Verstehen statt verständigen: Deutschlektoren vermitteln neben Sprache auch Kultur

Manche tschechische Studenten gehen ins Ausland, um nicht nur die Sprache des Landes zu lernen, sondern auch mit dessen Kultur vertraut zu werden. Andere wiederum bleiben hier - und machen genau dasselbe. Ermöglicht wird dies durch deutsche und österreichische Lektoren, die für einige Jahre an tschechischen Universitäten unterrichten und neben der Sprachvermittlung auch einen wesentlichen Beitrag zum besseren Verständnis ihrer Kultur leisten. Sandra Dudek hat sich darüber informiert, wie es um die Fremdsprachenkenntnisse in der Tschechischen Republik bestellt ist welchen Stellenwert die Lektoren im universitären Sprachlernprozess einnehmen:

Wenn man "nur Bahnhof versteht", kann das an mangelnden Sprachkenntnissen liegen oder aber auch daran, dass man nicht die entsprechenden Zusammenhänge kennt. Das Beherrschen einer Fremdsprache sollte eben mehr sein, als sich lediglich verständigen zu können, es sollte vor allem dazu dienen, andere Menschen und ihre Kultur zu verstehen. Erst kürzlich hat die EU-Kommission eine eigene Rahmenstrategie veröffentlicht, die sich im Sinne eines besseren gegenseitigen Verständnisses mit der Mehrsprachigkeit der europäischen Bürgerinnen und Bürger befasst. Dass es darum nicht gerade rosig bestellt ist, zeigt ein Blick auf die Statistik: Lediglich die Hälfte der EU-Bürger kann sich an einer Unterhaltung in einer Sprache beteiligen, die nicht ihre Muttersprache ist, rund ein Drittel spricht Englisch, und in etwa zehn Prozent der EU-Bürger beherrschen Deutsch als Fremdsprache. In der Tschechischen Republik sieht die Verteilung freilich etwas anders aus: Obwohl auch hierzulande Englisch immer beliebter wird, ist Deutsch derzeit noch die am stärksten vertretene Fremdsprache und wird immerhin von knapp einem Drittel der Tschechinnen und Tschechen gesprochen. Das Studium der deutschen Sprache hat in Tschechien eine lange Tradition, an deren Fortführung nicht nur die tschechischen Germanistikinstitute, sondern auch Österreich und Deutschland im Rahmen ihrer Auslandskulturarbeit interessiert sind - und das nicht erst seit dem Fall des Eisernen Vorhanges, wie sich Jaroslav Kovar, Vorstand des Germanistikinstituts an der Philosophischen Fakultät der Masaryk-Universität in Brünn erinnert:

Foto: Europäische Kommission
"Jetzt muss ich natürlich sagen, dass die Österreicher nicht auf die Wende gewartet haben, sondern bemüht waren, schon vorher zu uns zu kommen. Wir hatten zum Beispiel im Jahre 1987 oder 1988 ein großes Blockseminar gemacht mit drei Professoren aus Klagenfurt und nach der Wende, als die Anzahl der Studenten sprunghaft gestiegen ist, jahrelang einen Lektor über den DAAD, einen aus Österreich und zusätzlich dann, nicht die ganze Zeit, aber doch viele Jahre, einen Lektor von der Bosch-Stiftung."

Die so genannten Lektoren sind Germanisten oder auch Absolventen anderer Studienrichtungen, die an ausländischen Universitäten Deutsch, Geschichte oder beispielsweise Landeskunde unterrichten. In Deutschland ist der Deutsche Akademische Austauschdienst, kurz DAAD, die zuständige Mittlerorganisation, das österreichische Pendant ist die Österreich-Kooperation. Seit ihrer Gründung im Jahr 1994 hat die Österreich-Kooperation ein Lektoratsnetzwerk in über 20 Ländern aufgebaut. 140 österreichische Lektorinnen und Lektoren sind derzeit weltweit tätig, der Schwerpunkt liegt auf den mittel- und osteuropäischen Staaten. Allein in der Tschechischen Republik gibt es elf Lektoratsstellen. Der Großteil von ihnen befindet sich an germanistischen Lehrstühlen, aber auch Hochschulen mit wirtschaftlichen, technischen und linguistischen Fachrichtungen werden mit Lektoraten unterstützt. Mit ihrer Vermittlungstätigkeit verfolge die Österreich-Kooperation drei Hauptziele, so Arnulf Knafl, Programmleiter für Lektorate:

"Es geht um die Förderung des Deutschunterrichtes mit dem besonderen Schwerpunkt der Vermittlung von österreichspezifischen Inhalten in Literatur, Geschichte, Kulturgeschichte, Alltagsgeschichte an Universitäten in diesen Ländern. Es geht um die Förderung der Mobiliät junger Menschen, die sich in ihrem Fachgebiet, das sie studiert haben, Berufserfahrung aneignen sollen und es geht um eine internationale Profilierung dieser Berufserfahrung durch das Kennenlernen anderer Bildungstraditionen und -systeme, die natürlich für eine Berufstätigkeit später nur von Vorteil sein kann oder sein sollte."

Darüber hinaus sei es der Österreich-Kooperation ein großes Anliegen, dass durch die Präsenz eines österreichischen Lektors oder einer österreichischen Lektorin ein besonderer pädagogischer Zugang für die Studierenden geschaffen werde, wie Arnulf Knafl weiter ausführt:

"Das hat nicht nur etwas mit der Sprachbeherrschung, dem Sprachwissen zu tun, sondern auch mit der lebendigen Erfahrung der Sprache im Umgang mit Personen, die eine ganz bestimmte kulturelle Erscheinung sind, die einen besonderen Bezug zu bestimmten Themen haben, die einen lebendigen Zugang zur Sprache und Kultur eines Landes schaffen. Insofern sind Gastlektorate andere Formen von Fenster in eine andere Sprache."

Fenster, durch die Studierende gerne durchschauen wollen und auch sollen, wie auch Jaroslav Kovar, Vorstand des Germanistikinstituts an der Masaryk-Universität in Brünn nur bestätigen kann, vor allem dann, wenn sie schon fortgeschritten sind. In den ersten Jahren des Spracherwerbs sei es, so Kovar, nicht unbedingt notwendig, von einem Muttersprachler unterrichtet zu werden, da man sich mehr auf das Sprachsystem konzentrieren müsse. Tschechische Deutschlehrer können dabei sehr gute Arbeit leisten, schließlich haben sie selbst die Sprache einmal lernen müssen und wüssten, was für sie schwierig war und worauf man sich besonders konzentrieren müsse. Am Germanistikinstitut hat es sich bewährt, dass die sprachpraktischen Übungen in den ersten vier Semestern jeweils zur Hälfte von tschechischen Lehrern und muttersprachlichen Lektoren bestritten werden. Diesen fällt dabei freilich auch eine andere Funktion zu, meint Kovar:

"Heute kann man sich eigentlich nicht mehr vorstellen, dass es ohne die Lektoren aus Deutschland oder Österreich möglich wäre und das Studium sicherlich auch viel eintöniger und weniger interessant wäre. Es gibt natürlich die Disziplinen, die zum Arbeitspensum der Lektoren gehören, aber gerade bei den Lektoren ist es wichtig, dass sie auch noch mehr bringen, dass sie möglichst viel über ihr Land, über ihre Kultur, unseren Studenten zeigen, unmittelbar und authentisch."

Und genau dieser "Mehrwert" ist es auch, den die Studenten an den Muttersprachlern besonders zu schätzen wissen, wie auch Jitka Taberyova, Studentin an der Masaryk-Universität in Brünn, erläutert:

"In den Seminaren ist es zum Beispiel die Umgangssprache, die sie uns beibringen oder sie kümmern sich auch mehr um die Freizeit, sie verbringen mehr Zeit außerhalb der Uni mit uns, sie spielen mit uns Theater oder organisieren Veranstaltungen und das ist ganz toll, das machen die tschechischen Professoren nicht."

Jitka Taberyova hat im Theaterstück mitgespielt, das der an der Brünner Universität tätige Österreich-Lektor Florian Korczak im Rahmen einer Lehrveranstaltung einstudiert hat. Nach zwei Aufführungen in Brünn gab es im November dieses Jahres auch ein Gastspiel in Prag. Mit der "Langen Nacht der Literatur", einer Veranstaltung, die der Österreich-Lektor gemeinsam mit seinem deutschen Kollegen Winfried Adam organisiert hat, wurden bei einem Gastauftritt sogar die Grenzen überschritten, wie Jaroslav Kovar vom Germanistikinstitut der Brünner Masaryk-Universität stolz erklärt:

"Das letzte Mal waren fast 150 Studenten mit großer Begeisterung dabei. Und das hat sich schon so herumgesprochen, dass wir von dem Amt des Südmährischen Bezirkes eingeladen wurden, so etwas in Wien durchzuführen."

Am 10. November war es dann soweit: Im Wiener Nachtasyl haben tschechische Studierende Texte über Wien und Brünn vorgelesen - und damit einen weiteren wichtigen Beitrag zum gegenseitigen Verstehen geleistet.





Folgende Hinweise bringen Ihnen noch mehr Informationen über den Integrationsprozess Tschechiens in die Europäische Union:



www.integrace.cz - Integrace - Zeitschrift für europäische Studien und den Osterweiterungsprozess der Europäischen Union

www.euroskop.cz

www.evropska-unie.cz/eng/

www.euractiv.com - EU News, Policy Positions and EU Actors online

www.auswaertiges-amt.de - Auswärtiges Amt