn man dranbleibt, wird man am Ende belohnt. Man kann tschechische Literatur lesen, versteht tschechische Filme. Und es geht ja nicht nur ums Verstehen, sondern auch darum zu begreifen, wie tschechischer Humor funktioniert. Dafür braucht es viel Zeit, viele Besuche in Tschechien und eben Bekannte, die von dort kommen.“

Festprogramm zum Jubiläum

Das 250. Jubiläum der Wiener Bohemistik wird bereits seit Jahresbeginn mit einem umfangreichen Programm gefeiert, über 60 Veranstaltungen gab es bisher. Den Höhepunkt bildete eine Jubiläumskonferenz, die in der vergangenen Woche stattfand und zu der Bohemisten aus den Nachbarländern anreisten. An den Feierlichkeiten beteiligt sich in Teilen auch das Zentrum für Translationswissenschaft. Dort unterrichtet Michaela Kuklová Tschechisch für das Dolmetschen und Übersetzen.

„Anlässlich des Jubiläums veranstalte ich im November eine translatologische Tagung, zu der ich Kolleginnen und Kollegen aus Tschechien und der Slowakei eingeladen habe. Das Thema sind die Tendenzen und Entwicklungen in unserem Bereich. Denn die Frage, ob humane Übersetzer und Dolmetscher einmal durch Maschinen ersetzt werden, ist heutzutage sehr relevant und viel diskutiert.“

Die Frage des Umgangs mit den neuen Technologien treibt auch Stefan Michael Newerkla um.

Stefan Michael Newerkla | Foto: Jana Plavec,  Divize vnějších vztahů SSČ AV ČR,  Creative Commons

„Aufgrund der Künstlichen Intelligenz und der Übersetzungsprogramme glauben in der heutigen Zeit viele Menschen, dass ein Sprachstudium nicht mehr sinnvoll sei. Aber unser Fach ist breiter gehalten. Es ist eine Philologie, in der Sprache, Literatur und Kultur zusammengehen.“

Newerkla hofft deshalb, dass sich auch weiterhin zahlreiche Interessenten an der Bohemistik finden. Und wie blickt Tschechisch-Dozentin Schürz Pochylová in die Zukunft? Hat sie einen Wunsch zum 250. Geburtstag?

„Ich wünsche mir, dass die Bohemistik immer weiß, was sie der Welt anzubieten hat, dass es eine tolle tschechische Kultur, tolle Filme und Wissenschaftler gibt. Und ich würde mich freuen, wenn wir auch die kommende Generation davon überzeugen können, dass es sich auszahlt, eine slawische Sprache wie eben das Tschechische zu erlernen – auch auf dem Arbeitsmarkt. Zahlreiche unserer Absolventen sagen, dass sie Mathematik oder Wirtschaft studiert haben, und dass das Tschechische für sie ein großer Bonus war, mit dem sie sich von allen anderen unterschieden haben. In diesem Sinne wünsche ich der Bohemistik erfolgreiche Absolventen, die dadurch auch das Bewusstsein von den Schönheiten der tschechischen Kultur stärken.“

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